Das Nebengebäude
Als ich damals am Montag, 9. April 1956 zum ersten Mal in Haigerloch ankam, führte mich der Weg vom Bahnhof der Schwäbischen Eisenbahn das kleine Fußpfädchen hinauf zum Haus auf dem Berg. Ich stand dann vor dem großen Eingangsportal des Missionshauses.
Dieses war jedoch auf Dauer wegen des dahinterliegenden Museums abgeschlossen
und man musste linksherum zur anderen Hausseite über den Innenhof kommen. Hier war der
offizielle Eingang. Gegenüber diesem stand ein weiß getünchtes Nebengebäude. In der Mitte
der Gebäudefront hing auf etwa 2m Höhe eine Glocke mit einem Eisengestänge, um den
Klangkörper zu bedienen. Dieses besondere Gebäude ist bei den vielen Beschreibungen über das
Missionshaus kaum bedacht worden; klar, es war ja nur ein zweigeschossiges Nebengebäude und
demnach auch nebensächlich. Hinter der Rückseite erhob sich der Berg steil einige Meter in
die Höhe; dazwischen lag ein kleiner, schmaler Trampelpfad. Für uns Schüler war das eben nur
ein kleines, unbedeutendes Gebäude. Dennoch lohnt es sich, einen Blick darauf werfen. Im
Oberschoss waren die Wohnräume für die hausangestellten Damen. Da waren einige ältere Damen,
aber auch jüngere frauliche Gestalten. Das bedeutet für uns Missionsschüler: absolutes Tabu.
Denn Mädchen waren für die angehenden Zölibatären immens gefährlich.
Soweit ich mich erinnere, waren dies keine jugendlichen, attraktiven „Girls“, die einem den
Weg zum hehren Priester- und Missionsberuf blockiert hätten; aber vielleicht waren sie auch
vom P. Superior oder dem P. Ökonom angewiesen, alles beiseitezulassen, was bei Knäblein
Lustgefühle oder Ähnliches erwecken könnte. Dennoch gebührt diesen Damen ganz großer Dank
für ihre selbstlose Arbeit zum Wohle von uns Schülern.
Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendjemand von uns Zöglingen jemals das besagte Obergeschoss
betreten hätte. Auch war der
Kontakt zu den Damen quasi verboten.
Die Räume im Erdgeschoss waren für uns allerding von Wichtigkeit. Links die erste Tür führte in den
Schuhputz- und Kartoffelschälraum. An einer Wand stand ein Regal mit Fächern für die Schuhe der
Zöglinge. In der Abenderholung sollten hier die Schuhe geputzt werden. Im Winter und an
Schlechtwetter-Tagen diente der Raum auch zum Kartoffeln schälen in der Handarbeitszeit. Kartoffeln
schälen gehört zu den niedrigen und wenig beliebten Handarbeits-Tätigkeiten der Missionsschüler: Die
Knäblein hockte in einem großen Kreis, in der Mitte stand ein voluminöser Küchentopf, daneben ein
Drahtkorb mit Kartoffeln. Die Jungen holten sich dann jeweils eine Kartoffel, schälten sie und
warfen sie sodann in den Topf. Da sich in diesem etwas Wasser befand, spritze es in hohem Bogen in
die Umgebung, was immer wieder zu kleinem Rumor führte. Bei dieser Gelegenheit kam der
Kartoffelminister zum empörten Einsatz, um keinen Tumult aufkommen zu lassen. Außerdem war ja darauf
zu achten, dass das Ganze sub silentio stattzufinden hatte. Notfalls notierte der Minister den Namen
des Übeltäters, der dann zur Strafe am nächsten Tag in der Mittagspause diese leidige Handarbeit als
Strafe auszuführen hatte.
Stadecken, den 17.11.2025
Hajo Stenger