Zwei verstaubte Ordner
prall gefüllt mit Erinnerungen an die Kreuzburg
Zwei verstaubte Ordner prall gefüllt mit Erinnerungen an die Kreuzburg Es sind jetzt schon 22 Jahre her, als meine Mutter 1998 verstarb. Sie hatte als Witwe immer noch in Frankfurt in der Dreizimmerwohnung in der Ketteler-Allee am Nussberg direkt neben der Heilig-Kreuz-Kirche gelebt. Hier waren wir 1955 hergezogen, damals mit 5 Personen: Vater, Mutter und drei Kinder — 12 Jahre, 3 Jahre und 1 Jahr. Im Lauf der gut 40 Jahre hat sich in diesen Räumlichkeiten einiges angesammelt, sodass mein Vater weitere 2 Mansarden und einen zusätzlichen Kellerraum anmieten musste. Das war für meine Erinnerungen ein Glück, denn ich trat 1956 in das Missionshaus in Haigerloch ein und habe dann die Weiße- Väter-Laufbahn begonnen: 1956-1959 Haigerloch, 1959-1964 Großkrotzenburg Abitur, 1964 1966 TrierPhilosophiestudium, 1966-1967 Noviziat in Hörstel, 1967-1968 Theologie- studium in London-Totteridge, im Januar 1968 habe ich dann dort meine Koffer gepackt und habe ab dem Sommersemester 1968 Theologie an der Jesuitenhochschule St. Georgen, Frank- furt, für die Diözese Limburg studiert. Ich konnte die Kellerräume meiner Eltern mitbenutzen und so manche Schätze aus meiner Schulzeit aufbewahren. So bin ich auch 1998 beim Aus- räumen dieser Lagerstätten auf die beiden DIN-A-5 Ordner gestoßen und habe sie nun in mei- nem Keller in Stadecken eingelagert. Und bisweilen schaue ich nach, was sich da so angesam- melt hat. Und so sind mir kürzlich diese zwei verstaubten Ordner in die Hände gefallen.
Wie leicht zu erkennen ist, sind beide Ordner mit jeweils hunderten handgeschriebener Heftseiten gefüllt. Es sind dies im wesentlich Unterrichtsmitschriften zu den damals üblichen Fä- chern: Deutsch, Mathematik, Griechisch, Latein, Englisch, Erdkunde, Physik, Religion, Sozialkunde, Chemie, Geschichte, Biologie. Zwar ist es ganz interessant, was damals alles gelehrt wurde. Wenngleich die Lerninhalte durchaus großteils heute noch zutreffen, so gibt es doch ein paar Besonderheiten. Auch einige kurze "Tests", früher wurden diese "Extemporale" genannt, enthält das Sammelsurium der Blätter. Darüber hinaus spiegeln einige Inhalte, die recht aufschlussreich sind, unser Leben in der Kreuzburg wider. Besonders diese sollen hier gezeigt werden.
Die beiden Protokolle schildern meinen Gedichtvortrag bei P. Freckmann (PAF) in Deutsch. Wir waren damals kleine Knäblein in einer Klasse von 35 Schülern und mussten vor der Klasse stehend ein Gedicht aufsagen. Danach wurde der Vortrag von allen Anwesenden beur- teilt. Die meisten von uns taten sich bei dieser Aktion sehr schwer: Kleine Schiüler stehen vor 34 Mitschülern, die wir noch nicht so recht kannten und hinten saß der Lehrer PAF mit kritischem Blick. Da konnte einem schon mal das Herz in die Hose rutschen. Hier wurde streng auf die hochdeutsche Aussprache geachtet und das fiel uns besonders schwer, hatten wir doch noch alle eine vom heimischen Dialekt gefärbte Aussprache. Den meisten Mitschülern waren wir noch fremd, waren wir doch erst zum Schuljahresbeginn aus den verschiedenen Missions- häusern Rietberg, Haigerloch und Zaitzkofen zusammengekommen und mussten uns langsam zusammenraufen.
Zudem erlebten wir damals erstmals, dass Klassenarbeitsblätter etc. auf Blaumatrize gedruckt
wurden. Auch das erweckte den Eindruck des nun höher Qualifizierten. Bisweilen konnte
man sich noch an dem Spiritusgeruch der Arbeitsunterlagen "berauschen". Das Ganze vermit-
telte einen ausgesprochen seriösen Touch und unterstützte unser Erwachsenwerden.
Jetzt waren die Klassenarbeiten selbst in „Nebenfächern“ wie Religion schon etwas aufwändiger
und
man
musste auch etwas wissen; Z.T. schimmerte schon die eigene Beurteilung durch.
Andererseits bedeutete dies, dass man sich vorab gut mit dem Unterrichtsstoff beschäftigen
musste und im Hinblick auf die Arbeiten beim nachmittaglichen Studium die Sache genau
durchzugehen hatte. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch einen kleinen Vorteil gegenüber manchem
Klassenkameraden, hatte ich doch vor meinem Eintritt in Haigerloch drei Jahre die Mittel-
schule besucht und mancher Lerninhalt war mir im Grunde schon vertraut. Anderseits hat
Lernen nun für mich eine neue Qualität bekommen. In der Mittelschule hatte ich eigentlich
fast nie Hausaufgaben gemacht, sondern da genügte mir das Zuhören im Unterricht, was sich
aber zunehmend als ausgesprochen ungünstig auf die schulischen Leistungen auswirkte. Zur
rechten Zeit kam dann der Wechsel ins das Progymnasium nach Haigerloch.
Auch die Freizeitgestaltung, meist sonnund feiertags im sogenannten Freistudium oder in
den Mittagsund Abenderholungen, bekam nun andere Schwerpunkte. So erinnere ich mich,
dass es zu intensivem Schachspiel gekommen ist und dass kleine Wettbewerbe dabei ausgetragen
wurden.
Ein
anderer Schwerpunkt war das Tischtennisspiel in der Baracke am Waldes-
rand. Freilich gab es wie in Haigerloch sportliche Betätigungen, aber diese traten nun etwas in
den Hintergrund.
Im November 1959 erlebten wir Obertertianer dann eine grandiose Theateraufführung mit Schülern aus der Oberstufe: "Das heilige Experiment" von Fritz Hochwälder, perfekt inszeniert von PAF. Wir alle waren begeistert von der professionellen Theaterschau in der Aula. Und auch das Bühnenbild war wunderbar von Schülern gestaltet. Zahlreiche Besucher von außer- halb waren zu den Aufführungen erschienen und hatten großes Lob gespendet. Inhaltlich ging es um die Missionstätigkeit der Jesuiten in Südamerika im 18. Jahrhundert, was zu Aus- einandersetzungen mit den Inkas führte. Zudem passte das Schauspiel gut zu dem Missionsor- den Weiße Väter, wenn auch diese in einem anderen Erdteil tätig sind.
Die beiden historischen Ordner enthalten außerdem sonstige Sammelstücke aus dem Missi- onshaus. Betrachte ich die vergilbten Blätter werden langsam Erinnerungen wach. So gab es zur Nikolausfeier 1960 ein eigenes Liedblatt mit speziell gedichteten Strophen. Soweit ich mich erinnern kann, fanden diese Feiern im Speisesaal statt und es gab dazu gewisse Köstlich- keiten: In den Äppelwoibämbeln auf jedem Tisch war ein Saftgetränk, was zumindest süßlich schmeckte. Außerdem lagen da kleine Gebäckstücke auf den Tellern. Der Nikolaus wurde dann von einem Oberprimaner oder einem Pater gespielt, der die von den Schülern verfassten Gedichte vortrug. Es könnte sein, dass gelegentlich ein Knecht Ruprecht dabei in Erscheinung trat. Auf jeden Fall lockerten diese Feiern das alltägliche Einerlei auf; da fiel dann schon mal die meist langweilige geistliche Lesung aus und die Studierzeiten wurden etwas gekürzt.
Mit diesem Blatt endet der Ordner OIII, wenngleich sich in dieser Klassenstufe noch weitere Ereignisse abgespielt haben, so z.B. die Fastnachtsfeiern, die Abturfeier der damaligen Ol. Damals schienen mir und sicherlich auch meinen Mitschülern diese Ereignisse wenig aufbewahrenswert, denn sie waren zu alltäglich und gewöhnlich. Am Fastnachtssonntag im Frühjahr 1960 traf sich die ON, bzw. einige Schüler dieser Klasse, im Hof zum gemeinsamen Musizieren. Dabei wurden z.T. Instrumente aus dem Hausfundus verwendet. Diese wurden zu dieser Zeit nicht mehr so streng verschlossen und bewacht, wie das früher der Fall gewesen war, da einzelne Musikgruppen schon gewisse Auflösungserscheinungen zeigten. Eigene Musikinstrumente in die Kreuzburg mitzubringen, wurde nicht gerne gesehen. Außerdem fand eine gemeinsame Fastnachtsfeier in der Aula statt, bei der es als Besonderheit eine Flasche Bier für jeden gab, dazu wurden kurze Sketsche aufgeführt. Freilich war aus diesem Anlass rauchen erlaubt.
Im Februar 1960 gab es noch ein ganz besonderes, die Schüler anspornendes Ereignis in der Kreuzburg: Ein junger Weißer Vater wurde hier vom Fuldaer Bischof zum Priester geweiht. Das war natürlich nicht nur eine willkommene Bereicherung unseres Alltags, sondern brachte auch einen edlen, festlichen Glanz in die Kreuzburg. Der zweite Ordner beinhaltet Erinnerungen aus der Zeit als Untersekundaner in der Kreuzburg von April 1960 bis April 1961. Zum Schuljahresbeginn, also im April 1960 war unsere Klasse inzwischen ziemlich geschrumpft von 35 auf 23 Schüler. Dieser Vorgang war an sich normal: Einmal wurden die Anforderungen der Schule nun höher, zum anderen ergab sich eine neue Lernatmosphäre in einem veränderten Umfeld. Zudem wurden die Schüler erwachsen und sahen ihre Lebensziele in einem neuen Licht.
Der Alltag im Missionshaus war von einer strengen Ordnung geprägt. Dies führte freilich gleichzeitig zu einer gewissen Monotonie. Von daher waren wir froh für jede Abwechselung, die das Leben auflockerte. Freilich hatte jeder selbst in der Hand, was er in seiner Freizeit machte, wenngleich hier der Rahmen auch eng gesteckt war und in das Gesamtkonzept „Missionar in Afrika“ passen musste. Eine solche Auflockerung bot beispielsweise die Gedenkfeier zum Tag der Deutschen Einheit. Auch hier kamen noch das hauseigene Blasorchester und der Schülerchor zum Einsatz.
Gelegentlich bot man den Schülern die Möglichkeit, in Frankfurt ins Theater zu gehen. Wenngleich dies mit besonderen Kosten für die Zugfahrt und den Eintritt verbunden war, war man doch froh, etwas anderes zu erleben. Um noch lange von diesen Lichtblicken zu zehren, brachten wir Schüler immer mal wieder die Theaterprogramme mit und betrachteten sie fast ehrfurchtsvoll in der Studienzeit. Gelegentlich wurde im Unterricht über diese Aufführungen gesprochen, so 2.B. über Schillers Maria Stuart.
Für P. Freckmann (PAF) bedeuteten Theateraufführungen wie Das Heilige Experiment einen großen Kraftund Zeitaufwand, der sich aber gelohnt hat und zu großem Erfolg führte. Nun gab PAF den Stab weiter an Pater Zender, der nach seinem Studium der Germanistik in Frankfurt jetzt an der Kreuzburg unterrichtete. P. Zender war von seinem Naturell eher zurückhaltend und in gewisser Weise autoritätshörig und daher vorsichtig bei allem, was er tat. Außerdem hatte er nicht den Erfahrungsschatz von PAF. P. Zender wurde gleich unser Klassenlehrer. Angespornt von der Theateraufführung des Vorjahres musste er nun auch etwas Ähnliches auf die Beine stellen. Ich erinnere mich noch an die recht mühevollen Diskussionen, die wir damals in der Klasse führten, um ein adäquates Programm zu finden. Und herauskam eine Quizshow. Solche Darbietungen waren damals recht populär; die Quizsendungen mit H. J. Kuhlenkampff im Fernsehen waren echte Straßenfeger. Also organisierte P. Zender mit der Ull im Dezember 1960 eine solche Quizshow, die in der Aula stattfand.
Erst ein Jahr später im November konnte die Ul unter Anleitung von P. Zender das Theaterstück von Edzard Schaper Die Freiheit des Gefangenen aufführen. Immerhin ist damit erneut eine literarische Vorführung gelungen, aber an die hervorragende Qualität der PAFschen Aufführungen kam man nicht heran. Diese konnte erst ein Jahr später im Herbst 1961 durch den von P. Freckmann organisierten heiteren Theaterabend fortgesetzt werden. Nikolausfeiern stellten immer wieder gewisse Höhepunkte im Missionsschülerleben dar, wie oben bereits angedeutet. Die Raucherlaubnis war schon etwas Besonderes, hinzu kamen ein paar kleine Genüsslichkeiten und freilich der Besuch des Nikolaus mit dem Vortrag der Gedichte, die Mitschüler über ihre Kameraden verfasst hatten. Daher wurde dieses Ereignis auch durch kleine Druckzettel besonders markiert.
An Fastnacht 1961 konnte PAF mit seiner Klasse, der damaligen OIl wieder etwas Besonderes bieten: heitere Szenen mit vielen gesanglichen Einlagen. Gut in Erinnerung blieben die „Liebesgesänge“ mit überdimensionalen, großen Hüten und auch der Zeitraffer in drei Akten. Hier wurde jeweils das Verhalten einer Schulklasse in den Jahren 1910, 1935 und 1960 auf die Bühne gestellt.
Inzwischen hatte sich unsere Klasse als Untersekunda schon etwas „zusammengerauft“, Gruppen und Freundschaften sind entstanden. Dies machte sich bei den von der Regel vorgesehenen gemeinsamen Spaziergängen bemerkbar, So starte sonntags mittags nicht mehr die gesamt Hausbelegschaft, sondern man durfte in kleineren Gruppen ausschweifen. Ziemlich am Ende des Schuljahres stand die Abschiedsfeier für die Abiturienten: Wie oft haben wir uns danach gesehnt, auch endlich zu dieser Gruppe zu gehören, aber es sollte noch ein paar Jahre dauern. Allerdings war für uns im Frühjahr 1961 auch ein Einschnitt gekommen: Wir hatten die mittlere Reife, das Schmalspurabitur erreicht.
Wichtiger Nachtrag
Kurz nachdem Alfred den oben stehenden Beitrag auf den Klepferseiten veröffentlicht hatte, meldete sich Hans-Gerd Dauster, der eine Klasse über uns war, und hat noch wichtige Ergänzungen zu dem Text beigesteuert. So konnten bei den Abbildungen 27 und 29 die Namen ergänzt werden. Außerdem hatte er in seinem Erinnerungs-Fundus noch wichtige Aufzeichnungen aus dem PAFschen Unterricht: Auch ich erinnere mich noch gut an diese bedeutenden Thesen, die mir selbst als Lehrer später geholfen haben. Ich habe diese mehrfach erfolgreich eingesetzt und würde dies heute jederzeit wieder tun.
Hans-Gerd Dauster
17. März 2020