Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Season

Die Zeit in Haigerloch

Aus: Abschied von der Weichsel
Erlebnisse eines Flüchtlingskindes nach dem 2. Weltkrieg
von Wolfgang Kuhr

[...] Nach der Weihnachtszeit begann für mich ein neuer Lebensabschnitt, und wenn ich es recht sehe, war er wohl der nachhaltigste in meinem Leben: der Eintritt ins Missionshaus der Weißen Väter in Haigerloch, einem humanistischen Gymnasium mit Internat, das ausschließlich von Patres geleitet wurde, die alle ihr Staatsexamen für das höhere Lehramt hatten, und von Brüdern, die eine angegliederte Gärtnerei und Landwirtschaft betrieben. Hier trat ich ein, um später einmal Missionar zu werden, der in Uganda, Burundi oder in eines der afrikanischen Nachbarländer Eingeborene zum christlichen Glauben führen wird.

Als Mutti wieder nach Boll zurückgefahren war, kam ich mir in diesem großen Haus mit den vielen mir noch unbekannten Räumen und inmitten einer etwa sechzigköpfigen Jungenschar recht fremd und verlassen vor. Zudem war ich der einzige Neue, weil ich im bereits laufenden Schuljahr hinzugekommen war. Zwar hatte ich in den Lagerschulen schon die dritte Oberschulklasse besucht, mußte hier jedoch in der ersten Klasse, der Sexta, wieder beginnen, weil Latein und Französisch von Beginn an unterrichtet wurden; zwei Sprachen also, von denen ich noch keine Ahnung hatte. Nun lag für mich das Schwergewicht im Erlernen dieser beiden Sprachen, und nach drei Monaten wechselte ich in die Quinta, das war die zweite Klasse. Dort blieb ich bis zum Sommer 1948, also vier Monate, um dann in die Quarta, die dritte Klasse versetzt zu werden. Diese Klassenstufe durchlief ich in neun Monaten und wurde Ostern 1949 in die Untertertia, der vierten Klasse versetzt. Somit hatte ich die untersten drei Gymnasialklassen in fünfzehn Monaten geschafft. Ab der vierten Klasse dauerte dann ein Schuljahr auch für mich ein ganzes Jahr. Mein schneller Lauf durch die ersten drei Klassen war von den Patres gewollt, um mein Alter einigermaßen an die entsprechende Klassenstufe angleichen zu können. Als ich in die vierte Klasse versetzt wurde, war ich fünfzehneinhalb Jahre alt, immerhin noch ein Jahr älter als meine Klassenkameraden, aber dieses eine Jahr war zu vertreten. Natürlich waren diese ersten neun Monate im Missionshaus eine anstrengende Zeit für mich, und die Patres spornten mich immer wieder an, im Eifer nicht nachzulassen. Im allgemeinen kam ich mit dem Unterrichtsstoff gut zurecht; nur Mathematik machte mir zu schaffen, wurde in einem altsprachlichen Gymnasium auch ein wenig vernachlässigt, was sich später bis hin zum Abitur noch bitter rächen sollte.

Doch zurück zu den Anfängen meines Lebens in der Missionsschule. Als ich angekommen war, führte mich ein Pater zunächst in den Schlafsaal, ein Raum mit etwa zwanzig Betten, zeigte mir mein Bett, meinen Schrank, die Waschgelegenheit und versprach, wiederzukommen, wenn ich meine Sachen ausgepackt und eingeräumt hätte. Die Arbeit war schnell getan, denn ich hatte an Kleidung, Schuhen und sonstigem recht wenig. Ich schaute mich in diesem großen Schlafsaal um, der angefüllt war mit Stahlrohrbettgestellen. Jedes Bett hatte eine dünne, dreigeteilte Matratze, zwei Leintücher, eine graue oder braune Decke und ein kleines, weiß bezogenes Kopfkissen. An einer Wand standen die Schränke, lauter schmale, eintürige Kästen, für jeden Jungen einen. Die Waschbecken aus Sanitärkeramik waren in einer Reihe angeordnet, und große Spiegel hingen davor. Alles machte einen reinlichen und geordneten Eindruck.

Mein Begleiter kam wieder, und während er mich durchs Haus führte, hörte ich draußen auf dem weitläufigen Hof die Jungen und ihr Geschrei; sie hatten gerade Freizeit. Der Schlafsaal war im oberen Stockwerk; dort befanden sich auch die Zimmer der Patres und des Paters Superior - so wurde hier der Leiter genannt. Wir klopften, traten ein und befanden uns in dessen Amtszimmer, einem länglicher Raum mit einem Fenster auf der Gegenseite und zwei langen Wänden voller Regale, einem Tisch mit Stühlen und einem Schreibtisch. Wir begrüßten uns mit "Gelobt sei Jesus Christus", und Pater Eisele hieß uns willkommen und meinte, anfangs sei für mich noch vieles fremd, doch würde ich mich schnell eingelebt haben, und dann gefalle es mir auch.

Eigentlich gefiel es mir jetzt schon. Die hohen, weiten und hellen Räume, das großzügige Treppenhaus und die weitläufige Anlage des Missionshauses lösten mich von der Enge und dem Bedrücktsein meines Zuhauses in Boll. Zudem waren die Patres aufgeschlossen, sprachen mit mir und verbreiteten um sich eine Art gelassener Fröhlichkeit, die mir guttat.

Im oberen Stockwerk befand sich auch noch die Hauskapelle; ein Ort, zu dem ich im Laufe der Zeit noch eine besondere Beziehung aufbaute. Im Erdgeschoß befanden sich die vier Klassenzimmer für die Klassen eins bis vier; dann war hier in Haigerloch Schluß. Die weiteren fünf Klassenstufen bis zum Abitur wurden in dem Missionshaus Groß-Krotzenburg bei Hanau/Main unterrichtet. Zu ebener Erde befand sich auch noch die Küche und das Refektorium, das war der Speisesaal. Als wir ihn verließen, strömten die Jungen ins Haus und

verschwanden in den einzelnen Klassenzimmern, was mich bewog, meinen Begleiter zu fragen, ob jetzt auch noch Unterricht sei, da es doch bereits früher Abend war. Doch er verneinte und bemerkte, daß nun das Studieren fortgesetzt werde, was soviel heiße, daß schriftlich und mündlich für den nächsten Unterrichtstag gelernt werde. Mir fiel die Ruhe auf, die im Hause herrschte, obwohl so viele Jungen hinein stürmten, und ich erinnerte mich an die Bemerkung, die Pater Eisele gemacht hatte, als ich mit Mutti zur Anmeldung hier gewesen war: Im Hause herrsche 'Silentium'.

Mein Begleiter brachte mich in mein Klassenzimmer, die Sexta, und wies mir meinen Platz an. Den Buben der Klasse, die eifrig dabei waren, ihre Aufgaben zu erledigen, stellte er mich vor und bat vor allem meinen Nachbarn, mir vorerst zur Seite zu stehen, bis ich alles kennengelernt und mich eingelebt hätte.

Der Pater ging, wir waren unter uns, und alle drehten sich nach mir um, um mich anzuschauen und zu mustern. Da Silentium herrschte, endete das Sichkennenlernen vorerst sehr schnell. Nur mein Nachbar durfte sich mit mir flüsternd unterhalten. Das Klassenzimmer war sehr spartanisch eingerichtet: zwei kahle Wände, eine Tafelwand mit dem Lehrerpult und eine Fensterfront. Die Zweierbänke waren Pulte mit klappbarer, leicht schräger Schreibfläche; darunter befanden sich sämtliche Schulsachen wie Bücher, Hefte, Zettel, Schreibutensilien, Lineal und andres mehr. Hier also war jetzt mein Platz des Lernens, des Unterrichts; hier hörte ich, was die Patres lehrten, hier machte ich meine Hausaufgaben und 'büffelte' für die Schulstunden des nächsten Tages. Bücher und Hefte blieben stets im oder auf dem Pult, sie wurden nie woanders hin mitgenommen. Hier und nur hier war der Ort schulischen Lernens.

Ich hatte mich schnell an die neue Umgebung gewöhnt wie auch an den Tagesrhythmus: Um sechs Uhr ging die Schlafsaaltüre auf, und ein Pater rief mit sehr wacher Stimme: „ Laudate Dominum!“ und mehr oder minder verschlafen klang es vereinzelt zurück: „ Deo gratias.“ – Lobet den Herrn, dem Herrn sei Dank. Während wir uns wuschen, machte der aufsichtführende Pater einige Stippvisiten, ob sich auch keiner am Wasser vorbeidrückte oder vergaß, Hände, Ohren oder Hals zu waschen. Angezogen gingen wir ins Klassenzimmer, um uns nochmals auf den kommenden Unterricht vorzubereiten; vor allem Vokabeln in Latein und Französisch und ab der vierten Klasse auch in Griechisch wurden erneut eingehämmert; in Griechisch zumeist mit Hilfe eines Lineals der verschiedenen Akzente wegen. Meine Englischkenntnisse, die ich mitgebracht hatte, konnte ich getrost auf Eis legen, denn Englisch wurde erst ab der fünften Klasse gelehrt. Nach diesem Frühstudium schrillte die Hausglocke, und es war Zeit zur Morgenmesse. Wir versammelten uns alle in der Hauskapelle; sie war in einem Seitenflügel des zweiten Stockwerks untergebracht. Ihre Fenster waren hoch und zum Teil mit Buntglas versehen. Hinten befand sich ein Beichtstuhl, und einfache Kirchenbänke, die alle ein Ablagefach besaßen, füllten den Raum. Vorne stand ein barocker Hochaltar in Elfenbeinfarbe mit reichen Goldverzierungen. Flankiert war er von zwei Seitenaltären gleicher Ausführung. Jeder Missionsschüler hatte seinen Platz und sein Fach, in dem das Gesangbuch der Diözese und die persönlichen Gebetbücher untergebracht waren. Außerdem bekam jeder noch ein großes und recht dickes Buch, das ich zuvor noch nie gesehen hatte.

Hinter einem schwarzen Einband lagen 16oo Seiten dünnen Papiers, die voll bedruckt waren mit viereckigen Noten und sonderbaren Notenformationen und darunterliegenden Texten; sein Name: 'liber usualis', was soviel heißt wie Gebrauchsbuch oder Buch für den alltäglichen Gebrauch.

Dieses Buch enthielt das Ordinarium und das Proprium und wurde das ganze Kirchenjahr hindurch eingesetzt; es waren ausschließlich Choralgesänge, so, wie man sie heute noch von Ordensschwestern und Ordensbrüdern in Klöstern zu hören bekommt. Das Ordinarium enthält jene Choralgesänge, die vom Text her bei allen zelebrierten Messen gleich bleiben; das sind Kyrie, Sanktus. Agnus dei und Ite missa est. Hierzu enthält das Buch achtzehn Variationen dieser Meßgesänge sowie vier verschiedene Credos. Zum Proprium zählen die unterschiedlichsten Gesänge zu den verschiedensten Anlässen im Jahr, wie Ostern, Weihnachten, Karwoche, Fest eines Heiligen oder einer Heiligen, Adventzeit, Fastenzeit und vieles mehr. Hier waren die Hymnen, Responsorien, Psalmen, Tractanden und Gradualien und sonstigen Gesänge der katholischen Kirche zu finden, und wir Missionsschüler übten uns zweimal wöchentlich im Choralsingen mit kräftiger Unterstützung durch Pater Schröter oder Pater Eisele.

Choralsingen hat mir bald großen Spaß gemacht. Auch wenn ich das viele Latein noch nicht übersetzen konnte, so war ich doch von der Eigenart dieses Gesangs berührt, und da ich von Haus aus eine gute und kräftige Stimme hatte, wurde Choralsingen eine meiner liebsten Beschäftigungen. So lernten wir, richtig zu atmen, gleichmäßig und fließend zu singen. Da Choralsingen auch immer Singen in der Gruppe bedeutete, war jeder gehalten, sich sowohl im Tempo als auch in der Lautstärke anzupassen. In der Hauskapelle haben wir Missionsschüler sehr viele Gottesdienste mit Choralgesängen begleitet; sie wurden für mich immer mehr zur Freude.

Viel später, als ich schon über fünfzig war, habe ich einen lang gehegten Wunsch wahr gemacht, meinen ehemaligen Klassenlehrer Pater Hafner in Haigerloch besucht und ihn um ein altes, abgelegtes 'liber usualis' gebeten, und so bin ich heute stolzer Besitzer eines Exemplars aus dem Jahr 1921.

Nach der allmorgendlichen Messe betraten wir endlich das Refektorium; es war fast schon halbacht Uhr, und mein leerer Magen machte sich seit einer Weile bemerkbar. Ich war vierzehn, und hatte stets großen Hunger. So konnte es schon mal sein, daß das Brot beim Frühstück nicht ausreichte. Anderen schien es auch so zu gehen, und so hielten wir uns immer in der Nähe jener Jungen auf, die von zu Hause regelmäßig Pakete erhielten; es waren die sogenannten Freßpakete. Doch mit deren Lust, zu teilen, war es meist nicht weit her. Ich erinnere mich an einen Mitschüler, der aus Gruol bei Haigerloch stammte, regelmäßig Pakete erhielt und sie ebenso regelmäßig in seinem Schrank im Schlafsaal verschwinden ließ. Ich war zwar sein Schranknachbar, doch abgegeben hat er fast nie etwas an seine Kameraden. Eines Tages flog dann alles auf: ein Pater kontrollierte in unserer Anwesenheit mal wieder Ordnung und Sauberkeit in unseren Schränken. Dabei zog er aus dem Schrank meines Nachbarn einen halben, verschimmelten Laib Brot heraus und ein noch recht großes Stück geräucherten Speck, dessen Fett dunkelgelb und zum Teil mit Grünspan überzogen war. Das war für den Jungen eine schlimme Situation, und die ermahnenden Worte des Paters ließen nicht lange auf sich warten.

Kurz vor acht begann der Unterricht. Wenn ich an die Zeit davor in den dänischen Lagerschulen zurückdenke, machte mir das Lernen jetzt wieder Spaß, was wohl damit zusammenhing, daß ich mit Gleichaltrigen in einer beschützten Umgebung lebte, wo alles nach festen Regeln ablief. Ein nicht näher erklärbarer Druck, wie er zuhause in der Familie auf mir lastete, war nicht mehr, und die Traurigkeit wich - wenn auch nur in kleinen Schritten - von mir. Zudem hatte ich ja ein Ziel: Ich wollte Missionar werden und dazu ein guter. Also mußte ich noch viel lernen, und mein Eifer war ja groß genug und hielt auch lange genug an, um in fünf Vierteljahren drei Klassen zu durchlaufen und trotzdem noch ordentliche Leistungen vorzuweisen. Eine Besonderheit im sprachlichen Unterricht waren die 'Extemporale'; das sind vom unterrichtenden Pater überraschend angesetzte schriftliche Arbeiten, die auf Handzetteln gefertigt wurden. Diese Überraschungen gab es oft und betrafen vor allem Regeln und Vokabeln der Fremdsprachen. Sie waren nicht bei allen beliebt, spornten aber doch die Fleißigen unter uns vermehrt an.

Gegen dreizehn Uhr versammelten sich alle wieder im Speisesaal. Eine Anzahl langer Tischreihen mit beidseitigen Bänken schloß mit einer quer dazu verlaufenden Tischreihe ab, an der die Patres und Brüder Platz nahmen. Schweigend betraten wir dieses Refektorium, schweigend nahmen wir das Essen ein , und schweigend verließen wir diesen Raum. Wenn alle ihren Platz eingenommen hatten, begann Pater Superior mit dem Tischgebet, und wir alle beteten auf lateinisch mit, ohne den deutschen Text zu kennen. Seitlich der Tische, an der Wand befand sich durch ein Podest sichtbar erhöht ein Lesepult. Dahinter saß abwechselnd ein Schüler, um aus einem Buch Heiligenlegenden oder sonstige erbauende Schriften möglichst deutlich vernehmbar vorzulesen, wozu sich nun mal nicht jeder eignete, während bei uns an den Tischen der geräuschlose aber deswegen nicht minder zähe Kampf ums Essen begann, das jeweils für sechs Jungen in Töpfen und Schüsseln auf dem Tisch stand. Da waren die Wölfe von den Schafen sehr schnell auszumachen: Mancher legte sich nach Gutdünken den Kartoffelbrei in seinen Teller ohne zu überlegen, ob er für die restlichen fünf wohl noch reiche; und da kam es schon mal vor, daß durch "psst", Schubsen oder Zischlaute der andere genötigt wurde, eines seiner beiden Fleischstücke wieder auf die allgemeine Platte zurückzulegen, auf der von Anfang an sowieso nur sechs lagen; natürlich bekam derjenige später in der Freizeit einiges zu hören. So freuten wir uns, wenn einer aus der Sechsergruppe mal fehlte, sei es durch Krankheit oder weil er Besuch hatte, was allerdings nicht gerne gesehen wurde und auch nur in Ausnahmefällen gestattet war.

Einige Male hatte ich das Glück, auch mal vom Lesepult aus vorlesen zu dürfen. Danach, wenn alle anderen mit dem Essen fertig waren, begann ich zu essen. Dazu befand ich mich völlig allein in dem großen Speisesaal und hörte nur das geschäftige Treiben der Frauen aus der Küche, das durch die offene Durchreiche zu hören war. Und wenn mir die Menge nicht reichte, bekam ich jeden Wunsch erfüllt, sofern noch Reste vorhanden waren.

Im allgemeinen endete jedes Mittagessen, indem Pater Superior auf eine Tischglocke schlug und vom Platz aufstand, wie alle anderen auch. Nun schloß sich ein längeres Dankgebet ebenfalls auf lateinisch an und mündete in einem schier nicht enden wollenden Psalm, der gebetet wurde, während sich alle zum Ausgang hin bewegten, im Gang und im Treppenhaus sich dann in eine rechte und eine linke Reihe aufteilten, die Treppe ersteigend sich im oberen Gang fortsetzten - zuerst die Schüler, zum Schluß Brüder und Patres -, um in der Hauskapelle zu enden. In der ersten Woche war ich nur Zuhörer, dann verband sich zumindest stellenweise Gehör und Gedächtnis, und ich konnte einige Passagen mitstammeln, um dann mit fortschreitender Zeit ein vollwertiger Mitbeter zu werden, obwohl mir bis heute niemand die deutsche Übersetzung genannt hat, so daß ich heute noch nicht weiß, was ich da gebetet habe. Aber wenn man Ministranten meiner Generation fragen würde, wie das lateinische Stufengebet auf deutsch heißen würde, so wäre das Ergebnis ziemlich das gleiche. Doch störten mich diese Unzulänglichkeiten keineswegs. Ich empfand die lateinische Sprache, die man ja auch so schreibt, wie sie gesprochen wird, als klar und wohlklingend auf Grund ihrer vielen Vokale, und so erfreute ich mich an ihrem wohltuenden Klang. Kaum in der Kapelle angekommen, endete auch der Psalm, und für uns begann die Freizeit.

Diese Freizeit mußte möglichst außerhalb des Hauses verbracht werden. Wenn es regnete, hielten wir uns in der langgestreckten, überdachten Wandelhalle auf; ansonsten gab es einen großen Platz für Spiele aller Art. Einige Kastanienbäume spendeten an sonnigen und heißen Tagen wohltuenden Schatten. Weiter hinten befanden sich ein Klettergerüst und ein Rundlauf. Am letzteren hielt ich mich oft und gerne auf, weil mir der stets wiederkehrende Wechsel von Anlaufen, Schwingen und Abstoßen wohltat, und die Auswirkungen der Zentrifugalkraft auf meinen Körper ein übriges taten.

An die Freizeit schloß sich die Studierzeit an. Alle waren in ihren Klassen, erledigten die Hausaufgaben und bereiteten sich auf den Unterricht des nächsten Tages vor. Natürlich wurde während dieser Zeit geschwätzt, obwohl es nicht erlaubt war. Einer in der Klasse war beauftragt worden, die Schwätzer dem aufsichtführenden Pater zu melden, sobald er in die Klasse kam. Die Strafen hierfür waren meistens hart, vor allem bei Wiederholungstätern. Das begann mit schriftlichen Strafarbeiten über Ausschluß beim Mittagessen bis hin zur Unterredung mit den Eltern. Ich habe es in zwei Fällen erlebt, daß Jungen, die sich nicht anpassen konnten und mehrmals gegen die Hausordnung verstoßen hatten die Missionsschule verlassen mußten und von ihren Eltern abgeholt wurden.

Etwa gegen sechzehn Uhr gab es dann die ersehnte Zwischenmahlzeit; sie bestand aus einer trockenen Brotscheibe und einem Apfel. Jeder holte sich seine Ration, die auf seinem Platz im Speisesaal lag. Gleich danach schloß sich die Hausarbeit an, die darin bestand, den Innenhof zu kehren, den Spielplatz aufzuräumen, Holz aufzuschichten oder Kartoffeln zu schälen. In einem kleinen Raum des Nebengebäudes saßen wir auf alten Bänken und Stühlen und schälten zumeist mit kleinen Messern die Kartoffeln. Richtige Kartoffelschäler waren nur wenige vorhanden, und ungeübt wie wir waren schälten wir mit den Messern ziemlich dicke Schalen ab. Ein Pater, der erst kurz bei uns im Missionshaus war, eine dicke Hornbrille trug und dessen Name ich nicht mehr weiß, kam herein, schaute uns eine Weile zu, bückte sich, hob einige dieser dicken Schalen auf und begann mit lauter und wutentbrannter Stimme über uns loszuschimpfen; er sprach von Vergeudung und Verschwendung und konnte sich nicht beruhigen. Wir waren allesamt erschrocken und begannen, uns vor ihm zu fürchten, als er sich plötzlich umdrehte und den Raum verließ. Später sprachen einige von uns mit Pater Fischer, der eine Art Vertrauensstellung hatte, über diesen Vorfall, und wir erfuhren, daß dieser Pater erst vor kurzem aus der russischen Kriegsgefangenschaft zurückgekommen sei, daß er dort viel Schlimmes erlebt und durchgemacht hätte und nun sehr krank wäre. Da wir eine Erklärung hatten, konnten wir ihn auch verstehen, und ich für meinen Teil bemühte mich, ab jetzt Kartoffeln dünn zu schälen, selbst wenn ich nur ein Messer besaß, denn im Grunde genommen, hatte er ja recht.

Nach diesen Hausarbeiten folgten nochmals Studierzeit, danach Nachtessen, eine kurze Freizeit, das Abendgebet in der Kapelle, und gegen einundzwanzig Uhr begann die Nachtruhe, was im Sommer trotz des Hinausschiebens um eine halbe Stunde dennoch zu früh war und öfters dazu führte, daß bei so vielen Jungen im Schlafsaal noch so mancher Unfug getrieben wurde. Es gab stets ein paar, die zu sehr über die Stränge schlugen, aber zumindest genauso auffallend waren jene, die sich schon jetzt den Heiligenschein verdienen wollten; jene, die durch ihr bedächtiges, frömmelndes und unterwürfiges Verhalten anderen auf die Nerven gingen. Sie waren mir auch lästig, denn sie meckerten nie, vertraten nie eine eigene Meinung sondern gaben sich stets angepaßt. Vor ihnen mußte sich jeder in Acht nehmen, denn aus diesem Holz waren die Schwätzer, Verdreher und Petzer geschnitzt. Gott sei Dank gab es nur wenige dieser Sorte, und einer von ihnen hieß Merkt. Dem habe ich zu passender Zeit einmal meine Meinung gesagt. Tags darauf wurde ich zu Pater Superior bestellt; dort konnte ich mir dann eine entsprechende Standpauke abholen. Seitdem gingen Merkt und ich uns aus dem Weg.

Im allgemeinen glich ein Tag dem anderen; die Tageszeit war eingeteilt und lief nach festen Regeln ab. Da wir außer der Sommerferien nur zu Weihnachten und Ostern nach Hause durften, verbrachten wir die übrigen Feiertage wie auch die Sonntage im Missionshaus, und deren Tagesablauf verlief dann in gelockerten Bahnen; so wurde die Studierzeit durch mehr Freizeit ersetzt. Natürlich stand das Religiöse im Vordergrund: Morgenmesse, Hochamt, die Vesper am Nachmittag, die Rosenkranzandacht und das Abendgebet nahmen einen beträchtlichen Teil sonntäglicher Zeit in Anspruch. An diesen Tagen änderte sich auch etwas beim Essen im Refektorium. Wie gewohnt betraten wir es schweigend, sprachen das Tischgebet, darauf folgten Sekunden tiefen Schweigens; Pater Superior lächelte, sprach dann in Latein zwei oder drei Worte, und prompt brach ein vielstimmiges Geschrei aus vielen Mündern los: "Deo gratias!", und der Speisesaal verwandelte sich in eine brodelnde Schwatzbude, deren Lautstärke erst wieder nachließ, als alle mit dem Essen beschäftigt waren.

An diesen Tagen war für den Nachmittag stets ein mehrstündiger Spaziergang eingeplant, der uns in die Umgebung des Städtchens führte. Dies war die Zeit, in der wir über alles redeten, was sich im Laufe der vergangenen Tage so angesammelt hatte. Dabei fällt mit ein Leitspruch der Weißen Väter ein, der für manche sicher schon lebensrettend gewesen sein mag:

Gehe nie allein, selten zu zweit, doch immer zu dritt.

Das Osterfest 1948 näherte sich, und wir fuhren nachhause in die Ferien. Ich freute mich, Mutti und die Geschwister wiederzusehen, und dennoch wurde ich ein beklemmendes Gefühl nicht los, als ich auf diese Behausung zuging und eintrat. Jetzt nach den hellen und hohen Räumen des Missionshauses erschreckte mich die ganze Erbärmlichkeit dieser Hütte. In meinen Gefühlen und Empfindungen war ich hin- und her gerissen; einerseits freute ich mich, in der Familie zu sein, andrerseits stieß mich so vieles ab. Alle kamen mir so geschäftig vor und sorgten und kümmerten sich um Dinge, mit denen ich mich nicht mehr auseinanderzusetzen brauchte, und ich merkte, daß ich mich verändert hatte in dieser kurzen Zeit, und daß diese Welt hier draußen wohl nicht mehr so ganz meine zu sein schien; zumindest gab es bereits einige Schwierigkeiten, in ihr zurecht zu kommen.

Kaum zu Hause, gab es Arbeit. Mutti hatte einen nagelneuen Leiterwagen der Marke 'Vorwärts' erstanden, der äußerst solide gebaut war, eisenbereifte, hölzerne Speichenräder besaß und mit mehreren Zentnern belastet werden konnte. Bei schönem Wetter zogen wir hinaus in den Wald, um Knüppelholz oder Tannenzapfen aufzusammeln. Das Gelände stieg stetig an; es war jener Berg, auf dem die Hohenzollernburg steht. Im Wald ließen wir den Wagen stehen und schwärmten aus; dabei riefen wir uns in kurzen Abständen immer wieder mit Namen, um sich nicht zu verirren. Jeder brachte, was er gefunden hatte, an den Wegrand. Ich lud die Äste und Zweige in den Wagen, verlängerte mit senkrecht gesteckten Knüppeln die Seitenhöhen und lud weiter, bis der Wagen mannshoch beladen war, und die längeren Stücke hinten weit hinausragten und auf dem Waldweg schleiften. Zwei blieben an der stabilen Handdeichsel, die anderen seitlich am Wagen. Wir vorne zogen und steuerten, die anderen schoben. Wenn der Waldboden noch feucht war oder tiefe Furchen aufwies, gab's Probleme, die zu lösen die größten Kräfte erforderten. Als wir dann aus dem Wald herauskamen, ging's bergab. Da wäre eine Bremse wünschenswert gewesen, doch wir hatten keine und behalfen uns dadurch, daß wir dicke, grüne Knüppel schnitten und diese zwischen die Speichen der Hinterräder steckten.

So fuhren wir durchs Dorf und wurden von den Einwohnern mit interessierten Blicken verfolgt. Da auf dem Lande und vor allem in einem Bauerndorf nur der etwas gilt, der die Arbeit nicht scheut, hatten wir bald eine Menge Sympathisanten auf unserer Seite, von denen aber nicht mehr viel übrigblieben, nachdem wir unwissend und ungewollt eine Dummheit begangen hatten. Bei einer unserer Ausfahrten fanden wir im Wald einen Haufen aufgeschichteter Knüppel, Äste und Zweige und freuten uns über den Fund. Vielleicht hatte uns das Lagerleben, in dem alles allen zu gehören schien so unsensibel gemacht, daß wir naiv genug waren, anzunehmen, wir könnten uns hier bedienen. Natürlich hatten wir den Leiterwagen in ganz kurzer Zeit hochvoll gepackt, zogen damit heim, und keiner kam auf die Idee, daß dieser Holzstapel von irgend jemand errichtet worden sein muß, also jemandem gehörte. Tage später kam dieser jemand zu uns nach Hause, sprach mit Mutti und war recht wütend. Wir mußten das Holz zwar nicht zurückgeben, doch der Vorfall sollte uns Warnung sein. Da vor dem Haus nicht viel Platz war, mußten wir das Holz immer gleich kleinhacken und in die Scheune tragen, wo uns der Bauer eine Ecke freigemacht hatte. Auch im Sommer, wenn die großen Ferien waren, gingen wir in den Wald, und so hatten wir daheim zusammen mit Kohlen und Briketts immer reichlich Brennmaterial zur Verfügung, um Küche und Wohnstube mollig warm beheizen zu können.

Die Osterferien gingen zuende, und ich freute mich wieder auf die Zeit im Missionshaus. Wenn ich daran zurückdenke, so zählte ich stets zu den letzten Schülern, die nachhause in die Ferien fuhren, und zu den ersten, die zum Ferienende wieder in Haigerloch eintrafen. . Warum das so war, weiß ich nicht, vermute aber, daß die beengten Wohn- und Lebensverhältnisse daran schuld waren. Ich hatte manchmal schon Heimweh nach Mutti und meinen Geschwistern; doch das war meistens gegen Abend, wenn der Tag sich neigte und wir - vor allem in der Sommerzeit - zu früh im Schlafsaal waren. Doch am anderen Morgen war der Schmerz verflogen, und der Tag war angefüllt mit Lernen, Arbeiten und Beten.

Die Weißen Väter haben sich nie als ein Orden im üblichen Sinn verstanden. Ihre offizielle Bezeichnung lautet: 'Missionsgesellschaft der Weißen Väter'. Natürlich haben Patres wie Fratres - das sind die Brüder - die Gelübde des Zölibats, des Gehorsams und der Armut abgelegt; auch mußten sie täglich ihr Brevier beten - eine Sammlung von Gebeten, die jeden Tag zu verrichten waren. Doch wer hauptsächlich als Missionar in Afrika tätig sein wollte, der konnte sich nicht hinter stundenlanges Beten verkriechen; er mußte tätig sein für den Glauben, und der Leitspruch 'ora et labora' anderer Orden hieß bei den Weißen Vätern doch wohl 'labora et ora' - arbeite und bete. So haben sie in Zusammenarbeit mit den Brüdern, die fast durchweg Bauern und Handwerker waren, Landstriche kultiviert, Hütten, Häuser und Kirchen gebaut, Wege angelegt und den Eingeborenen gezeigt, wie alltägliche Arbeiten leichter und erfolgreicher erledigt werden konnten. Die Brüder und Väter dieser Gesellschaft waren alles andere als weltfremd, sie standen mit beiden Füßen im Leben, waren den Menschen nah und integrierter Teil einer Gruppe oder Dorfgemeinschaft. Ein 'Weißer Vater' war stets weltoffen und an allem interessiert. Im Umgang mit ihnen war dies immer zu spüren, und die heitere Gelassenheit, die sie verbreiteten, wohin sie kamen, ergriff auch mich. Hier fühlte ich mich geborgen, beschützt und aufgehoben und fand mich mit ihnen im Gebet vereint vor Gott wieder. Hier gab es keine Frömmelei, keine Bigotterie, kein Schluchzen und Jammern vor Gott, und keiner schritt mit schrägem Kopf und verzückter Miene zum Altar, und niemand kehrte sein Inneres nach außen. Und noch etwas fiel auf: Kritik wurde selten geäußert; vielmehr wurden die positiven Seiten des Handelns in aller Breite und Ausführlichkeit dargelegt, so daß Negatives sich dadurch von selbst auflöste. War Kritik dann doch einmal angebracht, so wurde sie sachlich und in eher leisem Ton vorgetragen.

Wie ganz anders hatte ich das Zusammenleben mit anderen erlebt. Als Elf- bis Vierzehnjähriger wurde ich mit all dem konfrontiert, wozu Menschen fähig sind, wenn sie sich in auswegloser und existenzbedrohender Lage befinden. Das Erlebnisbild, das sich ein Jugendlicher von der Welt macht, war auf den Kopf gestellt. Die Erfahrung, daß Menschen im allgemeinen gut und anständig seien, hatte sich dahin verkehrt, daß die meisten egoistisch, roh, habgierig und gefühlskalt waren, und nur wenige zu den guten gezählt werden konnten. Wenn in den Erfahrungen eines jungen Menschen das Gute nur Augenblicke sind, Blitzaufnahmen im dunklen Umfeld des Bösen, dann braucht er lange Zeit, um vom Gegenteil überzeugt zu werden; und hier im Missionshaus war ich auf dem besten Weg zu neuer Erkenntnis

Das war's wohl, was es mir so leicht machte, hier zu leben. Hier fühlte ich mich wie auf einer Insel, behütet, beschützt vor den dunklen Mächten der Welt. Zur damaligen Zeit kam noch etwas anderes hinzu: Es waren nicht nur die Menschen, deren Nähe Gefahr bedeuten konnte, es waren vielmehr die Umstände, jene Zeit, als der Krieg dahinsiechte, viele Städte in Schutt und Asche lagen und Millionen Tote zu beklagen waren; jene Zeit, da die Sieger im Land herrschten und die Beweglichkeit durch Passierscheine regelten, das Geld sein Papier nicht mehr wert war, und ein fast unüberschaubares Heer von Flüchtlingen aus den deutschen Ostgebieten in diesen Torso Deutschland strömte, der vom ehemaligen 'Großdeutschen Reich', dem 'Tausendjährigen Reich' übriggeblieben war. Nicht einmal die primitivsten Notwendigkeiten konnten befriedigt werden. Was für die Einheimischen längst nicht mehr genügte, sollte nun auch noch für die Flüchtlinge reichen. Für die Behörden waren Not und Armut zu verwalten, nur der Tauschhandel und der 'Schwarze Markt' blühten. Einigermaßen gut erging es den Bauern, denn sie saßen naturgemäß an der Quelle der Grundnahrungsmittel. Doch auch sie wurden in die Pflicht genommen, wenngleich die viel gerühmte Bauernschläue stets Mittel und Wege fand, durch engmaschige Verordnungs- und Abgabengesetze zu schlüpfen. Von der Anzahl der Hennen läßt sich nicht exakt auf die Anzahl gelegter Eier schließen, und manches Schwein war längst in den Töpfen und auf dem Schwarzmarkt verschwunden, wenn der Viehbestand gezählt wurde. Von dieser Not und Bedürftigkeit, die ich bis dahin kennengelernt hatte, war im Missionshaus nichts zu spüren. Das gab mir Sicherheit, ließ mich zur Ruhe kommen, und deshalb glaubte ich, wie auf einer Insel zu leben.

Irgendwann bekam ich Lust, Harmonium zu spielen. Ich erinnerte mich an zuhause in Östl.-Neufähr und an das schwarze Tafelklavier, das im Wohnzimmer stand, und auf dem Papa mal gespielt hatte. Er war kaum zum Kurzurlaub heimgekommen, als er sich in voller Uniform davor setzte und zu spielen begann. Ich wollte es auch erlernen, aber ein Klavier gab es nicht, nur ein Harmonium. Eines Tages erschien dann ein älterer Herr aus Haigerloch, ein Schulrektor und erklärte sich bereit, Musikunterricht zu geben; und so erlernte ich mehr schlecht als recht das 'Klavierspiel'. Noch heute habe ich von ihm das Büchlein 'Harmonielehre v. August Wiltberger, königlicher Musikdirektor und Seminarlehrer zu Brühl," aus dem Jahre 1909.

Zum Frühjahrsende gab es für uns im Missionshaus ein paar Mal eine willkommene Abwechslung. Wenn es hieß: "Nach dem Mittagessen gehen wir auf den Seehof," wußte jeder, was damit gemeint war. Der Seehof war ein Gutshof, der etwa zwei Kilometer außerhalb Haigerlochs lag. Vom Missionshaus gelangte man dorthin in etwa einer halben Stunde zu Fuß Dort angekommen erhielt jeder von uns einen Stecken, an dessen einem Ende ein geschärftes Metallblatt eingearbeitet war. Damit gingen wir auf die Äcker hinaus, durchschritten die langen Reihen der Erbsen-, Rüben- und Kartoffelfelder und stachen damit die Disteln ab. Zur Belohnung wurden wir ins Bauernhaus geführt und erhielten ein großes und dickes Stück selbstgebackenes Brot mit Rübensirup. Bei dieser Arbeit waren nie alle Schüler dabei; denn der Bauer hatte wohl kaum an die sechzig solcher Stecken zum Distelstupfen. So waren wir ungefähr zwanzig Jungen, obwohl sich jedesmal viel mehr meldeten, so daß ein Pater die Auswahl vornehmen mußte. Distelstupfen und Sirupbrot statt Studierzeit, das war sehr wohl eine begehrte Abwechslung.

Es kam der Sommer und mit ihm der Beginn der großen Ferien. Die meisten von uns waren schon morgens abgereist oder abgeholt worden. Als ich mein Köfferchen packte, war fast niemand mehr da außer den Brüdern und Patres. "Na Wolfgang, willst du nicht nach Hause ?" fragte mich ein Pater, und ich: „Doch doch, mein Zug fährt bald." Einerseits freute ich mich, mal wieder nach Boll zur Familie zu kommen. Andrerseits umschlich mich wieder dieses beklemmende Gefühl, wenn ich daran dachte, wie eng und dürftig es wieder zugehen würde, und was wohl an Aufgaben und Arbeiten auf mich zukäme.

Natürlich war das Heranschaffen von Holz und Tannenzapfen wieder eine Hauptaufgabe, aber diesmal hatten wir einen anderen Wald ausfindig gemacht, den wir erreichten, wenn wir das Dorf in südlicher Richtung verließen; aber der Weg war um einiges länger und führte an einem abseits gelegenen Einzelgehöft vorbei. Es dauerte eine knappe Stunde, bis wir den Wald erreicht hatten, und der unbefestigte Feldweg dorthin war in schlechtem Zustand, so daß bei voll beladenem Wagen die Deichsel uns oft in den Bauch schlug oder der Wagen gar umkippte. Doch lohnte sich der weite Weg, da der Wald aus großen, hohen Fichten bestand, die eine ganze Menge Tannenzapfen abwarfen. Mit Körben sammelten wir sie ein und schütteten sie dann in die Säcke. Voll und zugebunden kam ein Sack um den anderen auf unsern Leiterwagen; bis zu sechs Stück, prall gefüllt, hatten auf ihm Platz, und das Stapeln verlangte schon etwas Geschick und Erfahrung, damit sie bis Zuhause oben blieben und nicht, wie auch schon passiert, immer wieder abrutschten.

Eine Ausfahrt in diesen Wald ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Es war ja weit ab vom letzten Haus des Dorfes, wo wir unsere Zapfen gesammelt hatten. Das Wägelchen hatten wir voll beladen, als von Westen eine schwarzgraue Wolkenwand auf uns zukam. Wir hofften, noch rechtzeitig heim zu kommen und beeilten uns. Doch schon begann es zu blitzen und zu donnern. Danach erhob sich ein Gewittersturm. Schon längst hatte uns die Sonne verlassen, das Licht wurde schwächer und es begann, dunkel zu werden. Wir befanden uns kurz vor dem Einzelgehöft, als mit Urgewalt ein Unwetter losbrach. Zuerst fielen dicke, schwere Tropfen, der Himmel verfinsterte sich immer mehr, und ein Sturm peitschte den Regen fast waagrecht über das Land. Wir suchten Schutz hinterm Wagen und stülpten uns die Eimer und Körbe über die Köpfe, während der Regen unsere Kleidung durchnäßte. Als es dann auch noch zu hageln begann, fingen einige der Geschwister zu weinen an, denn wir alle fürchteten uns, und die Hagelkörner, die uns trafen, taten weh. Ich wollte meine Angst nicht vor meinen Schwestern zeigen, um sie nicht noch mehr zu ängstigen und dachte für mich: "So wird es mal sein, wenn die Welt untergeht." --Doch dann zog das Unwetter vorbei, die Sonne kam - wenn auch zögerlich - hervor und begann, uns zu wärmen und zu trocknen. Der beladene Wagen war jetzt um einiges schwerer geworden, doch wir waren bald wieder guten Muts und wollten nur noch eines: nachhause, umziehen und viel essen.

Eines Morgens rief mich der Nachbar Bauer Löffler, als ich vor dem Haus war, fragte, wie es mir gehe, ob ich mich in dem Missionshaus wohlfühle, und ob ich nicht Lust hätte, ihm bei den Erntearbeiten zu helfen. Ich hatte Lust, zumal mindestens ein deftiges Vesper nach getaner Arbeit herausschaute. Gleich am nächsten Tag in aller Frühe gingen wir aufs Feld: der Bauer, seine Frau und ich. Er trug eine Sense, an der noch ein weißes Leinen angebracht war, das aussah wie ein Segel, sie einen Korb mit Essenswaren und eine Sichel, und ich ein ganzes Bündel Schnüre, die an einem Ende alle einen kleinen Holzknebel hatten. Auf dem Feld angekommen, begann der Bauer, das Getreide zu mähen. Seine Frau raffte mit der Sichel die Halme zusammen und legte sie in den Arm, bis er voll war. Ich gab ihr eine dieser roten oder blauen Schnüre, sie band damit eine Garbe, die ich dann zu den anderen stellte. Im Laufe des Vormittags standen die Garben, immer fünf bis sechs in gleichmäßigen Haufen gegeneinander gestellt, auf dem abgemähten Feld. Es war ein sommerlich heißer Tag, als wir uns unter einen alten Apfelbaum zum Vesper niedersetzten. Sein weit ausladender Schatten tat uns gut, denn wir waren schon ins Schwitzen gekommen. Bauernbrot, Wurst und Most mit Sprudel ließen wir uns schmecken, und ich griff zu, denn Hunger schien bei mir ein Dauerzustand zu sein. Still war's draußen in der Flur, fernab vom Dorf. Weiter hinten waren auch Leute mit dem Ernten beschäftigt, doch es war nichts zu hören; nur eine Lerche stieg vom Nachbarfeld auf in die Lüfte und begann, zu jubilieren, und solange sie aufstieg, sang sie, und je höher sie stieg ,desto freier klang ihr jubelndes Lied , bis sie nur noch als kleiner Punkt zu sehen war. Dann aber verstummte der Gesang, sie ließ sich fallen wie ein Stein und verschwand irgendwo im Getreidefeld.

Gegen Mittag war das ganze Feld abgemäht; die Sonne konnte den morgendlichen Tau auf den Garben trocknen, und wir gingen ins Dorf zurück. Mutti hatte an diesem Tag einen Esser weniger am Tisch, denn ich aß mit den Bauersleuten zu Mittag. Am Nachmittag meinte Bauer Löffler, man könne die Garben schon holen, da sie bei diesem Wetter sicher trocken genug seien. So half ich ihm beim Einspannen seiner Milchkühe vor den Wagen. Ganz vorne an die Deichsel hängte er noch einen Blechtopf, aus dem es ständig rauchte. "Des isch für de Viecher wega deana Breama", meinte er, und ich mußte ihm später Recht geben, als ich sah, wie groß und zahlreich diese Bremsen waren, die auf die Kühe einstürmten. Da der Rauch sie von den Köpfen fernhielt, versuchten sie, von unten und hinten an die Tiere heranzukommen; doch die wehrten sich, indem sie ständig mit ihren langen Schwänzen um sich schlugen. So fuhren wir gemächlich aufs Feld hinaus, um die Garben heim zu holen. Ich gab dem Bauer die Garben einzeln in den Wagen, und er legte sie nebeneinander auf den mit einem großen Nesseltuch bedeckten Boden. Weitere Garben wurden nun reihenweise dicht aneinander gestellt, bis die Höhe der beiden . Leitern erreicht war. Nun reichte ich sie ihm mit der Mistgabel, und er legte sie in zwei lange Reihen derart, daß die Ähren zum Wageninnern lagen; so konnten die durch den Transport ausfallenden Körner nicht verlorengehen. Als alle Garben verladen waren, durchschritten wir mit großen Holzrechen nochmals das Feld und rechten zusammen, was noch an Ähren und Halmen herumlag; auch das kam auf den Wagen. Zuoberst legte der Bauer den Ladebaum, ein dickes und langes Rundholz, dessen Enden er mit Stricken am Wagen festband. Diese Maßnahme war wichtig, denn es rumpelte auf der Heimfahrt ganz schön auf den ausgefahrenen, unbefestigten Feldwegen.

Daheim fuhren wir direkt vor die Scheune, deren Tore die Bäuerin schon weit geöffnet hatte, spannten die Kühe aus, die ihren Weg zum Stall alleine fanden und begannen, den Wagen von Hand rückwärts in die Scheune zu schieben: während einer an der Deichsel schob und steuerte, griffen die anderen in die Speichen der Hinterräder. Die Bäuerin ging zum Melken in den Stall, und wir beide begannen, den Wagen abzuladen. Dazu ging der Bauer über eine lange Leiter hinauf auf den Heuboden; kurz darauf kam ein eisernes Ungetüm herunter, das an einem dicken Seil hing. Es war ein Greifer, eine Art Doppelzange, mit der nicht nur das Heu, sondern auch die Garben hochgezogen werden konnten. Ich öffnete die Zange, deren vier Enden zugespitzt waren, drückte sie in ein paar Garben, nahm das freie Seilende und zog mit beiden Händen unter Einsatz meines ganzen Körpergewichts die Garben hoch bis ich einen Schrei hörte: "Guet!" Ich ließ das Seil locker, der Bauer konnte die Zange zur Seite auf den Boden ziehen und sie öffnen. Während ich diesen handbetriebenen Heuaufzug langsam wieder zu mir herunterließ, schichtete er oben die Garben, und der Vorgang wiederholte sich solange, bis der Wagen geleert war. Zum Schluß wurde das große Tuch, das sowohl den Boden als auch die seitlichen Leitern des Wagens umspannten, sorgfältig abgebunden, der Abraum zusammen gekehrt und in einen Sack geleert; es waren immerhin einige Doppelhände voll goldbrauner Weizenkörner.

Inzwischen hatte sich eine Anzahl Hühner eingefunden, die emsig auf der Tenne hin und her liefen und die restlichen Körner aufpickten. So ging nichts verloren -- Bauer Löffler achtete sehr darauf, denn er war ein sparsamer Mann, der nichts wegwarf, weil er für alles eine Verwendung hatte.

Das Tagwerk war getan; ich war müde aber auch recht zufrieden mit mir: der Tag war lang, das Wetter schön, und die viele Arbeit hatte mir Spaß gemacht. Nun freute ich mich wieder auf das, was jetzt kam, das Vesper, denn ich hatte großen Hunger. Wir gingen ins Haus. In der Stube hatte die Bäuerin bereits alles gerichtet: auf der hölzernen Tischplatte lag ein frischer, hellbrauner Laib Bauernbrot, so groß, wie ein kleines Wagenrad. Daneben stand ein grauer, irdener Krug, angefüllt mit Most, eine Flasche Sprudel, Trinkgläser, scharfe Messer und Holzbrettchen, auf denen jeweils ein großes Stück Speck lag. Ich entdeckte noch zwei goldgelbe, halbhohe Konservendosen, aus denen es nach Leberwurst und Schwarzwurst roch. Wir setzten uns, auch die Bäuerin, der Bauer lobte meinen Einsatz und wünschte mir einen guten Appetit; den hatte ich, und wie ich ihn hatte ! Ich aß und aß, und dabei zeigte er mir, wie man Speck vespert: indem man ihn in hauchdünnen Scheiben herunterschneidet. Anfangs dachte ich, daß seine Empfehlung, hauchdünne Scheiben zu schneiden, seiner Sparsamkeit entsprungen sein müßte, doch später begriff ich: der Genuß wird dadurch noch erhöht. In diesem Haus machte ich auch die erste Bekanntschaft mit dem schwäbischen Apfelwein, dem Most, der mir prickelnd und erfrischend schmeckte, wenn er mit Sprudel vermischt wurde. Manchmal habe ich mich fast geschämt wegen meines großen Hungers, der nicht enden wollte; so gut hatte mir alles geschmeckt, und ich war zufrieden, wenn ich für meine Arbeit mit reichhaltigem Essen entschädigt wurde; schließlich lebten wir im Sommer 1948, ich war fast fünfzehn, und seit etwa fünf Wochen hatten wir in Deutschland neues Geld, die DM; die Reichsmark war nichts mehr wert, jeder erhielt sechzig Deutsche Mark Kopfgeld, und nur jene blieben vermögend, die Immobilien oder riesige Warenlager besaßen, denn zu kaufen gab es plötzlich fast alles. Der Bedarf war groß, das neue Geld jedoch knapp, und Tauschhandel und manche Entbehrung waren noch für längere Zeit an der Tagesordnung.

So kam es dann auch, daß die ganze Familie in diesem Sommer auf die abgeernteten Getreidefelder der Bauern ausschwärmte, um Ähren zu lesen. Jeder von uns hatte von Mutti einen Beutel bekommen, den wir uns vor den Bauch banden. Systematisch suchten wir die Felder nach abgebrochenen oder herausgefallenen Ähren ab und hatten bald einen Blick dafür, ob der Bauer großzügig oder kleinlich genau sein Feld abgeerntet hatte, oder aber ob wir nicht die ersten Sammler waren. Gelohnt hatte es sich immer, auch wenn das Ährenlesen in sengender Sonne mühsam und für uns Kinder langweilig und schweißtreibend zugleich war. Das Sammelgut schütteten wir zusammen, brachten es zur Mühle und erhielten je nach Gewicht einmal mehr, einmal weniger Mehl dafür. Wir haben auch erlebt, wie uns ein Bauer von seinem Feld herunter gejagt hat, weil er mit Ährenlesern schlechte Erfahrungen gemacht hatte. Es soll nämlich auch solche gegeben haben, die sich hinter aufgestellten Garbenhaufen versteckt hatten, um seelenruhig mit der Schere die Ähren von den Halmen zu schneiden.

Im Spätherbst, als ich längst wieder im Missionshaus war und bereits in der Quarta, der dritten Klassenstufe, büffelte, sollte ich nochmals an die Erntezeit erinnert werden. Ein alter Lastwagen, der dem Missionshaus gehörte und von einem Bruder gesteuert wurde, war auf die umliegenden Dörfer hinausgefahren. Dort hatten die Dorfpfarrer sonntags zuvor ihre Gemeinde dazu aufgerufen, vom reichen Erntesegen an Obst und Kartoffeln einen Teil für das Missionshaus zu spenden. Dieser alljährlich wiederkehrende Aufruf hatte schon Tradition, und so füllten sich bei uns im Nebengebäude die Kartoffelhocks und die Obststellagen. Ich durfte auch einmal mitfahren. Wo wir auch hinkamen, sei es in Hart, Gruol, Heiligenzimmern, Weildorf, Bittelbrunn, Imnau, Trillfingen, Höfendorf und wie die Dörfer alle heißen, überall standen die Spenden schon am Pfarrhaus oder in der Pfarrscheune bereit zum Abtransport. Heimgekommen, begann dann das Ausladen und Versorgen der reichen Ausbeute, und Obst durften wir dabei essen, soviel wir wollten. Später wurden wir täglich noch lange an die Spendenfreudigkeit der Menschen unserer Umgebung erinnert; nämlich immer dann, wenn wir am Nachmittag unseren Apfel mit der Scheibe Brot aus dem Refektorium holten.

Es war November; jener Monat, der etwas mit Absterben zu tun hat. Nachdem die Menschen alles Verwertbare in ihre Häuser geschafft hatten, Maulwurf und Wühlmäuse sich tiefer in die Erde vergruben, und das Eichhörnchen seine letzten Vorräte angelegt hatte, ließen auch die Bäume ihr buntes Blätterkleid fallen. Die Freizeit draußen im Nebel zu verbringen, machte uns nur wenig Spaß; ein paarmal hatte ich mich am Rundlauf vergnügt, dann zog es mich in die warmen Räume. Jetzt war die Zeit der dreitägigen Exerzitien gekommen, jene Zeit, von der ich schon manches erzählen hörte, die ich aber nur dem Namen nach kannte, und auf die ich nun besonders gespannt war.

Es sollten drei Tage werden, in denen ich mich wiederfand, die mich Wesentliches erfahren ließen, und die mir meine Unzulänglichkeiten aber auch meine Stärken offenbarten. Es waren Tage der Besinnung, der Beschaulichkeit, des Nachdenkens und der guten Vorsätze. Der Weg bis zum Missionar war noch weit, sehr weit; genauer: noch sechs Jahre Gymnasium, Abitur, zwei Jahre Philosophie, vier Jahre Theologie, die niederen Weihen, ein Jahr Noviziat - alles in allem noch dreizehn Jahre bis zur Primiz, dem Tag der Priesterweihe; danach erst würde ich eine Tätigkeit in Afrika beginnen können, und ich wäre dann achtundzwanzig Jahre alt. Ein weiter Weg, doch ich wollte ihn unbeirrbar gehen; auch das war einer der Vorsätze, die ich aus den Exerzitien mitnehmen wollte.

In diesen drei Tagen waren wir alle, Patres, Brüder und Missionsschüler eine einzige Gemeinschaft, und doch war jeder mit sich und seinen Gedanken allein. In dieser Zeit galt Tag und Nacht Silentium, das Gesetz des Schweigens. Selbst Flüstern war nicht erlaubt. Es sollte ein jeder sich nur mit sich selbst beschäftigen. Ich hatte damit keine Probleme, doch einigen schien es schwerzufallen, drei Tage lang kein Wort reden zu dürfen.

Es war schon ungewohnt und gespenstisch, wenn wir morgens in aller Frühe aufstanden, uns bei spärlicher Beleuchtung wuschen, anzogen und zur Kapelle gingen, ohne ein gesprochenes Wort, höchstens mal ein kurzer Blick. Nach der Morgenmesse war nur das Getrampel der Schuhe im Treppenhaus zu hören, sonst nichts. Die geistliche Lesung, die sich daran anschloß, hielt ein Pater, und uns knurrte der Magen hörbar. Danach gab's das ersehnte Frühstück, währenddessen las ein Bruder aus der Heiligenlegende vor. Die Zeit bis zum Mittagessen verbrachten wir mit persönlichen Gebeten im Haus oder im Hof, je nach Witterung. Unterbrochen wurde sie von einem Vortrag mit religiösem Thema. Während das Mittagessen eingenommen wurde, las ein Schüler Anmerkungen zu einem geistigen Thema, danach gingen wir wie immer psalmbetend in die Hauskapelle. Auch den Nachmittag verbrachten wir mit Lesen, Besuch eines zweiten Vortrags und Choralsingen.. Nach dem Zwischenvesper mit Apfel und Brot schloß sich wie gewohnt die Hausarbeit an. Wenn es notwendig war, etwas zu erklären oder Anweisungen zu erteilen, so durfte gesprochen werden, aber es war schon erstaunlich, wie das meiste allein durch Gestik, Blicke und einer improvisierten Zeichensprache verständlich gemacht werden konnte. Ich habe später hin und wieder darüber nachgedacht und fand, daß die Menschen viel zu viel reden; hierher paßt schon die Äußerung eines großen Denkers: "Alles Große geschieht im Stillen."

Vor dem Abendessen versammelten wir uns nochmals in der Kapelle zu einer kurzen Andacht und beteten den Rosenkranz; dabei wechselten wir ab zwischen dem freudenreichen, dem glorreichen und dem schmerzhaften. Nach dem Essen gab es nochmals eine Lesezeit zur freien Verfügung, bevor wir unsere Kapelle ein letztes Mal aufsuchten, um die Komplet zu beten, ein Schlußgebet, auch mit Gesang, mit dem der Tag beendet wurde, und wir danach schweigend unsere Betten aufsuchten. So oder ähnlich verliefen der zweite und der dritte Tag, und ich fand es gut, daß sich jeder auf Grund des Silentiums mit sich selbst beschäftigen mußte. So kamen auch mal die anderen Sinne dazu, wahrzunehmen, was um uns herum geschah. In dieser Stille war ich der Natur sehr nah; ich hörte Geräusche, nahm Bewegungen und Abläufe wahr, die ich zuvor nicht beachtet hatte. Ich ertastete die dicke, gerissene Rinde eines alten Baumes , und fühlte die glatte Haut eines jungen Stammes. Jetzt, da ich mit mir und meinen Gedanken allein zu sein schien, spürte ich in allem, was mich umgab die Schöpfung und den Schöpfer. Als diese drei Tage vorbei waren, hatte ich Kraft getankt und fühlte mich gut und stark.

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Meine Klassenkameraden in der Missionsschule der Weißen Väter In Haigerloch. In der hintersten Reihe ganz links stehe ich

Am vierten Tag kam dann im Refektorium zu Beginn des Frühstücks vom Pater Superior das erlösende "Laudate dominum" - Lobet den Herrn, und die Antwort kam prompt und sehr laut, aber auch freudig begeistert: "Deo gratias!". - An diesem Tag gab es viel zu erzählen. Es schien, als ob manche sich beim Reden fast überschlugen, zuviel hatte sich wohl aufgestaut.

Weihnachten war mal wieder vor der Türe. Das Haus leerte sich, und bald befand auch ich mich wieder in Boll, und wiederum fiel es mir schwer, mich umzustellen; die Welten zwischen denen ich pendelte, schienen mir zu unterschiedlich zu sein.

Ich hatte eines Abends bei einem Bauern Milch geholt,. als mich eine ältere Frau aus dem Dorf ansprach; sie hätte gehört, daß ich im Missionshaus wäre und fragte mich dies und jenes. Schließlich meinte sie, ihr Mann würde sich sehr freuen, wenn ich ihn besuchen würde. Warum sollte ich ablehnen? Ich sagte zu und stand dann irgendwann am frühen Abend vor dem Haus und klopfte. Inzwischen wußte ich auch, wer diese Leute waren: das Ehepaar Hoch; er war Küfer, übte seinen Beruf aber nicht mehr aus, da er nur noch einen Arm besaß - ein Andenken an den Ersten Weltkrieg. Herr Hoch war ein schlanker, stattlicher und großer Mann mit kurzgeschnittenen schlohweißen Haaren. Er war geschmackvoll gekleidet und machte einen aufgeräumten, sauberen Eindruck. Frau Hoch, gleichfalls ergraut und betagt, war eine schlanke und erstaunlich große Frau, die auf mich verhalten liebenswürdig, eher vornehm wirkte. So oft ich sie sah, sie war stets schwarz gekleidet. Ich glaube, auch sie hatten - wie Frau Reinacher einen Sohn, der im Zweiten Weltkrieg gefallen war, was vielleicht ihre schwarze Kleidung erklären würde; doch ich habe sie nie danach gefragt.

Frau Hoch bot mir einen Stuhl an, und wir saßen zu dritt am Tisch in der Stube, während es draußen zu dunkeln begann. "Magscht a Birn?" fragte sie mich, und ich nickte. Da erhob sie sich, ging bis zu einer Türe, die wohl ins Schlafzimmer führte, streckte ihren Arm in die Höhe und holte eine große, gelbe Birne von einem Brett herunter, das über der Türe angebracht war. Ich aß sie mit großem Appetit und konnte mein Schlürfen nicht unterdrücken, so saftig war sie. Herr Hoch hatte ein paar Fragen an mich und über meine Familie, weniger aus Neugierde wie ich fand, als vielmehr, um ein Gespräch in Gang zu bringen. Dann erzählte er von sich, seinem Beruf, der am Aussterben sei und vor allem vom Krieg, an dem er teilgenommen hatte. Einen Arm habe er dabei verloren und sei deswegen auch nicht mehr zum letzten Weltkrieg eingezogen worden. "Interessieren dich die Sachen vom Krieg?" fragte er mich spontan, und ich war so überrascht, daß ich nur zögerlich antwortete Da brachte seine Frau ein großes Buch, das ungefähr das Format DIN A 3 hatte, sorgfältig eingebunden war und in schwungvollen Buchstaben das Wort 'Weltkrieg' auf dem Einband trug. Und nun begann, was eine Reihe von Abenden sich wiederholen sollte: dieses Buch erzählte in Bildern, Dokumenten und ganzseitigen Fotos den Verlauf des Ersten Weltkriegs mit all seinen Schlachten. Gemälde waren mit aufgenommen, die das Gemetzel im Nahkampf drastischer zeigten, als es je eine Fotografie hätte wiedergeben können. Heute erschauere ich bei dem Gedanken, in diesem Buch zu blättern, doch damals, kurz nach dem Krieg mit all seinen Erlebnissen waren die Bilder so fremd mir nicht, als daß sie mich hätten erschauern lassen.

Da ich offenbar Interesse zeigte, begann Herr Hoch über diesen Krieg zu reden, ein Stück weit auch über seine Teilnahme, und dabei blätterte er weiter und konnte mir Bild um Bild erklären; zu manchem wußte er gar noch einzelne Details. Von Frau Hoch erhielt ich die zweite saftige Birne, bevor sie sich wieder ihrer Handarbeit zuwendete, nachdem sie das Licht eingeschaltet hatte; eine Lampe mit Glasperlenschnüren verbreitete ein schwaches Licht. Nach zwei Stunden etwa verabschiedete ich mich, mußte aber versprechen, bald mal wiederzukommen. Das tat ich dann auch, denn Herr Hoch hatte nicht nur einen Bildband zu diesem Krieg, sondern gleich mehrere, ich glaube , es waren vier. Und während wir bei den folgenden Besuchen diese Bildbände der Reihe nach anschauten, und der Veteran seine Kommentare dazu gab, verspeiste ich alle Birnen, die auf dem Brett da oben über der Schlafzimmertüre herangereift waren, so daß die gute Frau zur Stube hinausging, um Nachschub zu holen. Als wir später von Boll wegzogen, und ich mich von den liebenswerten alten Leuten verabschiedete, gab er mir die Bücher mit in dem Glauben, bei mir wären sie gut aufgehoben. Ich hatte sie lange aufbewahrt, doch im Laufe der Jahre wurden sie durch das unsachgemäße Lagern unterm Dach unansehnlich, und so sind sie den Weg allen Altpapiers gegangen, was für Kriegsbilder wohl nicht das Schlechteste war.

Zwischen Weihnachten und Neujahr hatte Bauer Löffler, der ja hauptberuflich in der Schuhfabrik Wolf in Stetten bei Hechingen arbeitete, wohl ein paar freie Tage. Jedenfalls fragte er mich eines Tages, ob ich Lust hätte, mit ihm in den Wald zu gehen; es sei aber ein weiter Weg. Ich war gleich dabei, und so machten wir zwei uns am anderen Tag als es hell zu werden begann auf den Weg. Übermäßig viel Schnee lag nicht, etwa zwanzig bis dreißig Zentimeter. Das machte keine Mühe, solange er niedergetreten war, doch als wir ein gutes Stück vom Dorf entfernt waren, lag er glitzernd und unberührt vor uns, und wir mußten uns den Weg selbst bahnen, was ziemlich anstrengend und zeitraubend war. So waren wir sicher mehr als zwei Stunden unterwegs, eh wir unterhalb des 'Hangenden Steins' am 'Backofenfels' unser Ziel erreicht hatten.

Es war ein Jungbestand von gleichmäßig und gerade gewachsenen Buchen, die etwa drei bis vier Meter hoch waren und viel zu dicht standen. Unsere Arbeit war das Auslichten, man sagt auch Ausdünnen, was jetzt im Winter gar nicht so leicht war, weil der Schnee hier oben mindestens vierzig Zentimeter hoch lag und jedesmal zur Seite geschoben werden mußte, bevor eine junge Buche am Boden abgehauen werden konnte. Das geschah mit dem Beil oder der kleinen Axt, während das Abschlagen der Zweige mit dem rechteckigen Haumesser geschah, eine Arbeit, die ich zu verrichten hatte. Um die Mittagszeit legten wir eine Pause ein, und Bauer Löffler machte ein Holzfeuer. Er zog einige Bratwürste aus seinem Rucksack, wir spießten sie an dünnen Buchenruten auf, und hielten sie über das Feuer. Werkzeuge und Handschuhe hatten wir zur Seite gelegt, saßen nun als einzige weit und breit mitten in den verschneiten Wäldern und wärmten uns. Zur heißen Bratwurst gab es Brot und Most, diesmal ohne Sprudel, und alles schmeckte hier draußen in der winterlichen Landschaft vorzüglich. Bauer Löffler redete nie viel, aber wir mochten uns, das war zu spüren, und so starrten wir beide in die hellen Flammen, während wir aßen. Danach arbeiteten wir noch eine Weile, eh wir uns auf den Heimweg machten, um bei Anbruch der Dunkelheit wieder im Dorf zu sein. Nach dem Abendessen gingen die Bauersleute in den Stall zum Füttern und Melken der Tiere und ich nach Hause.

Das Jahr ging zu Ende, und das neue begann, wie das alte aufgehört hatte; irgendwelche Besonderheiten oder Erlebnisse sind mir nicht in Erinnerung geblieben. Auch die Weihnachtsferien waren vorüber, und ich freute mich, wieder im Missionshaus zu sein. Dort hatte es eine Veränderung gegeben: Unser Pater Eisele verließ uns, und statt seiner wurde Pater Schell Superior. Er war vom Pater Provincial nach Haigerloch geschickt worden, ein gutmütiger, älterer Herr mit vollem Bart, dessen Verhalten mütterlich umsorgende Züge aufwies.

Das Frühjahr nahte und meine Versetzung in die Untertertia, der vierten Gymnasialstufe. Ein neues Fach kam hinzu: Griechisch. Diese Sprache war ganz anders als Latein, Französisch oder Englisch. Sie basierte auf Buchstaben, die anders geschrieben wurden, und ihre Wörter enthielten oft noch Zeichen und Akzente. Ich merkte bald, daß das Erlernen dieser Sprache zu einer einzigen Paukerei ausarten würde. Und so saßen wir dann während der Studierzeiten an unseren Plätzen in der Klasse, lernten die Vokabeln und fuchtelten mit beiden Händen in der Luft herum, um all die vielen verschiedenen Akzente ja nicht zu vergessen. Meistens hatten wir in der rechten Hand ein Lineal, wodurch - so hofften wir eine unterstützende Wirkung im Einhämmern der Vokabeln erzielt werden sollte.

Nach anfänglichen Schwierigkeiten machte mir das Erlernen dieser Sprache Spaß, so daß ich im darauffolgenden Zeugnis die Note 'gut' erhielt. Später schien das Interesse zu erlahmen, denn es gab nur ein 'ausreichend', und zum Schluß meiner Bemühungen um diese Sprache reichte es wieder für ein 'gut'. Heute bin ich froh, neben Englisch und Französisch auch diese beiden alten Sprachen Latein und Griechisch kennengelernt zu haben, denn unser Abendland ist aus den Kulturen dieser alten Sprachen hervorgegangen. Auf Schritt und Tritt begegnen sie uns, und oft konnte ich Fremdwörter, mit denen ich zum ersten Mal konfrontiert wurde, auf Grund gelernter Vokabeln übersetzen und deren Sinn verstehen. Nicht nur die Medizin, Pharmazie, die Juristerei und Architektur fußen auf diesen Sprachen, sondern auch die Kunst, die Musik und vieles aus dem Alltag. So habe ich in meinem späteren Leben als 'Altsprachler‘ eine stille Genugtuung empfunden, wenn ich Wörter und Begriffe entschlüsseln konnte. Wenn es auch niemandem nützt, mir brachte es eine bessere Lebensqualität. Die Frage sei erlaubt: Ob ein mathematisch Vorgebildeter ähnliches in gleichem Maße erfahren kann? Wenn es in meiner schulischen Laufbahn an Formeln und Lösen mathematischer Gleichungen auch erbärmlich haperte, und ich dafür zu Recht die schlechtesten Noten erhielt, so habe ich logisches Denken dennoch gelernt, nicht zuletzt und nicht ausschließlich durch die lateinische Sprache; aber eben auch. Wie sagten schon die Römer? "Cogito - ergo sum" Ich denke nach - also bin ich.