Alles hat seine Zeit
Kohelet 3, 1
Das fällt mir spontan ein, wenn ich die Nachricht höre, das Missionshaus der Weißen Väter an der
Annahalde in Haigerloch soll geschlossen werden. Damit verschwindet freilich ein Stück meiner,
unserer Lebensgeschichte. Und für die meisten war dieses eine ganz wichtige Zeit ihres Lebens, die
Zeit des Erwachsenwerdens, des Mannwerdens; aber auch Zeit der Fantasie, der Träume von großen
Zielen, die viele von uns nicht erreicht haben, bzw. nicht erreichen wollten. Mit Haigerloch
verbinden sich unterschiedliche Erinnerungen, die ein ganz breites Spektrum abdecken: von
schulischen Erfolgen bis hin zu persönlichen Niederlagen, von geistig- religiösen Höhenflügen bis
zu Ängsten, von zwischenmenschlichen Bereicherungen bis hin zu Rivalitäten um unbedeutende
Alltäglichkeiten. Heute sind mir noch Erlebnisse und Erfahrungen im Missionshaus in lebendiger
Erinnerung und wenn ich heute in meinen Arbeitszimmer sitze und hinaus auf die sonnigen Umgebung
schaue, wird spontan mein Blick auf den in der goldenen Nachmittagssonne strahlenden Schlossberg mit
seiner prächtigen Schlosskirche geleitet. Jener Blick, den ich vor fast 60 Jahren genießen durfte,
als ich damals im Quartasaal in der Fensterreihe saß und hinausblickte in die Weite, voller
Sehnsucht nach Zukunft. Wie lange konnte sich das Tertial dahinschleppen; wie oft habe ich da
gedacht, ach ging doch die Zeit schneller dahin. Das immer wiederkehrende tägliche Einerlei,
hervorgerufen durch die alles regelnde, absolut verbindliche Tagesordnung, die keine Ausnahmen
duldete, aber auch recht wenig Abwechslung bot. Und wie froh waren wir, als endlich die
langersehnten Ferien angebrochen waren und wir mit Koffern voller schmutziger Wäsche hinunter zum
Zollern-Bahnhof ins Eyachtal rannten, um in die Heimat zu fahren. Die durchlebten Orte sind in
unseren Köpfen geblieben; sie haben Spuren hinterlassen; sie haben sich so tief eingegraben, dass
vieles später Erlebte nur oberflächlich haften bleiben konnte. Somit ist mir, und anderen ist es
wohl ähnlich ergangen, Haigerloch zu einem Existenzial geworden, zu einem Stück von dem, was ich
heute bin. Ich weiß, manche Mitschüler haben die Zeit einfach abgehakt, sie zu den Akten gelegt,
mit dem Stempel „Vergangenheit“ versehen. Ja, alles hat seine Zeit, aber diese Zeit hat Spuren
hinterlassen, hat ein Stück von dem, was ich heute bin, geformt; hat sich in mein Innerstes
eingekratzt, hat meinen Charakter, der zu mir gehört, wie meine Haut, beeinflusst.
Haigerloch war für mich ein Wendepunkt in meinem damaligen Leben. Schon allein äußerlich: Ich war
in der Großstadt Frankfurt aufgewachsen; habe als Großstädter gelebt, habe als Großstädter gedacht,
habe vielleicht sehr oberflächlich gelebt. Und dann der Schritt nach Haigerloch, in den
beschaulichen Ort mit all seiner Behaglichkeit, mit seiner fast ländlichen Idylle, wo man morgens
noch die Hähne krähen hörte. Da waren auf einmal viele Gleichgesinnte, die mit mir allmorgens
Gottesdienst feierten. So etwas kannte ich von Frankfurt nicht. Da war ich zwar Messdiener und hatte
die Angewohnheit gerne in der Frühmesse um 6.15 Uhr zu ministrieren. Dies setzte allerdings voraus,
dass ich den weiten, fast zwei Kilometer langen Weg zur Kirche mit dem Fahrrad zurücklegen musste.
Und im Gottesdienst da waren dann nur eine Handvoll älterer Frauen, keine Freunde und
Spielkameraden. Und dann ging ich zur Schule, wohl oder übel, schlecht bzw. gar nicht vorbereitet,
die Hausaufgaben habe ich dann irgendwo im Schulhof von einem anderen Klassenkameraden
abgeschrieben.
Da war doch in Haigerloch alles anders, geregeltes Aufstehen, kein langer Weg zur Kapelle, viele
Gleichgesinnte, Gleichaltrige; eine Gemeinschaft von Kameraden. So ein „Paradigmenwechsel“, der
prägt sich nicht nur ein, sondern der prägt einen und den legt man auch nicht ab, wie eine Jacke,
sondern der bleibt, wie die eigene Haut.
Ja, Haigerloch, das war damals vor 6 Jahrzehnten, das war „meine Zeit“: Das Haigerloch von damals
gibt es nicht mehr, nicht einmal gibt es dort ein Schülerheim, wie wir es erlebt haben. Das ist
schon lange Vergangenheit. Wo vor 60 Jahren junge Menschen gelebt haben, verbringen nun ergreiste
Patres ihren Lebensabend. Die Zeit ist dahingeschritten und eilt weiter: Haigerloch wird es bald so
nicht mehr geben, wie wir es in Erinnerung haben. Und es wird die Zeit kommen, da wir selbst nicht
mehr sein werden und damit wird auch die Erinnerung ausgelöscht sein. Wie sagt noch einmal der
Prophet: Alles hat eben nur seine Zeit und nach dieser wird daraus Vergangenheit.
Hajo Stenger Stadecken, den 14. April 2016