Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

silberblick

Charmante Silberblicke
Nicht mehr in Afrika?

Raimund Pousset

Fast hätte ich vergessen, dass ich in Afrika war; kein Kulturschock weit und breit. Alles war seit einer Woche in der Hauptstadt perfekt gelaufen. Termine und Zusagen waren eingehalten worden, alles lief pünktlich und zuverlässig ab. Vielleicht, weil Asma, seit langem eine gute Freundin und Kollegin, alles vorbereitet hatte und in der Hand hielt. Abweichend von der allgemeinen Einstellung hier verfügte sie über ein eher preußisches Arbeitsethos. Vielleicht auch, weil weitere liebevolle Freunde wie Dhoual Sorge um mich trugen. Selbst der Kellner im Restaurant am Meer beachtete meinen Wink aus der Ferne. Nur die Hitze, der Bau- und Fahrstil und die ständigen Rufe des Muezzins erinnerten daran, dass ich nicht zuhause war. Vielleicht hätte mich auch der schlechte Wasserabfluss in der Dusche, die kaputte Lampe über dem Badezimmerspiegel und der unpassende Stopfen im Waschbecken des ansonsten liebevoll und perfekt eingerichteten Apartments warnen sollen. Doch was ich eher als Kollateralschaden einer Reise ins Unbekannte betrachtet oder verdrängt hatte, erwies sich lediglich als Auftakt zum wahren Afrika, in dem ich zwei Jahre meines Lebens am Äquator zugebracht hatte. Es war im Guesthouse einer Business-School in der kleinen Stadt am Meer, wo es mich einholte. Meine auf Effektivität getrimmte arme Seele geriet unter Hochspannung. Das Apartment im ersten Stock über der Schule in der Altstadt war beim Direktor von eben jener treuen Freundin Asma bestellt und tags zuvor nochmals telefonisch von uns und auch von ihm höchstpersönlich bestätigt worden. Das Zimmer sollte möglichst unten liegen, da mir eine üble Arthrose im Knie einiges an Beschwer machte. Deshalb nahm ich auch für kürzere Distanzen ein Taxi, was angesichts der unglaublich niedrigen Preise hier für mich nicht als Luxus anzusehen war. Es war so nur leichter. Meine Nachfrage nach einem Fahrradverleih gleich am ersten Tag hatte nur Kopfschütteln hervorgerufen.
Bei der Ankunft in der kleinen Seitenstraße, die über erstaunliche viele freie Parkplätze verfügte, hieß es im Foyer und Büro erst einmal warten, denn dem Hausmeister war keine Buchung für mich bekannt. Der Direktor aber war in einem Meeting, was eine der afrikanischen Grundtugenden zumindest von mir herausforderte. Geduld! Gemildert wurde die sonst endlose Warterei mit dem Wunder moderner Technologie, mit einem WLAN, also einem funktionierenden Netz. Dazu lief spontan eine fröhliche Kommunikation mit ein paar der Angestellten. Eine besonders attraktive Mitarbeiterin, der ihr Kollege lachend vorgeworfen hatte, sie habe hier als weibliche Büroleiterin alle Macht, tippte mit wohl manikürten roten Fingernägeln das Passwort in mein Smartphone. Der sympathische Kollege stellte sich als fließend Deutsch sprechender Ingenieur heraus, der hier als Übersetzer jobbte. Zuhause in München wartete eine deutsche Frau auf Ali. Ein Mann, mit dem man unbedingt ein Bier trinken gehen musste. Er schien mir da nicht abgeneigt. Die Büroleiterin stellte sich als Leila vor. Die Klimaanlage lief bei geöffneter Tür auf Hochtouren. Fast alle trugen Masken. Uns gegenüber saß ein älteres Paar, das wohl schon länger auf eine Antwort oder einen Termin wartete. Als er aufstand, um bei der Büroleiterin etwas barsch und entnervt nach dem Resultat seines Auftrags zu fragen, sah ich am Rücken ein völlig verschwitztes Hemd. Ihm ging es wohl gesundheitlich nicht besonders gut. Seine Hand war vor Erschöpfung gänzlich blutleer geworden und hing fahl und schlaff herunter. Ich überlegte, wie schnell eine Ambulanz hier wohl eintreffen würde. Oder würde ich selbst vielleicht Erste Hilfe leisten müssen? Mund-zu-Mund- oder auch Mund-zu-Nase-Beatmung bei Corona? Mein Blick ging zu seiner anderen Hand. Sie war seltsamerweise gut durchblutet. Da begriff ich und ließ meinen Blick schnell abschweifen. Ich erinnerte mich an meinen Onkel, der nach dem Krieg als Orthopädischer Schuhmacher einen enormen geschäftlichen Boom erlebt hatte. In seinem Laden im Untergeschoss einer ausgebombten Ruine, hatten neben Krücken, Unterschenkeln und ganzen Beinen auch für ein Kind solch gruselige Hände oder Arme in allen Längen von der Decke gehangen. Eine solche Krücke, heute euphemistisch Gehilfe genannt, nutzte ich manchmal bei langen Strecken nun selbst.
Mit seinem barschen Ton war der Bittsteller etwas aus der afrikanischen Linie gerutscht, hatte er doch nicht die nächste Lektion des schwarzen Erdteils genügend verinnerlicht: Gott gab die Zeit, der Mensch sich die Uhr … und damit die Eile. Afrikas Zeitkonzept war zweidimensional, nur Vergangenheit und die Gegenwart. Die Zukunft war etwas Vages ohne große Bedeutung. Das galt besonders im Subsahara-Afrika, aber auch hier im Norden schienen mir noch die seismischen Wellen jener Einstellung spürbar. Damit war eigentlich die praktische und fassbare Gegenwart der absolute Herrscher. Das gnadenlose Motto lautete: We will cross then bridge when we come to it. Die Brücke für den nassgeschwitzten Bittsteller war einfach noch nicht gekommen. Nur der Augenblick zählte. Gelassen ertragene Unpünktlichkeit, aber auch Easy-going waren die Folge. Der Direktor lud uns sehr freundlich in sein kleines Büro ein; er sprach meine Sprache gut. Sein Schreibtisch war links von ihm mit Stapeln von Kladden, Heftern und Dokumenten belegt, die ihm bis zum Kinn reichten. Etwas ratlos blätterte er wie zu Entschuldigung im obersten Dokument. Ich tröstete ihn mit dem zarten Hinweis, dass die Menge an Arbeit ja nur zeigen würde, dass sein Laden liefe. Er nickte schwach und mit schiefem Lächeln. Ich bot ihm an, bei der Arbeit etwas zu helfen. Das Lächeln rückte auf gerade, aber er hat nie von meinem Angebot Gebrauch gemacht. Er wollte mich vermutlich nicht stören oder ausnutzen. Die fehlende Buchung meines Apartments erklärte der Direktor mit der nächsten wichtigen Lektion Afrikas: niemand ist schuld, niemand beschuldigt den anderen, schuld sind immer die Umstände, oder wie es auf Arabisch heißt: zuruf, das Z wie das englische TH gesprochen. Vor Jahren hatte ich meine Haushälterin in Schwarzafrika gebeten, mir den Weg mit dem Auto zum Supermarkt zu weisen. In einem Kreisel hatte sie vergessen, mir die richtige Ausfahrt zu nennen. Ich fuhr im Kreisel also weiter und damit falsch. Und wie reagiert eine waschechte Afrikanerin? „Oops, the car went wrong!“, flötete sie unschuldig. Die Umstände, die circumstances, diesmal das blöde Auto, waren mal wieder schuld. Ich war also schon gespannt, wie genau der Direktor aus der Nummer wieder rauskommen wollte. Und er kam raus, wie immer fantasievoll. Er habe geglaubt, wir hätten uns wegen der Zimmerbuchung auch nochmals direkt an den Hausmeister gewandt. Nicht, dass er das selbst versiebt hätte, i wo, bewahre. Indirekt waren wir damit selbst die Schussel. Er hätte es sicher nicht so plakativ grob, sondern als tragisches Missverständnis gedeutet, um Harmonie besorgt. Aber natürlich gab es auch im Guesthouse eine Lösung, wie meistens. So wie vor Jahren in einem Tierpark am Fuß des Kilimandscharo, wohl wir viel zu spät und gegen alle Regel erst bei Dunkelheit in einer völlig überfüllten Lodge und unangemeldet angekommen waren. Da hatte uns schließlich der Manager für diese Nacht sein Privatzimmer ohne Rechnung überlassen. Das Trinkgeld war dann in Höhe des Zimmerpreises ausgefallen. Im Guesthouse der Business-Schule hörten wir, ein Apartment sei gerade frei geworden, nicht ganz so schön, wie das gebuchte, aber ebenfalls mit Küche, Klimaanlage, Dusche und WLAN. Leider läge es im zweiten Stock! Es würde aber bald fertig sein. Und am Sonntag könne ich dann auch in das bessere, das gebuchte Apartment in den ersten Stock umziehen. Leila teilte mir mit, der Hausmeister würde nachher noch etwas bringen. Mein Freundin Asma begutachtete das Zimmer kurz und gab ihr Okay, bevor sie wieder in die Hauptstadt zurückfuhr. Genauer war es eine ihrer beiden Zwillingstöchter gewesen, die Asma und mich fuhren. Die Mädels leisteten solche Fahrdienste gern im Tausch gegen das Auto, das die Mutter den beiden Studentinnen sonst zur freien Verfügung gestellt hatte. Asma mochte nach einem schweren Verkehrsunfall nicht mehr gern selbst am Steuer sitzen, dafür die beiden Zwillingsschönheiten umso lieber.
Mit Unterstützung meines Gehstocks stapfte ich zum zweiten Stock hoch. Das Zimmer mit der sperrangelweit geöffneten Tür und offenem Fenster musste es sein! Der Schlüssel steckte. Die Betten waren adrett hergerichtet. Ich schloss Tür und Fenster. Bei 40 Grad im Schatten war der kühle Luftstrom der Klimaanlage schnell eine Erleichterung. Ich kühlte auf 26 Grad runter. Meine kritische Einstellung gegenüber Klimaanlagen war bei der Hitze erstaunlich rasch verfolgen. Als Zugeständnis ans gute Gewissen drehte ich lediglich nicht auf 20 oder gar 18 Grad runter und nachts schaltete ich weitgehend aus. Das Apartment im zweiten Stock hatte mindestens eine gute Seite. Ich hatte in eine Richtung hin über die Flachdächer, Wassertanks und Satellitenschüsseln hinweg einen kleinen Blick aufs silber-blaue Meer. Während die Anlage runterkühlte, suchte ich schon mal in der Dusche Erfrischung, von mir auf lauwarm gestellt. Es fehlten die Handtücher. Zum Glück habe ich immer ein Handtuch dabei. Auch an Toilettenpapier war Mangelware. Mein Päckchen Tempo konnte eine ordentliche Rolle nicht ersetzen. Für einen Zentraleuropäer hätte ich zur Not auch die hier übliche und hygienische Gesäßdusche nehmen können. Zunächst aber konnte ich wunderbar duschen. Das Wasser perlte etwas müde aus dem Schlauch, Greta hätte ihre grüne Freude gehabt. Eingedenk der Wasserknappheit hier und der Kosten war der Durchfluss dann doch recht respektabel. Ein wenig musste ich aufpassen, da die Dusche keinen Vorhang oder Tür hatte. So spritzte das Wasser doch ziemlich auf den Boden des Badezimmers. Ein Abzieher stand bereit, das Wasser in einen Bodenabfluss zu wischen. Davon Gebrauch gemacht haben meine Vorgänger offenbart nur spärlich, war das Holz der angrenzenden Tür doch knöchelhoch verfault. Ich mochte der Bequemlichkeit oder Nachlässigkeit dieser Vorgänger nicht folgen und schwang den Abzieher. Vor der Toilette breitete sich ein Putzlumpen als eine Art Vorleger aus. Ich gab ihm einen dezenten Tritt. Die sauberen Fliesen schienen mir ein besserer Schutz gegen Fußpilz zu sein. Die beginnende Siesta auf dem ersten der beiden Betten wurde sofort vom mangelhaften WLAN unterbrochen. Der Zugang vom Erdgeschoss reichte nicht bis hier hoch und für den direkten Zugang im zweiten Stock fehlte mir das Passwort. Also blieb mir nichts anderes übrig, als wieder nach unten in die Administration zu tapsen, nach dem Passwort zu fragen und Handtücher und Toilettenpapier anzumahnen. Leila telefonierte umgehend mit dem Hausmeister, der auch sofort mit einem zweiten Mann erschien. Beide wollten das unbekannte WLAN-Desasters direkt in meinem Zimmer in Augenschein nehmen. Oben in meinem Zimmer tippte der Hausmeister mit weniger eleganten Fingern, aber effektvoll in die Tasten, bis die Verbindung klappte. Der zweite Mann hatte wohl anfeuernde Kommentare abgegeben. Man kümmerte sich um mich! Zufriedenheit auf allen Seiten. Dann war noch die Frage zu klären, wie viele Handtücher ich benötigte. Es dauerte nicht mehr lange, bis es klopfte und mir zwei Handtücher überreicht wurden. Das Toilettenpapier aber hatte sich vergessen. Bei einem zweiten Rundgang wurde es mir stante pede nachgereicht. Erst später erfuhr ich, dass dieses Haus lediglich möblierte Zimmer zur Verfügung stellte, wozu offenbar keine Handtücher und Toilettenpapier gehörten, wohl aber Bettwäsche. In solchen regionalen Feinheiten nicht erfahren, hatte ich das Fehlen der Handtücher als Mangel wahrgenommen, dagegen die Anlieferung als selbstverständlich und nicht als besonderes Zuvorkommen. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er oder sie nicht nur viel erzählen, sondern auch viel falsch machen. Vielleicht, weil er desinteressiert, verunsichert oder gestresst ist. Vielleicht auch, weil er grundsätzlich nicht aufmerksam ist. Sie kann das natürlich genauso falsch machen. Im Falle der Handtücher hatte ich vorschnell meine Erfahrung und Erwartung als moralischen Standard gesetzt. Peinlich. Vermutlich hat jeder Mensch schon so eine peinliche Situation im Leben durchgemacht, die ihn beim bloßen Erinnern zum Sich-schütteln bringt. In einer fremden Kultur mag das besonders gern passieren. An einen ägyptischen Kamelreiter denke ich nur mit Grausen zurück. Eigentlich nicht an ihn, sondern an mein Verhalten. Wir Eltern waren in die Cheops-Pyramide abgestiegen und hatten unsere achtjährige Tochter in der Obhut von Mitreisenden zurückgelassen. Sie wollten freundlicher Weise gemeinsam mit ihr einen Kamelritt unternehmen. Ich hatte dem Mann dafür das entsprechende Geld gegeben. Der Ritt hatte das Töchterlein begeistert. Bevor wir in den Bus einsteigen konnten, drängte sich der Kamelreiter „hoch zu Ross“ in unsere Nähe und forderte gestenreich und lautstark sein Geld, so als wären wir Betrüger. Bezahlt war ja längst! Unwillig wies ich ihn zurück und stieg ein, setzte mich verärgert auf einem Fenstersitz. Nun drängte der habgierige Mann mit dem Kamel nah an den Bus heran und forderte weiter nachdrücklich, aber nicht bösartig, Geld, das ihm nicht zustand; eine typische Touristenabzocke, üblich in solchen Ländern! In jeder dritten Reisereportage wird davor gewarnt. Da war er bei mir aber an den Falschen geraten. Ich wandte den Kopf ab und ignorierte den Typen einfach. Jetzt klopfte der impertinente Kerl mit seiner Gerte auch noch ans Fenster. Empörend und stillos! Der freundliche Mitreisende kam durch den Mittelgang des Busses auf mich zu. In der Hand hielt er das Geld für den Ritt unserer Tochter. Er hatte vergessen es dem Reiter zu geben. Der konnte die Szene durchs Fenster beobachten. Mir sank der Boden unter den Füßen weg. Mein Magen spürte eine langsam bohrende Faust. Mit tatsächlich weichen Knien kletterte ich aus dem Bus und legte dem Reiter den doppelten Preis in die tief herunter gereichte Hand. Er grinste breit und zufrieden. In Afrika war ein Fehler schließlich kein Anlass zu vernichtender Kritik. Ein afrikanischer Freund hatte mir einmal nach drei Tagen Erst-Aufenthalt bei uns gesagt: „Ihr Deutschen seid wirklich freundliche und sympathische Leute, aber nur so lange einer keinen Fehler macht!“ Der Kühlschrank im Gästehaus funktionierte prächtig und hatte mein Büchsenbier entsprechend runtergekühlt, eins sogar im Eisfach. Hier hielt ich mir dann auch einen kleinen Speiseeis-Vorrat. Ein Glas oder einen Krug, die mir in der Hauptstadt in meinem schnuckeligen Apartment so wertvoll gewesen waren, hatte leider nicht die Fürsorge oder Aufmerksamkeit der Betreiber geweckt. Also blieb nur nach Coronareinigung der Schluck aus dem Blech. Der Fernseher funktionierte auch, allerdings war das Programm in jeder Hinsicht etwas eingeschränkt. Der einzige Sender versuchte aus Mist Gold zu spinnen, im Verkaufssender in der Landessprache natürlich, was mein Interesse am größeren Bildschirm schlagartig erlahmen ließ. Kein großes Ding, denn schließlich war ich durch das WLAN ja über Smartphone und iPad mit dem pulsierenden Leben außerhalb meiner afrikanischen Blase verbunden. Zum Abendessen hatte ich mir wegen des tagelangen Daueressens eine Runde Joghurt verschrieben. Als Esswerkzeug diente mir eine der beiden Gabeln. Leider hatte ich mein Campingessbesteck zuhause lassen müssen, weil es auf einem früheren Flug beim Zoll zu viel Misstrauen hervorgerufen hatte, auch, wenn es nicht beschlagnahmt worden war. So begnügte ich mich mit dem Gabelstil als Löffel. Für den Fall, dass ich ein Messer brauchen würde, hatte ich mit meinem Victorinox Schweizer Offiziersmesser vorgesorgt. Es hatte schon manchen Flughafen-Zoll passiert, denn seine Klinge lag mit 5,5 cm unter der erlaubten Klingenlänge von 6 cm. Ein Löffel oder eine Gabel waren bei diesem Taschenmesser aber nicht dabei und die Lupe als Löffel war zu winzig. Das fehlende Glas stellte ich mir durch Abschneiden des Randes von einem gespülten Joghurtbecher her. Eine Schere war ja eine der vierundzwanzig Funktionen des Schweizer Multifunktionsgeräts. Zu der Zeit des fröhlichen Gebrauch des Messers konnte ich nicht ahnen, welche Wendung meine innige Beziehung zu meinem Taschenmesser noch nehmen sollte. Nicht dass ich ihm verärgert oder enttäuscht den Laufpass gegeben hätte, nein, ganz im Gegenteil. Mein treues Messer, Gefährte bis in die Steppe des Maassai Mara und den Schnee des Mount Kenya, wurde mir hinterhältig und brutal entrissen, gestohlen, geraubt. Der Übel-Täter war ein Zollbeamter beim Rückflug auf dem Flughafen der Hauptstadt. Er hatte alle Zeit der Welt und ich eine Abflugzeit. Obendrein war ich noch spät dran, weil ich die Abflugtage durcheinandergebracht hatte. Vielleicht verständlich, wenn man hört, dass der Flieger um 2:15 h rausgehen sollte. Ich hatte einen Tag länger eingeplant, bis mich eine Nachricht der Lufthansa, dass mein Gate für den Flug nach Frankfurt gewechselt habe, aus dem Urlaubstrott riss. Wo ich schon aufgegeben hatte und den Flug auf einen Tag später vermutlich gegen Aufpreis umbuchen wollte, scheuchte mich Asma am Telefon hoch: Nichts sei verloren, wir seien nur wenig später als morgen normal dran. Ich packte wie im Flug, drückte die Geschenke in jeden Winkel des Handgepäcks, mit dem allein ich reiste. Das liebe Zwillingstöchterchen fuhr uns zum Flughafen, weil Studentinnen in diesem Alter nicht lieber tun, als schusselige Freunde der Mutter auf Abruf nachts um elf zum Flughafen zu chauffieren. Ein Zöllner - verflucht sei sein Großvater, der seinen Vater gezeugt hatte und die Großmutter gleich mit! - konfiszierte mein Multifunktionswerkzeug vulgo Messer in Macho-Art und auf Englisch: die Mitnahme sei nicht erlaubt. VERBOTEN! Die europäische Regel, dass Messer unter 6 cm erlaubt seien, gelte hier nicht. Meinen ziemlich lauten Protest, dass das Messer ja in Frankfurt bereits auf dem Hinflug kontrolliert und genehmigt worden sei, ließ er an seiner plumpen Amtsautorität abprallen. Auch die von mir ins Spiel gebrachten Kontrollen auf den Flughäfen von Amsterdam und Aalborg zwei Monate zuvor erweichten ihn nicht. Mir die entsprechende Vorschrift schriftlich vorzulegen, eine Quittung auszustellen, seinen Namen zu nennen oder einen Vorgesetzten hinzuzuziehen lehnte er rundweg ab. Er wusste, dass der nahe Abflug jedes Argument in Hilflosigkeit zerrinnen ließ. Weil für mich dadurch offensichtlich wurde, dass der Zollbeamte nicht gewillt war eine korrekte und überprüfbare Amtshandlung auszuführen, konnte ich nur vermuten, dass dieses unter Männern sehr geschätzte Werkzeug sein persönliches Interesse hervorgerufen hatte. Um ihm den individuellen Genuss aber zu vereiteln, zerbrach ich die 5,5 cm-Klinge des Messers am Gestänge meiner Mobilitätshilfe, sprich Rollstuhl, mit einiger Gewalt. Auf meinen wütenden Hinweis, damit sei das Multifunktionswerkzeug ja ohne die beanstandete Klinge und er könne mir das Werkzeug nun überlassen, öffnete er das Messer an einer anderen Stelle auf und zeigte einen Schraubenzieher (kürzer als jede Nagelfeile), mit der Behauptung, der sei auch schon verboten. Das führte bei mir zu einem hysterischen Lachanfall. Damit war für mich bestätigt, dass es diesem Beamten nicht um eine Amtshandlung ging, sondern um persönliche Bereicherung, sprich Raub. Eine spätere kurze InternetRecherche ergab, dass die Einfuhr von Waffen aller Art verboten sei, „erlaubt sind aber Taschenmesser und Küchenutensilien“. Asma bot mir im Chat an zu versuchen, das Messer wiederzubeschaffen. Ich dankte ihr sehr, glaubte aber nicht mehr an den Osterhasen. Trotzdem schickte ich nach meiner Rückkehr der Leitung der Zollverwaltung am Flughafen eine Beschwerde-Email auf höchster Dringlichkeitsstufe. Vorgesetzte sollten solche Personen nicht decken, auch nicht durch Schweigen oder Nichtstun. Falls es tatsächlich eine entsprechende Vorschrift gäbe, hatte ich die vorgesetzte Behörde in meinem Schreiben um Aufklärung gebeten, auch, warum der Beamte sie mir nicht vorgelegt und meinen Forderungen nachgekommen war. Asma war dann tatsächlich zum Zoll an den Flughafen gefahren, lange gewartet und erfahren: Das Konfiszieren eines Messer im Handgepäck sei rechtens. Zurückgeben könne man es leider auch nicht, da alle konfiszierten Gegenstände vernichtet würden. Der Glaube an den Osterhasen schien in dieser Weltgegend doch recht ausgeprägt zu sein. Sollte ich meinen Freunden nun eine Reise in ein solches Land empfehlen? Sicher nicht wegen dieses Menschen nicht. Mistkerle gibt’s schließlich überall. Zum Glück war ich aber nicht mit meinem Wohnmobil eingereist, wie ich es eine Zeitlang geplant hatte. Ein solcher Polizist, eine einzige Karte konnte pars pro toto das ganze Kartenhaus der touristischen Sicherheit zum Einsturz bringen. Mein Brotmesser wäre bei einem solch korrupten Typen zur Killer-Waffe, mein Glasputzmittel zum Sprengstoff und meine beiden Gasflaschen zu Autobomben geworden. Da wäre ich machtlos gewesen, hätte nirgends Schutz vor der beamteten Willkür gefunden und mein Wohnmobil genüsslich gefleddert gesehen wie weiland von DDR-Zöllnern vor dem Transitabkommen von 1972. Nicht mal die angeforderte Lesebestätigung für meine Beschwerde-Email war aus der Watte des Verwaltungsapparats zurückgekommen. Alles war im heißen afrikanischen Wüstensand verlaufen. Im Guesthouse in der kleinen Stadt am Meer hatte ich am ersten Tag die Matratze im ersten Bett durch Probeliegen als einigermaßen passabel eingeschätzt. Das sollte sich in der Nacht als Fehlgriff erweisen. Diese Federkernmatratze musste in ihren langen Dienstjahren schon bessere Zeiten gesehen haben. Jedenfalls spürte ich jetzt mehr Kern als Feder. Das mochte ich meinem lädierten Rücken nicht antun. Ein wenig zögerte ich noch im Gedenken an das Zimmermädchen, das sich später als ziemlich unmädchenhafte Matrone herausstellte, mit einem naheliegenden Lösungsversuch. Ich wechselte die Matratzen - geradewegs ins Schlafglück. Ich konnte mich nur dankbar dem dabei einsetzenden Morgenruf des Muezzins anschließen. Als ich ein paar Stunden später das Zimmer verließ, um ein wenig die Gegend zu erkunden und etwas Rasierschaum sowie Wasser einzukaufen, bemerkte ich beim Abschließen meiner Zimmertür von außen ein Loch im Kitt des Glasfensters. Mit einem starken Draht war damit, falls lediglich das Schnappschloss eingerastet war, die Tür leicht zu öffnen. Für einen Dieb ein Kinderspiel. Für einen Gast eine Katastrophe. Mein Kontrollgang an die anderen Türen auf dem Flur zeigte mir, dass es woanders wohl auch versucht worden sein musste, aber keine Tür war so „offen“ wie die meine. Mein Umherlaufen hatte die Zimmer-Matrone auf den Plan gerufen. In meinem holprigen Französisch erklärte ich ihr mein großes Problem. Der Größe des Problems entsprach nun der Redeschwall der schützenden Mutter. Keine Sorge solle ich mir machen, alles wäre in Ordnung, sie hätte hier auf alles ein Augenmerk und würde mich schützen. Ich wollte sie nun nicht weiter in meine Problemlösung einbeziehen, insbesondere wenn ich daran dachte, dass sie so gegen fünf wahrscheinlich das Haus verlassen haben würde. Der rettende Engel trat in Gestalt einer des Deutschen mächtigen Lehrkraft hinzu, dem ich das Problem kaum mehr verklickern musste, denn er sah den Schaden sofort selbst. Er versicherte mir, dass er den nun schon mehrfach in Aktion gebrachten Hausmeister sofort zur Reparatur veranlassen würde. Neben beider Bemühungen mich zu beruhigen, hatte ich mit dem Schloss ein wenig experimentiert und herausgefunden: Wenn man der Schlüssel umdrehte und nicht nur das Schnappschloss einrasten ließ, war die Tür von außen nicht zu öffnen. Da ich nun wusste, wie ich mich schützen konnte, schloss ich immer korrekt ab, wenn ich das Apartment verließ. Mein Morgenspaziergang hatte mich in ein Café meiner Wahl in der Nähe geführt. Der Espresso und das Croissant waren so gut wie in Frankreich, was vielleicht keine Entschuldigung für den Imperialismus war, aber doch ein positiver kultureller Nebeneffekt. Das gekühlte Wasser hatte ich in einem dieser kleinen Tante-Emma-Läden erstanden, die mal mehr Lebensmittel, Frischgemüse oder Drogerieartikel feilbieten. Alle aber führen Wasser in Stapeln. Mein Lädchen war fast schon ein kleiner Supermarkt. Rasierschaum gab’s dort aber trotzdem nicht, nur Rasiergel. Der war mir von Herzen zuwider. Der Besitzer verwies mich an die gegenüberliegende Parfümerie. Die jedoch trug um 11 Uhr das hübsch gemalte Schild „Fermée“ an der Tür. Einem Einheimischen schien das ebenfalls nicht zu gefallen. Er versuchte durch die Scheibe einen Blick ins dunkle Innere zu erhaschen. Rien ne va plus! Vielleicht hatte der Besitzer zum Zahnarzt gemusst? Bei meiner Rückkehr leuchtete mir am Loch in meiner Tür eine weiße Paste entgegen. Der Hausmeister hatte allem Diebsgesindel die rote, besser gesagt: die weiße Karte gezeigt. Zwei Tage später war die getrocknete weiße Paste sorgfältig mit passender Holzfarbe überstrichen. Das Mittagessen beschloss ich im Café einzunehmen, das die Schule im Erdgeschoss betrieb. Hier war gegen 13 Uhr zwar kein Fermée-Schild zu finden, aber trotzdem geschlossen. So zog es mich wieder in mein französisches Café. Das Mittagessen in Form eines Crêpe salé samt einer Flasche Wasser kostete hier weniger als bei uns ein Appel und drei Eier. Auf dem Rückweg sah ich, dass an der Parfümerie das Metallgitter vor der Eingangstür auf Halbmast gegangen war. Die Schmerzen vom Zahnarzt waren wohl doch zu stark gewesen. Im Kontrast dazu hatte das Schul-Café nun geöffnet. Ich bat Ali, meinen Ingenieur-Übersetzer um Hilfe. Ich wollte mit einem Taxi zu einem Banjo ans Meer. Er schleppte mich in das Schul-Café zurück, wo einer seiner Kumpel saß, Mehmet, der gewünschte Taxifahrer. Mehmet brachte mich gern und zu meiner Freude an einen Strandabschnitt, wo Schirme und Liegen zu mieten waren. Es war nicht besonders viel los hier, obwohl der Strand gut und das Meer eine schöne kleine Brandung hatte. Auf der Fahrt hatten wir Partnerschaft geschlossen. Mehmet begleitete mich von der Straße aus die 300 Meter an den weißen Sandstrand, damit ich als Tourist nicht beim Anmieten von Schirm und Liege übers Ohr gehauen würde. Tatsächlich handelte er einen budgetfreundlichen Preis heraus. Ich zog mein durch die Scheine der Landeswährung prall gefülltes Portemonnaie heraus, in dem auch meine Kreditkarten und der Führerschein steckten. Mehmet blickte bedenklich drein. Er erhob vorsichtig die Frage, ob ich meine Wertsachen in meinem Apartment gelassen hätte. Hier sei der Strand zu unsicher, um mit Vergnügen ins Wasser zu gehen, wenn die Wertsachen hübsch greifbar unter dem Schirm lägen. Das leuchtet mir schlagartig ein und meine Unbedachtheit war mir etwas peinlich.
Mehmets Angebot meine Wertsachen an sich zu nehmen und sie bis zum Abend beim Abholen zu bewahren, mochte ich denn doch nicht annehmen, sondern brach die Aktion kurzentschlossen ab. Sie musste als „Lernprämie für Greenhorns“ durchgehen. Morgen war auch noch ein Tag und jetzt hatte ich schon den richtigen Partner, um gut ans Meer zu kommen oder etwas zu unternehmen. Ali und Leila waren bass erstaunt, als sie mich so schnell zurückkommen sahen. Die Warnung meines Taxifahrers unterstützten beide nachhaltig, indem sie stereo die Köpfe wiegten. Zu gefährlich! Vermutlich dachten sie: Typisch Tourist! Gesagt haben sie noch: Sehr gute Entscheidung! Ich wollte Ali gern genauer nach der Sicherheit fragen, denn ich hatte ihn auf ein Bier eingeladen. Er hatte zugestimmt. Als ich aber sicherheitshalber nochmal anrief, um den Termin zu bestätigen, hörte ich, dass es morgen ginge. Also nicht, dass es heute nicht ginge, sondern nur, dass es morgen ginge. Morgen würde es allerdings bei mir nicht gehen, da ich Besuch erhalten würde. Denn meine Freunde aus der Hauptstadt fühlten sich ständig um mich besorgt und kamen schnell mal zu einem Besuch die 60 km herüber. Der Abend war nun frei und damit Platz, Mehmet mit seinem Taxi anzurufen, um eine Flasche Rotwein und ein Sixpack Heineken zu kaufen. Seltsamerweise sagte auch er tomorrow. Nun denn, dann nicht! Noch im Überlegen, was ich nun tun wolle, rief er zurück, er könne sofort kommen und mich zum Carrefour fahren. Bitte sehr, das hörte sich doch besser an! Das Taxameter lief in astronomische Höhe, was mich veranlasste zaghaft zu bemerken, dass das ein ziemlich teures Bier würde. Meine Bedenken lachte Mehmet freundlich weg, das sei nicht für mich. Das wäre für die Polizei; bei jeder Fahrt müsse der Taxameter laufen. Ich müsse nichts bezahlen. Das wiederum war mir nun auch nicht recht. Gut, dass Mehmet dabei war, wenn zunächst auch noch im Hintergrund. Ich irrte durch den Supermarkt um die, wie ich wusste, meist versteckt liegenden Caves zu finden. Hier war der Sündenort extrem versteckt bzw. nicht eingerichtet. Nicht jeder Supermarkt verkaufte Alkohol. Offensichtlich hatte mein guter Fahrer sich getäuscht. Hier gab es nichts, rein gar nichts! Wenigstens hatte ich mit beim Abklappern der Gänge und Ecken noch den Rasierschaum angeln können. Als ich trotzdem beinahe eine russische Familie nach Pivo angehen wollte [wer, wenn nicht Russen mussten wissen, wo oder wie der Stoff zu finden sei], tauchte Mehmet auf und wies mir den Weg in die prall gefüllte Katakombe. Den Abgang im Eingang hatte ich nicht weiter beachtet gehabt. Bei der Abfahrt meinte mein fürsorglicher Fahrer, vom Carrefour wäre es nicht weit zu seiner Wohnung, wo er mit seiner französischen Partnerin lebe. Er sagte allerdings girlfriend. Die erwies sich als fröhliche Ricardfeste Pariserin, die hier von ihrer schmalen Rente exzellent leben und sich so die Miete für die keine Wohnung leisten konnte. Auch ich süffelte ein großes Glas vom Anislikör, was es meiner bockigen Zunge erleichterte, durch all die Untiefen der elegantesten Sprache der Welt zu segeln. Da beide auch etwas Englisch sprachen, ließen sich meine Lücken leichter ausfüllen. Das Ende vom Lied auf der Loggia des weißgetünchten Hauses war eine Einladung zu einem späteren Dinner mit Fisch, filettiert. Ich nahm gerne an. Auf der Heimfahrt durfte ich noch einen Massagesalon von außen beäugen. Er gehörte einer seiner Verwandten. Er sah Vertrauen erweckend aus. „No sex“ hatte ich mal vorsichtig gebeten, nicht wissend, ob das hier überhaupt eine öffentliche Rolle spielte. Er würde mich an einem der nächsten Tage hinfahren, dachte ich, was er dann auch tat. Wieder handelte er, diesmal für eine Massage, einen ordentlichen Preis aus. Einen Besuch im Hamam lehnte ich ab. Der Salon war sauber und schien recht weitläufig in den Bäderbereich überzugehen. Jetzt gegen Mittag hatten vier Masseurinnen im Eingangsbereich offensichtlich nichts zu tun. Alles verlief wie in jedem Salon dieser Welt, nur die Aufforderung, mich für eine der vier Masseurinnen zu entscheiden, kam mir doch seltsam vor. Ich zögerte, schließlich haben solche Entscheidungen für die Schönheit schon Kriege wie den um Troja hervorgerufen. Kurz entschlossen wählte ich die älteste des Quartetts, die sich als nicht ungeschickte Muskelbearbeiterin entpuppte. An die hohe Qualität einer ehelichen Doppelmassage durch zwei Physiotherapeuten in Luang Prabang in Laos kam sie allerdings bei Weitem nicht heran. Nur die Zeit von etwa einer Stunde hielt auch sie brav ein und hie wie da hatte Relax-Musik das Walken, Kneten und Klopfen begleitet. Auf der Rückfahrt vom Fisch-Essen bei Jaqueline sah ich die Parfümerie im beginnenden Abend hell in blaurotes Neonlicht getaucht auf Kunden warten, die vielleicht nach Rasierschaum fragen würden. Vor dem Gästehaus angekommen, das für mich schon ein freundliches Biotop geworden war, verabschiedete ich mich von Mehmet. Ich wollte ihm einen guten Fahrerlohn zustecken. Er sträubte sich erfolglos. Vielleicht wollte er seine Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft nicht durch Geld entwertet sehen. Doch dafür würden ja noch andere Gelegenheiten kommen, etwa bei der Einladung zum Fischessen. Oder morgens im Café der Schule, wo er ständig anzutreffen war, wenn er keine Fuhre hatte. Sein Auto fuhr schließlich nicht von nichts. Ich sprang jedenfalls schnell aus dem Wagen, als er mir den Geldschein in die Hand zu drücken versuchte. Ähnlich verhielt sich später auch meine Zimmer-Matrone. Übers Wochenende hatte sie meine Wäsche gewaschen und Montag in einer dieser charmanten schwarzen Plastiktüten außen an meine Zimmertüre gehängt. Mein Dank an sie und die Frage nach dem Preis flossen in ein paar französische Worte der Ablehnung und die Geste des Handauflegens aufs eigene Herz über. Damit wollte sie in einem der Zimmer verschwinden. Ich legte schnell einen Geldschein, der mir angemessen erschien, auf den leeren Stuhl neben der Zimmertür. Ihr Blick zurück auf den Stuhl entlockte ihr ein deutliches „Sukran!“ Asma hatte gleich nach meiner Ankunft dafür gesorgt, dass ich eine lokale Simcard erhielt, als wir gemeinsam mit einer zweiten Freundin, mit Dhoual, durch die Innenstadt der Hauptstadt gezogen waren. Das war gekoppelt gewesen mit dem Versuch Geld zu ziehen. Keine meiner Kreditkarten ließ mich Erfolg haben, kein beruhigendes Rattern ertönte. Auch nicht, als ich meine kryptisch verschlüsselten Geheimzahlen hervorgekramt und kontrolliert hatte. Der entnervte, aber analoge Besuch in einer leibhaftigen Bank brachte schließlich Hilfe und Erklärung: der Server für sämtliche Finanztransaktionen war in der Hauptstadt kurzzeitig ausgefallen gewesen. „Kurzzeitig“ war durchaus keine Beschwichtigung, sondern die richtige Bezeichnung für diese Form der Digitalkatastrophe gewesen. Beim nächsten Automaten war dann das liebliche Rattern fast wie bei einem Spielautomaten erklungen. Für das Fischessen bei meinem Taxifahrer Mehmet und seiner französischen Freundin Jacqueline hätte ich kein Geld zu ziehen gebraucht, denn hier im Land war Gastfreundschaft ein heilig Gut. Auch meine vorsichtige Frage vorher, ob ich vielleicht den Wein beisteuern dürfte, war von Mehmet abschlägig beschieden worden. Also steuerte ich etwas bei, was wohl keine Frau negieren konnte. Ich kaufte auf dem Weg in einem fremden Taxi, zu dem Mehmet mich abgeholt hatte, ein Bouquet landesfrischer Rosen in pink und mauve. Und entsprechend Zellophan, Papier und pinke Bänderbüschel drumherum. Die überraschte Freude beim Überreichen des Bouquets und das verräterische Aufblitzen in den Augenwinkeln ließen mich vermuten, dass Jacqueline schon lange keine Blumen überreicht bekommen hatte. Der Aperitif auf der kleinen Loggia bestand aus Bier und Pernod, alsbald gefolgt von den Amuse gueule. Zu den Lachshäppchen und Trockenwurstscheibchen genehmigte ich mir auch einen Pernod, schließlich wollte ich Jacqueline meine Sympathie bezeugen; wir waren beide gleich alt, Mehmet war fünfzig. Er hätte locker ihr Sohn sein können. Die französische Trockenwurst ließ er liegen, was eindeutig mir zugute kam. Der ausgezeichnete Loup de mer kam als gedünstetes Filet an Gemüsebett und Reis. So hatte ich es mir gewünscht. Mein Wunsch hatte aber leider dazu geführt, dass die Hausfrau sich beim Filetieren in den Finger geschnitten hatte. Sie war gerade am Karpaltunnelsyndrom operiert worden und entsprechend gehandicapt. Natürlich fehlte auch eine gute Flasche Weißwein nicht. Die Weltanschauungsfrage, ob Käse nun vor oder nach dem Dessert kommt, hatte Jacqueline salomonisch gelöst. Sie servierte die herrlich dünnen Crêpes samt Erbeermarmelade gemeinsam mit drei Käsen. Der Platz am Ende des Dinners blieb dann undiskutiert dem Espresso vorbehalten.
Das Bier-Treffen mit Ali an einem der nächsten Abende wuchs sich zu einem veritablen Gelange aus. Ich hatte noch die attraktive Leila dazu gebeten, was sich als ganz besonderer Farbtupfer in unserer Männerwelt erweisen sollte. Bei der Wahl der Feierlichkeit konnte ich als eigentlich Ortsfremder doch schon auf Erfahrung zurückgreifen. Ich hatte nämlich Dhoual samt solidem Ehemann Hotoum und heftig pubertierender Tochter zwei Tage vorher zu Besuch gehabt und mit ihren ein ebenso heftig empfohlenes Restaurant besucht. Beide Eltern hatten mich fast täglich angerufen, wenn ich nicht in der Hauptstadt war. Oder ich erhielt von ihnen oder anderen Freunden über die sozialen Dienste Fotos oder Nachrichten, die ich gern beantwortete. Sie alle wollten sichergehen, dass ich zufrieden nachhause zurückkehren würde können.
Das mir also bekannte Restaurant lag in einem orientalisch anmutenden Hotelkomplex etwas am Rand, genau an der Klippe zwischen zwei Buchten und ging über in eine reetgedeckte Lounge auf einer Landzunge. Ein perfekter Platz ab 18 Uhr für den Aperitif und ab 21 Uhr zum Versacken. Der Tisch beim Essen stand quasi infinity im Meer. Wir hatten in der Lounge zunächst einen Drink genommen, um dann an jenen Tisch im Meer zu wechseln, der uns die eine Bucht mit seinem blendenden Sandstrand zu Füßen legte. Unterdessen hatte sich das Töchterchen in der üppig ausladenden Badelandschaft des Hotels vergnügt. Die Speisekarte, die wir vier dann abarbeiteten, gehörte sicher zur gehobenen Klasse des Landes. Ansonsten trank ich als einziger Christ am Tisch neben dem in der Hitze von 38 Grad obligatorischen Wasser ein kühles Bier, die anderen blieben bei Wasser. So wie es im Land Sitte ist, verblieb am Ende auf drei Tellern ein kleiner Rest. Während wir Erwachsenen bei einem Espresso in der Lounge noch im Glück der exzellenten Cuisine schwelgten, paddelte unsere pure Pubertät schon wieder im Pool. Ihr Smartphone hatte sie dabei tatsächlich aus der Hand gelegt. Sie war vierzehn, ging optisch aber glatt als zweiundzwanzig durch. Mein Smartphone hatte sich besonders in einem Fall als segensreich erwiesen. Hotoum, der solide Ehemann, ein Mathematiklehrer, sprach nämlich so gut oder schlecht Englisch wie ich Französisch. Bislang hatten wir meist über seine Frau Dhoual im Dreieck kommuniziert, da sie uns als Deutschlehrerin problemlos unterstützen konnte. Jetzt kam meine Übersetzungs-App über die Stellung „Unterhaltung“ und „automatische Spracheingabe“ zum vollen Einsatz. Damit war eine Ehefrau „überflüssig“, wie wir derselben wenig galant und grinsend zu verstehen gaben. Sie lachte schallend, wohl wissend um ihren Wert. Wir schlossen Freundschaft. Ich hätte ihn gern an meinem Stammtisch zu Hause gesehen.
Meinen Ingenieur Ali und die attraktive Leila konnte ich gleich zu Beginn des Abendessens vor der Vorspeisenplatte warnen, da dieselbe die Tage vorher mit den Freunden nichts weniger als gigantisch ausgefallen war. Unser erster Drink war, wie angedacht, für jeden ein Becks. Zu meiner Freude konnten sich die beiden leicht entschließen, später einen schön abgerundeten Rosé-Wein aus der nationalen Produktion zu trinken. Und Wasser, natürlich. Dazu kam eine Seefrüchte-Platte vom Feinsten, auf der die Riesengarnelen appetitlichst hervorstachen. Ihr Name war nicht bloß werbende Worthülse, sondern Metapher für die Realität. Wir machten uns ans Werk, während der Abend über der Bucht herniedersank. Langsam verließen unten am Strand oder im Pool auch die letzten Wasserratten ihr Element.
Unser Gespräch drehte sich um Gott und die Welt, um Glaube und Religion, um Demokratie und Frauenrechte. Als wir das Thema berührten, dass Leila und ich kürzlich erst schwere familiäre Verluste erlebt hatten, schwappte die Melancholie der Abendstimmung schwer in unser Gespräch. Mein Schicksal ließ Leila heftig schlucken, bis die Tränen rollten. Ich konnte ihr nur eine coronabedingte Hand aufs Haar legen. Als sie diese ergriff, war es auch um meine Fassung geschehen. Sprechen war nur stockend möglich. Von links und rechts legte sich eine tröstende Hand der beiden auf meine Schulter, während ich mir langsam gefestigt die Trauer aus den Augen wischte.
Wenn der Sonnenaufgang die erwachende Welt in Silber taucht, dann hält der Sonnenuntergang pures Gold bereit, dessen Rotanteile je nach Luftfeuchtigkeit variieren. Hier an der Bucht mit der weißen Häuserkaskade beherrschte das arabische Rotgold die Szenerie eines Kalender-Fotos. Mit passender Geschichte wie der von Leila und mir hatte sich ein schwerer Celloklang aufs Gemüt gelegt. Die zarte Brise vom Meer auf erhitzter Haut und die fremden Zungen und Klängen von der fernen Gartenbühne im Ohr, spiegelten vor dem inneren Auge die Magie von 1001-Nacht. Mindestens so lange bis die Rechnung kam. Keine Fata Morgana! Doch fiel die hier mildernd immer um weniger als die Hälfte gegenüber zuhause aus.
Bestimmte Klänge von der Gartenbühne hatten Leila immer wieder aufspringen und hinreißend neben dem Tisch allein tanzen lassen. Fast niemand saß in der Nähe. Ich hatte dieses spontane auch allein Tanzen der Frauen schon öfter erleben können, zuletzt beim Eintauchen in den Massentourismus während einer Fahrt mit einem von 16 Piratenschiffen zur berühmten Wüsteninsel, die mit den endlosen weißen Stränden. Kutschen und Reitpferde brachten die Faulen und Gehandicapten zu den Liegen und Sonnenschirmen. Hier war ich mit vier Freundinnen und Kolleginnen unterwegs gewesen, die spontan und sofort in den meist femininen Tanzchorus einstiegen, der auf Deck des Schiffes, von dröhnenden Boxen und einem alerten Karibik-Kapitän angetrieben, pausenlos während der einstündigen Überfahrt ablief. Die Paare, die zusammen tanzten, waren oft auf der Hochzeitsreise, was besonders bei den Frauen an sehr zarten Mustern in Schwarz auf den Händen oder in Henna um die Füße herum erkennbar war. Ein diskreter Blick auf den Bereich des Schlüsselbeins verriet sogar den Namen des Liebsten. In Kalligrafie versteckt war dort zu lesen, dass die unbekannte Schöne sich etwa einen Ahmed geangelt hatte. Wir hatten hier vor Kurzem eine dieser Hochzeiten erlebt, die mich in ihrer explosiven Lebensfreude an eine polnische Hochzeit erinnerte. Die arabische Hochzeit hatte in einem Hotel am Meer stattgefunden. Die Braut und der Bräutigam, nun ein Ehepaar, hatten dabei auf einem Podium thronend das Defilee der Gratulanten abgenommen und jeweils Fotos schießen lassen. Oft stand das Paar auch auf, um die Huldigungen entgegenzunehmen, die Braut mit einer drei Meter langen Schleppe kämpfend. Es dauerte also Stunden, derweil die Menge vor dem Braut-Thron immer wieder hingebungsvoll tanzte, manchmal auch das Brautpaar. Auch dort war ein arabische Ohrwurm, den ich später auf dem Piratenschiff und im Gartentheater immer wieder hören sollte, ein großer Hit. Ich würde ihn in reimenden Bruchstücken mitsingen können. Das Tanzen geschah alles gänzlich ohne Einfluss von Alter, Gewicht, Kopftuch oder Attraktivität. Es war einfach die pure feminine Lebensfreude, die ihre Basis offensichtlich in einem wunderbaren Körpergefühl hatte. Dasselbe hatte sich auch auf der Rückfahrt auf Deck des Piratenschiffs wiederholt. In der Tanz-Bewegung verwandelte sich auch das hässlichste Entlein in einen eleganten Schwan und manche der eher ruhigen Männer zeigten plötzlich Körpergefühl und maskuline Eleganz.
Leila bewegte sich am Tisch des Restaurants schmiegsam zur Musik und mit atemberaubender Handgestik, wie ich sie zuletzt zuhause auf der Hochzeit einer türkischstämmigen Braut bewundert hatte. Die Hände konnten überstreckt werden, fast so, wie ich es in den Apsara-Tänzen der Khmers in Kambodschas gesehen hatte. Wir Männer blieben hocken. Ich klatsche zumindest ein wenig im Takt, als wollte ich Leila sagen: „Mach weiter, du bist wunderschön!“, was die Einunddreißigjährige ohne jeden Zweifel war. Ich vermute aber, dass sie solchen Zuspruchs nicht bedurft hätte. Wir mochten noch nicht nach Hause, auch wenn das Restaurant schloss und um Mitternacht die Corona-Sperrstunde drohte. Also zogen wir durch den dezent illuminierten Garten vor die Bühne, von der den ganzen Abend die Musik zu hören gewesen war. Viele der vielleicht 400 Plätze waren schon verlassen. Nur vor der Bühnen sprang das Jungvolk in Rhythmus und Gegenlicht als Silhouette auf und ab. Leila schoss nach vorn. Der DJ hatte gerade „Jerusalema“ von Master KG aus Südafrika aufgelegt, ein mächtiger Ohrwurm, der in Herz und Körper schoss. Dazu tanzten auf der Bühne zehn Tänzerinnen zur Animation die spezielle Choreografie des Songs oder für die gemütlicheren wie Ali und mich zur Freude. Eigentlich ein religiöser Song, der das wahre Himmelreich oder Paradies preist. Auf YouTube lassen sich weltweit unzählige Challenges zu dieser Choreografie finden. Die Bühne schloss.
Noch blieb eine gute halbe Stunde, bevor wir wegen der Sperrstunden wirklich fahren mussten. Womit hätte sich diese Zeit besser füllen lassen als mit Tanz? Das galt zumindest für Leila. Sie musste Terpsichore, der Muse des Tanzes, ein Rauchopfer gebracht oder mit der Mutter der Sirenen einen magischen Deal abgeschlossen haben, jedenfalls liefen wir im offenen Foyer der Hotellobby unter mächtigen Palmen in die warme Wand von Musik … und Tanzenden, diesmal mehr beim Paartanz. Ein flottes Rentner-Duo, das auch russische Songs draufhatte, schmeichelte mehr den romantischen Seelen. Das hinderte Leila keineswegs daran, schon ein wenig außer Atem, erneut allein ihren Körper im Takt zu wiegen. Ich ging an die Bar, holte Cocktails und für Leila einen Likör, einen Amaretto. Für uns Männer bestellte ich einen „Sex on the beach“ und „Mojito“, wobei auf der Karte nur „Love on the beach“ zu finden gewesen war. Da der Barmann aber Orangensaft, Wodka, Pfirsichlikör und irgendeinen roten Schuss gemixt hatte, vermutete ich das Gleiche. So war es auch. Es schmeckte in der Hitze der Nacht ein wenig nach Jerusalema. Dann war mit einem letzten Song und Tanz auch hier Schluss. Terpsichore war müde. Auf der Rückfahrt in Alis Wagen konnte ich den beiden nur noch den Eissalon zeigen, den ich genau wie beim Dinner mit Dhoual und Familie als Dessert-Highlight eingeplant hatte. Hier konnte man am Strand auf Polstern sitzen, die Wellen, Nacht und Sterne genießen, während man das krasse italienischen Eis löffelte. Würde der Teufel oder die Götter die schlimmste Strafe für beinharte Sünder suchen, hätten sie hier fündig werden können. Eine magische Glasscheibe zwischen Höllenglut und diesem Eissalon im Sand, mit seinen ewig kaltes Eis schlotzenden Erdenbewohnern vor der Nase, wäre für all die Schurken der Weltgeschichte die wahre Höllenpein gewesen. Eine solche Qual hatte sich kein Gott ausdenken können. Bei Tantalus hatte es als Strafe nur zur simplen unerreichbaren Nahrung wie Wasser und balsamischen Birnen, Feigen oder Oliven gereicht, hier aber war es göttliches gelato italiano. Erstaunlich, dass auch Hesiod eine solche Strafe nicht erzählt hat, denn immerhin kannten die Griechen den „Schnee vom Olymp“ längst vor den Römern. Vielleicht hatte Hesiod aber auch einfach kein Eis gemocht. An einem Wochenende hatten mich Dhoual mit Hotoum in ihre Ferienwohnung eingeladen, die in einem kleinen Dorf in 200 Metern Höhe mit Blick über einer weiten Bucht lag. In dieser Gegend stachen besonders die grünen Hügel hervor, auf denen emsig Milchwirtschaft betrieben wurde. Im Dorf roch es intensiv nach Kuh. Der allgegenwärtige Plastikmüll fiel hier kaum geringer aus als im ganzen Land entlang der Straßengräben oder auf Feldern. Manchmal von Schulen organisierte Großputztage verzischten wie Tropfen auf dem heißen Stein. Das Land war zugemüllt; wie mein Land eigentlich auch, das als sehr sauber galt. Wahrscheinlich aber war es nicht sauberer, sondern bloß sauber gemachter. Das war dem ästhetischen Blick natürlich egal. Auf der Fahrt in die Berge am Meer braute sich ein Unwetter zusammen. Düstere Wolken drückten sich neben der Straße schon länger in die Erde. Doch was dann kam, konnte nicht mehr als Folklore durchgehen. Zunächst schob sich die schwarze Wolke vor uns über die Straße und erwies sich als ein veritabler Sandsturm aus der nahen Wüste. Schritttempo wurde zu Stillstand. Warnblinkanlage an! Nach wenigen Minuten mischte sich der prasselnde Sand mit heftigem Regen. Der Scheibenwischer war in der gelbschwarzen Nacht sinnlos. Regen und Sand trommelten mit spitzen Fingern aufs Blech, fast wie feiner Hagel. Jetzt stand die Welt still. Im Auto war man sich brüllend einig: so was sei noch nie vorgekommen. Sandsturm ja, Regen ja. Doch Sandsturm mit Regen: Klimawandel, eindeutig! Nach 10 Minuten schob sich langsam von hinten ein Reisebus an uns vorbei. Die Passagiere in so einem Bus konnten sich sicherer fühlen, als wir in unserer kleinen Blechkiste, die der Regen zu seiner Trommel gemacht hatte. Wir mussten uns noch eine Weile betrommeln lassen. Aus den Nachrichten erfuhr man später, dass in anderen Teilen des Landes Katastrophenalarm ausgelöst worden war. Auf der Weiterfahrt in Dhouals Ferienwohnung kündeten überall stumme Bauruinen vom wirtschaftlichen Einbruch. Die dürren Betonfinger auf den obersten Stockwerken mahnten dringend den Weiterbau an. Noch konnte sich kaum einer um solche Mahnung kümmern. Nur hie und da regte sich aufbauende Geschäftigkeit in den traurigen Zeugnissen der Verwundbarkeit unserer globalisierten Welt. Hier hatte ja nicht nur die Pandemie gewütet, sondern „der Islamismus“, wie die liberalen Muslime hier den Terror und die konservative Richtung des Islam in aller definitorischen Unschuld selbst nannten. Vom Flachdach des Hauses hatte man einen weiten Blick auf Bucht und Strände, die den wenigen Wasserratten und Sonnenanbetern üppigen Platz boten. Verloren stand ein reetgedecktes Podest mit Tisch und Stühlen im Meerwasser. Die müde Brandung schwappte über seine Stufen. Wer im glasklaren Wasser zu lange stand, den zwickten gelegentlich kleine Fische am Fuß. Ich habe nicht versucht das auszuhalten, um mir ein zweifelhaftes Fisch-Spa zu ersparen, bei dem zahnlose Saugbarben die Pediküre leisten. Vielleicht hatten diese Zwick-Fische ja doch Zähne!? Keiner der Schirme war belegt. Der Wirt im Schaukelstuhl des einzig geöffneten Strandlokals war sein eigener Gast. Mögliche andere Gäste strebten gelegentlich auf seine Toilette im Hinterhof, so auch ich. Die Idylle des dörflichen Strandes hatte sich in bleierne Melancholie gewandelt. Ich hatte allein wegen des Toilettenwirts gehofft, dass meine Gastgeber den angekündigten Besuch eines typischen Restaurants hier würden stattfinden lassen. Weit gefehlt! Das Kalb- und Putenfleisch, das Hotoum in rauen Mengen eingekauft und Dhoual mariniert hatten, sollte im nahen Fischrestaurant am alten Hafen gegrillt werden. Die frischgefangenen Fische und Riesen-Garnelen des Restaurants wurden uns auf einer üppigen Platte als eine Art Beifang angeboten. Wir saßen mit den Füßen im leichten Wellengang des Meerwassers an einem Esstisch auf felsigem Grund. Ein Schirm bot Schatten vor der frühen Abendsonne. Etwas entfernt lungerten im Sand ein knappes Dutzend Katzen herum, dies wohl jeden Abend in Erwartung des gebuchten Festmahls, das auch prompt anflog. Wir warfen stets nach Ende einer Fisch-Bearbeitung Kopf, Gräten und Schwanz im stillen Bogen in die Katzenmenge. Ein halber Fischkopf blieb eine Weile an einem mageren Katzenrücken hängen. Im Anfang waren Tatzenhiebe und Fauchen die Folge des Manna-Regens gewesen. Doch der stete Strom der Essensreste hatte langsam ein entspanntes Verhalten am Katzentisch zugelassen. Ansonsten war Dhoual die unangefochtene Herrin der Küche, auch wenn Hotoum am Küchentisch sitzend emsigen Support-Service lieferte, d.h. er schnibbelte das Gemüse in Julienne und Brunoise vom Feinsten und, wie üblich, in rauen Mengen. Ein solch anerkennendes Urteil darf ich gewiss fällen, da es in der Regel mir zukommt, einen solch hohen Grad an Feinschnitt abzuliefern. Am Nachmittag war Asma mit dem Sammeltaxi aus der Hauptstadt herübergekommen und hatte mit im Fischrestaurant am alten Hafen gegessen. Ich hatte mich still gefragt, wie jetzt die Verteilung der Betten für die Nacht ausfallen würde. Bisher hatte ich „als König“, als Gast, das große Bett im Schlafzimmer der Eltern erhalten, auch wenn mir das nicht recht gewesen war. Aber die Gastfreundschaft hatte da keinen Widerspruch geduldet! Und überdies sei man gewohnt im Sommer auf dem Boden zu schlafen. Ob das den Gast beruhigen sollte oder der Wahrheit entsprach, konnte ich nicht überprüfen. Dhoual und Hotoum hatten zwei Matratzen aus dem zweiten Zimmer als Nachtlager im noch nicht vollständig eingerichteten Wohnzimmer auf einen großen Teppich gelegt. Das Töchterchen schlief im zweiten Zimmer allein und ungestört mit angeklebter Hand am Smartphone. Wo also sollte Asma nun hinkommen? Die Lösung war der girls‘ room. Die drei Frauen schliefen zusammen auf Matratzen im zweiten Zimmer, Hotoum allein weiter auf einer Matratze im Wohnzimmer. Und ich, nun ja, ich residierte weiter im Schlafzimmer. Ich hatte beschlossen, die großzügige Geste zu genießen. Eine weitere großzügige Geste zu genießen, sollte ich bald Gelegenheit haben. Ich hatte meinen runden Geburtstag nicht allein zuhause organisieren wollen und deswegen meinen Urlaub über 9/11 hinaus gelegt. Ich lud einen kleinen Kreis von Freunden zu meiner Geburtstagsparty in einem vielversprechenden Restaurant am Rande der Hauptstadt hoch über dem Meer im Freien ein. Die ewige Brandung gab eine besondere Note ab. Für mich war es ein berührender Tag mit allem was zu einem Geburtstag gehört – eben in der Fremde. Alle hatten sich Mühe gegeben mir den Tag zu verschönern, sei es durch ausgesuchte Geschenke, Kleidung, Gesang und Torten - oder einen Friseurbesuch. Am meisten natürlich durch ihre Anwesenheit, was sie vielleicht selbst weniger hoch einschätzten. Der Kellner hatte seinen Dienst extra auf heute verlegt und über dem Schirm eine Lichterkette für die Party angebracht. Wir stießen auch auf meinen Geburtstag an, ich sogar mit einem Rosé des Landes. Meine angedachte Rede geriet durch längere fröhliche Einwürfe der Gäste eher zum Dialog. Wir aßen à al carte. Mein lange gewünschtes und in der Karte genanntes Tournedos Rossini musste ohne Rossini auskommen, also ohne Trüffel und Gänseleber. Auch fette RiesenGarnelen sah ich wieder auf den Tisch wandern, diesmal auf den Teller meiner Nachbarin Jenny. Jemand hatte ein Tischfeuerwerk in der unglaublich leckeren Nuss-Torte aus der bekanntesten Konditorei der Hauptstadt spendiert. Als es gezündet war, hielt ich inmitten der Freundesgruppe den Kuchenteller hoch. Auch von den Nachbartischen erklang Applaus.
Nur die beiden aus der Business-Schule, Laila und Ali, hatten nicht kommen können. Nicht, weil sie nicht gewollt hätten, sondern weil die Einspritzdüse von Alis Auto auf der Autobahn versagt hatte. Ein offizielles Abschleppen durch einen der am Wegesrand lauernden Geier war nicht möglich, da Alis Kfz-Versicherung abgelaufen war. Eine neugierige Polizei hätte er wohl bestechen müssen. Ein Mietwagen war daran gescheitert, dass die Kaution gerade nicht flüssig war. Ein hilfsbereiter Autofahrer hatte dann in der Dunkelheit nicht nur die Not der beiden en panne sofort erkannt und sie zur nächsten Mautstation geschleppt, sondern dafür auch noch kräftig die Hand aufgehalten. Das alles hatte so lange gedauert, dass es wegen der Sperrstunde besser gewesen war, dass die beiden nicht mehr mit dem Taxi ins Restaurant gefahren gekommen waren, sondern direkt zu meinem 2- Zimmer-Apartment. Hier bezogen die beiden im Wohnzimmer Nachtquartier: Leila auf der Couch, Ali auf den leider etwas mobilen Sesselpolstern. Das entgangene Geburtstagsmenü holten wir am nächsten Morgen mit einem opulenten Brunch in einem nahgelegenen Café zu dritt nach. Diesmal tanzte Laila nicht selbst, sondern ihre Augen mit extrem langgebogenen Wimpern strahlend. Zwei feine Geburtstagsgeschenke hatten sie schon am Abend zuvor überreicht. Der Zimmerwechsel im Guesthouse der Business School war mir für Sonntag versprochen worden. Doch nichts geschah am siebten Tag. Ich habe nicht nachgefragt und mich nicht geärgert. Denn die letzte Lektion für ein Leben in Afrika heißt: die Absicht zählt und nicht die Tat. Mir das Zimmer versprochen zu haben, war fast genauso viel Wert, wie es mit gegeben zu haben. Und wenn man es genau betrachtete, das heißt die negativen Anteile ausblendete, dann ließen sich, seien wir doch mal ganz ehrlich, nur lauter positive Gründe erkennen: Ich hatte nicht den lästigen Umzug veranstalten müssen, obendrein ein gutes Training für mein lädiertes Knie gehabt und nur hier oben im zweiten Stock leuchtete das Meer noch immer beruhigend blau in mein Zimmer. Noch einen einzigen weiteren Grund mehr und ich hätte dem Hausmeister dankbar sein müssen, dass er den Zimmerwechsel verschusselt hatte. Oder war’s wieder der Direktor? Als mich Asma in der Business-Schule abholte, war sie um 10 h auch mit dem Direktor verabredet. Sie kam pünktlich um 10:20 h an. Der Direktor war in Meetings, entschuldigte sich. Wir warteten im Café der Schule und besprachen das nächste Seminar. Um 11:45 h wurde Asma unruhig. Sie hatte noch einen Termin in der Hauptstadt und eines der Zwillingsmädchen wartete in meinem französischen Café auf uns. Die Zeit tröpfelte. Kurz vor 12 bedeutete Asma dem Direktor von seiner Bürotür aus, dass wir bald fahren würden. Unter zwei dicken Kopfhörern für das Onlinemeeting nickte er freundlich zustimmend. Ich frug mich, wann Asmas Geduld aufgebraucht sein würde. Als unser Wagen vorfuhr, huschte sie erneut ins Büro. Er würde sofort kommen, war der Bescheid, wir sollten schon mal mein Gepäck in den Wagen bringen. So geschah’s - und prompt tauchte der Direktor auf! Das Gespräch der beiden verlief angeregt, ab und zu erklang ein Lachen. Gegen halb eins starteten wir schließlich zwei Stunden später als geplant, aber den Geduldsmuskel gestählt. Der Direktor verabschiedete sich. Eine Bezahlung lehnte er ab und mich erneut ein. Noch eine generöse Geste der Gastfreundschaft. Später, im nächsten Urlaub, wenn ich vielleicht länger bliebe und ihm ein wenig helfen könnte, das wäre schön. Selbstverständlich gegen Bezahlung. Ich sah den Stapel an Akten auf seinem Schreibtisch bereits schmelzen. Zum Schluss gab’s noch eine Erklärung für das Unerklärliche: Das bessere Zimmer hätte ich leider nicht beziehen können, weil die Leute länger geblieben seien. Aha, die Leute! Die können einfach so verlängern, obwohl das Zimmer bereits gebucht ist, und das sagt diesen Leuten keiner. Somit war endlich alles gut gefügt und ich im Einklang mit dieser kleinen Welt. Ich war zurück zuhause in Afrika.