Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Bruder Privatus in Ruanda

Bruder Privatus reiste 1926 erneut nach Ruanda und baut dort zunächst die Missionsgebäude von Mibirizi aus seinen Erinnerungen und Berichten im Afrika-Bote (Vol. 33 u. 36)

Vorwort:
Wer wissen möchte, mit wie viel Talent und Durchhaltevermögen ein Laienbruder der Afrikamissionare ausgestattet sein kann, der möge die noch folgenden Beiträge über das Lebenswerk des Bruder Privatus im Auge behalten. Als Kaisers Soldat, dann als Koch für die Schüler im Missionshaus Haigerloch, und schließlich als „Baumeister Gottes“ hat er sich für Ruanda und das Missionswerk der Weißen Väter unsterblich gemacht. Der Autor Hans-Ulrich Duwendag, der ihn Ende der 1960er Jahre in Ruanda mehrfach aufgesucht hat, hat dem Missionar mit zwei Bucherscheinungen ein literarisches Denkmal gesetzt. Bruder Privatus wurde Anfang 1914 in den Norden von Ruanda ernannt. Dort sollte er mit zwei Mitbrüdern in Rambura in der Unruheprovinz Bushiru nach seiner Ankunft im Juli des Jahres eine Missionsstation gründen und aufbauen. Wenige Wochen später brach jedoch der Erste Weltkrieg aus. Privatus wurde im August eingezogen und diente fortan bis zu seiner Gefangennahme im November 1917 in der Kaiserlichen Schutztruppe. Erst 1926 erhielt er wieder eine Ernennung für Ruanda.

Und hier beginnt die zweite Geschichte über ihn. In einem Tonbandmitschnitt durch Pater Vogt bleibt er mit seiner freundlichen Stimme uns für immer in Erinnerung:

"Die Belgier wollten ja niemand haben von den Deutschen. Aber der Bischof hat eine Eingabe gemacht. Danach hätte ich schon 1924 zurückkehren können. Das war Bischof Hirth, aber P. Classe als Generalvikar hat das mit den Belgiern zurechtgemacht. Von Marseille aus habe ich mit einem Pater aus Holland, der für Tanganjika bestimmt war, die Reise bis Daressalam gemacht".
( https://klepfer.alfred-epple.de/erinnerungen/vogt_privatus_audio.html" )
In Briefen, die 1927 und 1930 im Afrika-Bote veröffentlicht wurden, berichtete er detailliert über seine Reise und vor allem über seine ersten Tätigkeiten in Mibirisi im Südwesten von Ruanda:
An Bord der Dumbea, 4. März 1926.
Lieber Bruder H.!
Unsere Reise ist bis jetzt so schön verlaufen, dass es nicht hätte besser sein können. Wir hatten bis heute jeden Tag zwei hl. Messen, und ich bin nie seekrank geworden. Die wunderschöne Fahrt zwischen Korsika und Sardinien hindurch, am Stromboli vorbei, durch die Meerenge von Messina nach Port-Said werde ich nie vergessen. Dort gingen wir an Land. Aber die großen Hotels und Kaufläden interessierten mich wenig; ich eilte zur wunderschönen Franziskanerkirche; da war ich wieder für eine halbe Stunde daheim. In Suez hatten wir nur drei Stunden Aufenthalt. Am 28. Februar waren wir in Djibuti; da das Schiff fast einen ganzen Tag Aufenthalt hatte, besuchte ich auch die dortige Kapuzinermission. Ein Pater ist da ganz allein; das Kirchlein ist sehr nett; aber die Missionstätigkeit unter den mohammedanischen Schwarzen ist nach den Aussagen des Paters überaus mühsam. [...] Am 1. März ging es weiter; gestern, am 3. März, haben wir das Kap Guardafui umfahren; die See ist spiegelglatt. Doch ist es heute schon recht ungemütlich warm. Auch nachts halte ich es in der Kabine nicht mehr aus und liege deshalb im Langstuhl auf Deck; da hat man wenigsten etwas frische Luft. Am Sonntag morgen sollen wir im Mombasa und am Montag Abend, den 8. März in Daressalam sein ....
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Die Dumbea war ein alter Dampfer, der 1926, als Br. Privatus mit ihr fuhr, schon einiges hinter sich hatte. Sie wurde 1889 für den Dienst zwischen Frankreich und Südamerika gebaut. Ab 1903 fuhr sie zwischen Frankreich, Australien und Fernost. Im Ersten Weltkrieg diente sie als Truppenschiff im Dardanellen-Feldzug und diente später bei der Evakuierung der serbischen Armee. Am 10. September 1919 kenterte sie beim Ausschwimmen von einem Trockendock und wurde 1928 verschrottet. Es war also kein Luxusdampfer, aber der „Koch aus Haigerloch“, Bruder Privatus, war glücklich.
Mibirizi, 8. August 1926
Lieber Herr Pater!
Wie Sie sehen, sitze ich in Mibirizi, und das heißt was! Doch vorerst noch etwas über meine Reise. Die Reise von Daressalam bis nach Kabgaye habe ich allein gemacht. Auf dieser Reise besuchte ich zuerst die Mission Buhonga. ( Anm.: Dorthin fuhr er mit der Tanganjikabahn, die Daressalam mit Kigoma verband, und dann mit einem Schiff zum Nordende des Tanganjikasees, wo in den Bergen die Missionsstation Buhonga lag. Das beschreibt er viele Jahre später auch im Interview mit Pater Vogt: „Von dort bin ich alleine bis Kigoma gefahren. Da habe ich das Schiff genommen nach Usumbura. Damals war dort noch keine Mission. Buhonga war die nächste Station, Richtung Gitega. Ich blieb ein paar Tage und suchte Träger nach Ruanda.“ (aus dem Tonbandmitschnitt von P. Vogt) )
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Die Missionsstation Buhonga
Als die Träger endlich da waren, ging es in vier strammen Tagemärschen nach Busiga (Nord-Burundi, Grenzregion zu Ruanda), wo ich die lieben alten Bekannten, die Patres H. (P. Hinkelbein aus Haigerloch) und F. (Feger?) und Bruder F. (Fulgentius?) traf. Am folgenden Tage (auf dem Weg nach Norden) überschritt ich die Grenze von Ruanda. In Issavi (Save) konnte ich die Patres Sch. (Schumacher) und G. (Giai-Via?) begrüßen und traf endlich am Donnerstag in der Osterwoche in Kabgaye ein. Man erkennt es kaum wieder; es ist eine kleine Stadt geworden. Ich kam unangemeldet in der Bischofsstadt an, wurde aber trotzdem so herzlich begrüßt, wie noch nie in meinem Leben, zuerst vom Hochw. Herrn Bischof (Hirth), dann von Bruder A. (Anselmus, Nickolaus Illerich), dem Held von Kabgaye, der hier (gemeinsam mit Br. Adelph) in fünf Jahren eine Riesenarbeit (beim Bau der Kathedrale) geleistet hat. [...] Die große Kirche, die er erbaute, ist sicher ein Meisterwerk für hiesige Verhältnisse. Mittags besuchte ich Bischof Hirth und den guten Pater Donders (Max Donders) [...] So verbrachte ich 14 schöne Tage; da kam der Ruf nach hierher. Es sind sechs stramme Tagemärsche von Kabgaye bis Mibirizi. Ich habe die Berge sehr gern; aber da habe ich doch genug bekommen. Doch vergisst man schnell die Mühe, wenn man auf den fast 3000 m hohen Bergen steht und 1500 m unter sich den Kivusee zu ersten mal erblickt; man kann auf der Welt nicht leicht etwas Schöneres finden. Da gerade die stärkste Regenzeit war, gab es manches Interessante beim Überqueren der vielen Flüsse und Sümpfe. Ich habe dabei so ziemlich alle Beförderungsmittel benützt, die es hier gibt, den Einbaum, so groß, dass nur ein Mann darin Platz hatte; der Führer des Bootes schwamm hinterher, das Floß aus Bananenstämmen, den Rücken der Neger; ja einmal musste ich mich möglichst steif der Länge nach auf zwei Negerköpfe legen, um nur einigermaßen trocken ans andere Ufer zu kommen; das Wasser ging dabei den Leuten bis an den Hals. Am Samstag, den 1. Mai (1926), war ich hier in Mibirizi [...] „Über Kabgayi kam ich nach Mibirizi (nahe der Südspitze des Kivusees). Dort war ich mit Pater Delmas und Pater Dennefeld. Das war eine wunderbare Kommunität, die schönste, die ich in meinem Leben gefunden habe. Wir waren ein Mann. Das war wirklich eine Weiße Väter Kommunität. Der Pater Zumbiehl war auch dort. Der hat angefangen zu bauen. Pater Knoll hatte Backsteine gemacht. Obwohl die Mission schon 25 Jahre bestand, waren die Häuser noch ganz provisorisch. Sie haben Lehm gefunden. Pater Knoll hat an die 100.000 Backsteine gemacht bevor er zur Erholung nach Europa ging.“ (aus dem Tonbandmitschnitt von P. Vogt)

Mibirizi, 5. Dezember 1926

Mibirizi! Sie finden mich auf der Karte etwa am Südende des Kivusees; wir haben hier nur 2 1⁄2 Stunden an demselben, liegen aber 450 m über ihm. Aber es kommt noch schöner. Sie müssen nämlich wissen, dass, wenn man hier in Ruanda nach Mibrisi ernannt ist, man angeschaut wird, als wenn man in Europa nach Sibirien geschickt wird, und zwar nicht allein wegen des vielen Nebels und Regens und der Kälte, sondern auch, weil wir hier weit weg von den andern Missionen, wie auf verlorenem Posten sitzen. Was ich hier alles schaffe? Ich beschäftige jeden Tag ungefähr 150 Arbeiter und 40-50 Kinder. Kommen Sie zuerst in meine Schreinerei! Da arbeiten 10 Mann, sechs davon sind Lehrlinge, die ich erst eingestellt habe; sie haben schon einige Fortschritte gemacht; und könnte ich mehr Zeit mit ihnen zubringen, dann ginge es bald bedeutend besser. Aber sehen Sie sich mein „Sägewerk“ an. [...] Hier arbeiten acht Mann mit zwei langen Sägen am Schneiden des Bauholzes, der größeren Balken und Bretter und vier andere mit Fuchsschwänzen an den kleineren Sachen. [...] Nun will ich Sie in meine Ziegelei führen. Ich arbeite mit sog. gutem und dem gewöhnlichen Lehm. Der gute Lehm wird drei Viertelstunden von hier gegraben, von 25-30 Mann herbei geschleppt und dann von ebenso viele Leuten gestampft und geknetet. Wir stellen aus ihm Dachziegel, Fußbodenplättchen und Backsteine für Pfeiler und Treppen her. Der gewöhnliche Lehm wird auf der entgegengesetzten Seite der Mission 1⁄2 Stunde von hier gefunden; wir haben an Ort und Stelle zwei Schuppen gebaut, und 40-50 Mann sind dort mit der Herstellung der gewöhnlichen Backsteine beschäftigt. Auch meine Ziegelei-Arbeiter schaffen im Akkord, so dass ich nur auf die Qualität und nicht so sehr auf die Quantität aufzupassen habe.
„In Mibirizi war es schwierig, Lehm zu finden, weil es so weit weg war. Der Lehm in der Nähe hatte keinen Sand drin. Darum sprangen alle Backsteine in Stücke. Zuerst baute ich das Refektorium (Anm.: Speise- saal) mit zwei Zimmern daneben. Dann wurde die erste Notkirche gebaut. Die alte Kirche bestand nur aus getrockneten Backsteinen der roten Erde, die man nicht brennen konnte.“ (aus dem Tonbandmitschnitt von P. Vogt)
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Der Platz für die Ziegelherstellung, ein Brennofen und einige Gebäude von Mibirizi. (Archiv W.V. Köln)
Meine erste Bauarbeit, ein Schulgebäude, 26 m lang und 7,6 m breit, ist fertig; [...] Nun bin ich am Graben der Fundamente für die Küche. [...] Ja, und dann soll die Notkirche dran kommen; sie soll etwa 50 m lang und 8-10 m breit werden, ..[...]
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Die Notkirche von Mibirizi (Afrika-Bote 36/1930)
Wenn Sie nun den ganzen Kram zusammenrechnen, werden Sie verstehen, dass ich mich über zu wenig Arbeit nicht zu beklagen brauche. [...] Die Kinder (s. Abb. unten), die zu uns arbeiten kommen, bringen gewöhnlich ein kleines „Vesperbrot“ mit, das aus 1-2 Maiskolben oder in Wasser gekochten Süßkartoffeln und Bohnen besteht und während der Mittagspause verzehrt wird.
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Unter dem Titel „Nie arbeitslos“ erfahren wir aus dem Afrika-Bote von 1930 einiges mehr über die Fortschritte beim Ausbau der Missionsstation Mibirizi durch Bruder Privatus:
„Wir sind jetzt am Bau unseres neuen Wohnhauses. Der Rohbau ist fertig; gerade legen wir das Dach auf. Aber die 12 Türen und 15 Paar Fensterrahmen sind noch zu schreinern. [...] Der apostolische Vikar (Bischof Classe) will, dass wir unsere neue Kirche bauen sollen, da die Arbeitslöhne mit jedem Jahr höher werden. Das wird noch viel Arbeit geben. Jetzt steht noch unser altes Wohnhaus an der Stelle. Es muss niedergelegt und der Boden etwa 4 Meter tiefer gelegt werden. Alle Erde wird mit Körbchen auf dem Kopfe fortgetragen. Dann müssen für den Bau etwa 400 000 Backsteine geformt und gebrannt werden und dazu 40 000 Dachziegel.
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1931 entstand (in zwei Bauabschnitten) die Hauptkirche nach Plänen von Bischof Classe, die aber bereits 1940 wegen mangelhafter Statik von Bruder Privatus, ihrem Erbauer, wieder abgerissen werden musste. Im Interview mit Pater Vogt nimmt Privatus Jahre später kein Blatt vor den Mund:
"Das war zu schwach gebaut. Die Pläne stammten von Bischof Classe – wenn sie wollen, aber da war ein Architekt von Europa gekommen, der wollte alles besser wissen. Er sagte, es wäre viel zu schwerfällig, es müsse eleganter gemacht werden. Da wurden die Strebepfeiler um die Hälfe abgenommen, der Zwischenraum bei den Pfeilern wurde um 50 cm vergrößert. Das hat dann nicht gehalten. Bis auf die Fundamente musste alles wieder abgebrochen werden."
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Kinderarbeit: Transport von abertausenden Ziegel für den Kirchenbau.
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