Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Gruppenbild

Schnattern und Schweigen

Klassentreffen des Geburtsjahrgangs 1946/48, Progymnasium Haigerloch


Bericht von Raimund Pousset

Es gibt Orte, an denen die Zeit sich weigert, geradeaus zu verlaufen. Sie biegt sich stattdessen zu einem Kreis. Wenn man nach Jahren des Getrenntseins wieder zusammenkommt – gezeichnet vom Leben, mit weißem oder wenig Haar, mit Stock oder langsamerem Schritt –, braucht es oft nur einen einzigen Augenblick, um das Gestern im Heute aufblitzen zu sehen. Es ist, als würde man eine Lampe in einem dunkel gewohnten Raum anzünden: Mit einem Schlag ist sie wieder da, die alte Vertrautheit aus Schülertagen.

Wir, der Geburtsjahrgang 1946 bis 1948 des Progymnasiums Haigerloch, waren eine gemischte Klasse. Eine Gemeinschaft, die ihre ganz eigene Dynamik aus den SchülerInnen der Region und den Schülern des Missionshauses der Weißen Väter zog. Von dort traten viele an, um die Welt zu verändern. Doch die Wege des Lebens sind verschlungen: Am Ende wurde nur einer von uns tatsächlich Afrika-Missionar. Otto, der für dieses Treffen den Weg aus Karlsruhe auf sich genommen hatte. Sie kamen von weit her, um die Fäden der Vergangenheit neu zu verknüpfen: Uli aus Berlin, Jupp aus Worms, Günther mit seiner Frau aus Östringen und Raimund aus Heidelberg. Der Rest von uns - samt Ehepartner- stammte aus der näheren Umgebung oder dem Schwäbischen wie der zweite Elser oder Freddy, verwurzelt in der Heimat, etwas, was ich kaum kenne und erst langsam - seit über 30 Jahren in Heidelberg - ausspreche.

Haigerloch, dieses eigentlich so malerische Städtchen, offenbarte uns eine traurige Modernität: Es verfügte über kein öffentliches Café mehr, nur das Café Mayer als Hotel. Doch Not macht erfinderisch und weckt die Gastfreundschaft. Heide und Max öffneten für uns ihr privates Reich. Im immer noch wohl gefüllten „Eisenbahnzimmer“ ihres Hauses im Café Elser gab es selbstgebackenen Kuchen und Kaffee, auch den kastrierten, altersangemessen. Das alte Volk kam teils schon selbst zurecht, aber doch wirbelte Tochter Christine immer wieder hilfreich durch den Raum.

Das Haus liegt am Rande des Städtchens, und der Blick aus dem Garten war wie ein Gemälde gegen die Vergänglichkeit: Über sanfte, sattgrüne Hügelketten hinweg schweift das Auge bis zum majestätischen Panorama der Schwäbischen Alb, im sonnigen Zentrum die Silhouette der Burg Hohenzollern. Ein wahres Kalenderbild. Hätte Walt Disney es so von der Sonne beschienen gesehen, wäre Cinderella bestimmt in diesem Schloss auf Zelluloid (oder war das damals schon digital?) zur Welt gekommen.

Im Kellerraum selbst explodierte der „Schnatter-Pegel“, besonders von draußen durch die Tür klang es wie ... genau: wie auf einer Klassenfahrt am zweiten Abend. Seit 2018 hatten wir uns – auch bedingt durch die Corona-Jahre – nicht mehr gesehen. „Weißt du noch?“ und „Was macht eigentlich…?“ Diese Sätze waren oft die Brücken über das jahrelange Schweigen. Für die Missionsschüler allerdings war das Schweigen oft von kleinen Lichtlein auf der von Freddy mit Enthusiasmus gepflegten Klepfer-Website unterbrochen worden. Und ich hörte Bemerkungen oder Fragen zu meinen letzten Reisen, weil einige mir auf dem schönen Portal Polarsteps gefolgt waren. Das Gespräch übern Gartenzaun ist eben heute digitalisiert - sonst fände es kaum/nicht statt.

Und ja, auch die Geschichten von Krankheiten und Gebrechen forderten ihren Raum. Sie sind das ungeliebte, aber treue Gepäck unserer Generation, der Boomer, an der Schwelle zum letzten Lebensabschnitt. Auf dem Foto, zu dem uns Christine vor dem Haus arrangierte, schaut dem Betrachter eine ziemlich lebendige Rentner-Gruppe entgegen.

Ein kleinen emotionaler Höhepunkt erwartete uns in der Kirche Sankt Anna. Uli setzte sich an die Orgel und schenkte uns ein wohltemperiertes Konzert. Während die Töne den Sakralraum füllten, reiste ich gedanklich zurück. Der Klang der Orgel weckte die Erinnerung an ein ganz besonderes Gemeinschaftsprojekt unserer Jugend: den Bau des großen Haigerlocher Eisenbahnmodells. Damals, von uns Missionsschülern im Internat mit Geduld und (bei mir mit nicht immer) jugendlichem Eifer erbaut, steht es heute als Zeuge unserer gemeinsamen Zeit im Boxenstopp-Museum in Tübingen.

Sankt Anna ist aber auch ein Ort der persönlichen Familienhistorie. Es ist die Hochzeitskirche meines Bruders Meinolf und seiner Frau Gaby (+). Noch während Uli die Pfeifen zum Klingen brachte, schickte ich Meinolf ein kurzes Video, eine Spur dieser lebendigen Vergangenheit.

Zum Abendessen mussten wir die Stadt erneut verlassen – ein weiteres Zeichen des Wandels, denn Haigerloch besitzt auch kein klassisches Lokal mehr. Es ging nach Erlaheim in den "Engel". Traditionelles Lokal mit stilvollem modernen Design: Form und Inhalt stimmten. Sogar mein Rumpsteak war "English". Die Gespräche an der langen Tafel flossen zwischen hoch und tief, Freud und Leid oder zwischen Neuem und Altbekanntem neu erzählt. Die spontane Tischordnung löste sich nach dem Dessert manchmal in neuer Gruppierung auf. Zeit mit allen vertieft zu reden war vermutlich niemand möglich. Aber das störte die lebhafte Stimmung nicht.

Wenn man in die Gesichter der anderen blickt, sieht man wie in einem Spiegel die eigene Vergänglichkeit. Man weiß, dass man älter geworden ist. Diese Ambiguität – die Gleichzeitigkeit von der Freude des Wiedersehens und dem Schrecken des Verfalls – gilt es in Demut auszuhalten. Tut man es nicht, drohen Trübsinn oder Verzweiflung.

Wir stehen unweigerlich am Ende des großen, guten Lebenskreises. Und doch hält dieser Kreis manchmal noch kleine, wunderbare Farbtupfer an Überraschungen bereit. Ein solcher Farbtupfer kündigt sich für die Zukunft an: Die Bilder unseres Treffens haben meinen Bruder Meinolf bewegt. Er war mit Gaby, die uns leider schon 2016 verlassen hat, eine Klasse unter mir. Er möchte beim nächsten Treffen im Jahr 2027, dass Max und Heide dankenswerterweise wieder organisieren werden, dabei sein.

Damit schließt sich eine Lücke. Denn die Reihen dünnen sich aus. In der St. Anna Kirche waren sie in meinen Gedanken ganz nah, doch im Trubel des Abendessens und im Eifer der Gespräche habe ich es versäumt, sie laut zu nennen: Seppli, Wamsli und s’Hägli. Sie sind uns vorausgegangen. Ihr Fehlen hinterlässt leere Plätze an unseren Tischen, aber nicht in unseren Erinnerung. Indem Meinolf nächstes Jahr zu uns stößt, wird ein Platz wieder gefüllt – nicht als Ersatz, sondern als Zeichen dafür, dass das Band der Erinnerung weiterreicht, solange wir atmend aneinander denken.