Die Zeit in Haigerloch
Aus: Abschied von der Weichsel
Erlebnisse eines Flüchtlingskindes nach dem 2. Weltkrieg
von Wolfgang Kuhr
[...]
Nach der Weihnachtszeit begann für mich ein neuer Lebensabschnitt, und wenn ich es recht sehe, war
er wohl der nachhaltigste in meinem Leben: der Eintritt ins Missionshaus der Weißen Väter in
Haigerloch, einem humanistischen Gymnasium mit Internat, das ausschließlich von Patres geleitet
wurde, die alle ihr Staatsexamen für das höhere Lehramt hatten, und von Brüdern, die eine
angegliederte Gärtnerei und Landwirtschaft betrieben. Hier trat ich ein, um später einmal Missionar
zu werden, der in Uganda, Burundi oder in eines der afrikanischen Nachbarländer Eingeborene zum
christlichen Glauben führen wird.
Als Mutti wieder nach Boll zurückgefahren war, kam ich mir in diesem großen Haus mit den vielen mir
noch unbekannten Räumen und inmitten einer etwa sechzigköpfigen Jungenschar recht fremd und
verlassen vor. Zudem war ich der einzige Neue, weil ich im bereits laufenden Schuljahr hinzugekommen
war. Zwar hatte ich in den Lagerschulen schon die dritte Oberschulklasse besucht, mußte hier jedoch
in der ersten Klasse, der Sexta, wieder beginnen, weil Latein und Französisch von Beginn an
unterrichtet wurden; zwei Sprachen also, von denen ich noch keine Ahnung hatte. Nun lag für mich das
Schwergewicht im Erlernen dieser beiden Sprachen, und nach drei Monaten wechselte ich in die Quinta,
das war die zweite Klasse. Dort blieb ich bis zum Sommer 1948, also vier Monate, um dann in die
Quarta, die dritte Klasse versetzt zu werden. Diese Klassenstufe durchlief ich in neun Monaten und
wurde Ostern 1949 in die Untertertia, der vierten Klasse versetzt. Somit hatte ich die untersten
drei Gymnasialklassen in fünfzehn Monaten geschafft. Ab der vierten Klasse dauerte dann ein Schuljahr auch für mich
ein ganzes Jahr. Mein schneller Lauf durch die ersten drei Klassen war von den Patres gewollt, um
mein Alter einigermaßen an die entsprechende Klassenstufe angleichen zu können. Als ich in die
vierte Klasse versetzt wurde, war ich fünfzehneinhalb Jahre alt, immerhin noch ein Jahr älter als
meine Klassenkameraden, aber dieses eine Jahr war zu vertreten. Natürlich waren diese ersten neun
Monate im Missionshaus eine anstrengende Zeit für mich, und die Patres spornten mich immer wieder
an, im Eifer nicht nachzulassen. Im allgemeinen kam ich mit dem Unterrichtsstoff gut zurecht; nur
Mathematik machte mir zu schaffen, wurde in einem altsprachlichen Gymnasium auch ein wenig
vernachlässigt, was sich später bis hin zum Abitur noch bitter rächen sollte.
Doch zurück zu den Anfängen meines Lebens in der Missionsschule. Als ich angekommen war, führte mich
ein Pater zunächst in den Schlafsaal, ein Raum mit etwa zwanzig Betten, zeigte mir mein Bett, meinen
Schrank, die Waschgelegenheit und versprach, wiederzukommen, wenn ich meine Sachen ausgepackt und
eingeräumt hätte. Die Arbeit war schnell getan, denn ich hatte an Kleidung, Schuhen und sonstigem
recht wenig. Ich schaute mich in diesem großen Schlafsaal um, der angefüllt war mit
Stahlrohrbettgestellen. Jedes Bett hatte eine dünne, dreigeteilte Matratze, zwei Leintücher, eine
graue oder braune Decke und ein kleines, weiß bezogenes Kopfkissen. An einer Wand standen die
Schränke, lauter schmale, eintürige Kästen, für jeden Jungen einen. Die Waschbecken aus
Sanitärkeramik waren in einer Reihe angeordnet, und große Spiegel hingen davor. Alles machte einen
reinlichen und geordneten Eindruck.
Mein Begleiter kam wieder, und während er mich durchs Haus führte, hörte ich draußen auf dem
weitläufigen Hof die Jungen und ihr Geschrei; sie hatten gerade Freizeit. Der Schlafsaal war im
oberen Stockwerk; dort befanden sich auch die Zimmer der Patres und des Paters Superior - so wurde
hier der Leiter genannt. Wir klopften, traten ein und befanden uns in dessen Amtszimmer, einem
länglicher Raum mit einem Fenster auf der Gegenseite und zwei langen Wänden voller Regale, einem
Tisch mit Stühlen und einem Schreibtisch. Wir begrüßten uns mit "Gelobt sei Jesus Christus", und
Pater Eisele hieß uns willkommen und meinte, anfangs sei für mich noch vieles fremd, doch würde ich
mich schnell eingelebt haben, und dann gefalle es mir auch.
Eigentlich gefiel es mir jetzt schon. Die hohen, weiten und hellen Räume, das großzügige Treppenhaus
und die weitläufige Anlage des Missionshauses lösten mich von der Enge und dem Bedrücktsein meines
Zuhauses in Boll. Zudem waren die Patres aufgeschlossen, sprachen mit mir und verbreiteten um sich
eine Art gelassener Fröhlichkeit, die mir guttat.
Im oberen Stockwerk befand sich auch noch die Hauskapelle; ein Ort, zu dem ich im Laufe der Zeit
noch eine besondere Beziehung aufbaute. Im Erdgeschoß befanden sich die vier Klassenzimmer für die
Klassen eins bis vier; dann war hier in Haigerloch Schluß. Die weiteren fünf Klassenstufen bis zum
Abitur wurden in dem Missionshaus Groß-Krotzenburg bei Hanau/Main unterrichtet. Zu ebener Erde
befand sich auch noch die Küche und das Refektorium, das war der Speisesaal. Als wir ihn verließen,
strömten die Jungen ins Haus und
verschwanden in den einzelnen Klassenzimmern, was mich bewog, meinen Begleiter zu fragen, ob
jetzt auch noch Unterricht sei, da es doch bereits früher Abend war. Doch er verneinte und bemerkte,
daß nun das Studieren fortgesetzt werde, was soviel heiße, daß schriftlich und mündlich für den
nächsten Unterrichtstag gelernt werde. Mir fiel die Ruhe auf, die im Hause herrschte, obwohl so
viele Jungen hinein stürmten, und ich erinnerte mich an die Bemerkung, die Pater Eisele gemacht
hatte, als ich mit Mutti zur Anmeldung hier gewesen war: Im Hause herrsche 'Silentium'.
Mein Begleiter brachte mich in mein Klassenzimmer, die Sexta, und wies mir meinen Platz an. Den
Buben der Klasse, die eifrig dabei waren, ihre Aufgaben zu erledigen, stellte er mich vor und bat
vor allem meinen Nachbarn, mir vorerst zur Seite zu stehen, bis ich alles kennengelernt und mich
eingelebt hätte.
Der Pater ging, wir waren unter uns, und alle drehten sich nach mir um, um mich anzuschauen und zu
mustern. Da Silentium herrschte, endete das Sichkennenlernen vorerst sehr schnell. Nur mein Nachbar
durfte sich mit mir flüsternd unterhalten. Das Klassenzimmer war sehr spartanisch eingerichtet: zwei
kahle Wände, eine Tafelwand mit dem Lehrerpult und eine Fensterfront. Die Zweierbänke waren Pulte
mit klappbarer, leicht schräger Schreibfläche; darunter befanden sich sämtliche Schulsachen wie
Bücher, Hefte, Zettel, Schreibutensilien, Lineal und andres mehr. Hier also war jetzt mein Platz des
Lernens, des Unterrichts; hier hörte ich, was die Patres lehrten, hier machte ich meine Hausaufgaben
und 'büffelte' für die Schulstunden des nächsten Tages. Bücher und Hefte blieben stets im oder auf
dem Pult, sie wurden nie woanders hin mitgenommen. Hier und nur hier war der Ort schulischen
Lernens.
Ich hatte mich schnell an die neue Umgebung gewöhnt wie auch an den Tagesrhythmus: Um sechs Uhr ging
die Schlafsaaltüre auf, und ein Pater rief mit sehr wacher Stimme: „ Laudate Dominum!“ und mehr oder
minder verschlafen klang es vereinzelt zurück: „ Deo gratias.“ – Lobet den Herrn, dem Herrn sei
Dank. Während wir uns wuschen, machte der aufsichtführende Pater einige Stippvisiten, ob sich auch
keiner am Wasser vorbeidrückte oder vergaß, Hände, Ohren oder Hals zu waschen. Angezogen gingen wir
ins Klassenzimmer, um uns nochmals auf den kommenden Unterricht vorzubereiten; vor allem Vokabeln in
Latein und Französisch und ab der vierten Klasse auch in Griechisch wurden erneut eingehämmert; in
Griechisch zumeist mit Hilfe eines Lineals der verschiedenen Akzente wegen. Meine
Englischkenntnisse, die ich mitgebracht hatte, konnte ich getrost auf Eis legen, denn Englisch wurde
erst ab der fünften Klasse gelehrt. Nach diesem Frühstudium schrillte die Hausglocke, und es war
Zeit zur Morgenmesse. Wir versammelten uns alle in der Hauskapelle; sie war in einem Seitenflügel
des zweiten Stockwerks untergebracht. Ihre Fenster waren hoch und zum Teil mit Buntglas versehen.
Hinten befand sich ein Beichtstuhl, und einfache Kirchenbänke, die alle ein Ablagefach besaßen,
füllten den Raum. Vorne stand ein barocker Hochaltar in Elfenbeinfarbe mit reichen Goldverzierungen.
Flankiert war er von zwei Seitenaltären gleicher Ausführung. Jeder Missionsschüler hatte seinen
Platz und sein Fach, in dem das Gesangbuch der Diözese und die persönlichen Gebetbücher
untergebracht waren. Außerdem bekam jeder noch ein großes und recht dickes Buch, das ich zuvor noch
nie gesehen hatte.
Hinter einem schwarzen Einband lagen 16oo Seiten dünnen Papiers, die voll bedruckt waren mit
viereckigen Noten und sonderbaren Notenformationen und darunterliegenden Texten; sein Name: 'liber
usualis', was soviel heißt wie Gebrauchsbuch oder Buch für den alltäglichen Gebrauch.
Dieses Buch enthielt das Ordinarium und das Proprium und wurde das ganze Kirchenjahr hindurch
eingesetzt; es waren ausschließlich Choralgesänge, so, wie man sie heute noch von Ordensschwestern
und Ordensbrüdern in Klöstern zu hören bekommt. Das Ordinarium enthält jene Choralgesänge, die vom
Text her bei allen zelebrierten Messen gleich bleiben; das sind Kyrie, Sanktus. Agnus dei und Ite
missa est. Hierzu enthält das Buch achtzehn Variationen dieser Meßgesänge sowie vier verschiedene
Credos. Zum Proprium zählen die unterschiedlichsten Gesänge zu den verschiedensten Anlässen im Jahr,
wie Ostern, Weihnachten, Karwoche, Fest eines Heiligen oder einer Heiligen, Adventzeit, Fastenzeit
und vieles mehr. Hier waren die Hymnen, Responsorien, Psalmen, Tractanden und Gradualien und
sonstigen Gesänge der katholischen Kirche zu finden, und wir Missionsschüler übten uns zweimal
wöchentlich im Choralsingen mit kräftiger Unterstützung durch Pater Schröter oder Pater Eisele.
Choralsingen hat mir bald großen Spaß gemacht. Auch wenn ich das viele Latein noch nicht übersetzen
konnte, so war ich doch von der Eigenart dieses Gesangs berührt, und da ich von Haus aus eine gute
und kräftige Stimme hatte, wurde Choralsingen eine meiner liebsten Beschäftigungen. So lernten wir,
richtig zu atmen, gleichmäßig und fließend zu singen. Da Choralsingen auch immer Singen in der
Gruppe bedeutete, war jeder gehalten, sich sowohl im Tempo als auch in der
Lautstärke anzupassen. In der Hauskapelle haben wir Missionsschüler sehr viele Gottesdienste mit
Choralgesängen begleitet; sie wurden für mich immer mehr zur Freude.
Viel später, als ich schon über fünfzig war, habe ich einen lang gehegten Wunsch wahr gemacht,
meinen ehemaligen Klassenlehrer Pater Hafner in Haigerloch besucht und ihn um ein altes, abgelegtes
'liber usualis' gebeten, und so bin ich heute stolzer Besitzer eines Exemplars aus dem Jahr 1921.
Nach der allmorgendlichen Messe betraten wir endlich das Refektorium; es war fast schon halbacht
Uhr, und mein leerer Magen machte sich seit einer Weile bemerkbar. Ich war vierzehn, und hatte stets
großen Hunger. So konnte es schon mal sein, daß das Brot beim Frühstück nicht ausreichte. Anderen
schien es auch so zu gehen, und so hielten wir uns immer in der Nähe jener Jungen auf, die von zu
Hause regelmäßig Pakete erhielten; es waren die sogenannten Freßpakete. Doch mit deren Lust, zu
teilen, war es meist nicht weit her. Ich erinnere mich an einen Mitschüler, der aus Gruol bei
Haigerloch stammte, regelmäßig Pakete erhielt und sie ebenso regelmäßig in seinem Schrank im
Schlafsaal verschwinden ließ. Ich war zwar sein Schranknachbar, doch abgegeben hat er fast nie etwas
an seine Kameraden. Eines Tages flog dann alles auf: ein Pater kontrollierte in unserer Anwesenheit
mal wieder Ordnung und Sauberkeit in unseren Schränken. Dabei zog er aus dem Schrank meines Nachbarn
einen halben, verschimmelten Laib Brot heraus und ein noch recht großes Stück geräucherten Speck,
dessen Fett dunkelgelb und zum Teil mit Grünspan überzogen war. Das war für den Jungen eine schlimme
Situation, und die ermahnenden Worte des Paters ließen nicht lange auf sich warten.
Kurz vor acht begann der Unterricht. Wenn ich an die Zeit davor in den dänischen Lagerschulen
zurückdenke, machte mir das Lernen jetzt wieder Spaß, was wohl damit zusammenhing, daß ich mit
Gleichaltrigen in einer beschützten Umgebung lebte, wo alles nach festen Regeln ablief. Ein nicht
näher erklärbarer Druck, wie er zuhause in der Familie auf mir lastete, war nicht mehr, und die
Traurigkeit wich - wenn auch nur in kleinen Schritten - von mir. Zudem hatte ich ja ein Ziel: Ich
wollte Missionar werden und dazu ein guter. Also mußte ich noch viel lernen, und mein Eifer war ja
groß genug und hielt auch lange genug an, um in fünf Vierteljahren drei Klassen zu durchlaufen und
trotzdem noch ordentliche Leistungen vorzuweisen. Eine Besonderheit im sprachlichen Unterricht waren
die 'Extemporale'; das sind vom unterrichtenden Pater überraschend angesetzte schriftliche Arbeiten,
die auf Handzetteln gefertigt wurden. Diese Überraschungen gab es oft und betrafen vor allem Regeln
und Vokabeln der Fremdsprachen. Sie waren nicht bei allen beliebt, spornten aber doch die Fleißigen
unter uns vermehrt an.
Gegen dreizehn Uhr versammelten sich alle wieder im Speisesaal. Eine Anzahl langer Tischreihen mit
beidseitigen Bänken schloß mit einer quer dazu verlaufenden Tischreihe ab, an der die Patres und
Brüder Platz nahmen. Schweigend betraten wir dieses Refektorium, schweigend nahmen wir das Essen ein
, und schweigend verließen wir diesen Raum. Wenn alle ihren Platz eingenommen hatten, begann Pater
Superior mit dem Tischgebet, und wir alle beteten auf lateinisch mit, ohne den deutschen Text zu
kennen. Seitlich der Tische, an der Wand befand sich durch ein Podest sichtbar erhöht ein Lesepult.
Dahinter saß abwechselnd ein Schüler, um aus einem Buch Heiligenlegenden oder sonstige erbauende
Schriften möglichst deutlich vernehmbar
vorzulesen, wozu sich nun mal nicht jeder eignete, während bei uns an den Tischen der geräuschlose
aber deswegen nicht minder zähe Kampf ums Essen begann, das jeweils für sechs Jungen in Töpfen und
Schüsseln auf dem Tisch stand. Da waren die Wölfe von den Schafen sehr schnell auszumachen: Mancher
legte sich nach Gutdünken den Kartoffelbrei in seinen Teller ohne zu überlegen, ob er für die
restlichen fünf wohl noch reiche; und da kam es schon mal vor, daß durch "psst", Schubsen oder
Zischlaute der andere genötigt wurde, eines seiner beiden Fleischstücke wieder auf die allgemeine
Platte zurückzulegen, auf der von Anfang an sowieso nur sechs lagen; natürlich bekam derjenige
später in der Freizeit einiges zu hören. So freuten wir uns, wenn einer aus der Sechsergruppe mal
fehlte, sei es durch Krankheit oder weil er Besuch hatte, was allerdings nicht gerne gesehen wurde
und auch nur in Ausnahmefällen gestattet war.
Einige Male hatte ich das Glück, auch mal vom Lesepult aus vorlesen zu dürfen. Danach, wenn alle
anderen mit dem Essen fertig waren, begann ich zu essen. Dazu befand ich mich völlig allein in dem
großen Speisesaal und hörte nur das geschäftige Treiben der Frauen aus der Küche, das durch die
offene Durchreiche zu hören war. Und wenn mir die Menge nicht reichte, bekam ich jeden Wunsch
erfüllt, sofern noch Reste vorhanden waren.
Im allgemeinen endete jedes Mittagessen, indem Pater Superior auf eine Tischglocke schlug und vom
Platz aufstand, wie alle anderen auch. Nun schloß sich ein längeres Dankgebet ebenfalls auf
lateinisch an und mündete in einem schier nicht enden wollenden Psalm, der gebetet wurde, während
sich alle zum Ausgang hin bewegten, im Gang und im Treppenhaus sich dann in eine rechte und eine
linke
Reihe aufteilten, die Treppe ersteigend sich im oberen Gang fortsetzten - zuerst die Schüler, zum
Schluß Brüder und Patres -, um in der Hauskapelle zu enden. In der ersten Woche war ich nur Zuhörer,
dann verband sich zumindest stellenweise Gehör und Gedächtnis, und ich konnte einige Passagen
mitstammeln, um dann mit fortschreitender Zeit ein vollwertiger Mitbeter zu werden, obwohl mir bis
heute niemand die deutsche Übersetzung genannt hat, so daß ich heute noch nicht weiß, was ich da
gebetet habe. Aber wenn man Ministranten meiner Generation fragen würde, wie das lateinische
Stufengebet auf deutsch heißen würde, so wäre das Ergebnis ziemlich das gleiche. Doch störten mich
diese Unzulänglichkeiten keineswegs. Ich empfand die lateinische Sprache, die man ja auch so
schreibt, wie sie gesprochen wird, als klar und wohlklingend auf Grund ihrer vielen Vokale, und so
erfreute ich mich an ihrem wohltuenden Klang. Kaum in der Kapelle angekommen, endete auch der Psalm,
und für uns begann die Freizeit.
Diese Freizeit mußte möglichst außerhalb des Hauses verbracht werden. Wenn es regnete, hielten wir
uns in der langgestreckten, überdachten Wandelhalle auf; ansonsten gab es einen großen Platz für
Spiele aller Art. Einige Kastanienbäume spendeten an sonnigen und heißen Tagen wohltuenden Schatten.
Weiter hinten befanden sich ein Klettergerüst und ein Rundlauf. Am letzteren hielt ich mich oft und
gerne auf, weil mir der stets wiederkehrende Wechsel von Anlaufen, Schwingen und Abstoßen wohltat,
und die Auswirkungen der Zentrifugalkraft auf meinen Körper ein übriges taten.
An die Freizeit schloß sich die Studierzeit an. Alle waren in ihren Klassen, erledigten die
Hausaufgaben und bereiteten sich auf den Unterricht des nächsten Tages vor. Natürlich wurde während
dieser Zeit geschwätzt, obwohl es nicht erlaubt war. Einer in der Klasse war beauftragt worden, die
Schwätzer dem aufsichtführenden Pater zu melden, sobald er in die Klasse kam. Die Strafen hierfür
waren meistens hart, vor allem bei Wiederholungstätern. Das begann mit schriftlichen Strafarbeiten
über Ausschluß beim Mittagessen bis hin zur Unterredung mit den Eltern. Ich habe es in zwei Fällen
erlebt, daß Jungen, die sich nicht anpassen konnten und mehrmals gegen die Hausordnung verstoßen
hatten die Missionsschule verlassen mußten und von ihren Eltern abgeholt wurden.
Etwa gegen sechzehn Uhr gab es dann die ersehnte Zwischenmahlzeit; sie bestand aus einer trockenen
Brotscheibe und einem Apfel. Jeder holte sich seine Ration, die auf seinem Platz im Speisesaal lag.
Gleich danach schloß sich die Hausarbeit an, die darin bestand, den Innenhof zu kehren, den
Spielplatz aufzuräumen, Holz aufzuschichten oder Kartoffeln zu schälen. In einem kleinen Raum des
Nebengebäudes saßen wir auf alten Bänken und Stühlen und schälten zumeist mit kleinen Messern die
Kartoffeln. Richtige Kartoffelschäler waren nur wenige vorhanden, und ungeübt wie wir waren schälten
wir mit den Messern ziemlich dicke Schalen ab. Ein Pater, der erst kurz bei uns im Missionshaus war,
eine dicke Hornbrille trug und dessen Name ich nicht mehr weiß, kam herein, schaute uns eine Weile
zu, bückte sich, hob einige dieser dicken Schalen auf und begann mit lauter und wutentbrannter
Stimme über uns loszuschimpfen; er sprach von Vergeudung und Verschwendung und konnte sich nicht
beruhigen. Wir waren allesamt erschrocken und begannen, uns vor ihm zu fürchten, als er sich
plötzlich umdrehte und den Raum verließ. Später sprachen einige von uns mit Pater Fischer, der eine
Art Vertrauensstellung hatte, über diesen Vorfall, und wir erfuhren, daß dieser Pater erst vor
kurzem aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekommen sei, daß er dort viel Schlimmes erlebt
und durchgemacht hätte und nun sehr krank wäre. Da wir eine Erklärung hatten, konnten wir ihn auch
verstehen, und ich für meinen Teil bemühte mich, ab jetzt Kartoffeln dünn zu schälen, selbst wenn
ich nur ein Messer besaß, denn im Grunde genommen, hatte er ja recht.
Nach diesen Hausarbeiten folgten nochmals Studierzeit, danach Nachtessen, eine kurze Freizeit, das
Abendgebet in der Kapelle, und gegen einundzwanzig Uhr begann die Nachtruhe, was im Sommer trotz des
Hinausschiebens um eine halbe Stunde dennoch zu früh war und öfters dazu führte, daß bei so vielen
Jungen im Schlafsaal noch so mancher Unfug getrieben wurde. Es gab stets ein paar, die zu sehr über
die Stränge schlugen, aber zumindest genauso auffallend waren jene, die sich schon jetzt den
Heiligenschein verdienen wollten; jene, die durch ihr bedächtiges, frömmelndes und unterwürfiges
Verhalten anderen auf die Nerven gingen. Sie waren mir auch lästig, denn sie meckerten nie,
vertraten nie eine eigene Meinung sondern gaben sich stets angepaßt. Vor ihnen mußte sich jeder in
Acht nehmen, denn aus diesem Holz waren die Schwätzer, Verdreher und Petzer geschnitzt. Gott sei
Dank gab es nur wenige dieser Sorte, und einer von ihnen hieß Merkt. Dem habe ich zu passender Zeit
einmal meine Meinung gesagt. Tags darauf wurde ich zu Pater Superior bestellt; dort konnte ich mir
dann eine entsprechende Standpauke abholen. Seitdem gingen Merkt und ich uns aus dem Weg.
Im allgemeinen glich ein Tag dem anderen; die Tageszeit war eingeteilt und lief nach festen Regeln
ab. Da wir außer der Sommerferien nur zu Weihnachten und Ostern nach Hause durften, verbrachten wir
die übrigen Feiertage wie auch die Sonntage im Missionshaus, und deren Tagesablauf verlief dann in
gelockerten Bahnen; so wurde die Studierzeit durch mehr Freizeit ersetzt. Natürlich stand das
Religiöse im Vordergrund: Morgenmesse, Hochamt, die Vesper am Nachmittag, die Rosenkranzandacht und
das Abendgebet nahmen einen beträchtlichen Teil sonntäglicher Zeit in Anspruch. An diesen Tagen
änderte sich auch etwas beim Essen im Refektorium. Wie gewohnt betraten wir es schweigend, sprachen
das Tischgebet, darauf folgten Sekunden tiefen Schweigens; Pater Superior lächelte, sprach dann in
Latein zwei oder drei Worte, und prompt brach ein vielstimmiges Geschrei aus vielen Mündern los:
"Deo gratias!", und der Speisesaal verwandelte sich in eine brodelnde Schwatzbude, deren Lautstärke
erst wieder nachließ, als alle mit dem Essen beschäftigt waren.
An diesen Tagen war für den Nachmittag stets ein mehrstündiger Spaziergang eingeplant, der uns in
die Umgebung des Städtchens führte. Dies war die Zeit, in der wir über alles redeten, was sich im
Laufe der vergangenen Tage so angesammelt hatte. Dabei fällt mit ein Leitspruch der Weißen Väter
ein, der für manche sicher schon lebensrettend gewesen sein mag:
Gehe nie allein, selten zu zweit, doch immer zu dritt.
Das Osterfest 1948 näherte sich, und wir fuhren nachhause in die Ferien. Ich freute mich, Mutti
und die Geschwister wiederzusehen, und dennoch wurde ich ein beklemmendes Gefühl nicht los, als ich
auf diese Behausung zuging und eintrat. Jetzt nach den hellen und hohen Räumen des Missionshauses
erschreckte mich die ganze Erbärmlichkeit dieser Hütte. In meinen Gefühlen und Empfindungen war ich
hin- und her gerissen; einerseits freute ich mich, in der Familie zu sein, andrerseits stieß mich so
vieles ab. Alle kamen mir so geschäftig vor und sorgten und kümmerten sich um Dinge, mit denen ich
mich nicht mehr auseinanderzusetzen brauchte, und ich merkte, daß ich mich verändert hatte in dieser
kurzen Zeit, und daß diese Welt hier draußen wohl nicht mehr so ganz meine zu sein schien; zumindest
gab es bereits einige Schwierigkeiten, in ihr zurecht zu kommen.
Kaum zu Hause, gab es Arbeit. Mutti hatte einen nagelneuen Leiterwagen der Marke 'Vorwärts'
erstanden, der äußerst solide gebaut war, eisenbereifte, hölzerne Speichenräder besaß und mit
mehreren Zentnern belastet werden konnte. Bei schönem Wetter zogen wir hinaus in den Wald, um
Knüppelholz oder Tannenzapfen aufzusammeln. Das Gelände stieg stetig an; es war jener Berg, auf dem
die Hohenzollernburg steht. Im Wald ließen wir den Wagen stehen und schwärmten aus; dabei riefen wir
uns in kurzen Abständen immer wieder mit Namen, um sich nicht zu verirren. Jeder brachte, was er
gefunden hatte, an den Wegrand. Ich lud die Äste und Zweige in den Wagen, verlängerte mit senkrecht
gesteckten Knüppeln die Seitenhöhen und lud weiter, bis der Wagen mannshoch beladen war, und die
längeren Stücke hinten weit hinausragten und auf dem Waldweg schleiften. Zwei blieben an der
stabilen Handdeichsel, die anderen seitlich am Wagen. Wir vorne
zogen und steuerten, die anderen schoben. Wenn der Waldboden noch feucht war oder tiefe Furchen
aufwies, gab's Probleme, die zu lösen die größten Kräfte erforderten. Als wir dann aus dem Wald
herauskamen, ging's bergab. Da wäre eine Bremse wünschenswert gewesen, doch wir hatten keine und
behalfen uns dadurch, daß wir dicke, grüne Knüppel schnitten und diese zwischen die Speichen der
Hinterräder steckten.
So fuhren wir durchs Dorf und wurden von den Einwohnern mit interessierten Blicken verfolgt. Da auf
dem Lande und vor allem in einem Bauerndorf nur der etwas gilt, der die Arbeit nicht scheut, hatten
wir bald eine Menge Sympathisanten auf unserer Seite, von denen aber nicht mehr viel übrigblieben,
nachdem wir unwissend und ungewollt eine Dummheit begangen hatten. Bei einer unserer Ausfahrten
fanden wir im Wald einen Haufen aufgeschichteter Knüppel, Äste und Zweige und freuten uns über den
Fund. Vielleicht hatte uns das Lagerleben, in dem alles allen zu gehören schien so unsensibel
gemacht, daß wir naiv genug waren, anzunehmen, wir könnten uns hier bedienen. Natürlich hatten wir
den Leiterwagen in ganz kurzer Zeit hochvoll gepackt, zogen damit heim, und keiner kam auf die Idee,
daß dieser Holzstapel von irgend jemand errichtet worden sein muß, also jemandem gehörte. Tage
später kam dieser jemand zu uns nach Hause, sprach mit Mutti und war recht wütend. Wir mußten das
Holz zwar nicht zurückgeben, doch der Vorfall sollte uns Warnung sein. Da vor dem Haus nicht viel
Platz war, mußten wir das Holz immer gleich kleinhacken und in die Scheune tragen, wo uns der Bauer
eine Ecke freigemacht hatte. Auch im Sommer, wenn die großen Ferien waren, gingen wir in den Wald,
und so hatten wir daheim zusammen mit Kohlen und Briketts immer reichlich Brennmaterial zur
Verfügung, um Küche und Wohnstube mollig warm beheizen zu können.
Die Osterferien gingen zuende, und ich freute mich wieder auf die Zeit im Missionshaus. Wenn ich
daran zurückdenke, so zählte ich stets zu den letzten Schülern, die nachhause in die Ferien fuhren,
und zu den ersten, die zum Ferienende wieder in Haigerloch eintrafen. . Warum das so war, weiß ich
nicht, vermute aber, daß die beengten Wohn- und Lebensverhältnisse daran schuld waren. Ich hatte
manchmal schon Heimweh nach Mutti und meinen Geschwistern; doch das war meistens gegen Abend, wenn
der Tag sich neigte und wir - vor allem in der Sommerzeit - zu früh im Schlafsaal waren. Doch am
anderen Morgen war der Schmerz verflogen, und der Tag war angefüllt mit Lernen, Arbeiten und Beten.
Die Weißen Väter haben sich nie als ein Orden im üblichen Sinn verstanden. Ihre offizielle
Bezeichnung lautet: 'Missionsgesellschaft der Weißen Väter'. Natürlich haben Patres wie Fratres -
das sind die Brüder - die Gelübde des Zölibats, des Gehorsams und der Armut abgelegt; auch mußten
sie täglich ihr Brevier beten - eine Sammlung von Gebeten, die jeden Tag zu verrichten waren. Doch
wer hauptsächlich als Missionar in Afrika tätig sein wollte, der konnte sich nicht hinter
stundenlanges Beten verkriechen; er mußte tätig sein für den Glauben, und der Leitspruch 'ora et
labora' anderer Orden hieß bei den Weißen Vätern doch wohl 'labora et ora' - arbeite und bete. So
haben sie in Zusammenarbeit mit den Brüdern, die fast durchweg Bauern und Handwerker waren,
Landstriche kultiviert, Hütten, Häuser und Kirchen gebaut, Wege angelegt und den Eingeborenen
gezeigt, wie alltägliche Arbeiten leichter und erfolgreicher erledigt werden konnten. Die Brüder und
Väter dieser Gesellschaft waren alles
andere als weltfremd, sie standen mit beiden Füßen im Leben, waren den Menschen nah und integrierter
Teil einer Gruppe oder Dorfgemeinschaft. Ein 'Weißer Vater' war stets weltoffen und an allem
interessiert. Im Umgang mit ihnen war dies immer zu spüren, und die heitere Gelassenheit, die sie
verbreiteten, wohin sie kamen, ergriff auch mich. Hier fühlte ich mich geborgen, beschützt und
aufgehoben und fand mich mit ihnen im Gebet vereint vor Gott wieder. Hier gab es keine Frömmelei,
keine Bigotterie, kein Schluchzen und Jammern vor Gott, und keiner schritt mit schrägem Kopf und
verzückter Miene zum Altar, und niemand kehrte sein Inneres nach außen. Und noch etwas fiel auf:
Kritik wurde selten geäußert; vielmehr wurden die positiven Seiten des Handelns in aller Breite und
Ausführlichkeit dargelegt, so daß Negatives sich dadurch von selbst auflöste. War Kritik dann doch
einmal angebracht, so wurde sie sachlich und in eher leisem Ton vorgetragen.
Wie ganz anders hatte ich das Zusammenleben mit anderen erlebt. Als Elf- bis Vierzehnjähriger wurde
ich mit all dem konfrontiert, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich in auswegloser und
existenzbedrohender Lage befinden. Das Erlebnisbild, das sich ein Jugendlicher von der Welt macht,
war auf den Kopf gestellt. Die Erfahrung, daß Menschen im allgemeinen gut und anständig seien, hatte
sich dahin verkehrt, daß die meisten egoistisch, roh, habgierig und gefühlskalt waren, und nur
wenige zu den guten gezählt werden konnten. Wenn in den Erfahrungen eines jungen Menschen das Gute
nur Augenblicke sind, Blitzaufnahmen im dunklen Umfeld des Bösen, dann braucht er lange Zeit, um vom
Gegenteil überzeugt zu werden; und hier im Missionshaus war ich auf dem besten Weg zu neuer
Erkenntnis
Das war's wohl, was es mir so leicht machte, hier zu leben. Hier fühlte ich mich wie auf einer
Insel, behütet, beschützt vor den dunklen Mächten der Welt. Zur damaligen Zeit kam noch etwas
anderes hinzu: Es waren nicht nur die Menschen, deren Nähe Gefahr bedeuten konnte, es waren vielmehr
die Umstände, jene Zeit, als der Krieg dahinsiechte, viele Städte in Schutt und Asche lagen und
Millionen Tote zu beklagen waren; jene Zeit, da die Sieger im Land herrschten und die Beweglichkeit
durch Passierscheine regelten, das Geld sein Papier nicht mehr wert war, und ein fast
unüberschaubares Heer von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten in diesen Torso Deutschland
strömte, der vom ehemaligen 'Großdeutschen Reich', dem 'Tausendjährigen Reich' übriggeblieben war.
Nicht einmal die primitivsten Notwendigkeiten konnten befriedigt werden. Was für die Einheimischen
längst nicht mehr genügte, sollte nun auch noch für die Flüchtlinge reichen. Für die Behörden waren
Not und Armut zu verwalten, nur der Tauschhandel und der 'Schwarze Markt' blühten. Einigermaßen gut
erging es den Bauern, denn sie saßen naturgemäß an der Quelle der Grundnahrungsmittel. Doch auch sie
wurden in die Pflicht genommen, wenngleich die viel gerühmte Bauernschläue stets Mittel und Wege
fand, durch engmaschige Verordnungs- und Abgabengesetze zu schlüpfen. Von der Anzahl der Hennen läßt
sich nicht exakt auf die Anzahl gelegter Eier schließen, und manches Schwein war längst in den
Töpfen und auf dem Schwarzmarkt verschwunden, wenn der Viehbestand gezählt wurde. Von dieser Not und
Bedürftigkeit, die ich bis dahin kennengelernt hatte, war im Missionshaus nichts zu spüren. Das gab
mir Sicherheit, ließ mich zur Ruhe kommen,
und deshalb glaubte ich, wie auf einer Insel zu leben.
Irgendwann bekam ich Lust, Harmonium zu spielen. Ich erinnerte mich an zuhause in Östl.-Neufähr und
an das schwarze Tafelklavier, das im Wohnzimmer stand, und auf dem Papa mal gespielt hatte. Er war
kaum zum Kurzurlaub heimgekommen, als er sich in voller Uniform davor setzte und zu spielen begann.
Ich wollte es auch erlernen, aber ein Klavier gab es nicht, nur ein Harmonium. Eines Tages erschien
dann ein älterer Herr aus Haigerloch, ein Schulrektor und erklärte sich bereit, Musikunterricht zu
geben; und so erlernte ich mehr schlecht als recht das 'Klavierspiel'. Noch heute habe ich von ihm
das Büchlein 'Harmonielehre v. August Wiltberger, königlicher Musikdirektor und Seminarlehrer zu
Brühl," aus dem Jahre 1909.
Zum Frühjahrsende gab es für uns im Missionshaus ein paar Mal eine willkommene Abwechslung. Wenn es
hieß: "Nach dem Mittagessen gehen wir auf den Seehof," wußte jeder, was damit gemeint war. Der
Seehof war ein Gutshof, der etwa zwei Kilometer außerhalb Haigerlochs lag. Vom Missionshaus gelangte
man dorthin in etwa einer halben Stunde zu Fuß Dort angekommen erhielt jeder von uns einen Stecken,
an dessen einem Ende ein geschärftes Metallblatt eingearbeitet war. Damit gingen wir auf die Äcker
hinaus, durchschritten die langen Reihen der Erbsen-, Rüben- und Kartoffelfelder und stachen damit
die Disteln ab. Zur Belohnung wurden wir ins Bauernhaus geführt und erhielten ein großes und dickes
Stück selbstgebackenes Brot mit Rübensirup. Bei dieser Arbeit waren nie alle Schüler dabei; denn der
Bauer hatte wohl kaum an die sechzig solcher Stecken zum
Distelstupfen. So waren wir ungefähr zwanzig Jungen, obwohl sich jedesmal viel mehr meldeten, so daß
ein Pater die Auswahl vornehmen mußte. Distelstupfen und Sirupbrot statt Studierzeit, das war sehr
wohl eine begehrte Abwechslung.
Es kam der Sommer und mit ihm der Beginn der großen Ferien. Die meisten von uns waren schon morgens
abgereist oder abgeholt worden. Als ich mein Köfferchen packte, war fast niemand mehr da außer den
Brüdern und Patres. "Na Wolfgang, willst du nicht nach Hause ?" fragte mich ein Pater, und ich:
„Doch doch, mein Zug fährt bald." Einerseits freute ich mich, mal wieder nach Boll zur Familie zu
kommen. Andrerseits umschlich mich wieder dieses beklemmende Gefühl, wenn ich daran dachte, wie eng
und dürftig es wieder zugehen würde, und was wohl an Aufgaben und Arbeiten auf mich zukäme.
Natürlich war das Heranschaffen von Holz und Tannenzapfen wieder eine Hauptaufgabe, aber diesmal
hatten wir einen anderen Wald ausfindig gemacht, den wir erreichten, wenn wir das Dorf in südlicher
Richtung verließen; aber der Weg war um einiges länger und führte an einem abseits gelegenen
Einzelgehöft vorbei. Es dauerte eine knappe Stunde, bis wir den Wald erreicht hatten, und der
unbefestigte Feldweg dorthin war in schlechtem Zustand, so daß bei voll beladenem Wagen die Deichsel
uns oft in den Bauch schlug oder der Wagen gar umkippte. Doch lohnte sich der weite Weg, da der Wald
aus großen, hohen Fichten bestand, die eine ganze Menge Tannenzapfen abwarfen. Mit Körben sammelten
wir sie ein und schütteten sie dann in die Säcke. Voll und zugebunden kam ein Sack um den anderen
auf unsern Leiterwagen; bis zu sechs Stück, prall gefüllt, hatten auf ihm Platz, und das Stapeln
verlangte schon etwas Geschick
und Erfahrung, damit sie bis Zuhause oben blieben und nicht, wie auch schon passiert, immer wieder
abrutschten.
Eine Ausfahrt in diesen Wald ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war ja weit ab vom
letzten Haus des Dorfes, wo wir unsere Zapfen gesammelt hatten. Das Wägelchen hatten wir voll
beladen, als von Westen eine schwarzgraue Wolkenwand auf uns zukam. Wir hofften, noch rechtzeitig
heim zu kommen und beeilten uns. Doch schon begann es zu blitzen und zu donnern. Danach erhob sich
ein Gewittersturm. Schon längst hatte uns die Sonne verlassen, das Licht wurde schwächer und es
begann, dunkel zu werden. Wir befanden uns kurz vor dem Einzelgehöft, als mit Urgewalt ein Unwetter
losbrach. Zuerst fielen dicke, schwere Tropfen, der Himmel verfinsterte sich immer mehr, und ein
Sturm peitschte den Regen fast waagrecht über das Land. Wir suchten Schutz hinterm Wagen und
stülpten uns die Eimer und Körbe über die Köpfe, während der Regen unsere Kleidung durchnäßte. Als
es dann auch noch zu hageln begann, fingen einige der Geschwister zu weinen an, denn wir alle
fürchteten uns, und die Hagelkörner, die uns trafen, taten weh. Ich wollte meine Angst nicht vor
meinen Schwestern zeigen, um sie nicht noch mehr zu ängstigen und dachte für mich: "So wird es mal
sein, wenn die Welt untergeht." --Doch dann zog das Unwetter vorbei, die Sonne kam - wenn auch
zögerlich - hervor und begann, uns zu wärmen und zu trocknen. Der beladene Wagen war jetzt um
einiges schwerer geworden, doch wir waren bald wieder guten Muts und wollten nur noch eines:
nachhause, umziehen und viel essen.
Eines Morgens rief mich der Nachbar Bauer Löffler, als ich vor dem Haus war, fragte, wie es mir
gehe, ob ich mich in dem Missionshaus wohlfühle, und ob ich nicht Lust hätte, ihm bei den
Erntearbeiten zu helfen. Ich hatte Lust, zumal mindestens ein deftiges Vesper nach getaner Arbeit
herausschaute. Gleich am nächsten Tag in aller Frühe gingen wir aufs Feld: der Bauer, seine Frau und
ich. Er trug eine Sense, an der noch ein weißes Leinen angebracht war, das aussah wie ein Segel, sie
einen Korb mit Essenswaren und eine Sichel, und ich ein ganzes Bündel Schnüre, die an einem Ende
alle einen kleinen Holzknebel hatten. Auf dem Feld angekommen, begann der Bauer, das Getreide zu
mähen. Seine Frau raffte mit der Sichel die Halme zusammen und legte sie in den Arm, bis er voll
war. Ich gab ihr eine dieser roten oder blauen Schnüre, sie band damit eine Garbe, die ich dann zu
den anderen stellte. Im Laufe des Vormittags standen die Garben, immer fünf bis sechs in
gleichmäßigen Haufen gegeneinander gestellt, auf dem abgemähten Feld. Es war ein sommerlich heißer
Tag, als wir uns unter einen alten Apfelbaum zum Vesper niedersetzten. Sein weit ausladender
Schatten tat uns gut, denn wir waren schon ins Schwitzen gekommen. Bauernbrot, Wurst und Most mit
Sprudel ließen wir uns schmecken, und ich griff zu, denn Hunger schien bei mir ein Dauerzustand zu
sein. Still war's draußen in der Flur, fernab vom Dorf. Weiter hinten waren auch Leute mit dem
Ernten beschäftigt, doch es war nichts zu hören; nur eine Lerche stieg vom Nachbarfeld auf in die
Lüfte und begann, zu jubilieren, und solange sie aufstieg, sang sie, und je höher sie stieg ,desto
freier klang ihr jubelndes Lied , bis sie nur noch als kleiner Punkt zu sehen war. Dann aber
verstummte der Gesang, sie ließ sich fallen wie ein Stein und verschwand irgendwo im Getreidefeld.
Gegen Mittag war das ganze Feld abgemäht; die Sonne konnte den morgendlichen Tau auf den Garben
trocknen, und wir gingen ins Dorf zurück. Mutti hatte an diesem Tag einen Esser weniger am Tisch,
denn ich aß mit den Bauersleuten zu Mittag. Am Nachmittag meinte Bauer Löffler, man könne die Garben
schon holen, da sie bei diesem Wetter sicher trocken genug seien. So half ich ihm beim Einspannen
seiner Milchkühe vor den Wagen. Ganz vorne an die Deichsel hängte er noch einen Blechtopf, aus dem
es ständig rauchte. "Des isch für de Viecher wega deana Breama", meinte er, und ich mußte ihm später
Recht geben, als ich sah, wie groß und zahlreich diese Bremsen waren, die auf die Kühe einstürmten.
Da der Rauch sie von den Köpfen fernhielt, versuchten sie, von unten und hinten an die Tiere
heranzukommen; doch die wehrten sich, indem sie ständig mit ihren langen Schwänzen um sich schlugen.
So fuhren wir gemächlich aufs Feld hinaus, um die Garben heim zu holen. Ich gab dem Bauer die Garben
einzeln in den Wagen, und er legte sie nebeneinander auf den mit einem großen Nesseltuch bedeckten
Boden. Weitere Garben wurden nun reihenweise dicht aneinander gestellt, bis die Höhe der beiden .
Leitern erreicht war. Nun reichte ich sie ihm mit der Mistgabel, und er legte sie in zwei lange
Reihen derart, daß die Ähren zum Wageninnern lagen; so konnten die durch den Transport ausfallenden
Körner nicht verlorengehen. Als alle Garben verladen waren, durchschritten wir mit großen Holzrechen
nochmals das Feld und rechten zusammen, was noch an Ähren und Halmen herumlag; auch das kam auf den
Wagen. Zuoberst legte der Bauer den Ladebaum, ein dickes und langes Rundholz, dessen Enden er mit
Stricken am Wagen festband. Diese Maßnahme war wichtig, denn es rumpelte auf der Heimfahrt ganz
schön auf den ausgefahrenen, unbefestigten Feldwegen.
Daheim fuhren wir direkt vor die Scheune, deren Tore die Bäuerin schon weit geöffnet hatte, spannten
die Kühe aus, die ihren Weg zum Stall alleine fanden und begannen, den Wagen von Hand rückwärts in
die Scheune zu schieben: während einer an der Deichsel schob und steuerte, griffen die anderen in
die Speichen der Hinterräder. Die Bäuerin ging zum Melken in den Stall, und wir beide begannen, den
Wagen abzuladen. Dazu ging der Bauer über eine lange Leiter hinauf auf den Heuboden; kurz darauf kam
ein eisernes Ungetüm herunter, das an einem dicken Seil hing. Es war ein Greifer, eine Art
Doppelzange, mit der nicht nur das Heu, sondern auch die Garben hochgezogen werden konnten. Ich
öffnete die Zange, deren vier Enden zugespitzt waren, drückte sie in ein paar Garben, nahm das freie
Seilende und zog mit beiden Händen unter Einsatz meines ganzen Körpergewichts die Garben hoch bis
ich einen Schrei hörte: "Guet!" Ich ließ das Seil locker, der Bauer konnte die Zange zur Seite auf
den Boden ziehen und sie öffnen. Während ich diesen handbetriebenen Heuaufzug langsam wieder zu mir
herunterließ, schichtete er oben die Garben, und der Vorgang wiederholte sich solange, bis der Wagen
geleert war. Zum Schluß wurde das große Tuch, das sowohl den Boden als auch die seitlichen Leitern
des Wagens umspannten, sorgfältig abgebunden, der Abraum zusammen gekehrt und in einen Sack geleert;
es waren immerhin einige Doppelhände voll goldbrauner Weizenkörner.
Inzwischen hatte sich eine Anzahl Hühner eingefunden, die emsig auf der Tenne hin und her liefen und
die restlichen Körner aufpickten. So ging nichts verloren -- Bauer Löffler achtete sehr darauf, denn
er war ein sparsamer Mann, der nichts wegwarf, weil er für alles eine
Verwendung hatte.
Das Tagwerk war getan; ich war müde aber auch recht zufrieden mit mir: der Tag war lang, das Wetter
schön, und die viele Arbeit hatte mir Spaß gemacht. Nun freute ich mich wieder auf das, was jetzt
kam, das Vesper, denn ich hatte großen Hunger. Wir gingen ins Haus. In der Stube hatte die Bäuerin
bereits alles gerichtet: auf der hölzernen Tischplatte lag ein frischer, hellbrauner Laib
Bauernbrot, so groß, wie ein kleines Wagenrad. Daneben stand ein grauer, irdener Krug, angefüllt mit
Most, eine Flasche Sprudel, Trinkgläser, scharfe Messer und Holzbrettchen, auf denen jeweils ein
großes Stück Speck lag. Ich entdeckte noch zwei goldgelbe, halbhohe Konservendosen, aus denen es
nach Leberwurst und Schwarzwurst roch. Wir setzten uns, auch die Bäuerin, der Bauer lobte meinen
Einsatz und wünschte mir einen guten Appetit; den hatte ich, und wie ich ihn hatte ! Ich aß und aß,
und dabei zeigte er mir, wie man Speck vespert: indem man ihn in hauchdünnen Scheiben
herunterschneidet. Anfangs dachte ich, daß seine Empfehlung, hauchdünne Scheiben zu schneiden,
seiner Sparsamkeit entsprungen sein müßte, doch später begriff ich: der Genuß wird dadurch noch
erhöht. In diesem Haus machte ich auch die erste Bekanntschaft mit dem schwäbischen Apfelwein, dem
Most, der mir prickelnd und erfrischend schmeckte, wenn er mit Sprudel vermischt wurde. Manchmal
habe ich mich fast geschämt wegen meines großen Hungers, der nicht enden wollte; so gut hatte mir
alles geschmeckt, und ich war zufrieden, wenn ich für meine Arbeit mit reichhaltigem Essen
entschädigt wurde; schließlich lebten wir im Sommer 1948, ich war fast fünfzehn, und seit etwa fünf
Wochen hatten wir in Deutschland neues Geld, die DM; die Reichsmark war nichts mehr wert, jeder
erhielt sechzig Deutsche Mark Kopfgeld, und nur jene blieben vermögend, die Immobilien oder riesige
Warenlager besaßen, denn zu kaufen gab es plötzlich fast alles. Der Bedarf war groß, das neue Geld
jedoch knapp, und Tauschhandel und manche Entbehrung waren noch für längere Zeit an der
Tagesordnung.
So kam es dann auch, daß die ganze Familie in diesem Sommer auf die abgeernteten Getreidefelder der
Bauern ausschwärmte, um Ähren zu lesen. Jeder von uns hatte von Mutti einen Beutel bekommen, den wir
uns vor den Bauch banden. Systematisch suchten wir die Felder nach abgebrochenen oder
herausgefallenen Ähren ab und hatten bald einen Blick dafür, ob der Bauer großzügig oder kleinlich
genau sein Feld abgeerntet hatte, oder aber ob wir nicht die ersten Sammler waren. Gelohnt hatte es
sich immer, auch wenn das Ährenlesen in sengender Sonne mühsam und für uns Kinder langweilig und
schweißtreibend zugleich war. Das Sammelgut schütteten wir zusammen, brachten es zur Mühle und
erhielten je nach Gewicht einmal mehr, einmal weniger Mehl dafür. Wir haben auch erlebt, wie uns ein
Bauer von seinem Feld herunter gejagt hat, weil er mit Ährenlesern schlechte Erfahrungen gemacht
hatte. Es soll nämlich auch solche gegeben haben, die sich hinter aufgestellten Garbenhaufen
versteckt hatten, um seelenruhig mit der Schere die Ähren von den Halmen zu schneiden.
Im Spätherbst, als ich längst wieder im Missionshaus war und bereits in der Quarta, der dritten
Klassenstufe, büffelte, sollte ich nochmals an die Erntezeit erinnert werden. Ein alter Lastwagen,
der dem Missionshaus gehörte und von einem Bruder gesteuert wurde, war auf die
umliegenden Dörfer hinausgefahren. Dort hatten die Dorfpfarrer sonntags zuvor ihre Gemeinde dazu
aufgerufen, vom reichen Erntesegen an Obst und Kartoffeln einen Teil für das Missionshaus zu
spenden. Dieser alljährlich wiederkehrende Aufruf hatte schon Tradition, und so füllten sich bei uns
im Nebengebäude die Kartoffelhocks und die Obststellagen. Ich durfte auch einmal mitfahren. Wo wir
auch hinkamen, sei es in Hart, Gruol, Heiligenzimmern, Weildorf, Bittelbrunn, Imnau, Trillfingen,
Höfendorf und wie die Dörfer alle heißen, überall standen die Spenden schon am Pfarrhaus oder in der
Pfarrscheune bereit zum Abtransport. Heimgekommen, begann dann das Ausladen und Versorgen der
reichen Ausbeute, und Obst durften wir dabei essen, soviel wir wollten. Später wurden wir täglich
noch lange an die Spendenfreudigkeit der Menschen unserer Umgebung erinnert; nämlich immer dann,
wenn wir am Nachmittag unseren Apfel mit der Scheibe Brot aus dem Refektorium holten.
Es war November; jener Monat, der etwas mit Absterben zu tun hat. Nachdem die Menschen alles
Verwertbare in ihre Häuser geschafft hatten, Maulwurf und Wühlmäuse sich tiefer in die Erde
vergruben, und das Eichhörnchen seine letzten Vorräte angelegt hatte, ließen auch die Bäume ihr
buntes Blätterkleid fallen. Die Freizeit draußen im Nebel zu verbringen, machte uns nur wenig Spaß;
ein paarmal hatte ich mich am Rundlauf vergnügt, dann zog es mich in die warmen Räume. Jetzt war die
Zeit der dreitägigen Exerzitien gekommen, jene Zeit, von der ich schon manches erzählen hörte, die
ich aber nur dem Namen nach kannte, und auf die ich nun besonders gespannt war.
Es sollten drei Tage werden, in denen ich mich wiederfand, die mich Wesentliches erfahren ließen,
und die mir meine Unzulänglichkeiten aber auch meine Stärken offenbarten. Es waren Tage der
Besinnung, der Beschaulichkeit, des Nachdenkens und der guten Vorsätze. Der Weg bis zum Missionar
war noch weit, sehr weit; genauer: noch sechs Jahre Gymnasium, Abitur, zwei Jahre Philosophie, vier
Jahre Theologie, die niederen Weihen, ein Jahr Noviziat - alles in allem noch dreizehn Jahre bis zur
Primiz, dem Tag der Priesterweihe; danach erst würde ich eine Tätigkeit in Afrika beginnen können,
und ich wäre dann achtundzwanzig Jahre alt. Ein weiter Weg, doch ich wollte ihn unbeirrbar gehen;
auch das war einer der Vorsätze, die ich aus den Exerzitien mitnehmen wollte.
In diesen drei Tagen waren wir alle, Patres, Brüder und Missionsschüler eine einzige Gemeinschaft,
und doch war jeder mit sich und seinen Gedanken allein. In dieser Zeit galt Tag und Nacht Silentium,
das Gesetz des Schweigens. Selbst Flüstern war nicht erlaubt. Es sollte ein jeder sich nur mit sich
selbst beschäftigen. Ich hatte damit keine Probleme, doch einigen schien es schwerzufallen, drei
Tage lang kein Wort reden zu dürfen.
Es war schon ungewohnt und gespenstisch, wenn wir morgens in aller Frühe aufstanden, uns bei
spärlicher Beleuchtung wuschen, anzogen und zur Kapelle gingen, ohne ein gesprochenes Wort,
höchstens mal ein kurzer Blick. Nach der Morgenmesse war nur das Getrampel der Schuhe im Treppenhaus
zu hören, sonst nichts. Die geistliche Lesung, die sich daran anschloß, hielt ein
Pater, und uns knurrte der Magen hörbar. Danach gab's das ersehnte Frühstück, währenddessen las ein
Bruder aus der Heiligenlegende vor. Die Zeit bis zum Mittagessen verbrachten wir mit persönlichen
Gebeten im Haus oder im Hof, je nach Witterung. Unterbrochen wurde sie von einem Vortrag mit
religiösem Thema. Während das Mittagessen eingenommen wurde, las ein Schüler Anmerkungen zu einem
geistigen Thema, danach gingen wir wie immer psalmbetend in die Hauskapelle. Auch den Nachmittag
verbrachten wir mit Lesen, Besuch eines zweiten Vortrags und Choralsingen.. Nach dem Zwischenvesper
mit Apfel und Brot schloß sich wie gewohnt die Hausarbeit an. Wenn es notwendig war, etwas zu
erklären oder Anweisungen zu erteilen, so durfte gesprochen werden, aber es war schon erstaunlich,
wie das meiste allein durch Gestik, Blicke und einer improvisierten Zeichensprache verständlich
gemacht werden konnte. Ich habe später hin und wieder darüber nachgedacht und fand, daß die Menschen
viel zu viel reden; hierher paßt schon die Äußerung eines großen Denkers: "Alles Große geschieht im
Stillen."
Vor dem Abendessen versammelten wir uns nochmals in der Kapelle zu einer kurzen Andacht und beteten
den Rosenkranz; dabei wechselten wir ab zwischen dem freudenreichen, dem glorreichen und dem
schmerzhaften. Nach dem Essen gab es nochmals eine Lesezeit zur freien Verfügung, bevor wir unsere
Kapelle ein letztes Mal aufsuchten, um die Komplet zu beten, ein Schlußgebet, auch mit Gesang, mit
dem der Tag beendet wurde, und wir danach schweigend unsere Betten aufsuchten. So oder ähnlich
verliefen der zweite und der dritte Tag, und ich fand es gut, daß sich jeder auf Grund des
Silentiums mit sich selbst beschäftigen mußte. So kamen auch mal die anderen Sinne dazu,
wahrzunehmen, was um uns
herum geschah. In dieser Stille war ich der Natur sehr nah; ich hörte Geräusche, nahm Bewegungen und
Abläufe wahr, die ich zuvor nicht beachtet hatte. Ich ertastete die dicke, gerissene Rinde eines
alten Baumes , und fühlte die glatte Haut eines jungen Stammes. Jetzt, da ich mit mir und meinen
Gedanken allein zu sein schien, spürte ich in allem, was mich umgab die Schöpfung und den Schöpfer.
Als diese drei Tage vorbei waren, hatte ich Kraft getankt und fühlte mich gut und stark.
Am vierten Tag kam dann im Refektorium zu Beginn des Frühstücks vom Pater Superior das erlösende "Laudate dominum" - Lobet den Herrn, und die Antwort kam prompt und sehr laut, aber auch freudig begeistert: "Deo gratias!". - An diesem Tag gab es viel zu erzählen. Es schien, als ob manche sich beim Reden fast überschlugen, zuviel hatte sich wohl aufgestaut.
Weihnachten war mal wieder vor der Türe. Das Haus leerte sich, und bald befand auch ich mich wieder in Boll, und wiederum fiel es mir schwer, mich umzustellen; die Welten zwischen denen ich pendelte, schienen mir zu unterschiedlich zu sein.
Ich hatte eines Abends bei einem Bauern Milch geholt,. als mich eine ältere Frau aus dem Dorf ansprach; sie hätte gehört, daß ich im Missionshaus wäre und fragte mich dies und jenes. Schließlich meinte sie, ihr Mann würde sich sehr freuen, wenn ich ihn besuchen würde. Warum sollte ich ablehnen? Ich sagte zu und stand dann irgendwann am frühen Abend vor dem Haus und klopfte. Inzwischen wußte ich auch, wer diese Leute waren: das Ehepaar Hoch; er war Küfer, übte seinen Beruf aber nicht mehr aus, da er nur noch einen Arm besaß - ein Andenken an den Ersten Weltkrieg. Herr Hoch war ein schlanker, stattlicher und großer Mann mit kurzgeschnittenen schlohweißen Haaren. Er war geschmackvoll gekleidet und machte einen aufgeräumten, sauberen Eindruck. Frau Hoch, gleichfalls ergraut und betagt, war eine schlanke und erstaunlich große Frau, die auf mich verhalten liebenswürdig, eher vornehm wirkte. So oft ich sie sah, sie war stets schwarz gekleidet. Ich glaube, auch sie hatten - wie Frau Reinacher einen Sohn, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war, was vielleicht ihre schwarze Kleidung erklären würde; doch ich habe sie nie danach gefragt.
Frau Hoch bot mir einen Stuhl an, und wir saßen zu dritt am Tisch in der Stube, während es draußen zu dunkeln begann. "Magscht a Birn?" fragte sie mich, und ich nickte. Da erhob sie sich, ging bis zu einer Türe, die wohl ins Schlafzimmer führte, streckte ihren Arm in die Höhe und holte eine große, gelbe Birne von einem Brett herunter, das über der Türe angebracht war. Ich aß sie mit großem Appetit und konnte mein Schlürfen nicht unterdrücken, so saftig war sie. Herr Hoch hatte ein paar Fragen an mich und über meine Familie, weniger aus Neugierde wie ich fand, als vielmehr, um ein Gespräch in Gang zu bringen. Dann erzählte er von sich, seinem Beruf, der am Aussterben sei und vor allem vom Krieg, an dem er teilgenommen hatte. Einen Arm habe er dabei verloren und sei deswegen auch nicht mehr zum letzten Weltkrieg eingezogen worden. "Interessieren dich die Sachen vom Krieg?" fragte er mich spontan, und ich war so überrascht, daß ich nur zögerlich antwortete Da brachte seine Frau ein großes Buch, das ungefähr das Format DIN A 3 hatte, sorgfältig eingebunden war und in schwungvollen Buchstaben das Wort 'Weltkrieg' auf dem Einband trug. Und nun begann, was eine Reihe von Abenden sich wiederholen sollte: dieses Buch erzählte in Bildern, Dokumenten und ganzseitigen Fotos den Verlauf des Ersten Weltkriegs mit all seinen Schlachten. Gemälde waren mit aufgenommen, die das Gemetzel im Nahkampf drastischer zeigten, als es je eine Fotografie hätte wiedergeben können. Heute erschauere ich bei dem Gedanken, in diesem Buch zu blättern, doch damals, kurz nach dem Krieg mit all seinen Erlebnissen waren die Bilder so fremd mir nicht, als daß sie mich hätten erschauern lassen.
Da ich offenbar Interesse zeigte, begann Herr Hoch über diesen Krieg zu reden, ein Stück weit auch über seine Teilnahme, und dabei blätterte er weiter und konnte mir Bild um Bild erklären; zu manchem wußte er gar noch einzelne Details. Von Frau Hoch erhielt ich die zweite saftige Birne, bevor sie sich wieder ihrer Handarbeit zuwendete, nachdem sie das Licht eingeschaltet hatte; eine Lampe mit Glasperlenschnüren verbreitete ein schwaches Licht. Nach zwei Stunden etwa verabschiedete ich mich, mußte aber versprechen, bald mal wiederzukommen. Das tat ich dann auch, denn Herr Hoch hatte nicht nur einen Bildband zu diesem Krieg, sondern gleich mehrere, ich glaube , es waren vier. Und während wir bei den folgenden Besuchen diese Bildbände der Reihe nach anschauten, und der Veteran seine Kommentare dazu gab, verspeiste ich alle Birnen, die auf dem Brett da oben über der Schlafzimmertüre herangereift waren, so daß die gute Frau zur Stube hinausging, um Nachschub zu holen. Als wir später von Boll wegzogen, und ich mich von den liebenswerten alten Leuten verabschiedete, gab er mir die Bücher mit in dem Glauben, bei mir wären sie gut aufgehoben. Ich hatte sie lange aufbewahrt, doch im Laufe der Jahre wurden sie durch das unsachgemäße Lagern unterm Dach unansehnlich, und so sind sie den Weg allen Altpapiers gegangen, was für Kriegsbilder wohl nicht das Schlechteste war.
Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte Bauer Löffler, der ja hauptberuflich in der Schuhfabrik Wolf in Stetten bei Hechingen arbeitete, wohl ein paar freie Tage. Jedenfalls fragte er mich eines Tages, ob ich Lust hätte, mit ihm in den Wald zu gehen; es sei aber ein weiter Weg. Ich war gleich dabei, und so machten wir zwei uns am anderen Tag als es hell zu werden begann auf den Weg. Übermäßig viel Schnee lag nicht, etwa zwanzig bis dreißig Zentimeter. Das machte keine Mühe, solange er niedergetreten war, doch als wir ein gutes Stück vom Dorf entfernt waren, lag er glitzernd und unberührt vor uns, und wir mußten uns den Weg selbst bahnen, was ziemlich anstrengend und zeitraubend war. So waren wir sicher mehr als zwei Stunden unterwegs, eh wir unterhalb des 'Hangenden Steins' am 'Backofenfels' unser Ziel erreicht hatten.
Es war ein Jungbestand von gleichmäßig und gerade gewachsenen Buchen, die etwa drei bis vier Meter hoch waren und viel zu dicht standen. Unsere Arbeit war das Auslichten, man sagt auch Ausdünnen, was jetzt im Winter gar nicht so leicht war, weil der Schnee hier oben mindestens vierzig Zentimeter hoch lag und jedesmal zur Seite geschoben werden mußte, bevor eine junge Buche am Boden abgehauen werden konnte. Das geschah mit dem Beil oder der kleinen Axt, während das Abschlagen der Zweige mit dem rechteckigen Haumesser geschah, eine Arbeit, die ich zu verrichten hatte. Um die Mittagszeit legten wir eine Pause ein, und Bauer Löffler machte ein Holzfeuer. Er zog einige Bratwürste aus seinem Rucksack, wir spießten sie an dünnen Buchenruten auf, und hielten sie über das Feuer. Werkzeuge und Handschuhe hatten wir zur Seite gelegt, saßen nun als einzige weit und breit mitten in den verschneiten Wäldern und wärmten uns. Zur heißen Bratwurst gab es Brot und Most, diesmal ohne Sprudel, und alles schmeckte hier draußen in der winterlichen Landschaft vorzüglich. Bauer Löffler redete nie viel, aber wir mochten uns, das war zu spüren, und so starrten wir beide in die hellen Flammen, während wir aßen. Danach arbeiteten wir noch eine Weile, eh wir uns auf den Heimweg machten, um bei Anbruch der Dunkelheit wieder im Dorf zu sein. Nach dem Abendessen gingen die Bauersleute in den Stall zum Füttern und Melken der Tiere und ich nach Hause.
Das Jahr ging zu Ende, und das neue begann, wie das alte aufgehört hatte; irgendwelche Besonderheiten oder Erlebnisse sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Auch die Weihnachtsferien waren vorüber, und ich freute mich, wieder im Missionshaus zu sein. Dort hatte es eine Veränderung gegeben: Unser Pater Eisele verließ uns, und statt seiner wurde Pater Schell Superior. Er war vom Pater Provincial nach Haigerloch geschickt worden, ein gutmütiger, älterer Herr mit vollem Bart, dessen Verhalten mütterlich umsorgende Züge aufwies.
Das Frühjahr nahte und meine Versetzung in die Untertertia, der vierten Gymnasialstufe. Ein neues Fach kam hinzu: Griechisch. Diese Sprache war ganz anders als Latein, Französisch oder Englisch. Sie basierte auf Buchstaben, die anders geschrieben wurden, und ihre Wörter enthielten oft noch Zeichen und Akzente. Ich merkte bald, daß das Erlernen dieser Sprache zu einer einzigen Paukerei ausarten würde. Und so saßen wir dann während der Studierzeiten an unseren Plätzen in der Klasse, lernten die Vokabeln und fuchtelten mit beiden Händen in der Luft herum, um all die vielen verschiedenen Akzente ja nicht zu vergessen. Meistens hatten wir in der rechten Hand ein Lineal, wodurch - so hofften wir eine unterstützende Wirkung im Einhämmern der Vokabeln erzielt werden sollte.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten machte mir das Erlernen dieser Sprache Spaß, so daß ich im darauffolgenden Zeugnis die Note 'gut' erhielt. Später schien das Interesse zu erlahmen, denn es gab nur ein 'ausreichend', und zum Schluß meiner Bemühungen um diese Sprache reichte es wieder für ein 'gut'. Heute bin ich froh, neben Englisch und Französisch auch diese beiden alten Sprachen Latein und Griechisch kennengelernt zu haben, denn unser Abendland ist aus den Kulturen dieser alten Sprachen hervorgegangen. Auf Schritt und Tritt begegnen sie uns, und oft konnte ich Fremdwörter, mit denen ich zum ersten Mal konfrontiert wurde, auf Grund gelernter Vokabeln übersetzen und deren Sinn verstehen. Nicht nur die Medizin, Pharmazie, die Juristerei und Architektur fußen auf diesen Sprachen, sondern auch die Kunst, die Musik und vieles aus dem Alltag. So habe ich in meinem späteren Leben als 'Altsprachler‘ eine stille Genugtuung empfunden, wenn ich Wörter und Begriffe entschlüsseln konnte. Wenn es auch niemandem nützt, mir brachte es eine bessere Lebensqualität. Die Frage sei erlaubt: Ob ein mathematisch Vorgebildeter ähnliches in gleichem Maße erfahren kann? Wenn es in meiner schulischen Laufbahn an Formeln und Lösen mathematischer Gleichungen auch erbärmlich haperte, und ich dafür zu Recht die schlechtesten Noten erhielt, so habe ich logisches Denken dennoch gelernt, nicht zuletzt und nicht ausschließlich durch die lateinische Sprache; aber eben auch. Wie sagten schon die Römer? "Cogito - ergo sum" Ich denke nach - also bin ich.