Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Orgelbau

Was mich von Haigerloch bis heute verfolgt

von Hajo Stenger

Beim Lesen der Überschrift denkt natürlich jeder: Aha, da beschreibt einer seine außergewöhnliche Erinnerung an jenen schwäbischen Ort zwischen Tübingen und Hechingen. Und das ist wohl auch nichts Besonderes, denn zahlreichen ehemaligen Missionsschülern aus dem Missionshaus der Weißen Väter in Haigerloch geht es ebenso, zumal sie ebenfalls diese Lebenszeit in einem Alter dort verbracht haben, das mit einem ganz markanten persönlichen Entwicklungsschritt verbunden ist. Wie stark diese Entwicklungsphase nachschwingt, mag von individuellen Faktoren abhängen. Vielleicht haben sich auch einige Freundschaften aus dem damaligen Aufenthalt im Missionshaus erhalten und man wird so immer wieder an die alten Zeiten erinnert. Möglicherweise verbindet auch jemand bestimmte Negativerlebnisse mit diesem Aufenthalt im großen, weißen Missionshaus am Ende des Annaweges und hat die Zeit weitgehend aus seinem Gedächtnis getilgt. Meinen Schwerpunkt lege ich auf eine ganz bestimmte Prägung meines Lebens, die ich damals in Haigerloch erfahren habe. Zweimal habe ich bereits auf den Klepferseiten über diese besonderen Erlebnisse berichtet: einmal im Aufsatz über P. Schröter und zum anderen im Kapitel Dies und das unter der Überschrift Eine Karriere. Lange habe ich überlegt, ob ich diese Thematik nun in einem eigenen Beitrag nochmals subsummierend aufgreifen soll. Ja, es geht um den besonderen Virus, den ich mir in Haigerloch da eingefangen habe, nämlich um den Orgelbau, besser um die Liebe zur Orgelbaukunst. Jeder kann freilich mit Recht sagen, das ist seine ganz persönliche „Erkrankung“; er muss sehen, wie er damit klar kommt. Dennoch spiegelt sich in dieser besonderen Entwicklung einiges von dem, was wir alle irgendwann und irgendwie erlebt haben, natürlich jeder in ganz anderer Version. Begonnen hat alles bei der Kartoffelkollekte 1957 mit P. Schröder in Bittelbronn, einem kleinen Dörfchen, ca. 4 km von Haigerloch entfernt. Dort zogen wir mit einem Bauern, der den Traktor steuerte, von Haus zu Haus und nahmen die für das Missionshaus gedachte Kartoffelgabe entgegen. Gelegentlich war dann auch etwas anderes dabei, so Äpfel oder Gemüse. Am Sonntag zuvor hatte der Pfarrer bzw. ein Pater, der den Gottesdienst vor Ort gehalten hatte, die Kirchenbesucher darauf aufmerksam gemacht, dass beispielsweise am Dienstag wieder die Weißen Väter kommen und um Kartoffeln für ihr Missionshaus betteln. Als Helfer mit dabei waren in der Regel zwei Missionsschüler. Für die war das natürlich ein besonderes Vergnügen, beim Einsammeln der Gaben helfen zu dürfen. Dies bedeutete einmal eine nette Abwechslung vom monotonen Missionshausalltag und zum anderen hatten die Kollektenhelfer dann auch keine Schule, was man natürlich als Pennäler immer wieder begrüßte. Entsprechend groß war die Spannung am Vorabend, wenn der Superior verkündete, wer denn am nächsten Tag mit zur Kollekte gehen darf. Oft waren es die Schüler, die aus dem betreffenden Ort stammten. So war es für weit angereiste, wie mich, eine Besonderheit, an dieser Sammelaktion aktiv teilnehmen zu dürfen. Wie ich letztendlich zu dieser Ehre als Kollektenhelfer in Bittelbronn gekommen war, weiß ich nicht. Gleich nach dem Frühstück ging es dann los. Die 4 km nach Bittelbronn mussten wir zu Fuß laufen; während P. Schröter mit einem Motorroller den Zielort ansteuerte. Irgendwann bei der Sammelaktion stand ich dann vor einem kleinen Haus am Dorfende von Bittelbronn, an der Straße nach Weildorf gelegen. Hier überschritt die Straße den Scheitelpunkt, denn in eine Richtung ging es hinab in das Dorf und die andere Richtung führt hinunter nach Weildorf. Hier war alles noch recht dörflich, wie ich als Großstadtkind unschwer bemerkte. Autoverkehr war so gut wie gar nicht vorhanden, deswegen konnten wir mit unserem Traktorgespann ungestört die kleine Landstraße durch den Ort benutzen. Und so stand ich dann auch wartend vor jenem kleinen, bläulich angemalten Häuschen. Mir fielen die recht großen Fenster im Erdgeschoss auf. Und durch diese blickend erkannte ich silberne Rohre an der Wand des Raumes stehend. Mein erster Gedanke war: Ofenrohrfabrik. Nachfragen ergaben, dass es sich hier um eine Werkstatt für Orgelpfeifen handelt. Freilich, Orgel hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon in verschiedenen Kirchen wahrgenommen. Irgendjemand spielt da sonntags, eventuell auch werktags darauf, um den Gemeindegesang zu begleiten. Wir hatten in unserer großen Frankfurter Pfarrkirche Heilig Kreuz auf der Empore hinten auch so ein etwas kleines Instrument stehen, das aber manchmal ganz schön laut war. In der Sakristei wurde immer mal wieder über den Organisten gelästert: der spielt zu laut, der passt nicht auf, wenn er einsetzen soll, der hätte heute etwas früher kommen können u. ä. Meine Gedanken endeten abrupt, als aus dem kleinen Haus eine nette, jugendliche Frau heraustrat und uns nach einem urschwäbischen „Grüß Gott“ einen Drahtkorb halbgefüllt mit Kartoffeln übergab, damit wir diese auf den Traktoranhänger kippen sollten. Ein „Vergelt’s Gott“ war Antwort und Dank zugleich. Dann ging es zum nächsten Haus. In meinem Kopf aber blieb der Gedanke an jene „Ofenrohre“ oder besser gesagt an die Orgelpfeifen. Hier musste ich noch einmal hinkommen. Aber wie sollte das geschehen? Eine alleinige Exkursion vom Missionshaus aus war undenkbar und würde niemals von irgendeinem Pater erlaubt werden. Wie es mir dann doch gelungen ist, jenes besondere Haus am Ortseingang von Bittelbronn wieder aufzusuchen, weiß ich heute nicht mehr. Möglicherweise konnte ich mich bei irgendeinem der Großspaziergänge an einem Sonntag oder Mittwoch davonschleichen. Und dann stand ich vor dem Haus und betätigte mit einiger Verunsicherung den Klingelknopf neben dem kleinen Namensschild Seb. Stehle. Da machte sie wieder auf, jene jugendliche Frau und ich stammelte unsicher, dass ich Missionsschüler sei und einmal die Werkstatt sehen möchte, wo die Orgelpfeifen gemacht würden. Freundlich ließ mich die Frau eintreten und führte mich in den kleinen Werkstattraum. Hier begrüßte mich ein etwas älterer Herr in blauer Arbeitsschürze. Er stand da zwischen langen Arbeitstischen unterhalb der seitlichen Fenster. In einer Ecke standen Orgelpfeifen an die Wand gelehnt, nach Größe geordnet. Auf einem Tisch dampfte ein Lötkolben vor sich hin. An einer Seite auf einem der Tische lagen zugeschnittene Blechplatten. In der Raummitte standen nochmals Regale, auf denen rundierte Blechzuschnitte geordnet nebeneinander lagen. Sie waren an den Rändern mit einer rötlichen Farbe bestrichen. Von dieser Farbe schien auch der eigenartige Geruch in dem Raum auszugehen. An der Frontseite des Zimmers, genau gegenüber dem Eingang stand ein orgelähnliches Gebilde bestehend aus einer Tastenreihe und dahinter etwas angehoben einigen zum Teil schief sitzenden Pfeifen. Der freundliche Herr zeigte und erläuterte mir kurz und prägnant alles, was da so im Raum herumstand: runde Holzmodels, Zinnblechplatten, Schlaghölzer, rote Farbe, Lötkolben, Lötzinn, Intonierlade, Kegelformen und die Bretter, auf denen die runden aufgerollten Blechplatten lagen. Ich erfuhr, dass es sich um Zinn- und Bleiblech handelt und dass die Platten verschiedene Zinnanteile enthalten. Nach der kurzen Führung fragte ich den Mann, ob er mir eine Pfeife schenke würde, damit ich eine Orgel bauen kann. Der Mann brach in ein schallendes Gelächter aus und schenkte mir dann doch drei kleine Pfeifchen, eins aus Metall und zwei aus Holz. Glücklich nahm ich diese Gaben mit ins Missionshaus und betrachtete sie immer wieder wie einen Schatz. Sie passten zwar in unser Arbeitspult im Klassensaal, aber ich versteckte sie in meinen Spint im Schlafsaal. Von jetzt an kreisten meine Gedanken immer wieder um diese drei kleinen Pfeifchen. Und ich gebe zu, dass diese Gedanken bisweilen mich auch dann nicht verlassen haben, wenn wir eigentlich mit Höherem beschäftigt sein sollten, so während der morgendlichen Meditation zwischen Morgengebet und Heiliger Messe und auch als das Harmonium vorne links neben dem Sakristeieingang unter den Händen von P. Schröter ertönte, malte ich mir aus, wie es wohl klingen würde, stände da nun eine kleine Orgel. Kurze Zeit später kam zwar eine kleine Orgel in die Hauskapelle, aber das war ein Instrument ohne Pfeifen und die Töne wurden elektronisch erzeugt. Das Instrument stand vorn rechts am Fenster vor der ersten Bank und es klang orgelähnlich. P. Schröter, der das Geld irgendwie zusammengebettelt hatte, hütete es wie einen Augapfel und kein Schüler dürfte sich hier betätigen.

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Abb. 1: Harmoniumspiel üben im Raum der Quarta neben der Küche
Inzwischen hatte ich mich auch bei P. Schröter gemeldet, um Klavier- bzw. Harmoniumunterricht zu erhalten. Da kam samstags mittags ein alter, pensionierter Lehrer in das Missionshaus und unterrichtete angemeldete Schüler im Instrumentenspiel. Die „Stunde“ dauerte etwa 20 Minuten. Das Ganze geschah an einem alten Klavier im Exerzitiensaal. Ein Plan, der in allen Räumen hing, wo sich ein Klavier oder ein Harmonium befand, bekundete, wer wann in welcher Mittags- bzw. Abendpause auf dem entsprechenden Instrument spielen durfte. In der Regel mussten die Schüler diese Pausen im Freien verbringen, und um dies zu kontrollieren, kam der jeweilige Aufsichtspater durch die einzelnen Räume und prüfte, ob der dort nun spielende auch wirklich jetzt sich an dem Instrument betätigen durfte. Bei solch starker Reglementierung konnte kaum eine echte Liebe zum Instrumentenspiel wachsen. Wir sollten ja auch keine Organisten werden, sondern Patres, die den Gottesdienst leiten. Außerdem gab es in Afrika oft eine andere Musik, wenngleich man wohl davon ausging, dass Harmonien auch in afrikanischen Kirchen einen angemessenen Platz haben. Mir ist noch ein kleines Erlebnis, das ich einige Jahre später im Noviziat in Hörstel hatte, in Erinnerung: Hier musste ich ein Harmonium für eine afrikanische Missionsstation reparieren und für die lange Reise verpacken. Wie ich einige Monate später erfahren habe, ist das gute Stück in Einzelteile zerlegt angekommen. Ob jemand dort die Teile wieder zusammensetzen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. So langsam reifte in meinen Gedanken die Idee, eine eigene Orgel zu bauen. Das hört sich zwar zunächst recht einfach an, aber die Möglichkeiten dazu waren sehr beschränkt. Wir hatten im Wirtschaftsgebäude, das den Innenhof begrenzte, einen kleinen Bastelraum, den man durch die davor liegende Waschküche erreichte. Neben einigen Tischen war da nur ein alter Schrank mit einigen alten Werkzeugen, wie z.B. Hammer, Zange, Fuchsschwanz, Handbohrer, Schraubendreher. Im Holzschuppen, der sich neben dem Wirtschaftsgebäude in Richtung Stall anschloss, lagen alte, weiß gestrichene Fensterbretter und sonstige Holzstücke. Somit war ein vorgegeben. Ein Mitschüler, der aus Frankurt-Sossenheim kam und dessen Vater bei der Chemiefabrik Hoechst arbeitete, brachte mir ein kleines Töpfchen Leim und Stahldraht mit. Ich selbst war zu diesem Zeitpunkt wenig geübt im Umgang mit Schreinerwerkzeugen und musste mir autodidaktisch alles zusammenreimen. Rostige Drähte haben sich auch noch in irgendeiner Ecke gefunden. Schließlich ist es gelungen, eine Windlade zu bauen, auf der meine drei Pfeifchen stehen konnten, dazu ein Blasebalg aus Packpapier, was im hauseigenen Lädchen erhältlich war. Und im April 1958 war es endlich soweit, dass die drei Pfeifen auf der Windlade stehend Töne von sich gaben. Das lockte auch Mitschüler an, die das Phänomen bewunderten.



Wenn auch die Arbeiten großen Spaß gemacht haben und das Einerlei des Alltäglichen etwas durchbrachen, so führten sie dennoch nicht zum gewünschten Erfolg. Opus 1 blieb unbefriedigend und unvollständig. In den Sommerferien schaute ich mich in unserer großen Heimatkirche Heilig Kreuz in der Frankfurter Kettelerallee um, ob es nicht hier einen geeigneten Platz für die Orgelbastelarbeiten gab. Und ich hatte Glück, zumal ich ja mit unserem alten Küster befreundet war, der mir gern helfend unter die Arme griff. Da gab es u.a. eine Unterkirche, die sich unter dem großen Altarraum befand und die in der Nachkriegszeit als Behelfsgottesdienstraum benutzt wurde. Diese wurde nun nicht mehr gebraucht. Zufällig fand ich da noch einen alten Orgelmotor, den ein Elektriker während des Krieges aus einem alten Glockenmotor zusammengebastelt hatte. Er war zwar schrecklich laut, aber er machte Wind. Technisch war das Gerät höchst gefährlich, denn die Funken sprühten beim Einschalten und abgesichert war das Ganze auch nicht. Ich musste wohl einen guten Schutzengel gehabt haben, dass damit nichts passiert ist. Ich stellte das Ungetüm in einen Nebenraum der Krypta, wo der Küster seine Blumenvasen und sonstiges Gerät aufbewahrte und baute einen Holzkanal in den ehemaligen Kirchenraum. Dazu musste ich eine schmale Wand durchbrechen und ein Viereck unten rechts aus einer Holztür sägen, damit über den Holzkanal der Wind in die Unterkirche gelangen konnte. Erstaunlicherweise hat sich niemand über diese baulichen Eingriffe aufgeregt. Der Pfarrer interessierte sich auch nicht sonderlich dafür, was da unter dem großen Hauptaltar geschah.
Jetzt genügten natürlich nicht mehr die drei kleinen Pfeifchen, die ich vor einiger Zeit von Orgelbaumeister Stehle geschenkt bekam. Ich musste also wieder nach Bittelbronn betteln gehen. Wie es mir damals gelang, dort die nötigen Pfeifen geschenkt zu bekommen, weiß ich heute nicht mehr. Auf jeden Fall hatte ich letztendlich 60 zusammengestückelte Pfeifen aus Holz und Metall, aus denen man ein Register bauen konnte. Die größten Pfeifen waren 150 cm lang und ich hatte nun das Problem, diese nach Frankfurt zu bekommen. Orgelbauer Seb. Stehle half mir, aus alten Brettern eine Kiste zu bauen. Dies fuhr ich gegen Ende des Tertials mit einem Leiterwagen von Bittelbronn zum Bahnhof der Hohenzollerischen Landesbahn nach Haigerloch. Mit welchen Ausreden und sonstigem Getue ich damals die Erlaubnis zu dieser Aktion von den frommen Patres bekommen habe, weiß ich heute auch nicht mehr. Ich habe dann die Kisten unfrei in Haigerloch an unseren Küster abgeschickt. Der hat sie auch angenommen und bezahlt. Und meine Eltern haben ein gewaltiges Donnerwetter abgelassen, als ich denen die Geschichte gebeichtet habe. Von nun an war ich während der Ferien jede Minute in der Unterkirche, wo ich mir mit den Werkzeugen meines Vaters eine kleine, bescheidene Werkstatt eingerichtet habe. Mein Vater war gelernter Schlosser, also Handwerker von Beruf und hatte sich im Keller des Mietshauses neben der Kirche, das wir seit 1954 bewohnten, einige Werkzeuge zu Reparaturarbeiten bereit gelegt. Immer wieder musste ich mir heimlich hier aus des Vaters Werkraum das Ein oder Andere in meine Kirchenwerkstatt holen. Und das ging nicht ohne Schelte und Watschen!
Holz für meine Arbeiten fand ich ebenfalls in unserem Keller, aber vor allem in den weiten Kellerräumen der Kirche. Hier hatte sich einiges aus der Zeit vor und nach dem Krieg angesammelt, das jetzt achtlos herumstand, z.B. alte Bänke, defekte Stühle und Tische. Was ich brauchte, habe ich irgendwo immer gefunden. Nur selten musste ich ein paar Schrauben oder sonstige Utensilien kaufen, alles andere habe ich mir zusammengesucht. So habe ich beispielsweise die Federscharniere für die Pedaltasten aus alten Blechdosen ausgeschnitten. Meine Ferientage sahen dann in der Regel so aus: Morgens um 6 Uhr Messdiener im Gottesdienst; davor und danach Hilfsarbeiten für den Küster. Anschließend kurzes Frühstück zuhause. Dann ging es bis zum Mittagessen in die Werkstatt in die Kirche. Nach einem kurzen Mittagsmahl – meine Mutter kochte nicht gern – war ich dann schnell wieder im Kirchenkeller, um an meinen Orgelteilen mit primitiven Mitteln weiter zu werkeln. Erst spät abends kam ich wieder nach Hause zurück. Zwar gab es anfangs noch weitere Haigerlocher Missionsschüler aus unserer Pfarrei, aber diese traf ich in den Ferien nur selten. Auch ist der Kontakt zu meinen früheren Klassenkameraden aus der Bornheimer Mittelschule komplett abgebrochen, weil diese auf Grund des Familienumzuges 1954 meist in einem anderen Stadtteil wohnten.
In den Sommerferien 1959 hatte ich ein erstes Erfolgserlebnis. Da erklang zum ersten Mal meine in der Unterkirche gebaute Orgel, zusammengesetzt aus alten Pfeifen der Fa. Stehle.

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Abb. 6:Komplettansicht von Opus 2 in der Unterkirche unserer Pfarrkirche in Frankfurt
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Abb. 7;Die Unterkirche hatte kleine Seitenemporen, auf der linken war das Werk platziert


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Abb.: 8 Mit einem gewissen Stolz präsentierte ich mein aus alten Brettern recht primitiv zusammengebautes Instrument.

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Abb.: 9 Die tiefsten Pfeifen C-H waren aus Holz und stammen aus verschiedenen abgerissenen schwäbischen Orgeln, trotzdem haben sie noch gute Töne von sich gegeben
Das Jahr 1959 hatte für mich eine große Umstellung gebracht: Nach der Untertertia in Haigerloch ging es in die Obertertia nach Großkrotzenburg. Wir waren inzwischen etwas erwachsener geworden. Der ein oder andere Mitschüler hatte im häuslichen Umfeld bereits eine nette Gleichaltrige kennengelernt und damit auch den zukünftigen Zölibat in Frage gestellt. So hat sich die Schülerzahl zwischen OIII und UII zum Schmalspurabitur um ein Drittel verkleinert. Dieses mit der natürlichen Entwicklung zusammenhängende Problem hatte sich für mich nicht gestellt: Ich war quasi ja schon verheiratet und zwar mit der Orgel. Von dieser Liaison gab es keine Ferien, ganz im Gegenteil, gerade in den Ferien konnte diese Verbindung noch gestärkt und gefestigt werden. Und während der Schulzeit habe ich immer wieder von meiner Geliebten, der Orgel, geträumt und in meiner Fantasie mir ausgemalt, was und wie ich alle Probleme mit ihr lösen könnte. Der Missionarsgedanke trat etwas in den Hintergrund, wenngleich dieser meiner Geliebten eigentlich nichts anhaben konnte, waren doch auch in den Missionsgebieten Orgeln sowie Harmonien zu finden. So habe ich mir oft ausfantasiert, wie ich in dieser oder jener Missionskirche oder -kapelle ein solches Instrument bauen könnte. Trotz aller Werkstattarbeit habe ich wie andere Missionsschüler auch in den Ferien für die Missionsarbeit geworben und fleißig Missionsschriften an Bekannte verkauft.

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Abb.: 10 Übersicht über die in den Ferien verkauften Schriften der Weißen Väter

Meine Orgelbeschäftigung ist auch in Großkrotzenburg nicht geheim geblieben. Und irgendwann 1960 habe ich dann einmal vorgeschlagen, für die dortige große Hauskapelle ein solches Instrument zu bauen. Dies war ein geradezu höchst verwegenes Unterfangen. Was mich bis heute verwundert, ist die Tatsache, dass sich die Patresgemeinschaft auf dieses Angebot einließ. Ich hatte ja keinerlei Berufserfahrung und außer meinen Basteleien im Frankfurter Kirchenkeller keine Orgelbaukenntnisse. Vieles hatte ich mir angelesen, aber richtige, qualifizierte Bücher über den Orgelbau kannte ich damals nicht. Ich war rundum Autodidakt. Wer von den Patres für meinen Vorschlag stimmte, weiß ich heute nicht mehr. Ich vermute aber, dass P. Jetter diesen tatkräftig unterstützt hat und sein Wort zählte in der Patresrunde. Ich hatte versprochen, für 1.500 Deutsche Mark dieses Instrument zu bauen. Auch diese Zahl war von mir nur grob geschätzt und höchst fragwürdig. Irgendwann ging es dann mit den Arbeiten los. In der offiziellen Handarbeitszeit durfte ich selten an meinem Opus arbeiten. Da hatten viele andere Tätigkeiten Vorrang, z.B. Gartenarbeit, Putz- und Reinigungsdienste. Im Wesentlichen musste ich in Mittags- und Abenderholungen arbeiten. Interessanterweise kamen dann immer wieder Mitschüler, die mich unterstützt haben. Der Anfang war sehr schwer. Ich habe mich entschieden, eine mechanische Kegellade zu bauen: Unter jeder Pfeife befand sich ein durch ein Kegel verschlossenes Windloch. Durch Tastendruck wird der Kegel angehoben und öffnet die Windzufuhr für die entsprechende Pfeife. Als Holz konnte ich dicke Dielen und Baumstämme verwenden, die im zum Schulgelände gehörenden Wald herumlagen. Als Säge benutzte ich eine „vorsintflutliche“ Kreissäge, die von einem fahrbaren Motor über einen langen Riemen angetrieben wurde. Es handelte ich um ein Werkzeug, das jeder berufsgenossenschaftlichen Vorschrift widersprach. Leider habe ich kein Foto von diesem Ungetüm. Ich glaube, dass es in den afrikanischen Missionsgebieten heute so etwas auch nicht mehr gibt.
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Abb. 1: Einige Einkaufquittungen von damals liegen noch in meinem Archiv; diese Geschäfte existieren heute nicht mehr; auch kann man über die niedrigen DM-Preise staunen
Jedenfalls ist es mir gelungen, einige Eichenbretter mit diesem Gerät herzustellen. Eine alte Bandsäge, vermutlich Baujahr 1900 stand in der Werkstatt und wurde über ein Transmissionssystem angetrieben. Eine Hobelmaschine gab es im Haus nicht, also mussten die Bretter zu einer Schreinerwerkstatt in den Ort Großkrotzenburg gebracht werden. Für diese Arbeiten kamen mehrere Mitschüler als Helfer auf mich zu, denn dadurch wurde ihnen möglich, das Missionshaus zu verlassen, um einen Blick in die Welt „draußen“ zu werfen. Besonders ist mir noch ein Klassenkamerad in Erinnerung, Josef H. , der immer sehr gern einkaufen ging, denn bei dieser Gelegenheit konnte er das ein oder andere hübsche Mädchen treffen. Und das war dann eine gute Gelegenheit zu einem „intensiven Gedankenaustausch“. Außerdem benötigte ich Fichte-Tanne-Bretter. Diese wurden beim örtlichen Zimmerer angefordert. Der brachte solche auch alsbald vorbei. Aber da er nicht wusste, wofür das Material gedacht war, lieferte er noch nasse Dielen. Diese waren natürlich nicht für unsere Zwecke geeignet, also mussten sie wieder zurückgebracht und entsprechendes Material beigeschafft werden. Immer wieder habe ich die Aufsichtspatres gebeten, mich von den werktäglichen Spaziergängen am Mittwoch freizustellen, damit ich an meinem Opus arbeiten konnte, denn viel Handarbeit war nötig. Die meisten Windlöcher mussten mit einer Handbohrwinde gefertigt werden; eine elektrische Bohrmaschine gab es zunächst nicht. Der Klassenkamerad Adalbert Unterstaller aus der Oberpfalz konnte später von zuhause eine Bohrmaschine mitbringen, die uns sehr wertvolle Dienste geleistet hat.

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Abb.: 12 Kleiner Pressebricht mit Bild aus dem Aschaffenburger Volksblatt vom 31.11.1961 12
Natürlich war es nicht möglich, alle benötigten Teile für die Orgel in der sehr mäßig eingerichteten Hausschreinerei im Untergeschoss des Nebengebäudes selbst herzustellen. Einiges Brauchbares von alten Orgeln wurde bei dem in Fulda ansässigen Orgelbauer Alban Späth ein Mann aus dem Orgelbauergeschlecht Späth in Mengen-Ennetach – erworben werden, so die Klaviaturen und Pfeifen. Einige Holzpfeifen mussten repariert werden und zu neuem Klang erweckt werden. Manches klappte nicht auf Anhieb. Und so verbrachte ich einige Stunden während der offiziellen Studienzeit unerlaubterweise in der Orgel, um kleine Probleme zu lösen. Immer wieder gingen mir Konstruktionsgedanken durch den Kopf, bei der morgendlichen Betrachtung, in der Studienzeit, eigentlich bei jeder Gelegenheit. Und der Orgelbau war damals nahezu meine Hauptbeschäftigung. Dass ich trotzdem die Schule noch ganz gut bewältigt habe, grenzt fast an ein Wunder.
Glücklicherweise haben mir immer wieder Mitschüler bei den verschiedenen Arbeiten geholfen. Dankbar erinnere ich mich noch besonders an Hubert Bonke, Toni Dickers, Josef Hück, Günther Mayer (Organist), Rudi Schäfer, Gustl Teichmann, Adalbert Unterstaller. Ein alter Orgelmotor wurde zusammen mit einem neu gebauten Schwimmerbalg in der hintersten Ecke der Seitenempore platziert. Orgelbauer Späth machte mit mir die Endintonation. Am Christkönigfest, 26.11.1965, war es dann endlich so weit und die Orgel konnte in einem kleinen Konzert eingeweiht werden.


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Abb.: 15 Immer waren hilfsbereite Mitschüler zur Stelle, wenn es etwas zu tun gab:
v.r.n.l. Josef Hück, Toni Dickers und von hinten: Hajo Stenger, Günther Mayer



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Abb.: 18 Die Schülerzeitung der Kreuzburg AdK berichtet in Heft 34, Winter 1961 auf Seite 3 vom Orgelbau und von der Einweihung.

Zugegeben, ich war natürlich mächtig stolz auf mein Werk. Andererseits hat der kleine Erfolg meine Liebe zur Orgel vertieft. Und irgendwie entstanden immer wieder neue Orgelbaupläne in meinem Kopf. Fast könnte man sagen, Orgel war mein Leben. Und dieser Gedanke war ja nicht kontraproduktiv für meine spätere Tätigkeit in der Mission. Wenn Missionare auf Heimaturlaub waren, erzählten sie davon, dass man in den Missionskirchen auch Harmonien zur Gottesdienstgestaltung benutze. Eine Orgel konnte meist aus Kostengründen in Afrika kaum beschafft werden. Also, so dachte ich, habe ich hier eine wunderbare Aufgabe. Warum sollte ich also nicht Missionar werden? Missionsarbeit und Orgelbau ergaben für mich eine sinnvolle Einheit. Deswegen schien es mir gut und erstrebenswert, meine Orgelbau-technischen Fähigkeiten weiter zu kultivieren. Und so werkelte ich in den Ferien in den Kellern meiner Heimatkirche in Frankfurt weiter. Inzwischen war ich hier umgezogen in Räumlichkeiten, die eine Etage tiefer bei der großen Kirchenheizung lagen. Man hatte die großen Kellerflächen während des zweiten Weltkriegs als Luftschutzräume genutzt. Mit phosphorsierender Farbe standen noch Hinweise und Pfeile an den Wänden. Die Türen waren nach wie vor bombensicher verriegelbar. Hier konnte ich nun ungestört weiterarbeiten. Einen kleinen Kellerraum ohne Fenster konnte ich abschließen und so meine Werkzeuge und das Material sichern. Das war recht ideal, denn wenn ich zu den Ferien nach Hause kam, konnte ich sofort weiterarbeiten. Hier verbrachte ich dann die meiste Zeit der Ferien, nur selten habe ich dann das Tageslicht gesehen und Kontakt mit ehemaligen Freunden aufgenommen. Die früheren Klassenkameraden von der Bornheimer Mittelschule habe ich nicht getroffen, denn diese wohnten in einem anderen Stadtteil und der Kontakt zu ihnen ist im Laufe der Zeit völlig abgebrochen, genauso wie zu früheren Spielkameraden aus der Nachbarschaft.

Jetzt plante ich eine größere Orgel mit mehr Registern. Dazu fuhr ich per Anhalter nach Haigerloch, um einige alte Pfeifen von der Orgelwerkstatt Stehle zu erbetteln, die ich dann per Fracht vom Haigerlocher Bahnhof aus nach Frankfurt an unseren Küster schickte, der folglich auch wieder die Kosten dafür übernahm. Dafür half ich ihm bei seiner Messnerarbeit in meinen Ferien. Damals war dieser Küsterdienst ein Vollzeitjob und der alte Mann war froh, eine Hilfe zu haben. Täglich gab es drei Eucharistiefeiern, um 6.00, bzw. 6.15, um 7.00 und um 7.30 Uhr; an Sonntagen standen vier Messen an, um 7.00, 8.30, 10,00 und um 11.30 Uhr. Dazu gab es regelmäßig Andachten, mindestens Samstags abends die Salve-Andacht und Sonntags die Andacht um 18 Uhr. Hinzu kamen zahlreiche Beerdigungen auf weit entlegenen Friedhöfen in Frankfurt. Dazu musste der Pfarrer oder Kaplan, sowie der Küster bzw. ein Messbub mit dem Taxi auf einen einige Kilometer entfernten Friedhof fahren, um dort die Bestattungen vorzunehmen. Auch hier war der Küster für Hilfe sehr dankbar, da in der Regel kein Messbub zur Verfügung stand. So war ich rundum und in vielfältiger Weise in das kirchliche Geschehen eingebunden. Da wir im Haus neben der Kirche wohnten, war ich jederzeit abrufbar. In den Sommerferien fuhr ich in der Regel zwei bis drei Wochen mit meiner Familie nach Österreich in den Urlaub. Ansonsten beschäftigte ich mich in der kirchlichen Kellerwerkstatt, die auch den Beinamen Katakomben hatte, mit dem Orgelbau.
Während sich die Schulzeit in Großkrotzenburg bisweilen zäh dahinzog, vergingen die Ferien umso schneller. Dennoch fieberte ich diesen immer entgegen, weil ich jetzt wieder meinem Hobby frönen konnte und kreativ an einem Orgelwerk baute. Gelegentlich versuchte ich mich am Orgelspiel in unserer großen Pfarrkirche. Hier stand immer noch die Notorgel aus der Vorkriegszeit, die die Mutterpfarrei St. Joseph damals zur Verfügung gestellte hatte und die von der Orgelbauwerkstatt Breitmann aus Nieder-Olm durch kleine Veränderungen an den neuen Kirchenraum angepasst worden war.


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Abb.: 21 Die Studenten-Belegschaft von Trier im Herbst 1964

Logischerweise bin ich dann nach dem Abitur ohne Wenn und Aber nach Trier gegangen. Um eine Alternative dazu hatte ich mich wenig bemüht, zumal meine Eltern niemals das Geld hatten, mir ein Studium an irgendeiner Universität zu finanzieren. Ich liebäugelte zeitweise mit einem Studium der Zahnmedizin, aber das schien mir alles zu kompliziert, zumal wir in Großkrotzenburg keinerlei Hinweise über alternative Studienmöglichkeiten erhalten hatten, war man doch davon ausgegangen, dass möglichst alle Abiturienten nach Trier in die Dietrichstraße 30 zum Philosophiestudium gehen sollten, um später als Weiße Väter in Afrika tätig zu sein.
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Abb. 22: Erster eigener (Schreib)Tisch im Doppelzimmer
Als wir dann nach den Osterferien 1964 in Trier eintrafen, war das erst kürzlich erweiterte Haus fast zu klein, um alle neuen Studenten aufzunehmen. Ich erhielt ein Zimmer im Neubautrakt zusammen mit einem Klassenkameraden aus Großkrotzenburg. Ich erlebte eine neue Welt: zunächst die neue Wohnsituation, nicht mehr Klassensaal als Studienort und nicht mehr Schlafsaal als Schlafstätte, ein recht lockerer Umgang mit dem Tagesablauf. Da konnte man schon mal nachmittags in der Stadt etwas erledigen oder auch in den offiziellen Studienzeiten sich mit anderen Dingen beschäftigen. Der damalige Superior, P. Jan Ilsen machte einen sehr entspannten Eindruck und ließ uns große Freiheiten, die wir, den recht harten Stil von Großkrotzenburg gewohnt, richtig genossen. Man fühlte sich einfach wohl und seinem Ziel schon etwas näher. Außerdem wurde die Gruppe noch offener dadurch, dass mehr Studenten von „draußen“ als von Großkrotzenburg nun im gleichen Semester waren. Neue Ideen und Perspektiven erweiterten die Sichtweise. Das Studium selbst war groß aufgezogen. So mussten wir in den Kernfächern die Lehrbücher der Gregoriana in Rom benutzen. Diese waren in lateinischer Sprache abgefasst und orientierten sich an der scholastischen Philosophie.
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Abb. 23: kleine Wandorgel im ersten eigenen Zimmer
Alles prägender Lehrmeister war damals P. Früh, der das wandelnde Lehrbuch zu sein schien und der jede Gelegenheit nutzte, mit den Studierenden ins philosophische Gespräch zu kommen. Seine dogmatische Lehr- und Redensweise schienen mittelalterlichen Großmeistern zu gleichen. In den Semesterferien gingen natürlich die Arbeiten in der unterkirchlichen Werkstatt weiter. Und im zweiten Semester schon hatten alle ein Einzelzimmer. Für mein eigenes Zimmer hatte ich mir eine kleine Wandorgel mit etwa 30 Pfeifen gebaut. In einem Nachttischchen stand ein zum Gebläsemotor umgebauter alter Fön und versorgte über einen Luftschlauch eine kleine Windlade mit 30 Aeolinenpfeifen, die von einer Tastatur auf dem Nachttisch über Elektromagnete angesteuert wurden: Opus 3.


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Abb.: 24 Die restaurierte Kapelle in nüchternem, modernen Stil

Die Hauskapelle in Trier war gleichzeitig die Anbetungskirche für die Stadt Trier. Das alte ehrwürdige Kirchlein hatten die Weißen Väter ab 1963 modernisiert: Barocker Altar und Bänke wurden großzügig entsorgt und im Stil der Zeit eingerichtet: nüchtern und sachlich, ohne Rücksicht auf historische Gegebenheiten. Für uns gab es dann nur ein paar Nacharbeiten zu erledigen, die meist von den Spätberufenen ausgeführt wurden, hatten diese doch vielfach handwerkliche Berufe erlernt. In dieser Kirche war ein paar Jahre zuvor eine gebrauchte Orgel von einem Spätberufenen, der früher Orgelbauer gewesen war, eingebaut worden.
Seit den früher 60er Jahren war als Vertretung in den Sommerferien ein französischer Abbé in unsere Heimatpfarrei nach Frankfurt gekommen. Da ich mich gerade in den Ferien viel in der Kirche aufhielt, kam ich natürlich gleich mit ihm in Kontakt und es ergab sich ein gutes freundschaftliches Verhältnis. Abbé Brevart war Lehrer in einem petite seminaire, einem katholischen Internat – ein altes, heruntergekommenes Schloss - in Bouvigny-Boyeffles, einer kirchlichen Einrichtung in der Nähe von Arras/Nordfrankreich. Damals lebten die französischen Pfarrer noch sehr arm. Als der Abbé das erste Mal kam, hatte er keinen Anzug, nur eine einzige Soutane. An dieser konnte man die Speisekarte der letzten Monate ablesen. Fromme Gemeindemitglieder besorgten dem Mann in Frankfurt zunächst einmal einen Anzug und andere Kleidungsstücke.

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Abb.: 25 Ein altes Barockschloss war das Herzstück des petite séminaire BouvignyBoyeffles

Als dann unsere Heimatgemeinde 1964 sich endlich eine geeignete, neue Orgel für die Pfarrkirche leisten konnte, wollte man die alte pneumatische Walcker-Notorgel entsorgen. Ich konnte dies verhindern und erreichen, dass die Gemeinde dieses Instrument dem Abbé für das Internat in Frankreich schenkte. Kolpingsbrüder aus Köln brachten die Einzelteile nach Nordfrankreich. Mit 4 weiteren Mitbrüdern aus Trier bauten wir die Orgel dann in den Osterferien 1965 in der Kapelle des Internats auf und passten sie dem Raum an: harte Arbeit, mangelnde Werkzeuge …

Am 27. Juni 1965 war ein großer Festtag; da wurde die Orgel feierlich eingeweiht. Dazu kam u.a. der deutsche Konsul, unser Heimatpfarrer und viele Gäste in das petite séminaire. Die Presse hat vielfach über den Festakt berichtet und wir 5 aus Tier waren freilich auch dabei. P. Hahn hat uns mit dem Auto von Trier nach Bouvigny gebracht. Die ganze Sache stand in Anlehnung an die Ereignisse des Ersten Weltkrieges unter der Überschrift „Orgelpfeifen statt Granaten“ und wurde als Fest der deutsch-französischen Begegnung gefeiert.
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Abb. 30: Opus 5; die in den „Katakomben“ unserer Pfarrkirche gebaute Orgel am Erbauungsort
Während meiner Semesterferien habe ich weiter in meiner Kirchenkeller-Werkstatt gearbeitet und schließlich Opus 5 geschaffen, ein Positiv mit Pedal und 7 Registern. Inzwischen habe ich 1966 – 1967 das Noviziat in Hörsten durchlaufen, anschließend sollte ich in Totteridge (London) Theologie studieren. So packte ich meine Blechkisten, die wir im Noviziat als Missionsbehälter gefertigt hatten, und machte mich im Sommer 1967 auf in Richtung England. Meine besonderen Erlebnisse von Hörstel habe ich bereits an anderer Stelle berichtet. Der Aufenthalt brachte für mich viel Neues: andere Sprache, Mitbrüder aus 30 Nationen, andere Mentalitäten. So ganz wohl habe ich mich nicht gefühlt. Am Montagabend war immer Gemeinschaftsmesse. An einem Montag war ich aus irgendeinem Grund in der City und habe den Termin versäumt. Daraufhin zitierte mich der Superior. In einem Gespräch sagt ich, dass ich zurzeit nicht so ganz sicher bin, ob ich Weißer Vater oder Weltpriester werde wolle. P. Superior reagierte daraufhin ganz spontan und forderte, dass ich binnen drei Tage das Haus verlassen sollte. In aller Eile packte ich meine Koffer und nahm Kontakt mit meiner Heimatdiözese Limburg auf. Hier nahm man mich in das von den Jesuiten geführte Seminar St. Georgen in Frankfurt auf.
Die Orgel mit 6 Registern in den Katakomben meiner Heimatkirche war im Lauf der ersten Monate in St. Georgen fertig geworden und ich konnte sie über eine Zeitungsanzeige verkaufen. Der Erlös war so groß, dass ich mir mein erstes Auto davon kaufen konnte, ein nagelneuer, weißer Renault R 4. Ein Kinobesitzer aus Neu-Isenburg hat das Instrument erworben.
Nun begann für mich eine Zeit der Orgelabstinenz. Das Studienhaus St. Georgen hatte einige kleine Hausorgeln, auf denen wir Seminaristen regelmäßig üben konnten. Die Instrumente standen in kleinen Zimmerchen und es machte mir wenig Spaß, hier zu spielen. Im anschließenden Priesterseminar in Limburg 1970 war ich dann auch als Organist tätig. Sodann schloss ich meine Kaplanszeit in Königstein und Frankfurt-Niederrad an. In diesem Lebensabschnitt ruhte das Thema Orgel. Nachdem 1972 die Zustände im Pfarrhaus Niederrad unerträglich wurden, entschloss ich mich ein Promotionsstudium in Mainz zu beginnen. Das Pfarrhaus in Niederrad wurde von einer neurotischen Nonne, die den Pfarrer ganz in ihrer Gewalt hatte, dominiert. Dieser Zustand hat mir den Wechsel zum Studium erleichtert. Ich hatte dem Limburger Bischof angeboten, nebenberuflich zu studieren, während ich im Hauptberuf in einer Wiesbadener Pfarrei tätig bin. Dies hat er aber wohl auf Druck des Priesterrates abgelehnt, weil damals noch eine große Zahl von Pfarrern ähnlich verfahren wollte. Da ich nun schon fast 30 Jahre alt war, musste ich handeln, was zur Folge hatte, dass ich suspendiert wurde und plötzlich ohne Geld dastand. In Mainz konnte ich mir an der Anne-Frank-Realschule als Vertretungslehrer für Religion etwas Geld verdienen. Meinen Studienschwerpunkte legte ich auf Erwachsenenbildung, wollte ich doch später wieder als Priester in der Diözese arbeiten. Trotz mehrfacher Versuche konnte kein Arrangement mit Limburg erreicht werden und ich musste mich neu orientieren.
In dieser Situation lernte ich nach zwei Jahren 1974 im Studium während einer Studentenfreizeit der katholischen Hochschulgemeinde Mainz eine Kommilitonin kennen: Als wir im südtiroler Gais eine Kirche besichtigten, spielte ich ein paar Takte Orgel und die Kommilitonin ergänzte mein Spiel, indem sie selbst in die Tasten griff. Und somit entstand eine Freundschaft, aus der Liebe wurde, die 1976 in die Ehe führte. Wir wurden beide Lehrer und konnten kurz nach der Geburt unserer ersten Tochter 1978 in ein eigenes Haus nach StadeckenElsheim ziehen. Schon beim Hausbau war klar, dass es ein Musikzimmer geben muss, in dem später einmal die selbstgebaute Orgel stehen sollte.
1984 begannen die Arbeiten an der Hausorgel für unser Musikzimmer, die schon drei Jahre später spielbar, aber noch nicht ganz fertig war. Inzwischen war ich dem Arbeitskreis Hausorgel in der Internationalen Gesellschaft der Orgelfreunde beigetreten und beteiligte mich an dessen Aktivitäten. Mit anderen Orgelfreunden initiierte ich 1991 eine Schrift über Hausorgelbau, die heute unter der Bezeichnung Die Hausorgel eine bedeutende Rolle im organologischen Schrifttum innehat. Zur gleichen Zeit baute ich mit Orgelfreunden eine kleine MusterHausorgel, deren Bau in Text und Bild festgehalten wurde. Das Material wurde damals vielfach in alle Welt verkauft. Dieses kleine Örgelchen mit barockem Prospekt – OpusCulum= kleines Werk genannt - stand 1992 in einer Ausstellung anlässlich der Herner Musiktage, war später Ersatzorgel, als die Orgel unserer Pfarrkirche in Elsheim restauriert wurde und landete schließlich im Kloster Fiecht bei Innsbruck als Chororgel. Da die Kirche zu feucht war, musste sie wieder zurückgeholt werden und steht seitdem als Chororgel in der Pfarrkirche St. Johannes Evangelist in Groß-Winternheim bei Ingelheim.

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Abb.: 31 OpusCulum mit 8 klingenden Registern und 5 Spielregistern am jetzigen Standort im Chor der Pfarrkirche St. Johannes Evangelist in Groß-Winternheim

Nach diesem orgelbaulichen Intermezzo setzte ich die Arbeiten an meiner Hausorgel fort. Sie ist mittlerweile gewaltig gewachsen und hat nun etwa 50 Register und 6 Manuale an zwei Spieltischen. Im August 2008 wurde sie von dem bekannten Mainzer Domorganisten Albert Schönberger feierlich eingeweiht. Etwa 250 Gäste tummelten sich aus diesem Anlass auf unserem Gelände und folgten abwechselnd in kleineren Gruppen, nur etwa 30 Leute haben gleichzeitig im Musikzimmer Platz, dem vierstündigen Spiel des Virtuosen. Inzwischen haben zahlreiche Konzerte mit bedeutenden Organisten aus Deutschland und dem Ausland das Instrument gespielt und die eingeladenen Zuhörer immer wieder erfreut.

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Abb.: 31 Gesamtansicht der Hausorgel Stenger; das Werk ist zwar noch nicht ganz fertig und es gibt noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen; dennoch ist es jederzeit spielbereit.

Täglich spielt meine Frau Mechthild auf dem Instrument und übt für ihre Tätigkeit als Organistin an unserer kleinen Pfarrkirche St. Walburga zu Elsheim. So braucht sie sich nicht auf den Weg zur Kirche zu machen und auf die dortigen Gegebenheiten achten. Sie kann folglich jederzeit ungestört üben. Außerdem dient unser Musikzimmer als Proberaum für unser seit über 30 Jahren bestehendes Flötenquartett. Auch sonstige musikalische Aktivitäten vor Ort haben hier ihren Ausgangspunkt.

Hajo Stenger

Stadecken- Elsheim, 1. August 2015