Atomkeller
von Michael Schönherr
Das war mal wieder eine geniale Mail (Anmerkung: Rundmail vom 25.7.17) mit der fantastischen Gruppe
"Laibach" und ihrem Bezug zu Haigerloch. Auf den Skalen der Kriegszeitradios fand ich auch immer
"Laibach" zusammen mit Hilversum, Wilna, Benommenster und 100 weiteren seltsamen Orten, die man
angeblich bei Nacht zwischen elektronischem Gezwitscher und stark brummenden kommunistischen
Störsendern einfangen konnte, aber am Schluss war's bei Stuttgart, Südwestfung oder Radio
Beromünster geblieben. Das traf auch unter der Bettdecke im Haigerlocher Schlafsaal zu, aber es war
viel wichtiger, dass man was hörte, als was man hörte. Müdigkeit und die Befürchtung, dass der
Superior die Erdung im Wasserhahn oder die Antenne am Fenster beim nächtlichen Gang durch die
Schlafsäle entdecken könnte ließen keine gute Stimmung aufkommen und nach einigen Monaten war die
Lust an Detektor und Radiomann vergangen, der antennenlose Transistor war ohnehin im Anmarsch. Und
das Silentium? Hören war ja nicht Sprechen und nur Sprechen war verboten. So mancher Pater kam ins
Grübeln.
Was für Probleme 1957! Kaum 300m vor der Haustüre des Missionshauses drohte 12 Jahre vorher ein
Kernreaktor unter der Schlosskirche überkritisch zu werden, und das hätte auch böse für Haigerloch
ausgehen können. Dort war 1945 der Brennpunkt der deutschen Atomforschung, aber Ziel war das
Atomkraftwerk, während die Amis kurz vor der Atombombe standen, die in Deutschland nicht angestrebt
war. Man erwartet eigentlich das Umgekehrte, vielleicht war das auch ein Motiv der Gruppe "Laibach".
Während meiner Haigerlochzeit, 1954-57 hat man im Missionshaus praktisch nichts von den Vorgängen
gehört, nur dass der Pfarrer Gulde die befohlene Sprengung des Felsenkellers durch die Amis
verhindert habe. Er überzeugte den amerikanischen Sprengmeister, dass ein bisschen gesprengt ja auch
gesprengt sei, so dass der mit ein bisschen Knallen im Felsenkeller es bewenden ließ und damit die
Schlosskirche rettete. 1978 gab es einen schönen Artikel in der kostenlosen iwz, die man auch heute
noch etwas verkleinert in halb Deutschland am Freitag im Briefkasten findet.
Michael Schönherr