Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten
1919 - Die deutsche WV-Provinz in Gefahr
Von Haigerloch nach Zentralafrika – aus den Reiseplaudereien von Pater Schumacher
Der Afrika-Bote des Jahrgangs 14 von 1907/08 enthält mehrere Berichte des Lehrers und Paters am
Missionshaus Haigerloch, sein Name war Peter Schumacher.
Unter dem Titel: „Auf dem afrikanischen
Kontinent – Reiseplaudereien von P. P. Schumacher.“ übermittelte er der deutschen Leserschaft des
Afrika-Bote seine Eindrücke und Empfindungen auf seinem Weg zu einem neuen missionarischen Wirkungsfeld
in Ruanda. Diese Region in Zentralafrika war das Reich des Sultans Musinga und gehörte zu
Deutsch-Ostafrika. Dort sollte P. Schumacher fortan im Umfeld des Sultans den einheimischen christlichen
Nachwuchs der Tutsi-Elite ausbilden. Mit ihm reisten von Marseille aus an Bord des Dampfers „Admiral"
(Deutsch-Ostafrika-Linie) auch die Patres Dennefeld, Gilli, Lodi, Ulrich sowie die Laienbrüder Paschalis
und Melchior, letzterer ebenfalls aus Haigerloch.
Die erste Missions-Karawane der Weißen Väter (Pères Blancs), mit welcher die Missionierung von
Zentralafrika durch deren katholische Genossenschaft im Auftrag des Papstes ihren Anfang nahm, hatte
sich bereits im Frühjahr 1878 auf den Weg gemacht. Im Buch der Pères Blancs „A l‘Assaut des Pays de
Negres“ (Aufbruch ins Land der Schwarzen, Maison- Carrée, Algier, Paris 1884) schreibt Kardinal
Lavigerie (Abb. links) im Vorwort:
„Es ist unser Heiliger Vater, Papst Leo XIII., der mit einem Antwortschreiben vom 24. Februar, nur
vier
Tage nach seiner Wahl zum souveränen Pontifikat, das Projekt seines Vorgängererben Kraft seiner
Macht in
Angriff nahm, denn er machte sich um die armen Völker im Inneren Afrikas ebenfalls Sorgen. [...] Es
wurden daher nacheinander vier Missionszentren geschaffen, aus denen später noch viele apostolische
Vikariate entstehen sollten. Die Missionszentren liegen am Nyanza (Viktoria-See), am
Tanganjika-See, in der Region der Muata-Yamvo-Staaten mit der Hauptstadt Kabébé, und am nördlichen
Ende
des Kongo-Flusses. [...] Am 2. März, kaum einen Monat nach Erhalt der Nachricht vom Heiligen Stuhl,
reisten unsere ersten Missionare nach Sansibar ab. Es waren ihrer zehn, nämlich:
Es ist wahr, dass nur einer von diesen bis heute verstorben ist, denn der Tod hat diese erste
Karawane
mehr verschont als jene, die ihr noch folgten. [...] Es war Pater Pascal, Vorgesetzter der
Tanganjika-Mission, den das Schicksal ereilte.“
Diese Missionare hatten einen weitaus beschwerlicheren Weg vor sich als drei Jahrzehnte später Pater
Schumacher. Die erste Karawane folgte noch dem Karawanenweg von Bagamoyo an der Küste nach Tabora im
Landesinnern. Dort trennten sich die Wege der o.g. Missionare, so wie es der Plan vorsah. P. Schumacher
hatte es da bereits leichter. Er fuhr von Mombasa (Britisch-Ostafrika) aus mit der Uganda-Bahn bis zum
Viktoria-See und von dort aus über See und an Land in das noch weitgehend unbekannte Ruanda. Hier nun,
stark gekürzt, seine eigenen Worte über diese Reise aus dem Afrika-Bote:
Mombasa in Sicht! Ich steige aufs Verdeck, und drinnen pocht es merklich, als es gilt, endlich jenes
Land zu begrüßen, dem mein Leben gehört. [...] Bald nachher dampft der „Admiral“ stolz an der
seichten
Hafenbucht von Mombasa vorbei, um in die tiefere Seitenbucht von Kilindini einzulenken. [...] Froh
bewegtes Hüteschwenken! Schon schaukeln die Missionare von Mombasa dort auf leichtem Nachen; sie
rudern
uns entgegen. „Willkommen!“ Herzlich schüttele ich P. Backhove, einem wackeren Westfalen, die Hand.
Der
Empfang ist warm wie der schwarze Kontinent und das deutsche Herz! Der „Admiral“ ankert mitten in
der
Bucht. Ein letzter Abschied von der treuen Schiffsmannschaft und unsern ganzen Reisegefährten, die
in
überwiegender Zahl erst in Daressalam landen – „Vuteni!“. [...]
Gruppenfoto der Missionskarawane für Afrika von 1907, zu welcher unter anderem Pater
Schumacher (4. v.
.li.) und Bruder Melchior (5. v. li.) aus Haigerloch sowie Pater Dennefeld (6. v. li.) aus
Trier
gehörten (Afrika-Bote 14, 1907-08, Seite 39).
Eilig haben es vor allem die Missionare; schon am 13. soll uns die Uganda-Bahn von dannen führen.
[...]
Das „Bähnle“ macht zunächst einen etwas tropischen Eindruck. [...]
Unser Bähnle saust munter dahin, wie es dem rabiatesten Schnellzuge in Europa nicht einfallen würde.
[...] Hie und da hält der Zug an einem Labsal verheißenden „Refreshment“ oder „Tearoom“. Doch wir
Missionare sind aus apostolisch-ökonomischen Gründen bereits für die ganze Reise mit dem
Notwendigsten
versehen.
Auffallend sind die Eingeborenen mit ihren zuweilen geradezu erschrecklichen Ohrgehängen. Man kann
da
Männlein und Weiblein anstaunen, die sich die Ohrläppchen durch „künstlichen“ Eingriff fast bis auf
Untertassen-Weite auseinander gezwängt haben.
Korkstopfen, Scheiben, kleine Trommeln, Federbüsche, Hundeketten, vom Ohrläppchen rahmenförmig
umspannte
mächtige Ringe und dgl. führen nunmehr dort droben ein erhabenes, klingendes und schwingendes
Dasein.
[...]
Wir befinden uns in der weiten Kapotei-Ebene, einer unermeßlichen Gras Savanne. Die ganze Bahnline
entlang zeigen sich jeden Augenblick große und kleine Herden von Groß- und Kleinwild, zuweilen bloß
einige Schritte von unserem Zuge.
Jenseits Nairobi, einem ansehnlichen, modernen Städtchen, fahren wir in eine wahrhaft gesegnete
Gegend
ein: Hügelland mit üppigem Pflanzenwuchs und dichtem Urwald. [...] Die mannigfaltigsten Bilder zogen
in
buntem Wechsel an unserm Auge vorüber, Sümpfe mit schwankendem Papyrus bewachsen, Urwaldpartien,
Waldlichtungen, von Vieherden und lanzenbewaffneten Hirten belebt, Steppen, Savannen, Hochebenen,
Gebirgsketten und Bergkegel, Seen, Kulturland, Felsmassen, ja, erloschene Vulkane, und so fort, bis
die
Nacht hereinbricht. [...]
Die Nacht war wieder sehr kalt, da wir uns in einer Höhenlage von 1500 – 1800 m bewegten. Jetzt
senkte
sich allmählich das Gelände gegen den Viktoria-See hin, den wir um 9 Uhr (bei Port Florence)
erreichen
sollten. [...] Männlein als auch Weiblein wandern in paradiesischer Tracht umher, ohne im mindesten
das
Bedürfnis zu empfinden, sich nach einem Feigenbaume umzusehen. [...] Einer der hochwürdigen Herren
Patres von Mill-Hill, ein gutmütiger Holländer, erwartet uns schon am Bahnhof. Nachdem wir das
Umladen
des Gepäcks auf den englischen Steamer „Sibyl“ besorgt haben, begaben wir uns mit dem Pater zur
Sonntagsfeier auf die Missionsstation, ein kleines, ärmliches, dreiteiliges Häuschen mit
Hauskapelle,
Wohnraum und Küche. [...] Im Hafen wird an einer neuen Landungswerft gearbeitet: Scharenweise tragen
die
Neger den Schutt auf, um als Entgelt Nahrung und monatlich 3-4 Rupien zu erhalten. Ich sah dort
auch,
wie ein schwarzer Arbeiter von dem indischen Aufseher mit der Nilpferdpeitsche, dem berüchtigten
„kiboko“, bearbeitet wurde. [...] Den guten Vätern von Mill-Hill sind wir zu großem Dank
verpflichtet,
denn nicht nur boten sie uns die herzlichste Gastfreundschaft, sonder sie besorgten uns auch all die
mühsamen Einschiffungsarbeiten, da sie mit den hiesigen Verhältnissen eingehend vertraut sind. [...]
Montagmittag wird der Anker gelichtet, und wir steuern hoffnungsvoll in den Viktoriasee hinein.
[...]
In Ntebe werden wir von unsern Mitbrüdern auf einige Stunden zum Besuche abgeholt. Wie schlägt einem
das
Herz, zum ersten Male eine schwarze Christengemeinde zu sehen! [...] Die dritte Nacht verbringen wir
(an
Bord) just vor Bukoba. [..] Wir trafen mit viel Verspätung gegen 10 Uhr abends in Bukoba ein, oder
vielmehr gingen draußen vor Anker, um dann nach 6 Uhr morgens auf etwa 200 m ans Gestade hinan
zufahren.
Die See ging immer noch sehr hoch, und erst nachmittags sollten sich daher die Landungsboote des
Schiffs
lösen. Aber es kam bereits ein deutsches Verwaltungsboot heran gerudert; schneidige Kommandorufe
tönten
an unser Ohr. [...] Kundigen Auges erspäht unser Steuermann den rechten Wasserweg, und entschlossen
lenkt er trotz der Macht der Brandung das Fahrzeug dem Gestade zu. [...] Wir gratulieren dem
wackeren
Steuermann und bitten, uns dem Zollvorsteher vorstellen zu dürfen. [...] Für die weitere Besorgung
unseres Gepäcks war er uns wieder in entgegenkommender Weise behilflich. So waren wir denn auf
unserem
Arbeitsfelde angelangt! Mit innigem Dank gegen Gott, daß er uns des Apostolats in Afrika gewürdigt
und
uns so sichtlich während der langen Reise beschützt, schlugen wir frohen Herzens den Weg zur
Missionsstation ein (Marienberg).
Von Marienberg geht es nach Rubia (Rubya) am Viktoriasee, einer Missionsstation mit einer Schule für
begabte Kinder aus der einheimischen Bevölkerung. Der Bericht von Rubia über den Zeitraum Oktober bis
Dezember 1907, erschienen in der Chronik No. 149 (Mai 1908, Seite 393-396), bestätigt die Ankunft der
Karawane der deutschen Missionare. Hier einige interessante Textauszüge in deutscher Übersetzung:
5. Oktober - Wir beenden die jährlichen Exerzitien, die am 27. September begonnen haben. [...] Die
neuen Mitbrüder treffen heute ein: die Patres Dennefeld, Schumacher, Gilly, Lody und Ulrich.
11. - Abfahrt des Oberen ( Bischof Hirth), der nach Ruanda geht. Er reist ab in Begleitung von Pater
Smoor, der das Superiorat von Rubya mit dem von Issavi (Save) tauscht. Die Patres Schumacher und
Gilly
sind ebenfalls in dieser Karawane, der erstere nach Issavi (Save) und der zweite zur Station Ruasa.
Richard Kandt, Resident von Ruanda.
14. - Wir erhalten einen Besuch von Doktor Kandt, der in Ruanda lebt. Wir wussten indirekt, dass er
heute ankommen würde. Irgendwann kündigen wir einen Europäer an: Sobald wir uns darauf vorbereiten,
ihn
in Würde zu empfangen, gehen die Väter Dennefeld und Meyer zu einem Treffen mit ihm und versammeln
die
Seminarschüler vor dem Haus. Als die beiden Väter in der Nähe des Herrn ankommen, stellen sie fest,
dass
nicht der Herr, sondern nur sein Polizeimeister gekommen ist, um dessen Ankunft anzukündigen. Dies
verhinderte jedoch nicht, dass er von der Jugend energischen begrüßt wurde: „Guten Tag, Herr
Resident!“
Die Kinder hatten das Zeichen zu schweigen nicht
verstanden. Ein Neger versteht nie, dass er schweigen muss,
wenn man es ihm nicht ganz klar sagt, er solle die Klappe halten. Es gelingt nicht immer. Gegen halb
eins kommt der Resident (von Ruanda und
oberster Vertreter der Kolonialregierung) tatsächlich zur Mission, speist bei uns und nach einem
privaten Gespräch mit Monsignore (Bischof J.-J. Hirth) lässt er uns auch in sein Lager gehen.
19. - Besuch unseres regionalen deutschen Vertreters, Herrn (Willibald) von Stuemer (Offizier der
Kais.
Schutztruppe). Er hielt sich einige Tage bei König Nyarubamba in der Hauptstadt Muleba auf, um
mehrere
Rechtsstreitigkeiten beizulegen, insbesondere, um nach Flüchtlingen aus Kyamtwara und Kyanja zu
suchen,
und um sie zu Sultan Kahigi (ein Freund von W. Stuemer) zurückzubringen.
25. - Zwei Bahamba werden dabei erwischt, wie sie in ihrem Dorf in der Nachbarschaft der Mission,
eine
Ziege stehlen. Um uns nicht unnötig in Verlegenheit zu bringen, übergeben wir als getreue Untertanen
die
Diebe dem Sultan Kahigi, ihrem König (Herrscher des Haya-Sultanats Kyanja), damit er sie bestrafen
kann.
Dieser zögerte nicht viel. Es gab fünfzehn Stockschläge und einen Monat Kette für den Hauptdieb. Der
zweite, so scheint es, war nicht schuldig; er hatte nur den anderen begleitet. (Mukama) Kahigi war
glücklich über diese Ehre, die ihm von uns zuteil wurde und schickte uns sein Hallo und seinen Dank.
Dieser Textauszug gibt ein „schönes“ Beispiel für die Kooperation von deutscher Obrigkeit, regionalen
Potentaten und den Afrikamissionaren sowie über Vorurteile von Europäern gegenüber „Negern“. P.
Stuhlmacher war in Rubia noch nicht am Ende seiner Reise. Im Afrika-Bote erfahren wir von ihm:
„Von unserem Studienheim Rubia am Viktoriasee [...] brechen wir auf, fünf Patres und an die 70
Träger.
[...] Ein recht afrikanisches Bild, diese lange Trägerreihe, die sich dahin schlängelt; all diese
dunklen Gestalten, wie sie, die Last auf dem Kopfe, des Weges dahin schwanken! [...] Da ich mich
viel zu
sehr schäme, als kerngesunder Mensch die wackelige Tragsänfte, Mashila (portugiesisch) genannt, zu
besteigen, humpele ich hinterdrein, so gut ich kann. [...] Wir sind im Lager. [...] Zu meiner
Rechten
zerren die Träger mit viel Geschrei die Zeltballen auseinander. [...] Zur Linken rennt die
Küchenmannschaft mit Pfannen, Töpfen und Hühnerwedeln. [...] Oben schlängelt sich schweigend die
Verproviantierungskolonne des hiesigen Dorfhäuptlings herein. Bananen, Süßkartoffeln, Mehl,
Brennholz,
irdenes Kochgeschirr, was nun alles Negermagen selig machen kann, bietet sich zu ergötzendem
Schauspiele
dar. [...] Gesellt sich zu guter Letzt noch ein dreidimensional möglichst großer Krug mit
prickelndem
Pombe dazu, um das Fest mit Flüssigem harmonisch zu vereinen, so steht für sie der Glücksstern im
Kulminationspunkte, denn jeder Neger bewahrt wohldurchdacht im Herzensschrein das Wort:
„Weiße sagen: Vieles Denken muß der arme Kopf entgelten. - Weil er Durst und Kopfweh hasste, trank
er
gern und dachte selten.“
Hier in Karagwe bis ungefähr an die Kagera findet man noch, dank den Bemühungen der (deutschen)
Regierung, gut eingehegte und organisierte Lagerplätze mit Hütten und Schuppen zur Unterkunft für
das
schwarze Personal. [...] Durch einstimmigen Urteilsspruch wurde ich am dritten Marschtage zur
Hängematte
(Mashila) verurteilt, wenigstens sollte ich abwechselnd dieses sonderbare Möbel und meine Beine
benutzen. [...] Der vierte Marschtag war ziemlich anstrengend. Sieben Stunden ging es fast
ununterbrochen über Stock und Stein, bergauf, bergab, durch glücklicherweise noch auf weite Strecken
gut
überbrückbare Sümpfe, also im dichten Papyrusschilfe und seenartigen Wassertümpeln, wo die
dickhäutigen
Flußpferde ihr Wesen und Unwesen treiben, dann wieder durch dichtes Buschwerk, das die leichtfüßige
Antilope durcheilt, und wo droben in den Lüften der Raubvogel seinen breit schwingenden Körper
wiegt,
mit unerhörter Frechheit hie und da niederstoßend, um den Trägern ein Stück Fleisch wohl gar aus der
Hand zu rauben. [...] Da sitzen wir denn an den Strömen Afrikas und gedenken des Landes der
Verheißung, das nunmehr unser Fuß betreten soll – und gedenken und warten, ob nicht bald die Kähne
eintreffen, die uns ans andere Ufer bringen sollen. [...]
Warten am Nyavarongo-Fluss 1907 auf ein Boot zum Übersetzen. (Arch. WV Köln)
Dort, wo der Strom das jenseitige Ufer anschlägt, landen wir. Wir sind im Ruanda- Gebiet. [...] Auf
den
ersten Blick fällt dem Fremden der Kastenunterschied in Ruanda auf. [...] Nach langen Wanderungen
kommen
wir endlich in der Mission Nsasa (Kissaka, Saza) an. Von allen Zinnen, Mauern und aus allen Räumen
weht
und flattert es uns schwarz-weiß-rot entgegen. [...] Zwei Tage lang sollten wir hier der Ruhe und
Rast
pflegen, durften wir uns in den schönen Garten- und Außenanlagen der Mission ergehen, waren wir der
Gegenstand aller möglichen Sorgfalt von Seiten unserer Mitbrüder. [...]
Wir nähern uns der schönen Mission Issavi (Save), einer Christengemeinde von über tausend getauften
Gläubigen; doch haben wir vorher über ein paar kleinere Seen und den Akanjaru zu setzen, aber
besonders
mehrere Sumpftäler zu durchqueren. [...] Wir kamen wohlbehalten in der schönen Mission Issavi mit
dem
ausgedehnten, mächtigen Häuserkomplex und der geräumigen Kirche an. Alles Bauten aus Lehmziegeln,
teils
gebrannten, teil an der Sonne getrockneten, die unsere verdienten Laienbrüder mit viel Mühe und
Schweiß
aufgeführt haben. [...] Nach einem kurzen Aufenthalte von einer Woche setzte ich mit dem mir
national
und beruflich verbündeten Italiener Herrn P. Gilli die Reise auf eigene Faust fort, da ich zunächst
einen Vorbildungsposten beziehen sollte, Kabgaye (Marangara), nördlich von der Residenz
Musingas, mein Konfrater aber sich seinem definitiven Posten Rwasa ( Ruasa, Mulera-Region
Nord-Ruanda),
zuwandte. - Dann ist wohl auch meine photographische Einrichtung so weit gediehen, daß ich das eine
oder
andere Illustrationspröbchen beilegen kann, falls unsere verehrliche Redaktion (des Afrika- Bote)
reich
genug ist, die entsprechenden Clichés dazu herstellen zu lassen. [...] Da wäre ich denn in dem so
lang
ersehnten Wirkungskreis.
Über den Wirkungskreis von Pater Schumacher im Herzen Ruandas wissen wir aus den ersten Tagen vor
Ort
recht genau Bescheid, wie es ihm dort erging. In den Chroniken vom November 1908 (CT No 155, Seite
875-878) lesen wir – in Übersetzung – unter anderem:
KABGAYÉ (Unbefleckte Empfängnis)
für März bis Juni 1908
März. 30. - Ein Schreiben sagt uns, dass Monsignore (Bischof J.-J. Hirth) eine große Änderung im
Personal der Mission von Kabgaye beschlossen hat. Generalvikar R. P. Classe wird für Ruanda zum
Oberen
der Kabgayé-Mission ernannt, und soll die Beziehungen zum König (Sultan Musinga) aufrecht erhalten.
Pater Lecoindre musste die Mission verlassen, um nach Nsasa (Saza) zu gehen, von wo aus Pater Embil
nach
Kiziba berufen wurde, um eine noch unerschlossene Gegend für eine Mission einzurichten. Von der
Mission
von Nsasa wird nach Ostern P. Buisson eintreffen, der zum Direktor der Mission von Kabgayé ernannt
wird.
Mit Bedauern für den lieben Kollegen (P. Lecoindre), der uns verlässt, wünschen wir : ad multos
annos
für den neuen Vorgesetzten.
April. 3 - Überraschende Ankunft des neuen Generalvikars (P. Classe). Wir feiern seine Ankunft.
6. Hungersnot herrscht im ganzen Land und ist sogar unter uns zu spüren. Wir schicken ein paar
Männer,
um nach Essen zu suchen. Sie fahren willkürlich in das Land der hohen Berge in die Rukiga-Region
jenseits von Ruandas großem Fluss, dem Nyavarongo.
11. - Pater Schumacher ist seit gestern unpässlich. Er klagt über starke Kopfschmerzen. An den
Beinen
bilden sich große Wunden. Er wird daher R. P. Classe morgen nicht in die Hauptstadt begleiten
können.
15. - Pater Schumacher findet es aber besser, selbst auch in die Hauptstadt (Residenz von Sultan
Musinga< in Nyansa) zu reisen. Er wird dort eben mit seinen kaputten Beinen humpeln müssen.
25. - Pater Buisson ging nach Kigari (Kigari, Sitz des deutschen Residenten, heute Kigali:
Hauptstadt
von Ruanda). Er wollte dorthin gehen, um den deutschen Residenten (Richard Kandt) zu begrüßen, aber
er
fand den Weg nur sehr schlecht. Das wird die Mitbrüder nicht dazu ermutigen, es ihm
nachzumachen.
28. - Die Väter Classe und Schumacher fahren nach Nyanza, der Hauptstadt (des Königreichs Ruanda):
Es
sind von Kabgay dorthin gut sieben oder acht Stunden Weg.
Dort pflegten sie gute Beziehungen zum König und seinen Häuptlingen und gründeten dort eine kleine
Schule (Anm.: für Kinder der Tutsi-Oberschicht).
29. Ankunft von dreizehn Balera-Christen (aus der Unruheregion im Norden Ruandas) mit zwölf Ladungen
Bohnen. Das ist gut, aber mit deren zwanzig kleinen Kindern wird es nicht lange reichen.
Mai 4. - Wir beschließen, von allen Seiten ein wenig Holz einzubringen, um die Fliesen unserer
zukünftigen Kirche zu brennen. Zu diesem Zweck (der Holzsuche) senden wir einen unserer Christen
aus.
6. Besuch eines Clan-Chefs, Ruyoba de Kifumba, Sohn eines großen Mugaragu (abhängiger
Regionalherrscher)
von König Musinga. Er kommt, um die Ablehnung zu erklären, die er unserem Mann gegeben hat, welcher
einen schönen Baum auf seinem Hügel fällen wollte. Es sei ein heiliger Baum, den sein Urgroßvater
gepflanzt habe! Dies ist der erste Besuch eines ziemlich wichtigen Clan-Chefs seit dem Weggang von
P.
Lecoindre, der hier sehr beliebt war.
27. - Rückkehr der Patres Classe und Schumacher. Sie kehrten bei guter Gesundheit zu uns zurück und
brachten uns die beiden Christen aus Issavi (zum vermörteln der Hauswände) und die beiden Lehrer aus
der
Schule in Nyanza.
Juni. 2. - Sicherlich sind unser Generalvikar R. (P. Classe) und sein Sozius Pater Schumacher stets
im
Dienst. Sie verlassen uns wieder, um in den Budaha-Wald jenseits des Flusses zu gehen und dort Bäume
für
den Rahmen der Kirche und für die Stützen zu fällen.
Rückkehr dieser Väter, eine ausgezeichnete Reise, aber auf sehr schlechten Wegen. 61 schöne Bäume
fielen, aber werden die Stämme auch zu uns gelangen?
8. - Wir versuchen, mit der Herstellung von Ziegeln und Fliesen zu beginnen, und es ist keine
leichte
Aufgabe: Der Munyamarangafa (regionaler Clan-Chef) ist sehr misstrauisch gegenüber Neuerungen. Eine
bestimmte Anzahl von Kacheln und Ziegeln ist an den Pesa, der aktuellen Währung für die Mission (in
Deutsch-Ostafrika) gebunden.
16. Ankunft von Pater Durand von der Mission von Issavi. Er wird ein paar drei Wochen in Ruasa in
der
Region Mulera verbringen, um sich ein wenig auszuruhen.
18. - Weggang der Väter Classe und Schumacher. Sie gehen nach Issavi, um "mit ihrer Gegenwart die
schönen Feste des Allerheiligsten Sakraments zu verstärken und auch den lieben Mitbrüdern zu helfen,
die
in diesen Tagen fast 1.000 Christen zu bekehren haben werden."
29. - Fest der Heiligen Peter und Paul. Die Taufzeremonie wird auf den nächsten Sonntag gelegt.
Mitarbeiter:
R. P. Classe, Generalvikar; P. Buisson, Direktor der Mission; P. Schumacher, Direktor der Schule in
Nyanza (damals Hauptstadt von Ruanda); P. Desbrosses; F. Anselme.
Pater Schumacher, der dieses Bild vom Innenraum der ersten Kirche von Kabgaye
gemacht hat, dichtete
dazu
folgende Worte: „Zu der trauten Schilfkapellen früh am Morgen zieht‘s mich hin, wenn fern
die Gipfel
hellen – zu der hehren Königin“ (AB 14/1907-08, Seite 279)
Über Pater Schumacher aus Haigerloch gibt es noch viel zu berichten. Vor allem in den zwanziger und
dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts machte er sich als Ethnologe und Sprachforscher einen
Namen.
In Kabgaye entstand Anfang der 20er-Jahre eine große Kathedrale. Kabgaye wurde zum katholischen
Zentrum
von Ruanda.