Herr Westhauser
Wenn ich mich richtig erinnere, kam zum Schuljahreswechsel 1963 Studienrat Georg Westhauser an das
Progymnasium. Wie so üblich haben wir ihm bald den Spitznamen „Wello“ verpasst. Unter uns Schülern
ging das Gerücht um, dass es sich bei Wello um einen ehemaligen Missionsschüler handle, der
bereits im Noviziat der Weißen Väter gewesen sei. Er wurde dann noch in den letzten Kriegsjahren
eingezogen und erlitt einen Kopfschuss, dessen Narbe deutlich sichtbar war und von uns
despektierlich als „Schießscharte“ bezeichnet wurde. Wello hatte dann im Laufe der Zeit geheiratet
und war ab Beginn seiner Lehrtätigkeit mit seiner achtköpfigen Familie in Gruol wohnhaft.
Wello konnte sich – wahrscheinlich auch als Folge seiner Kriegsverletzung - sehr schnell aufregen,
wobei wir uns über seine Wutausbrüche köstlich amüsierten und diese darum auch meist
provozierten. Beinahe tragisch endete ein Zwischenfall, als er bei einem dieser Anfälle einen der
älteren Missionsschüler (Stefan Lutz-Bachmann) am Ohr verletzte, und dieser sich langwierigen
Arztbehandlungen unterziehen musste. Ab diesem Zeitpunkt waren tätliche Übergriffe durch Lehrer und
Patres auffallend seltener. Trotzdem, im Nachhinein habe ich mich immer wieder vor mir selbst
geschämt, über die Frechheiten und Unverschämtheiten, die wir uns gegenüber Wello erlaubten.
Selbst uns, modisch weniger Bedarften, fiel auf, dass Wellos Anzüge sehr weit geschnitten waren und
irgendwie aus der Zeit vor dem Krieg stammen mussten. Für uns war es somit ein besonderes
Vergnügen, ihn in den Pausen in ein Gespräch zu verwickeln, während ihm Mitschüler von hinten die
Hosenaufschläge mit Schottersteinen füllten. Anschließend haben wir uns dann köstlich amüsiert,
wenn er über den Platz eilte und es so aussah, als ob seine Hosen einen anderen Weg als der Träger
einschlagen wollten.
Anfangs der 60er Jahre was es durchaus noch nicht selbstverständlich, dass jeder Lehrer ein Auto
besaß. Wello fuhr damals immerhin schon einen Fiat 600. Dieses Auto parkte er in der, von drei
Seiten umschlossenen Hofnische zwischen dem Haupteingang und dem Speisesaalflügel, wo es
größenmäßig gerade hinein paßte. Für drei oder vier Zwölfjährige war es keine Kunst, den Kleinwagen
mit Heckmotor vorne anzuheben und einfach quer zu stellen. Gesagt, getan. Mittags, zwischen
Schulschluss und Mittagessen war in der Kapelle die zehnminütige Besinnung mit abschließendem
„Angelus“. Mitten in dieser meditativen Stille hörte man plötzlich das anhaltende Jaulen eines
Automotors und die vergeblichen Versuche sich aus der unfreiwilligen Parksituation zu befreien. Mit
der Andacht war es dann endgültig vorbei, als Wello lautstarke Schimpfkanonaden losließ, die erst
endeten als ein Pater nach dem Rechten sah und zwei der älteren Mitschülern Wello und seinem Fiat
aus der misslichen Lage halfen.
In unserer Klasse gab Wello Musik, Zeichnen und Erdkunde. Zu Beginn der ersten Musikstunden kam er
in die Klasse, ließ alle Fenster öffnen und uns mit gespitztem Mund Atem- und Stimmübungen machen.
Schon das fanden wir recht lustig und veranlasste uns zu allerlei Blödeleien. Danach setzte er sich
an das, in unserem Klassenzimmer vorhandene Klavier und stimmte das erste Lied an. Schon in der
zweiten oder dritten Stunde hatten wir ein Notenbuch in das Klaviergehäuse gestellt, was natürlich
den Klang erheblich beeinträchtigte und den nächsten Wutausbruch von Wello hervorrief. Ein anderes
Mal klebten wir mit Tesafilm jeweils drei Tasten an der Vorderkante der Klaviatur zusammen. Jetzt
löste jeder Tastenschlag gleich zwei weitere Tasten mit aus. Folge: Ein weiterer Tobsuchtsanfall.
Das Schlimme war, dass er die Ursache der Misstöne nicht selber finden konnte. Schließlich
„erbarmte“ sich einer von uns und entfernte die Klebestreifen, was prompt mit einer Ohrfeige belohnt
wurde, nach dem Motto, „wer das Problem lösen kann, der hat es wohl auch verursacht.“
Höhepunkt war aber ein „Attentat“ besonderer Art.
Da wir nach kurzer Zeit die Abläufe: Atemübungen, Klaviereinstimmung, Unterricht erkannt hatten,
kamen wir auf die Idee, diese Abfolgen auch unsererseits zu bereichern. Dazu wollten wir unter
Klavierpedalen eine Stinkbombe deponieren. In Haigerloch gab es seinerzeit den Trödelladen Weltin,
der das ganze Jahr über alle möglichen und unmöglichen Artikel feilbot. Elmar Leger, einer unserer
Stadtschüler, wurde beauftragt, dort die Stinkbombe, in Form einer Glasampulle, zum Preis von 25
Pfennig zu besorgen.
Die wurde dann auch wie geplant im Klavier untergebracht. Wello kam in die Klasse, ließ die Fenster
öffnen, machte Atemübungen, setzte sich, aber jetzt an das Lehrerpult und machte keinerlei
Anstalten um Klavier zu spielen. Ich hatte mein Pult zusammen mit Franz Fuchs direkt an der Tür, in
der ersten Reihe beim Klavier. Nach zehn Minuten ließ ich absichtlich meinen Bleistift so auf den
Boden fallen, dass er in Richtung des Instruments rollte. Wie damals üblich, streckte ich den
Finger und bat um Erlaubnis, meinen Bleistift holen zu dürfen, was Wello knurrend genehmigte. Das
nutzte ich, um bei dieser Gelegenheit auf das Klavierpedal zu treten. Das unerwartet laute Knirschen
des berstenden Glases erschreckte mich wahrscheinlich selbst am meisten und so war ich heilfroh,
wieder auf meinen Platz zurückzukommen, ohne dass Wello Lunte roch.
Kurze Zeit darauf waberten die ersten Duftschwaden durch das Klassenzimmer. Margit Schwabenthan
meldete, dass es im Klassenzimmer sehr penetrant rieche und sie davon wahrscheinlich Kopfweh
bekomme. Wello hieß uns darauf alle Fenster zu schließen. Er bemerkte, es sei ein Unding, wenn
Bruder Hatto während der Schulstunden vor den Klassenzimmern Jauche ausbringe. Es sei an der Zeit,
dass man mit dem Superior darüber ein ernstes Wörtchen rede.
Natürlich wurde jetzt der Gestank im Zimmer unerträglicher und die ersten Hustenanfälle die Folge.
Nun roch auch Wello buchstäblich den Braten, ging schnüffelnd durch das Klassenzimmer und entdeckte
schließlich die Glassplitter vor dem Klavier. Selbstverständlich erkannte er sehr schnell die
Zusammenhänge zwischen meiner Bleistiftsuche und der Gestanksattacke. Einer seiner Tobsuchtsanfälle,
ein Tracht Prügel, ein Klassenbucheintrag und ein Meldung beim Superior waren die Folgen.
Wir Missionsschüler wurden bei solchen Anlässen hausintern noch zusätzlich bestraft, was in meinem
Falle mal wieder eine Woche Küchendienst bedeutete. Ich erinnere mich aber, dass P. Superior Haag
Mühe hatte, sich bei meiner Aburteilung ein Grinsen zu verkneifen.
Fidel Mathias Fischer