Aus der Chronik der Weißen Väter 1933 - 34
Jahresbericht des Missionshauses Haigerloch 1933/34
Nach der Vorlage eines maschinengeschriebenen Manuskripts (Kopie) mit handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen.
Haigerloch
Jahresbericht aus der Hauschronik vom 1. Juli 1933 – 30. Juni 1934
Der Personalstand zu Beginn des Berichtsjahres: 9 Patres, 9 Brüder:
P. Superior Martin Schell, P. Philip Haefele, P. Gregor Morgenstern, P Friedrich Huber, P. Georg Baudoux, P. Friedrich Bumiller, P. Alb. Straub, P. Anton Beiter und P. Linus Arnold.
Brüder: Ernst, Africanus, Ildefons, Silvanus, Castor, Solanus, Güner, Suitbert, Pirmin Schüleranzahl: 113, Brüderpostulanten: 4; dazu ein Knecht (Johann).
Am 17. Juli erteilte der Hochw. Herr Weihbischof Dr. Wilh. Burger (s. Anm. 1), Freiburg, in der Haigerlocher Schlosskirche die hl. Firmung. Um 11 Uhr vormittags beehrte Se. Exzellenz das Missionshaus mit einem privaten Besuch. Nach herzl. Begrüßung durch Hochw. Herrn P. Superior erwiderte der hohe Gast in der Hauskapelle in einer von apostolischem Feuer durchglühten Ansprache, die von allen mit Dankbarkeit aufgenommen wurde. Hierauf besichtigte der überaus freundliche Hochw. Herr die wichtigeren Räume des Hauses u. gewährte schließlich beim Abschied den Schülern einen freien Tag. Unter freudigen Hochrufen der Schüler im Binnenhof verließ uns sodann. der liebe Gast. Als schulfreien Tag wählte man den 18.Juli.
Der 19. Juli führte einer überkommenen Gewohnheit zufolge über 3o Geistliche aus der Umgegend zu einem freundschaftlichen Zusammensein ins Missionshaus.
Am 23. Juli war im Nachbardorf Hart unter P. Bumillers Leitung ein Missionsfest mit Ausstellung von Paramenten. 8 Caseln (katholisches Messgewand), eine Menge Kirchenwäsche und Negerkleidchen hatten die missionseifrigen Jungfrauen von Hart erarbeitet.
Gelegentlich der Wallfahrt zum hl. Rock nach Trier, musste Haigerloch 2 Patres zur Aushilfe stellen: P. Haefeie und P. Straub. Für P. Haefele bedeutete die Abreise nach Trier (25. Juli) den Abschied von langjähriger Wirkungsstätte, da er von Trier aus nach Rietberg bzw. Grosskrotzenburg ernannt wurde. Die andern Patres führen am 31.VIII. die Brüder am 11. VIII. zu den Exerzitien in die Stadt des hl. Rockes. Der Fahrpreis war für alle Wallfahrer um 40% ermäßigt. Wir hatten alle Gelegenheit, die kostbare Reliquie wiederholt zu sehen und zu verehren, und waren, mit eigener tiefer Ergriffenheit im Herzen, Zeugen der Glaubenswogen, die aus dem kath. Volk von nah und fern am hohen Dom zu Trier brandeten und Deutschlands ältestes Gotteshaus durchfluteten.
Mit dem 20. August wurde Br. Africanus nach Zaitzkofen, Br. Ildefons nach Widnau versetzt. Im Verlauf des Monats August buchte Br. Pörtner 329 Besucher unseres Tropenmuseums. Die 114 Missionsschüler kehrten am 6. September aus ihren Sommerferien zurück.
Dank den Bemühungen des Superiors und eines in Freiburg im Breisgau studierenden Neffen, des Herrn P. Adolf Donders, gelang es, in der Metropole der Erzdiözese ein großes Missionsfest in allen 12 Stadtpfarreien zu halten. Der Hochw. H. Prälat, Dompfarrer Dr. Brettle, und die übrigen Hochw. Herren bekundeten dabei ein sehr großes Entgegenkommen. Auf ausdrücklichen Wunsch der Hw. Geistlichkeit sollte möglichst an einem Sonntag auf allen Kanzeln ein oder an einen Sonntag (8. X.) in der einen Hälfte und am nächsten (15. X.) in der zweiten Hälfte der Stadt Patres unserer Gesellschaft predigen. Wir gingen gern auf letzteren Vorschlag ein, mussten aber dazu von andern Häusern Hilfe erbitten. P. Demuth, der in begeisternder Rede mit seinem sonoren Organ als Domprediger fungierte und P. Kneer, ein gewiegter Missionswissenschaftler, eilten bereitwilligst von Zaitzkofen herbei, und P. Münch, der humorvolle Wandermissionar Westfalens, von Rietberg, um die Ernte zu bergen. P. Münch ließ dann im Abschluss daran noch etwa eine Woche lang den Missionsfilm laufen. Der Erfolg war für die ärmeren süddeutschen Verhältnisse ein durchweg sehr guter. Das Missionsinteresse wurde aufgefrischt; um nur eins zu erwähnen: Ein kleiner Knabe, geleitet von seinem Vater, opferte auf die Predigt des H. P. Deimuth, seine ganze Spardose mit 33 M (Mark) Barschaft. Am l6. Oktober (1933) meldeten Extrablätter und Rundfunk Deutschlands Austritt aus dem sogenannten Völkerbund und Neuwahlen auf den 12. November (s. Anm. 2).
Ende Oktober begannen die Lebensmittelkollekten, die von den Brüdern mit viel Opferwilligkeit durchgeführt wurden. Das Ergebnis war in Anbetracht der widrigen Verhältnisse ein recht befriedigendes (s. Anm. 3). Mit dem 1. November waren es 30 Jahre, seit die ersten Schüler in das damals neugebaute Haigerlocher Missionshaus eingerückt sind.
Der Namenstag P. Superiors, St. Martin, wurde in üblicher Weise als trautes Familienfest begangen. An Abend des Festes traf P. Provinzial zur Herbstvisitation ein. Er war übrigens einer der ersten, die vor 30 Jahren als Patres ins Haus eingezogen sind.
Ende November erscheint das malerische Städtchen Haigerloch und die ganze Voralb in feenhaftem weißem Wintergeschmeide, das ein Vierteljahr hindurch ungetrübt bleibt, zur großen Freude unserer Schlittenfahrenden Jugend.
Am 10. Dezember machte der neue Herr Kreisschulrat Bader, Hechingen, dem wir fürderhin unterstehen, seinen ersten amtlichen Besuch. P. Superior erwiderte ihm am 12. Dezember.
H. P. Kohl, Großkrotzenburg, hielt bei Jahresabschluss die 3-tägigen Exerzitien der Schüler. In der Weihnachtszeit spielten die Missionsschüler dreimal in der Stadt Haigerloch das religiöse Theaterstück „Der Marienritter". Der Saal war jedes mal überfüllt. Auf wiederholtes eindringliches Bitten der Geistlichkeit und Bevölkerung in und um Hechingen wurde das Stück schließlich unter stärkstem Beifall auch noch in Hechingen gespielt, Es war dies das erste Mal in den 30 Jahren seit Gründung des Hauses, dass die Missionsschüler in der Kreisstadt Hechingen auf der Bühne auftraten. Gewiss hat dadurch der Ruf des Hauses gewonnen.
Am 13. Januar (1934) verschied in der Kaplanei St. Anna, Haigerloch, ein langjähriger Freund und Förderer unseres Werkes, H. Geistlicher Rat Josef Marmon. Als ehemaliger Leiter des Bischöflichen Konvikts in Sigmaringen gab er seinerzeit die Anregung, die Weißen Väter möchten Ihr neu geplantes Missionshaus in seinem schwäbischen Heimatstädtchen Haigerloch gründen. Der liebe Verstorbene vermachte uns in seinem Testament außer etlichen Kunstgegenständen seine reichhaltige Bibliothek. Wir hielten ihm in der Wallfahrtskirche St. Anna einen eigenen Trauergottesdienst, wobei die Missionsschüler den Choral sangen.
Die Herren Schulräte Dr. Speckamp, Sigmaringen, und Bader, Hechingen, hielten am 23. Februar eine eingehende Schulrevision ab.
Bei der Primiz P. Herings, Sigmaringen, hielt P. Sup. Schell die Festpredigt, 19. März. Als Vorbereitung der Primiz des H. P. Schweizer in Weißenstein (Württemberg) predigte P. Arnold ein Triduum.
Groß war dieses Frühjahr die Zahl armer Wanderer, die um etwas Essen heischten. Im August kamen beispielsweise 243, im Februar 155. Der Bruder Pförtner verschenkte dabei etwa 27 Brote von je 5 Pfund im Monat Februar.
Am 3. April traf P. Meinrad Trescher, von Großkrotzenburg nach Haigerloch ernannt, hier ein, am 6. April der Neupriester P. Bernhard Schneider. Nach Ankunft der Missionsschüler beging man mit möglichster Feierlichkeit seine Nachprimiz (15. April), um die Schüler für die Erhabenheit ihres hl. Berufes zu begeistern. - Es fanden sich nach Schluss der Osterferien – 9. April – ein: 35 Obertertianer, darunter 10 Rietberger, 30 Untertertianer, 28 Quartaner und nur 17 neue Sextaner. Infolge des angekündigten Zuzugs einer größeren Gruppe Rietberger Obertertianer musste man die Aufnahme von Sextanern merklich beschränken.
P. Arnold, nach Afrika ernannt, nahm am 9. April Abschied von seiner I. einjährigen Wirkungsstätte. Er sowie P. Albert Straub reisten nach Heston zur Erlernung des Englischen. Anfang Mai wurden Br. Laurentius, Br. Burkhard und Br. Engelmar hierher versetzt als Ersatz für anderweitig bestimmte Brüder. Br. Max Bankemper zog (sich) mit Erlaubnis der höheren Obern endgültig zurück.
Ein Wohltäter unseres Hauses, Herr Pfarrer Barth, Bittelbronn, wurde am Samstag vor Pfingsten tot im Bett gefunden (Schlaganfall). P. Superior wurde vom H. Dekan zum Vertreter in Bittelbronn bestimmt bis zur Neubesetzung. Patres des Hauses versahen infolgedessen dort abwechselnd den notwendigsten Gottesdienst.
Am 22. Mai geleitete P. Superior 6 Missionsschüler zur Firmung nach Rottenburg. Die U-Tertianer machten einen Pfingstausflug auf den Plettenberg, die O.-Tertianer wurden durch einen Wohltäter und Vater eines Schülers im Kraftwagen zur Burg Lichtenstein gefahren.
Das Fest des Hauspatrons, St. Aloisius, begingen wir in althergebrachter Weise. Es wurde besonders feierlich gestaltet durch den von P. Morgenstern eingeübten erhebend und schwungvoll vorgetragenen Gesang der Zöglinge, ferner durch den herrlichen Schmuck, den die Kapelle unter der kunstfertigen Hand des H. P. Schneider erhielt, und schließlich durch die übliche Anwesenheit der Herren Ortsgeistlichen und des H. Gemeindeschulzen.
Am 25. Juli überraschte uns P. Brindl, von Buenos Aires kommend, mit seinem Besuche. Die alljährlich einmal stattfindende Zusammenkunft der Geistlichkeit aus der ganzen Umgebung wurde mit Rücksicht auf H. P. Provinzials Anwesenheit (Schulvisitation) auf den 27. Juni vorgerückt. Es folgten der Einladung wieder über 30 Geistliche. H. P. Superior begrüßte die Hochw. Herren und dankte ihnen für das tatkräftige Wohlwollen, das sie dem Missionshause im Verlaufe des letzten Jahres wieder bewiesen hatten. H. Dekan Dieringer bekundete in seiner Gegenrede den Dank der Geistlichkeit für die zahlreichen opferwilligen Seelsorgeaushilfen der Weißen Väter. Diese Aushilfen machen unser Werk hierzulande volkstümlich und bringen uns manches Almosen ein. In der Tat beanspruchen sie aber auch viel Kraft und Zeit der Patres, die wöchentlich zum Teil annähernd 2o oder gar mehr Unterrichtsstunden in den 4 Klassen des Hauses halten, und dann an den Vortagen der Sonn- und Feiertage auf Aushilfe reisen. Ein Überblick über das laufende Berichtsjahr ergibt, dass die 8 Patres neben ihrer sonstigen Arbeit vom 1.Juli 1933 bis zum 30. Juni 1934 258 (Zweihundertachtundfünfzig) eigentliche Aushilfen übernomen haben, darunter etwa ein Dutzend Triduen zur Förderung der kathol. Aktion und über 40 sogenannte Missionsfeste, davon 30 etwa in der Erzdiöcese Freiburg. Nicht errechnet ist dabei P. Häfeles und P. Straubs mehrwöchige anstrengende Wallfahrtsaushilfe in Trier.
Am stärksten waren die Patres beansprucht im Dezember 1933 mit 40 Aushilfen und im März 1934 mit 32 Aushilfen. P. Prokurator hatte z.B. neben seinen Unterrichtsstunden im Laufe des Jahres laut Chronik 49 solcher Aushilfen. Das 30. Jahr des Bestehens unseres Hauses dürfte wohl eines der arbeitsreichsten gewesen sein.
Personalbestand am Ende des Berichtsjahres:
PP. Sup. Schell, Trescher, Morgenstern, Huber-Friedr., Baudoux, Bumiller, Beiter, Schneider. Brüder: Silvanus, Kastor, Suibert, Emmerich, Simeon. Burkhard, Laurentius, Engelmar, Solanus (Remald). Missionsschüler: 106.
1 Knecht (Johann Beck)
Anmerkungen:
1. Wilhelm Burger (* 6. April 1880 - † 15. März 1952) war römisch-katholischer Weihbischof in Freiburg im Breisgau. Im Erzbischöflichen Ordinariat unterstanden ihm die Referate Schule und Ordenswesen. Während der nationalsozialistischen Herrschaft trat Weihbischof Wilhelm Burger als deutlicher Kritiker in Erscheinung. Den Nationalsozialismus nannte er eine „Zeitkrankheit“, in seinen Predigten wandte er sich „gegen den Kult der Gewalt, die Vergötzung von Rasse und Blut, sowie die Unterdrückung der menschlichen Freiheit und Würde“.
2. Die „Reichstagsbrandverordnung“ des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 war eine Notverordnung im nationalsozialistischen Deutschland. Sie wurde erlassen, nachdem in der Nacht zuvor das Reichstagsgebäude in Berlin gebrannt hatte. Die nationalsozialistisch-deutschnationale Regierung unter Adolf Hitler behauptete, die Kommunisten hätten das Gebäude in Brand gesetzt und damit zur Revolution aufrufen wollen. Die Reichstagsbrandverordnung war, neben der Verordnung vom 4. Februar und dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933, eine der wichtigsten Grundlagen der Diktatur der Nationalsozialisten. Die „Reichstagsbrandverordnung“ bot die juristische Grundlage zunächst für eine Welle von Verhaftungen gegnerischer Kandidaten zur bevorstehenden Reichstagswahl und fortan für Eingriffe der beschriebenen Art gegen alle Personen und Vereinigungen, deren Existenz oder Tätigkeit für die beabsichtigte Umgestaltung Deutschlands im nationalsozialistischen Sinne als hinderlich angesehen wurde. Der Austritt aus dem Völkerbund vergrößerte die internationale Isolierung des NS-Regimes, die von Hitler aber in den nächsten Jahren durch Beschwichtigungen und geschickte Propaganda abgebaut wurde. Innenpolitisch trug der Schritt zur Konsolidierung des Regimes bei. In einem mit Reichstagswahlen verbundenen Plebiszit über den Austritt stimmten am 12. November 1933 nach offiziellen Angaben über 95 Prozent der Deutschen mit "Ja".
3. 1929 zieht die Weltwirtschaftskrise auf und trifft die florierende deutsche Wirtschaft bis ins Mark. Im Land macht sich zuerst Arbeitslosigkeit breit - und dann Verzweiflung. Binnen weniger Jahre verändern sich die Lebenssituation der Menschen und die politische Stimmungslage im Land fundamental. Das Reichswirtschaftsministerium erarbeitet nun Pläne für eine kreditfinanzierte Konjunkturpolitik. Umgesetzt werden diese aber erst, nachdem die Lausanner Konferenz vom Juli 1932 die langersehnte Streichung der Reparationen bringt. Noch im selben Monat kommt die wirtschaftliche Talfahrt an ihr Ende, die Konjunkturindikatoren zeigen wieder nach oben. Den politischen Gewinn aber heimsen andere ein. Bei der Reichstagswahl im Juli 1932 erzielt die NSDAP enorme Stimmengewinne, und am 30. Januar 1933 ernennt Reichspräsident Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler (s. Abb. unten).
Quellen:
https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Burger_(Weihbischof) https://de.wikipedia.org/wiki/Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz_von_Volk_und_Staat https://www.dhm.de/lemo/kapitel/ns-regime/aussenpolitik/austritt-aus-dem- voelkerbund.html https://www.100.bmwi.de/BMWI100/Navigation/DE/Meilenstein-03/1929-1933.html
Textzusammenstellung und Textgestaltung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf.