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Mogadischu

Rezensionen zu "Mogadischu - als die Perle noch glänzte

mogadischu

HANS-ULRICH DUWENDAG/WOLFGANG VÖLKER, Mogadischu – als die Perle noch glänzte.

Eine Fotodokumentation aus der italienischen Kolonialzeit Somalias, Münster: Agenda Verlag 2020, 238 pp. ISBN 978-3896886705

Die hier anzuzeigende Publikation verdient in mehrfacher Hinsicht Auf- merksamkeit von Missions- und Kolonialhistorikern. Zum einen behandelt das Buch ein kaum bekanntes Kapitel europäisch-afrikanischer Geschichte, nämlich speziell die Geschichte der kolonialen Eroberung und Unterdrü- ckung der einheimischen Bevölkerung im äußersten Osten Afrikas, am so genannten Horn von Afrika, durch Italien. Dies wird insbesondere exemplifi- ziert am historischen Schicksal der heutigen Hauptstadt der Bundesrepublik Somalia. In Italienisch-Somaliland, wie die Kolonie offiziell während der Kolonialperiode hieß, beanspruchte Italien dieses Gebiet seit Ende der 1880er-Jahre bis zum Zweiten Weltkrieg. Danach war es UN-Treuhandgebiet und gelangte 1960 in die staatliche Unabhängigkeit. Die Hauptstadt Moga- dischu wurde schon damals als Perle Ostafrikas bezeichnet, was eigentlich wenig über die abwechslungsreiche Geschichte der Metropole aussagt.
Denn die heutige Hauptstadt Somalias hat eine Geschichte, die von verschiedenen Herrschaftsformen und Kolonialismen geprägt war. Sie stand im 19. Jahrhundert unter portugiesischer Herrschaft, dann des Sultanstaates Oman bzw. Sansibars, ab 1892 wurde sie an Italien verpachtet, später in kolonialer Manier aufgekauft.
Zum anderen verdient das Buch deshalb Beachtung, weil es sich um ein in drei Sprachen (Deutsch, Englisch, Italienisch) die präsentierten historischen Fotografien erläuterndes Fotoalbum handelt. Kaum bekanntes historisches Fotomaterial gibt Auskunft über die Vergangenheit eines urbanen Raumes, den es – wie der Titel aussagt – heute in seinem ehemaligen afrika- nisch-orientalisch-europäischen Glanz nicht mehr gibt. Das sind einmalige visuelle Dokumente einer Stadt, ohne den Anspruch auf Vollständigkeit oder ein geschlossenes Geschichtsbild zu erheben.
Und zum Dritten wird hier ein weiteres Kapitel weitgehend unbekannter Missionsgeschichte angesprochen und visualisiert. Die Verfasser und Herausgeber des Bildbandes stützen sich auf den „Fotoschatz“ des Paters Venanzio Tresoldi. Dieser bestand aus einem alten Koffer mit Hunderten von Fotonegativen, Planfilmen und Glasplatten. Die Aufnahmen stammen aus der Zeit der italienischen Kolonialherrschaft von vor dem Zweiten Weltkrieg. Die Motive sind Menschen aus der katholischen Mission, von einfachen Somaliern und Europäern wie auch von hochgestellten Persönlichkeiten wie dem König von Italien und Kolonialbeamten, außerdem von Kolonialbauten, Moscheen, von der damals noch existierenden Altstadt, von technischen Einrichtungen und Infrastrukturen. Bilder von Missionsbauten, Kirchen und Schulen europäischer Architektur wurden ebenfalls in dieses Buch aufgenommen. Die historischen Fotos sind alle sehr gut restauriert worden, sodass sie ihren ursprünglichen Aussagewert erhalten – oder wiedergewonnen – haben. Das Buch ist in mehr als 20 Kapitel untergliedert. Es sei nur auf diejenigen kurzen Ein- und Ausblicke über die ansonsten nicht im Mittelpunkt stehenden deutschen Interessen an der Somaliaküste, über den Anfang und das Ende der katholischen Mission in Somalia, über Bau und Betrieb der Eisenbahn in Italienisch-Somaliland, die Entwicklung der kleinen Kolonialstädte, über islamische Bauwerke in alten Ansichten vornehmlich aus dem Zentrum von Mogadischu, Erläuterungen über die Rolle des Klerus und der weltlichen Macht, über Patres und ihre Zöglinge, über koloniale Ausbeutung, über Krieg und Hunger, über die auch hier zu findende Architektur des Faschismus, die Präsenz der apostolischen Mission, über den Kampf um die Unabhängigkeit Somalias sowie über das gegenwärtige Alltagsleben verwiesen. Wie bereits angedeutet, diese Einblicke ersetzen kein Geschichtswerk, aber sie vermögen die dort vorgetragenen Fakten besser verständlich zu machen.
Dies wird nicht zuletzt dadurch ermöglicht oder zumindest erleichtert, dass die in der Regel sehr aussagekräftigen Fotografien den bereits erwähnten Erläuterungen leicht zuzuordnen sind. Zu Beginn der einzelnen Kapitel werden Einführungen zu den im Folgenden behandelten Themen angeboten. Kurz und knapp erleichtern sie das Verständnis für die Motive auf den alten Fotografien. Jedoch auch neuere Fotos, die vor allem wohl von Hans-Ulrich Duwendag stammen, der jahrelang an der Deutschen Botschaft in Mogadischu gearbeitet hat, bilden eine Brücke zu dem visuell Dargebotenen.
Als Fazit kann man anführen, dass es gelungen ist, eine wichtige visuelle historische Quelle zur Missions- und Kolonialgeschichte Somalias zu erschließen und einem interessierten Leserkreis zur Verfügung zu stellen. Es ist faszinierend, nicht nur die Illustrationen zur Kenntnis zu nehmen, sondern auch die Mühen und das Engagement zu erkennen, die Hans-Ulrich Duwendag und Wolfgang Völker an den Tag gelegt haben, um das bisher unveröffentlichte Bildmaterial aus dem Archiv der Franziskaner, aus Privatbesitz und aus dem antiquarischen Handel von Mogadischu vor Ausbruch des Bürgerkrieges 1991 zu finden und auszuwählen, dann aufzubereiten und zu veröffentlichen. Ebenso ist den zumeist unbekannten Fotografen zu danken, die in den 1970er- und 1980er-Jahren historische Bauten (die heute zum größten Teil zerstört sind) mit der Fotokamera festhielten und von denen einige ebenfalls Aufnahme in den Bildband fanden, um somit dessen Aussage vervollkommnen zu können. Somit ist eine Dokumentation entstanden, die es nach der Zerstörung der Kathedrale von Mogadischu und des dort untergebrachten Archivs der Franziskaner nicht mehr geben könnte. Kurz vor den Zerstörungen infolge eines Bürgerkrieges konnten die Fotodokumente in Sicherheit gebracht werden. Die notwendigen inhaltlichen Verbindungen zwischen den Kapiteln und fotografischen Abbildungen zeugen von tiefer Kennerschaft der Thematik und von der Empathie der beiden Verfasser/ Herausgeber für Land und Leute. Ein wirklich lesens- und ansehenswertes Buch.
Ulrich van der Heyden

Erschienen in VERBUM SVD, fasciculus 4, volumen 61, 2020