Aus der Chronik der Weißen Väter 1907
Der Lehrer aus Haigerloch und seine kriegerischen Schüler
Die Missionierungsstrategie der Afrikamissionare in Ruanda war: gewinne die Kinder der Oberschicht - alles andere kommt von selbst. Es war vielleicht der einzige Weg, in gewachsene traditionelle Strukturen einzudringen und die „frohe Botschaft“ zu verbreiten. Zuerst die armen Bevölkerungsschichten - zumeist Hutus - zu bekehren, wäre ein Affront gegen den Tutsi-König gewesen. Das hätte seine Autorität in Frage gestellt. Das Missionierungsprojekt wäre von Anfang an gescheitert. Wenn jedoch die nächste Generation an Stammesführern Christen sind, würde die arme unterdrückte Masse der Bevölkerung automatisch - oder auf Anordnung von oben - dem Landesherrn folgen, so wie auch bei uns im Mittelalter: Cuius regio, eius religio („Wes der Fürst, des der Glaub“). Die Kinder von Clan-Chefs der Tutsi-Oberschicht waren aber auf dem Weg zur Christianisierung ein „harter Brocken“ für einen Lehrer aus Haigerloch. Dieser Pater Peter Schumacher war gerade erst im Reich des Sultans Musinga angekommen. Sehr lebendig und anschaulich beschreiben die Anfänge der Schulausbildung im Umfeld von Sultan Musinga die Berichte in den Rapports Annuels der Pères Blancs. Dort steht – in Übersetzung - unter:
KABGAYE – II. Die Schule in Nyanza
RA No. 3 (Jahrg: 1907-1908)
Seiten 168 – 171 1908
Die Schule in Nyanza, der Hauptstadt von (Sultan) Musinga, ist an die Kabgaye- Mission angegliedert. Bis zu diesem Jahr (1908) hatten wir dort eher einen Anschein von Schule. Ein kleines Backsteinhaus mit Fliesen ersetzte dann eine alte Lehmhütte. Zu Besuch weilende Mitbrüder von verschiedenen Missionsstationen in Ruanda waren so freundlich, uns bei diesem Bau zu helfen. Neben dem Klassenzimmer haben wir jetzt zwei kleine Räume für Missionare (u. a. P. Schumacher), die des öfteren nach Nyanza kommen. Die Arbeit ist noch bescheiden. Die Notwendigkeit zu lernen drängt die Großen des Landes (meist Batutsiherrscher) nicht. Es ist noch nicht lange her, als Sultan Musinga sich weigerte, lesen zu lernen, "um kein Christ zu werden". Und viele der Batutsi glauben, dass es beim Lesen und Schreiben viel um Magie geht. Tatsächlich riecht es so sehr nach Europäern! Achtzehn Kinder kommen zum Unterricht. Diese Zahl schwankt jeden Tag wegen der Abwesenheit von Schülern. Wir konnten nur fünf oder sechs Schüler dazu bringen, dem Unterricht ständig zu folgen. Wir kommen aber voran. Die Kinder hängen an uns und lieben es zu kommen und zu reden, auch die Erwachsenen. Der König, der jetzt Kiswahili (Swahili, Kisuaheli: Verkehrssprache in Ostafrika) spricht, lernt auch etwas Deutsch. Es gibt also Fortschritte, aber nur kleine. Wir müssen immer mit der Feindseligkeit der Alten rechnen, die grundsätzlich gegen alles sind, was von den Europäern kommt. Wir müssen mit Musingas Eifersucht rechnen: Er will auch Deutsch lernen, weil seine Leute bereits Kiswahili sprechen! Für die Schüler brauchen wir kleine Fortschritte. Im Übrigen sind sie sehr klug und sind besorgt um ihre eigenen Interessen, wie sie sich an den Launen des Königs zu orientieren haben, der (allen Untertanen) Hügel und Herden gibt (oder nehmen kann). Diese Schüler sind alle Intore (Kriegstänzer) oder Verwandte des Königs. Sie werden von ihm ernannt und von ihm befohlen, und erhalten von ihm die Erlaubnis zur Schule zu kommen, um zu lernen.
Kriegstänzer (Intore) in Nyanza, um 1909. (Arch. WV Köln)
Im Unterricht legte sich die Aufregung der ersten Tage. Ihre große Ablenkung bestand dann darin, auf
den Tischen zu trommeln, aus den Fenstern zu springen und dies trotz ABC! Eines schönen Morgens ist
Pater Schumacher ziemlich überrascht, gerade als er in seinem Brevier (Gebetbuch mit Stundengebeten)
liest, als einer seiner Schüler durch das Fenster in sein Zimmer stürmt. Dem ersten Besucher folgten
ein zweiter, ein dritter und die ganze Bande! Also, wir wussten nichts darüber! Sagt man Intore,
dann meint man jemanden, der freier ist als die anderen.
Unter der Leitung eines Meisters machen diese jungen Leute fast täglich Übungen: Tanzsprünge,
Speerwerfen, Bogenschießen, Schwimmen, die Art, sich zu präsentieren, beim König Hof zu machen, gut
dazustehen. Die Art, wie man Kriege führt und wie man plündert, ist Kernpunkt ihres Programms.
Überall können diese Menschen hingehen und sich nehmen, was sie wollen. Keine Raserei, die ihnen
nicht erlaubt ist. Die Köche empfangen sie gut. Wenn sie zurückkommen, werden sie den Empfang
bekommen, der ihnen gebührt. Die größten Führer des Landes haben also ein Truppe von Intore. Diese
Truppen kommen jedes Jahr zu den Festen in die Hauptstadt zur Parade, wenn die Metama (Musiker?) und
das Hirsegebräu (Pombe) des Königs eintreffen, - besonders nach den Tagen der Traurigkeit im Juli.
All dieses zu durchschauen, davon sind wir noch weit entfernt!
Noch kommt kein Sohn eines Großchefs zur Schule. Allmählich wird das Misstrauen gegenüber uns jedoch
schwinden. Zwei Lehrer leiten diese Schule unter der Leitung eines unserer Missionare (P.
Schumacber). Die Patres gehen alle zwei Wochen nach Nyanza. Derzeit können wir nicht mehr tun, um
nicht das Misstrauen der Batutsi
noch zu vergrößern. Fast jeden Tag schickt der König nach den Missionaren. Jede Woche werden die
Notizbücher der Kinder mit ihren täglichen Hausaufgaben nach Kabgaye geschickt, um die Anwesenheit
und den Fortschritt zu überwachen und die Lehrer in ihrer Arbeit zu ermuntern. Kabgaye ist acht
Stunden (Fußweg) von Nyanza entfernt. Diese Arbeit ist uns sehr wichtig. Sie bietet uns guten
Kontakt zu den Batutsi und der Hauptstadt. Dies ist nur der Anfang; es gibt dort noch viele
Schwierigkeiten zu lösen, und nur sehr wenig Einrichtungen für unsere Mission; aber Gott wird uns
helfen.
Viele Christen kommen im Dienst des Königs oder ihrer Häuptlinge in die Hauptstadt (Nyanza). Wir
können auch ihnen helfen, ihren religiösen Pflichten nachzukommen. Da sie wissen, dass wir dort
sind, gewinnen sie Vertrauen und sind weniger versucht, sich zu weigern, mal wochen- oder sogar
monatelang in Nyanza für uns zu arbeiten. Als der König sie mit ihrem Rosenkranz oder ihrem Kreuz
sieht, versteht er besser, dass wir nicht, wie gemunkelt wird, sein Volk von ihm wegnehmen wollen.
Oft befragt er sie, warum wir sie kommen lassen, um sie dann zu befragen, was wir lehren. Nach und
nach werden die Vorurteile vielleicht fallen; langsame Arbeit, von der unsere Nachfolger profitieren
werden.
Personal:
Patres Classe, Buisson, Schumacher, Desbrosses ; Bruder Anselmus
Anmerkung:
Bruder Anselm (Anselmus), geboren als Nikolaus Illerich am 6. September 1863 in Miesenheim, war einer der Pioniere der Ruanda-Mission. Am 10. Juni 1899, als Laienbruder Anselmus der Gesellschaft der „Weißen Väter“, brach er von Marseille aus nach Zentralafrika auf. Er erreichte Ruanda am 8. Februar 1900. Mehr dazu und über ihn in: „Von Missionaren, Herrschern und Forschern – an den großen Seen Zentralafrikas vor 100 Jahren“ oder in „Ruanda und die Deutschen“.
Quellen:
Band No. 3, RA 1907-1908, Seiten 169-171, der Missionnaires d‘Afrique (Maison- Carrée, Algier, 1909)
Übersetzung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf.
Bildmaterial: Archiv der Weißen Väter, Köln Literatur:
Duwendag, H.-U., W. Völker: Ruanda und die Deutschen, Lit-Verlag, 2017
Völker, W., H.-U. Duwendag: Von Missionaren, Herrschern und Forschern – an den großen See Zentralafrikas vor 100 Jahren.
Cuvillier Verlag, 2018
Der Laienbruder Anselmus (rechts) und zwei Patres mit Sultan Musinga (vorne, 3. v.
li.) in Nyanza
vor der Residenz des Herrschers von Ruanda, um 1905.
(Arch. WV Köln)
Die Missionierungsstrategie der Afrikamissionare in Ruanda war: gewinne die Kinder der Oberschicht - alles andere kommt von selbst. Es war vielleicht der einzige Weg, in gewachsene traditionelle Strukturen einzudringen und die „frohe Botschaft“ zu verbreiten. Zuerst die armen Bevölkerungsschichten - zumeist Hutus - zu bekehren, wäre ein Affront gegen den Tutsi-König gewesen. Das hätte seine Autorität in Frage gestellt. Das Missionierungsprojekt wäre von Anfang an gescheitert. Wenn jedoch die nächste Generation an Stammesführern Christen sind, würde die arme unterdrückte Masse der Bevölkerung automatisch - oder auf Anordnung von oben - dem Landesherrn folgen, so wie auch bei uns im Mittelalter: Cuius regio, eius religio („Wes der Fürst, des der Glaub“). Die Kinder von Clan-Chefs der Tutsi-Oberschicht waren aber auf dem Weg zur Christianisierung ein „harter Brocken“ für einen Lehrer aus Haigerloch. Dieser Pater Peter Schumacher war gerade erst im Reich des Sultans Musinga angekommen. Sehr lebendig und anschaulich beschreiben die Anfänge der Schulausbildung im Umfeld von Sultan Musinga die Berichte in den Rapports Annuels der Pères Blancs. Dort steht – in Übersetzung - unter:
KABGAYE – II. Die Schule in Nyanza
RA No. 3 (Jahrg: 1907-1908)
Seiten 168 – 171 1908
Die Schule in Nyanza, der Hauptstadt von (Sultan) Musinga, ist an die Kabgaye- Mission angegliedert. Bis zu diesem Jahr (1908) hatten wir dort eher einen Anschein von Schule. Ein kleines Backsteinhaus mit Fliesen ersetzte dann eine alte Lehmhütte. Zu Besuch weilende Mitbrüder von verschiedenen Missionsstationen in Ruanda waren so freundlich, uns bei diesem Bau zu helfen. Neben dem Klassenzimmer haben wir jetzt zwei kleine Räume für Missionare (u. a. P. Schumacher), die des öfteren nach Nyanza kommen. Die Arbeit ist noch bescheiden. Die Notwendigkeit zu lernen drängt die Großen des Landes (meist Batutsiherrscher) nicht. Es ist noch nicht lange her, als Sultan Musinga sich weigerte, lesen zu lernen, "um kein Christ zu werden". Und viele der Batutsi glauben, dass es beim Lesen und Schreiben viel um Magie geht. Tatsächlich riecht es so sehr nach Europäern! Achtzehn Kinder kommen zum Unterricht. Diese Zahl schwankt jeden Tag wegen der Abwesenheit von Schülern. Wir konnten nur fünf oder sechs Schüler dazu bringen, dem Unterricht ständig zu folgen. Wir kommen aber voran. Die Kinder hängen an uns und lieben es zu kommen und zu reden, auch die Erwachsenen. Der König, der jetzt Kiswahili (Swahili, Kisuaheli: Verkehrssprache in Ostafrika) spricht, lernt auch etwas Deutsch. Es gibt also Fortschritte, aber nur kleine. Wir müssen immer mit der Feindseligkeit der Alten rechnen, die grundsätzlich gegen alles sind, was von den Europäern kommt. Wir müssen mit Musingas Eifersucht rechnen: Er will auch Deutsch lernen, weil seine Leute bereits Kiswahili sprechen! Für die Schüler brauchen wir kleine Fortschritte. Im Übrigen sind sie sehr klug und sind besorgt um ihre eigenen Interessen, wie sie sich an den Launen des Königs zu orientieren haben, der (allen Untertanen) Hügel und Herden gibt (oder nehmen kann). Diese Schüler sind alle Intore (Kriegstänzer) oder Verwandte des Königs. Sie werden von ihm ernannt und von ihm befohlen, und erhalten von ihm die Erlaubnis zur Schule zu kommen, um zu lernen.
Personal:
Patres Classe, Buisson, Schumacher, Desbrosses ; Bruder Anselmus
Anmerkung:
Bruder Anselm (Anselmus), geboren als Nikolaus Illerich am 6. September 1863 in Miesenheim, war einer der Pioniere der Ruanda-Mission. Am 10. Juni 1899, als Laienbruder Anselmus der Gesellschaft der „Weißen Väter“, brach er von Marseille aus nach Zentralafrika auf. Er erreichte Ruanda am 8. Februar 1900. Mehr dazu und über ihn in: „Von Missionaren, Herrschern und Forschern – an den großen Seen Zentralafrikas vor 100 Jahren“ oder in „Ruanda und die Deutschen“.
Quellen:
Band No. 3, RA 1907-1908, Seiten 169-171, der Missionnaires d‘Afrique (Maison- Carrée, Algier, 1909)
Übersetzung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf.
Bildmaterial: Archiv der Weißen Väter, Köln Literatur:
Duwendag, H.-U., W. Völker: Ruanda und die Deutschen, Lit-Verlag, 2017
Völker, W., H.-U. Duwendag: Von Missionaren, Herrschern und Forschern – an den großen See Zentralafrikas vor 100 Jahren.
Cuvillier Verlag, 2018