Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten
Bruder Privatus in Deutsch-Ostafrika
1914 - 1919
Die Idee, den Lebenslauf eines Zeitzeugen der deutschen Kolonial- und Missionierungsgeschichte in
Zentral-Afrika auf Tonband aufzuzeichnen, hatte Pater Walter Vogt. Sein Interviewpartner in den
Jahren 1966 bis 1968 in Ruanda war der Laienbruder Privatus. Beide hatten eine enge Beziehung
Missionshaus Haigerloch, als Lehrer oder Koch und als Ruheständler.
Zur Biografie des Bruder Privatus, geboren in Füramoos am 11. März 1887 und einer Schulzeit in
Wurzach, wissen wir, dass er 1905 durch eine Zeitungsanzeige der Patres in Haigerloch auf die Weißen
Väter aufmerksam gemacht worden ist. Als Postulant kam er dank seiner Bewerbung im Mai 1905 nach
Marienthal, und im Oktober 1906 nach Maison Carrée, wo er im Noviziat bis 1908 blieb. Danach
arbeitete er sechs Monate lang als Koch, wieder in Marienthal, bevor er nach Altkirch ging. Dort
traf er die Schüler Stracke und Stieffenhofer, von denen in einem späteren Beitrag noch die Rede
sein wird. Zwischen- durch absolvierte er einen einjährigen Militärdienst. Im Oktober 1913 folgte er
dem Ruf nach Afrika; zuerst war er noch einmal kurz in Maison Carrée bei Algier und dann ging es
weiter nach Ruanda, das damals noch zu Deutsch-Ostafrika gehörte.
Die Tonbänder mit Schilderungen aus
dem von ihm unmittelbar erlebten Kolonialkrieg
in Deutsch-Ostafrika fanden irgendwann ihren
Weg nach Europa in das Missionshaus des
Ordens in Trier. Hier überspielten und sicherten
hilfreiche Freunde den Inhalt auf Audio-
kassetten und CDs. Aber auch diese ruhten lange in den Schubladen der Weißen Väter, bis Pater Walter
Vogt im hohen Alter endlich genug Zeit fand, davon eine Niederschrift anzufertigen. Hier, leicht
gekürzt, der Wortlaut von Bruder Privatus:
In den Herbstferien 1913 bin ich (von Altkirch) zwei Wochen nach Hause gegangen, um Abschied zu
nehmen. Im Oktober ging ich dann nochmal nach Maison Carrée für zwei Monate, um in der Schreinerei
noch etwas Ausbildung zu bekommen. Darüber war ich sehr froh, weil ich noch viel gelernt habe. Das
hat mir nachher gute Dienste geleistet, wo ich Möbel machen musste für eine Neugründung, die das
nötige Mobiliar brauchte. Dann sind wir Anfang Januar 1914 (11.1.1914) nach Marseille und haben dort
das Schiff genommen, bis Mombasa.
Wir vier, Bruder Moritz (Maurice), Bruder Tite, Bruder Celse und ich sind nach Kabgaye (Ruanda)
gegangen. In Mombasa haben wir den Zug genommen bis Port Florence. Das liegt in Kenia am
Victoria-See. Von dort aus sind wir mit einem Frachtschiff über Tschanscha (vermutlich Jinja im
Südosten Ugandas), Kampala, Entebbe nach Bukoba gefahren. Das hat ungefähr, ich weiß es nicht mehr
genau, 8 oder 10 Tage gedauert. Da waren nur zwei Kabinen, zwei Betten da. Die anderen
Pater Vogt und Bruder Privatus 1966 in Ruanda. (Archiv W.V., Köln) mußten auf dem Deck schlafen. Da
wurde man ziemlich von den Moskitos gequält. In Bukoba (La Sainte
Familie) war Bruder Vital gerade am Kirchbau, eine schöne Kirche aus Stein, aus Bruchstein. In
Bukoba sind wir ziemlich lange geblieben, ich glaube vier Wochen, weil Bischof Sweens war in Mwanza
da unten und er sollte einen Pater benennen, der uns nach Ruanda bringen sollte. Nach drei oder vier
Wochen hatten die Patres von Bukoba uns satt und haben uns einfach weggeschickt. Dann sind wir vier
Brüder allein nach Ruanda gegangen.
Ich glaube, es waren 17 Tagesmärsche bis Kabgaye. Der Obere dort war Pater Cunrath, ein Elsässer.
Der Bruder Celse und der Bruder Moritz sind gleich weitergereist nach Urundi, wohin sie bestimmt
waren. Ruanda und Urundi gehörten damals zusammen zum Vikariat Kivu. Bruder Tite blieb in Kabgaye.
Er begann, das Kleine Seminar zu bauen.
Nach 14 Tagen hat mich Pater Classe mitgenommen nach Njundo. Njundo hatte schon eine große Kirche.
Mit dem Bruder Pancrace habe ich manchmal gebaut. Er war am Verlängern der Kirche. Aber in der
Hauptsache habe ich Möbel gemacht für die Neugründung in Rambura, zwischen Njundo und Rwaza am
Urwald oben. Am 2. Juli sind wir dann nach Rambura gegangen, Pater Desbrosses, Pater Prior und ich.
Da waren schon zwei kleine Strohhütten, eine zum Wohnen, die andere als Speisesaal und Sprechzimmer.
Aber alles war nur aus Gras gemacht. Aber da habe ich da gleich meine Möbel aufgerichtet, die
Betten, die Tische habe ich zusammengestellt, Betstühle für die Kapelle, sodass jeder Tisch, Stuhl
und Bett als gute Möbel hatte. Dann habe ich auch gleich angefangen, Backsteine zu machen. Mit
ungebrannten Backsteinen habe ich den Ziegelofen gebaut, um nachher die Backsteine zu brennen. In
der Zwischenzeit ging ich einen Tag in den Urwald, um Holz zu fällen und Bretter und Balken sägen zu
lassen. Das war gewöhnlich 3 Stunden zu Fuß. Ich mußte um 9 Uhr dort sein, damit ich arbeiten konnte
bis ein, zwei oder drei Uhr, um vor abends wieder zu Hause zu sein. Mit dem Material wollten wir ein
richtiges Wohnhaus bauen. Als ich im August nach Kigali eingezogen wurde, war der Ziegelofen gerade
gefüllt. Ich wollte ihn am andern Tag anstecken, da kam dann der Befehl, dass ich als Soldat nach
Kigali mußte. Es war Ende August 1914.
Man hat so etwas gehört, dass Krieg wäre, aber Genaues wusste man nicht. Da bin ich dann in Kigali
gewesen. Abends ging ich auf die Mission. Kigali war Neugründung vom Jahr vorher. Da war der Pater
Donders, ein Pater, dessen Name mir nicht einfällt (P. Zumbiehl) und Bruder Alfred (Ignaz
Leyendecker). Der hat Backsteine gemacht und in der Schreinerei gearbeitet. Er war auch der große
Fotograf, der all die Fotos von früher aufgenommen hat, von ganz Ruanda überall.
Auf der Militärstation musste ich Rekruten ausbilden. Einzelne waren aus Ruanda, aber die meisten
waren Bahajaund, Basiba von Bukoba, die als Händler in Ruanda herumliefen für die großen
Geschäftsleute die Häute einzukaufen und die Stoffe zu verkaufen. Die hatten dann keine
Beschäftigung mehr durch den Krieg. Dann haben sie sich als Soldaten anwerben lassen. Die Zeit der
Ausbildung dauerte zwei bis vier Monate. Wenn eine gewisse Zahl der Rekruten ausgebildet war, wurden
sie nach Gisenyi geschickt, das heißt nach Mugurura, einer Insel, die in der Nähe von Murunda am
Kivu-See liegt. Dort war das Quartier von Hauptmann Wintgens mit der Truppe. Die deutsche Truppe war
ja sehr klein. Die Kompagnie, die früher in Gisenyi lag, wurde bei Ausbruch des Krieges sofort zum
Kilimandscharo berufen. In Ruanda blieben nur die Polizei-Soldaten, die in Kigali stationiert waren.
Da war Dr. Kandt als Resident von Ruanda. Er war aber gerade im Urlaub in Europa. Hauptmann Wintgens
hat ihn ersetzt. Ferch war Sekretär beim Resident. Poppe hat die ganzen Pflanzungen unter sich
gehabt und die Bauarbeiten. Er hat gerade ein schönes Haus für den Residenten fertig gemacht. In der
Zwischenzeit mußte ich einmal nach Gitega mit einem Lebensmitteltransport von 300 Lasten Bohnen. Ich
glaube, es waren fünf oder sechs Tage. Wie ich dann Anfang Januar zurückkam mußte ich nach Bukoba,
um Geld dorthin zu schaffen. Ich sollte eigentlich nur an den Kagera gehen. Dort sollte einer von
Bukoba kommen, um mir das Geld abzunehmen. In der Zwischenzeit bin ich auf die Jagd gegangen. Eines
Tages kam der Befehl, dass ich weiterreisen sollte.
Dann bin ich nach Bukoba gegangen und habe mein Geld abgeliefert. Die Rückreise machte ich in zehn
Tagen statt in fünfzehn Tagen und bin noch fünf Tage auf Jagd gegangen. Daher stammen die schönen
Geweihe im Sprechzimmer von Kigali. Antilopen, Impala, drei oder vier Imera, Elanantilopen, die groß
und schwer sind wie eine Kuh. Wie ich in Kigali ankam, sollte ich auch nach Gisenyi auf die Insel
Mugurura.
Ich kam dann gleich nach Gisenyi in die Stellung. Anfangs war nicht viel los. Die Belgier hatten
eine schwere Schlappe erwischt, als im Oktober Gisenyi angegriffen wurde. Da blieben sie am Gibati
oben sitzen und haben nichts mehr gemacht. Dann aber im Mai oder Juni haben sie wieder Gisenyi
angegriffen. Aber wir hatten inzwischen eine Stellung gegraben, hinter Gisenyi in den Bergen.
Sie haben einige Häuser abgebrannt, besonders die alten Kaufläden, die da standen. Aber sonst haben
sie nichts mitgenommen. Die Belgier haben aber dann doch den Gibati besetzt, einen Berg, der
nördlich von Gisenyi in der Ebene steht, der hohe Berg. Da wurde die Sache schon etwas schwieriger.
Die hatten sich auch eingegraben. So wurde es ein Stellungskrieg. Sie haben natürlich Kanonen
gehabt, was wir nicht hatten, nur ein kleines Geschütz, ich glaube 3,7cm, so eine Revolver- Kanone.
Das war unser ganzer Besitz.
Hauptmann Wintgens während der Zeit der Stellungskämpfe im Nordosten von Ruanda. Auf einer Trage
ließ er sich zur Behandlung einer Schussverletzung im Oktober 1914 zur protestantischen
Missionsstation Rubengera tragen. (Archiv W.V.. Köln)
Ende 1915 musste ich mit einer Expedition nach Gabiro. Da waren die Engländer eingedrungen von
Uganda her und haben das Vieh nach Uganda abgetrieben. Dort war nur ein kleiner Militärposten von
eingeborenen Soldaten. In Gatsibu waren die ersten großen Berge. Da haben wir uns eingegraben. Wir
waren zu zweit, ein Bayer und ich. Dazu hatten wir 19 oder 20 Soldaten (Askari), dazu Grenzschutz
von Mussinga (Sultan von Ruanda) aus, der überall Batutsi aufgestellt hatte. Das war eine ruhige
Zeit. Wir hatten uns fest eingegraben. Mit zwei Mann konnten wir ja nichts machen. Am Ostermontag
1916 sind dann die Belgier mit einem Bataillon
gekommen. Nach zwei oder drei Stunden, als wir merkten, dass sie den Berg umgingen, sind wir dann
abgezogen nach Kigali zu. Sie haben aber nicht pressiert. Das hat vier oder fünf Tage gedauert bis
sie nach Kigali kamen. In der Zwischenzeit war Kigali geräumt, von der Regierung aus, all die
Papiere und die Sachen wurden weggeschafft, nach Tabora zu. Wo wir nach Kigali kamen, war niemand
mehr da. Der Hauptmann Wintgens war in Gisenyi. Er hat sich auch zurückgezogen.
Ich wurde dann bestimmt als Wächter für den Übergang über den Kagera. Ich habe aber nur drei alte
Soldaten bei mir gehabt. Der Übergang wurde mit Booten geschafft. Am Übergang hatten die Belgier ein
ganzes Zeltlager auf der Anhöhe. Eines abends haben wir gesehen, wie sie unten am Fluss schafften.
Der Fluss war eigentlich nicht mehr zu sehen. Das ganze Tal war unter Wasser. Es war nach Ostern.
Das ganze Tal war überschwemmt. Wie wir nachher erfahren haben, stellten sie Aluminium-Boote bereit
zum Übersetzen. Ich habe mich dann etwas zurückgezogen. Am anderen Tag waren sie im Großen
übergesetzt. Ich hatte gerade eine Nachricht an Hauptmann Wintgens geschrieben, da sagten meine
Leute: „Ja, da kommen ja Soldaten hinter uns her“. Das waren die Belgier, die nach Remera gegangen
waren, um die protestantische Mission auszuheben. Die waren aber abgezogen. Da musste ich mich auf
die Beine machen, um noch rauszukommen mit meinen drei armen Soldaten. Auf Kabgayi zu und weiter
nach Nyanza (Residenz von Sultan Musinga). Inzwischen haben wir Befehl bekommen nach Nyanza zu gehen
zum Hauptmann Wintgens. Wo wir aber dahin kamen, waren die Belgier schon in Nyanza. Da wäre ich bald
gefangen genommen worden. Mein Führer sagte mir: „Ich laß dich nicht auf den Berg darauf, denn da
sind nicht mehr die Deutschen, sondern die Belgier.“ Die Belgier haben nichts gemacht. Aber als sie
sahen, dass wir umkehrten, da haben sie angefangen zu schießen, was sie nur konnten, mit
Maschinengewehren. Aber sie haben keinen Schaden angerichtet. Dann sind wir auf großem Umweg die
ganze Nacht hindurch weiter marschiert bis Save (Issavi). Über die Mayaga sind wir morgens um vier
Uhr nach Save gekommen. Die Patres waren auf der Mission. [...]
In Save blieben wir ein oder zwei Tage. Dann zog die ganze Abteilung weiter nach Urundi. Auf der
anderen Seite des Akanyaru haben wir wieder Stellung bezogen. Da mußte ich mit noch einem Europäer
auf einen entfernten Außenposten. In der Zwischenzeit hatten sie ein heftiges Gefecht mit den
Belgiern. Dann ging es durch ganz Urundi durch nach Uha (-Region). Der Bruder Moritz (Maurice, mit
dem er gekommen ist) war bei der Truppe von Major von Langen. Von Langen war Resident in Urundi. Ich
weiß nicht mehr genau, wo ich mit ihm (Maurice) zuerst zusammenkam. Da war ja auch noch der Bruder
Adelphe (Keiling), auch in Urundi. Der ist auch eingezogen worden. Er hatte besonders die Bagage zu
bewachen. Da sind wir dann durch Uha durch, wollten an die Bahn, zwischen Kigoma und Tabora; Kasulu,
glaube ich, hieß der Ort. Wo wir fast dort waren, haben wir Befehl bekommen, abzubiegen, um den
Truppen, in Bedrängnis bei Bukoba, zu Hilfe zu kommen. Der Großteil der Belgier zog Richtung Bukoba,
um den Truppen dort den Weg abzuschneiden.
Einmarsch der belgischen Truppen in Tabora im September 1916. (historische Ansichtskarte)
Als wir mit den Belgiern wieder zusammenstießen, haben wir gesehen, dass sie ziemlich viel Bagage
erobert hatten. Die belgischen Soldaten trugen feine, weiße Hemden und gebügelte Wäsche, die sie
wahrscheinlich aus den Kisten der Europäer gestohlen hatten. Aber den Hauptteil der Truppe haben wir
doch rausbekommen. Dann ging es langsam nach Tabora zu, alles zu Fuß. Da haben wir auch den Weg
genommen, wo die Bahn nach Ruanda schon ausgemessen war. Der Buschwald war abgeholzt. Man sah die
Pfähle für den Bahndamm. Die Bahn sollte halbwegs Tabora- Mwanza abzweigen bis zu den
Akanyaru-Fällen, Rusumu-Fälle. Die Europäer in Kigali haben niemals davon gesprochen, daß die Bahn
bis Kigali gehen sollte. Der Nyawarongo/Kagera sollte schiffbar gemacht werden bis Kigali. Sie
sprachen immer vom Hafen in Kigali, der gebaut werden sollte. Ich wurde noch auf Patrouille
geschickt bis fast nach Mwanza. Wie ich zurückkam, war die Truppe abgezogen. Ich mußte
hinterherlaufen, um sie zu erwischen. Das war ziemlich schwierig. Denn die Belgier waren von Kigoma
aus schneller marschiert als die Deutschen sich zurückgezogen haben. Wir mussten in Eilmärschen nach
Tabora, um den Belgiern zuvorzukommen. Wir sind dann drei Tage und drei Nächte ohne Aufenthalt
durchmarschiert. Nur eine Stunde wurde gebraucht, um eine Tasse Kaffee zu machen und etwas zu essen.
Sonst ging es die ganze Nacht und den ganzen Tag durch. Nach drei Tagen kamen wir dann nach Tabora.
Da haben wir uns einmal wieder gewaschen, denn wir waren fast so schwarz wie unsere Schwarzen, so
schmutzig waren wir. Unterwegs gab es selten Wasserstellen. Kaum waren ein paar Stunden vergangen,
dann wurden wir mit der Bahn nach Mabana geschafft. Das war, glaube ich, die vierte Station Kigoma
zu.
Wie wir da aus dem Zug ausstiegen, da fingen gleich die Belgier, die sich hinter der Station
festgesetzt hatten, zu schießen an. Wir haben gleich zwei Tote und mehrere Verwundete gehabt. Dann
haben wir die umzingelt. Die meisten kamen noch weg, nur einer wurde gefangen genommen. Der sagte
dann, die zwei Europäer auf der Station hätten sie abends gefangen nehmen wollen. In Usoke hatten
sich die Belgier festgesetzt. In der Frühe am anderen Morgen kamen sie an, ein ganzes Batallion, das
angegriffen hat. Wir waren nur zwei Kompagnien. Aber wir hatten eine wunderbare Stellung hinter dem
Eisenbahndamm. Die Belgier haben einen ganzen Vormittag angegriffen und habe schwere Verluste
gehabt. Ich wurde weggeschickt, um zwei andere Kompagnien in Stellung zu bringen, die von der
Station weiter zurück lagen. In der Zwischenzeit haben aber unsere zwei Kompagnien den Gegenangriff
gemacht, weil die Belgier nichts mehr machten und gesehen haben, dass sie abziehen wollten. Dabei
haben sie vier Maschinengewehre ganz erbeutet, dazu Teile von anderen Maschinengewehren. Fünf
Europäer lagen tot da, vier wurden schwer verwundet gefangen genommen. Die übrigen sind
verschwunden. So blieben wir mehrere Tage in Stellung.
Ganz in der Nähe von Tabora war das Petit Seminair (das kleine Seminar der WV nördlich von Tabora),
nach Mwanza zu. Dort wurden wir wieder auf die Bahn verladen und sollten danach auf die andere
Seite, wo wir ein Nachtgefecht hatten. Die Belgier hatten sich schon auf der Mission im Seminar
festgesetzt gehabt. Denen haben wir zwei geladene Kanonen mit Munition in Masse abgenommen. Die
Mission haben wir besetzt. Dort fand ich den Pater Grün, ein Elsässer. Der war in der Kirche drin
mit ein paar hundert Christen. Zum Glück haben wir nicht mit unserer Kanone geschossen. Wir hatten
jetzt auch Kanonen, die Anfang 1916 gekommen waren mit einem Schiff, das die Blockade durchbrochen
hatte (Sperrbrecher „Marie“). Der Pater Grün hätte gut sterben können, wenn wir auf die Mission
geschossen hätten. Wir haben nur auf die Stellung der Belgier geschossen. Dann hat es noch 10 Tage
gedauert. Die Belgier haben nichts mehr gemacht. Dann kam Befehl, alles was um Tabora herum lag,
nach Süden abziehen.
In drei Abteilungen sind wir nach dem Süden gezogen, Richtung Iringa. Wie lang das gedauert hat,
weiß ich nicht mehr. Es war Anfang September. Als Kranker bin ich am 20. oder 21. Dezember 1916 in
Mahenge angekommen. Da war eine Benediktiner-Mission und ein Militärposten. Hauptmann Wintgens ist
aber nicht dageblieben. Der ist zwischen den Engländern durch wieder nach Tabora, an Tabora vorbei
zum Kilimandscharo. Er hatte gehört, dass da oben Aufstand sei. Den Aufständischen wollte er helfen
gegen die Engländer. Er wurde aber typhuskrank und ist in Tabora den Belgiern übergeben worden. Die
andere Abteilung zog weiter zum Kilimandscharo und dort wurde einer nach dem anderen
gefangengenommen. Ich war in Mahenge im Hospital. Nachher war ich einige Monate im Erholungsheim auf
einer Station neben Mahenge. Von dort kam ich wieder in Stellung in der Ebene unten. Damals war
gerade die große Regenzeit, März/April. Um zu meiner Truppe zu kommen, musste man fünf Tage lang im
Wasser laufen. Nur abends konnte man einen kleinen Hügel finden, wo ein Posten war zum übernachten.
Sonst war man den ganzen Tag im Wasser bis zum Bauch ungefähr. Dort bin ich dann fieberkrank
geworden. Nach zwei Monaten hat mich der Arzt wieder nach Mahenge geschickt. Da bin ich geblieben
bis die Belgier kamen. Da habe ich auch wieder Bruder Moritz (Maurice) und Bruder Adelphe (...
Keiling) getroffen, in Mahenge. Oktober, November 1917 begann in Mahenge die Gefangenschaft. Von
Mahenge aus wurden wir an die Bahn nach Kilossa geschafft, zwischen Dodoma und Morogoro. Dort sind
wir den Engländern übergeben worden. Die haben uns eine Zeitlang in Dar-es-Salam festgehalten und
dann nach Tanga geschafft. Von Tanga sind wir im Januar 1918 nach Kairo (in ein Gefangenenlager)
geschafft worden, von Januar 1918 bis Oktober 1919. Dann wurden wir von einem deutschen Schiff
abgeholt. In Hamburg kamen wir in ein Lager. Dort wurde wir ausstaffiert. Jeder hat einen Anzug
bekommen. Dann konnte man heim.
Bis 1924 blieb Bruder Privatus im Missionshaus Haigerloch. Dann durfte er sich wieder nach Ruanda
begeben und baute dort Missionsgebäude und Kirchen. Mehr dazu in einem Folgebeitrag. Den
Tonmitschnitt des Interviews findet man auf der Website ehemaliger Schüler der Weißen Väter und
ihrer Weggefährten.