Was mich von Haigerloch bis heute verfolgt
von Hajo Stenger
Beim Lesen der Überschrift denkt natürlich jeder: Aha, da beschreibt einer seine außergewöhnliche
Erinnerung an jenen schwäbischen Ort zwischen Tübingen und Hechingen. Und das ist wohl auch nichts
Besonderes, denn zahlreichen ehemaligen Missionsschülern aus dem Missionshaus der Weißen Väter in
Haigerloch geht es ebenso, zumal sie ebenfalls diese Lebenszeit in einem Alter dort verbracht haben,
das mit einem ganz markanten persönlichen Entwicklungsschritt verbunden ist. Wie stark diese
Entwicklungsphase nachschwingt, mag von individuellen Faktoren abhängen. Vielleicht haben sich auch
einige Freundschaften aus dem damaligen Aufenthalt im Missionshaus erhalten und man wird so immer
wieder an die alten Zeiten erinnert. Möglicherweise verbindet auch jemand bestimmte
Negativerlebnisse mit diesem Aufenthalt im großen, weißen Missionshaus am Ende des Annaweges und hat
die Zeit weitgehend aus seinem Gedächtnis getilgt.
Meinen Schwerpunkt lege ich auf eine ganz bestimmte Prägung meines Lebens, die ich damals in
Haigerloch erfahren habe. Zweimal habe ich bereits auf den Klepferseiten über diese besonderen
Erlebnisse berichtet: einmal im Aufsatz über P. Schröter und zum anderen im Kapitel Dies und das
unter der Überschrift Eine Karriere. Lange habe ich überlegt, ob ich diese Thematik nun in einem
eigenen Beitrag nochmals subsummierend aufgreifen soll. Ja, es geht um den besonderen Virus, den ich
mir in Haigerloch da eingefangen habe, nämlich um den Orgelbau, besser um die Liebe zur
Orgelbaukunst. Jeder kann freilich mit Recht sagen, das ist seine ganz persönliche „Erkrankung“; er
muss sehen, wie er damit klar kommt. Dennoch spiegelt sich in dieser besonderen Entwicklung einiges
von dem, was wir alle irgendwann und irgendwie erlebt haben, natürlich jeder in ganz anderer
Version.
Begonnen hat alles bei der Kartoffelkollekte 1957 mit P. Schröder in Bittelbronn, einem kleinen
Dörfchen, ca. 4 km von Haigerloch entfernt. Dort zogen wir mit einem Bauern, der den Traktor
steuerte, von Haus zu Haus und nahmen die für das Missionshaus gedachte Kartoffelgabe entgegen.
Gelegentlich war dann auch etwas anderes dabei, so Äpfel oder Gemüse. Am Sonntag zuvor hatte der
Pfarrer bzw. ein Pater, der den Gottesdienst vor Ort gehalten hatte, die Kirchenbesucher darauf
aufmerksam gemacht, dass beispielsweise am Dienstag wieder die Weißen Väter kommen und um Kartoffeln
für ihr Missionshaus betteln. Als Helfer mit dabei waren in der Regel zwei Missionsschüler. Für die
war das natürlich ein besonderes Vergnügen, beim Einsammeln der Gaben helfen zu dürfen. Dies
bedeutete einmal eine nette Abwechslung vom monotonen Missionshausalltag und zum anderen hatten die
Kollektenhelfer dann auch keine Schule, was man natürlich als Pennäler immer wieder begrüßte.
Entsprechend groß war die Spannung am Vorabend, wenn der Superior verkündete, wer denn am nächsten
Tag mit zur Kollekte gehen darf. Oft waren es die Schüler, die aus dem betreffenden Ort stammten. So
war es für weit angereiste, wie mich, eine Besonderheit, an dieser Sammelaktion aktiv teilnehmen zu
dürfen. Wie ich letztendlich zu dieser Ehre als Kollektenhelfer in Bittelbronn gekommen war, weiß
ich nicht. Gleich nach dem Frühstück ging es dann los. Die 4 km nach Bittelbronn mussten wir zu Fuß
laufen; während P. Schröter mit einem Motorroller den Zielort ansteuerte.
Irgendwann bei der Sammelaktion stand ich dann vor einem kleinen Haus am Dorfende von Bittelbronn,
an der Straße nach Weildorf gelegen. Hier überschritt die Straße den Scheitelpunkt, denn in eine
Richtung ging es hinab in das Dorf und die andere Richtung führt hinunter nach
Weildorf. Hier war alles noch recht dörflich, wie ich als Großstadtkind unschwer bemerkte.
Autoverkehr war so gut wie gar nicht vorhanden, deswegen konnten wir mit unserem Traktorgespann
ungestört die kleine Landstraße durch den Ort benutzen. Und so stand ich dann auch wartend vor jenem
kleinen, bläulich angemalten Häuschen. Mir fielen die recht großen Fenster im Erdgeschoss auf. Und
durch diese blickend erkannte ich silberne Rohre an der Wand des Raumes stehend. Mein erster Gedanke
war: Ofenrohrfabrik. Nachfragen ergaben, dass es sich hier um eine Werkstatt für Orgelpfeifen
handelt. Freilich, Orgel hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon in verschiedenen Kirchen wahrgenommen.
Irgendjemand spielt da sonntags, eventuell auch werktags darauf, um den Gemeindegesang zu begleiten.
Wir hatten in unserer großen Frankfurter Pfarrkirche Heilig Kreuz auf der Empore hinten auch so ein
etwas kleines Instrument stehen, das aber manchmal ganz schön laut war. In der Sakristei wurde immer
mal wieder über den Organisten gelästert: der spielt zu laut, der passt nicht auf, wenn er einsetzen
soll, der hätte heute etwas früher kommen können u. ä.
Meine Gedanken endeten abrupt, als aus dem kleinen Haus eine nette, jugendliche Frau heraustrat und
uns nach einem urschwäbischen „Grüß Gott“ einen Drahtkorb halbgefüllt mit Kartoffeln übergab, damit
wir diese auf den Traktoranhänger kippen sollten. Ein „Vergelt’s Gott“ war Antwort und Dank
zugleich. Dann ging es zum nächsten Haus. In meinem Kopf aber blieb der Gedanke an jene „Ofenrohre“
oder besser gesagt an die Orgelpfeifen. Hier musste ich noch einmal hinkommen. Aber wie sollte das
geschehen? Eine alleinige Exkursion vom Missionshaus aus war undenkbar und würde niemals von
irgendeinem Pater erlaubt werden. Wie es mir dann doch gelungen ist, jenes besondere Haus am
Ortseingang von Bittelbronn wieder aufzusuchen, weiß ich heute nicht mehr. Möglicherweise konnte ich
mich bei irgendeinem der Großspaziergänge an einem Sonntag oder Mittwoch davonschleichen. Und dann
stand ich vor dem Haus und betätigte mit einiger Verunsicherung den Klingelknopf neben dem kleinen
Namensschild Seb. Stehle. Da machte sie wieder auf, jene jugendliche Frau und ich stammelte
unsicher, dass ich Missionsschüler sei und einmal die Werkstatt sehen möchte, wo die Orgelpfeifen
gemacht würden. Freundlich ließ mich die Frau eintreten und führte mich in den kleinen
Werkstattraum. Hier begrüßte mich ein etwas älterer Herr in blauer Arbeitsschürze. Er stand da
zwischen langen Arbeitstischen unterhalb der seitlichen Fenster. In einer Ecke standen Orgelpfeifen
an die Wand gelehnt, nach Größe geordnet. Auf einem Tisch dampfte ein Lötkolben vor sich hin. An
einer Seite auf einem der Tische lagen zugeschnittene Blechplatten. In der Raummitte standen
nochmals Regale, auf denen rundierte Blechzuschnitte geordnet nebeneinander lagen. Sie waren an den
Rändern mit einer rötlichen Farbe bestrichen. Von dieser Farbe schien auch der eigenartige Geruch in
dem Raum auszugehen. An der Frontseite des Zimmers, genau gegenüber dem Eingang stand ein
orgelähnliches Gebilde bestehend aus einer Tastenreihe und dahinter etwas angehoben einigen zum Teil
schief sitzenden Pfeifen. Der freundliche Herr zeigte und erläuterte mir kurz und prägnant alles,
was da so im Raum herumstand: runde Holzmodels, Zinnblechplatten, Schlaghölzer, rote Farbe,
Lötkolben, Lötzinn, Intonierlade, Kegelformen und die Bretter, auf denen die runden aufgerollten
Blechplatten lagen. Ich erfuhr, dass es sich um Zinn- und Bleiblech handelt und dass die Platten
verschiedene Zinnanteile enthalten. Nach der kurzen Führung fragte ich den Mann, ob er mir eine
Pfeife schenke würde, damit ich eine Orgel bauen kann. Der Mann brach in ein schallendes Gelächter
aus und schenkte mir dann doch drei kleine Pfeifchen, eins aus Metall und zwei aus Holz. Glücklich
nahm ich diese Gaben mit ins Missionshaus und betrachtete sie immer
wieder wie einen Schatz. Sie passten zwar in unser Arbeitspult im Klassensaal, aber ich versteckte
sie in meinen Spint im Schlafsaal. Von jetzt an kreisten meine Gedanken immer wieder um diese drei
kleinen Pfeifchen. Und ich gebe zu, dass diese Gedanken bisweilen mich auch dann nicht verlassen
haben, wenn wir eigentlich mit Höherem beschäftigt sein sollten, so während der morgendlichen
Meditation zwischen Morgengebet und Heiliger Messe und auch als das Harmonium vorne links neben dem
Sakristeieingang unter den Händen von P. Schröter ertönte, malte ich mir aus, wie es wohl klingen
würde, stände da nun eine kleine Orgel. Kurze Zeit später kam zwar eine kleine Orgel in die
Hauskapelle, aber das war ein Instrument ohne Pfeifen und die Töne wurden elektronisch erzeugt. Das
Instrument stand vorn rechts am Fenster vor der ersten Bank und es klang orgelähnlich. P. Schröter,
der das Geld irgendwie zusammengebettelt hatte, hütete es wie einen Augapfel und kein Schüler dürfte
sich hier betätigen.
Wenn auch die Arbeiten großen Spaß gemacht haben und das Einerlei des Alltäglichen etwas durchbrachen, so führten sie dennoch nicht zum gewünschten Erfolg. Opus 1 blieb unbefriedigend und unvollständig. In den Sommerferien schaute ich mich in unserer großen Heimatkirche Heilig Kreuz in der Frankfurter Kettelerallee um, ob es nicht hier einen geeigneten Platz für die Orgelbastelarbeiten gab. Und ich hatte Glück, zumal ich ja mit unserem alten Küster befreundet war, der mir gern helfend unter die Arme griff. Da gab es u.a. eine Unterkirche, die sich unter dem großen Altarraum befand und die in der Nachkriegszeit als Behelfsgottesdienstraum benutzt wurde. Diese wurde nun nicht mehr gebraucht. Zufällig fand ich da noch einen alten Orgelmotor, den ein Elektriker während des Krieges aus einem alten Glockenmotor zusammengebastelt hatte. Er war zwar schrecklich laut, aber er machte Wind. Technisch war das Gerät höchst gefährlich, denn die Funken sprühten beim Einschalten und abgesichert war das Ganze auch nicht. Ich musste wohl einen guten Schutzengel gehabt haben, dass damit nichts passiert ist. Ich stellte das Ungetüm in einen Nebenraum der Krypta, wo der Küster seine Blumenvasen und sonstiges Gerät aufbewahrte und baute einen Holzkanal in den ehemaligen Kirchenraum. Dazu musste ich eine schmale Wand durchbrechen und ein Viereck unten rechts aus einer Holztür sägen, damit über den Holzkanal der Wind in die Unterkirche gelangen konnte. Erstaunlicherweise hat sich niemand über diese baulichen Eingriffe aufgeregt. Der Pfarrer interessierte sich auch nicht sonderlich dafür, was da unter dem großen Hauptaltar geschah.
Jetzt genügten natürlich nicht mehr die drei kleinen Pfeifchen, die ich vor einiger Zeit von Orgelbaumeister Stehle geschenkt bekam. Ich musste also wieder nach Bittelbronn betteln gehen. Wie es mir damals gelang, dort die nötigen Pfeifen geschenkt zu bekommen, weiß ich heute nicht mehr. Auf jeden Fall hatte ich letztendlich 60 zusammengestückelte Pfeifen aus Holz und Metall, aus denen man ein Register bauen konnte. Die größten Pfeifen waren 150 cm lang und ich hatte nun das Problem, diese nach Frankfurt zu bekommen. Orgelbauer Seb. Stehle half mir, aus alten Brettern eine Kiste zu bauen. Dies fuhr ich gegen Ende des Tertials mit einem Leiterwagen von Bittelbronn zum Bahnhof der Hohenzollerischen Landesbahn nach Haigerloch. Mit welchen Ausreden und sonstigem Getue ich damals die Erlaubnis zu dieser Aktion von den frommen Patres bekommen habe, weiß ich heute auch nicht mehr. Ich habe dann die Kisten unfrei in Haigerloch an unseren Küster abgeschickt. Der hat sie auch angenommen und bezahlt. Und meine Eltern haben ein gewaltiges Donnerwetter abgelassen, als ich denen die Geschichte gebeichtet habe. Von nun an war ich während der Ferien jede Minute in der Unterkirche, wo ich mir mit den Werkzeugen meines Vaters eine kleine, bescheidene Werkstatt eingerichtet habe. Mein Vater war gelernter Schlosser, also Handwerker von Beruf und hatte sich im Keller des Mietshauses neben der Kirche, das wir seit 1954 bewohnten, einige Werkzeuge zu Reparaturarbeiten bereit gelegt. Immer wieder musste ich mir heimlich hier aus des Vaters Werkraum das Ein oder Andere in meine Kirchenwerkstatt holen. Und das ging nicht ohne Schelte und Watschen!
Holz für meine Arbeiten fand ich ebenfalls in unserem Keller, aber vor allem in den weiten Kellerräumen der Kirche. Hier hatte sich einiges aus der Zeit vor und nach dem Krieg angesammelt, das jetzt achtlos herumstand, z.B. alte Bänke, defekte Stühle und Tische. Was ich brauchte, habe ich irgendwo immer gefunden. Nur selten musste ich ein paar Schrauben oder sonstige Utensilien kaufen, alles andere habe ich mir zusammengesucht. So habe ich beispielsweise die Federscharniere für die Pedaltasten aus alten Blechdosen ausgeschnitten. Meine Ferientage sahen dann in der Regel so aus: Morgens um 6 Uhr Messdiener im Gottesdienst; davor und danach Hilfsarbeiten für den Küster. Anschließend kurzes Frühstück zuhause. Dann ging es bis zum Mittagessen in die Werkstatt in die Kirche. Nach einem kurzen Mittagsmahl – meine Mutter kochte nicht gern – war ich dann schnell wieder im Kirchenkeller, um an meinen Orgelteilen mit primitiven Mitteln weiter zu werkeln. Erst spät abends kam ich wieder nach Hause zurück. Zwar gab es anfangs noch weitere Haigerlocher Missionsschüler aus unserer Pfarrei, aber diese traf ich in den Ferien nur selten. Auch ist der Kontakt zu meinen früheren Klassenkameraden aus der Bornheimer Mittelschule komplett abgebrochen, weil diese auf Grund des Familienumzuges 1954 meist in einem anderen Stadtteil wohnten.
In den Sommerferien 1959 hatte ich ein erstes Erfolgserlebnis. Da erklang zum ersten Mal meine in der Unterkirche gebaute Orgel, zusammengesetzt aus alten Pfeifen der Fa. Stehle.
Meine Orgelbeschäftigung ist auch in Großkrotzenburg nicht geheim geblieben. Und irgendwann 1960 habe ich dann einmal vorgeschlagen, für die dortige große Hauskapelle ein solches Instrument zu bauen. Dies war ein geradezu höchst verwegenes Unterfangen. Was mich bis heute verwundert, ist die Tatsache, dass sich die Patresgemeinschaft auf dieses Angebot einließ. Ich hatte ja keinerlei Berufserfahrung und außer meinen Basteleien im Frankfurter Kirchenkeller keine Orgelbaukenntnisse. Vieles hatte ich mir angelesen, aber richtige, qualifizierte Bücher über den Orgelbau kannte ich damals nicht. Ich war rundum Autodidakt. Wer von den Patres für meinen Vorschlag stimmte, weiß ich heute nicht mehr. Ich vermute aber, dass P. Jetter diesen tatkräftig unterstützt hat und sein Wort zählte in der Patresrunde. Ich hatte versprochen, für 1.500 Deutsche Mark dieses Instrument zu bauen. Auch diese Zahl war von mir nur grob geschätzt und höchst fragwürdig. Irgendwann ging es dann mit den Arbeiten los. In der offiziellen Handarbeitszeit durfte ich selten an meinem Opus arbeiten. Da hatten viele andere Tätigkeiten Vorrang, z.B. Gartenarbeit, Putz- und Reinigungsdienste. Im Wesentlichen musste ich in Mittags- und Abenderholungen arbeiten. Interessanterweise kamen dann immer wieder Mitschüler, die mich unterstützt haben. Der Anfang war sehr schwer. Ich habe mich entschieden, eine mechanische Kegellade zu bauen: Unter jeder Pfeife befand sich ein durch ein Kegel verschlossenes Windloch. Durch Tastendruck wird der Kegel angehoben und öffnet die Windzufuhr für die entsprechende Pfeife. Als Holz konnte ich dicke Dielen und Baumstämme verwenden, die im zum Schulgelände gehörenden Wald herumlagen. Als Säge benutzte ich eine „vorsintflutliche“ Kreissäge, die von einem fahrbaren Motor über einen langen Riemen angetrieben wurde. Es handelte ich um ein Werkzeug, das jeder berufsgenossenschaftlichen Vorschrift widersprach. Leider habe ich kein Foto von diesem Ungetüm. Ich glaube, dass es in den afrikanischen Missionsgebieten heute so etwas auch nicht mehr gibt.
Glücklicherweise haben mir immer wieder Mitschüler bei den verschiedenen Arbeiten geholfen. Dankbar erinnere ich mich noch besonders an Hubert Bonke, Toni Dickers, Josef Hück, Günther Mayer (Organist), Rudi Schäfer, Gustl Teichmann, Adalbert Unterstaller. Ein alter Orgelmotor wurde zusammen mit einem neu gebauten Schwimmerbalg in der hintersten Ecke der Seitenempore platziert. Orgelbauer Späth machte mit mir die Endintonation. Am Christkönigfest, 26.11.1965, war es dann endlich so weit und die Orgel konnte in einem kleinen Konzert eingeweiht werden.
v.r.n.l. Josef Hück, Toni Dickers und von hinten: Hajo Stenger, Günther Mayer
Zugegeben, ich war natürlich mächtig stolz auf mein Werk. Andererseits hat der kleine Erfolg meine Liebe zur Orgel vertieft. Und irgendwie entstanden immer wieder neue Orgelbaupläne in meinem Kopf. Fast könnte man sagen, Orgel war mein Leben. Und dieser Gedanke war ja nicht kontraproduktiv für meine spätere Tätigkeit in der Mission. Wenn Missionare auf Heimaturlaub waren, erzählten sie davon, dass man in den Missionskirchen auch Harmonien zur Gottesdienstgestaltung benutze. Eine Orgel konnte meist aus Kostengründen in Afrika kaum beschafft werden. Also, so dachte ich, habe ich hier eine wunderbare Aufgabe. Warum sollte ich also nicht Missionar werden? Missionsarbeit und Orgelbau ergaben für mich eine sinnvolle Einheit. Deswegen schien es mir gut und erstrebenswert, meine Orgelbau-technischen Fähigkeiten weiter zu kultivieren. Und so werkelte ich in den Ferien in den Kellern meiner Heimatkirche in Frankfurt weiter. Inzwischen war ich hier umgezogen in Räumlichkeiten, die eine Etage tiefer bei der großen Kirchenheizung lagen. Man hatte die großen Kellerflächen während des zweiten Weltkriegs als Luftschutzräume genutzt. Mit phosphorsierender Farbe standen noch Hinweise und Pfeile an den Wänden. Die Türen waren nach wie vor bombensicher verriegelbar. Hier konnte ich nun ungestört weiterarbeiten. Einen kleinen Kellerraum ohne Fenster konnte ich abschließen und so meine Werkzeuge und das Material sichern. Das war recht ideal, denn wenn ich zu den Ferien nach Hause kam, konnte ich sofort weiterarbeiten. Hier verbrachte ich dann die meiste Zeit der Ferien, nur selten habe ich dann das Tageslicht gesehen und Kontakt mit ehemaligen Freunden aufgenommen. Die früheren Klassenkameraden von der Bornheimer Mittelschule habe ich nicht getroffen, denn diese wohnten in einem anderen Stadtteil und der Kontakt zu ihnen ist im Laufe der Zeit völlig abgebrochen, genauso wie zu früheren Spielkameraden aus der Nachbarschaft.
Jetzt plante ich eine größere Orgel mit mehr Registern. Dazu fuhr ich per Anhalter nach Haigerloch, um einige alte Pfeifen von der Orgelwerkstatt Stehle zu erbetteln, die ich dann per Fracht vom Haigerlocher Bahnhof aus nach Frankfurt an unseren Küster schickte, der folglich auch wieder die Kosten dafür übernahm. Dafür half ich ihm bei seiner Messnerarbeit in meinen Ferien. Damals war dieser Küsterdienst ein Vollzeitjob und der alte Mann war froh, eine Hilfe zu haben. Täglich gab es drei Eucharistiefeiern, um 6.00, bzw. 6.15, um 7.00 und um 7.30 Uhr; an Sonntagen standen vier Messen an, um 7.00, 8.30, 10,00 und um 11.30 Uhr. Dazu gab es regelmäßig Andachten, mindestens Samstags abends die Salve-Andacht und Sonntags die Andacht um 18 Uhr. Hinzu kamen zahlreiche Beerdigungen auf weit entlegenen Friedhöfen in Frankfurt. Dazu musste der Pfarrer oder Kaplan, sowie der Küster bzw. ein Messbub mit dem Taxi auf einen einige Kilometer entfernten Friedhof fahren, um dort die Bestattungen vorzunehmen. Auch hier war der Küster für Hilfe sehr dankbar, da in der Regel kein Messbub zur Verfügung stand. So war ich rundum und in vielfältiger Weise in das kirchliche Geschehen eingebunden. Da wir im Haus neben der Kirche wohnten, war ich jederzeit abrufbar. In den Sommerferien fuhr ich in der Regel zwei bis drei Wochen mit meiner Familie nach Österreich in den Urlaub. Ansonsten beschäftigte ich mich in der kirchlichen Kellerwerkstatt, die auch den Beinamen Katakomben hatte, mit dem Orgelbau.
Während sich die Schulzeit in Großkrotzenburg bisweilen zäh dahinzog, vergingen die Ferien umso schneller. Dennoch fieberte ich diesen immer entgegen, weil ich jetzt wieder meinem Hobby frönen konnte und kreativ an einem Orgelwerk baute. Gelegentlich versuchte ich mich am Orgelspiel in unserer großen Pfarrkirche. Hier stand immer noch die Notorgel aus der Vorkriegszeit, die die Mutterpfarrei St. Joseph damals zur Verfügung gestellte hatte und die von der Orgelbauwerkstatt Breitmann aus Nieder-Olm durch kleine Veränderungen an den neuen Kirchenraum angepasst worden war.
Logischerweise bin ich dann nach dem Abitur ohne Wenn und Aber nach Trier gegangen. Um eine Alternative dazu hatte ich mich wenig bemüht, zumal meine Eltern niemals das Geld hatten, mir ein Studium an irgendeiner Universität zu finanzieren. Ich liebäugelte zeitweise mit einem Studium der Zahnmedizin, aber das schien mir alles zu kompliziert, zumal wir in Großkrotzenburg keinerlei Hinweise über alternative Studienmöglichkeiten erhalten hatten, war man doch davon ausgegangen, dass möglichst alle Abiturienten nach Trier in die Dietrichstraße 30 zum Philosophiestudium gehen sollten, um später als Weiße Väter in Afrika tätig zu sein.
Die Hauskapelle in Trier war gleichzeitig die Anbetungskirche für die Stadt Trier. Das alte ehrwürdige Kirchlein hatten die Weißen Väter ab 1963 modernisiert: Barocker Altar und Bänke wurden großzügig entsorgt und im Stil der Zeit eingerichtet: nüchtern und sachlich, ohne Rücksicht auf historische Gegebenheiten. Für uns gab es dann nur ein paar Nacharbeiten zu erledigen, die meist von den Spätberufenen ausgeführt wurden, hatten diese doch vielfach handwerkliche Berufe erlernt. In dieser Kirche war ein paar Jahre zuvor eine gebrauchte Orgel von einem Spätberufenen, der früher Orgelbauer gewesen war, eingebaut worden.
Seit den früher 60er Jahren war als Vertretung in den Sommerferien ein französischer Abbé in unsere Heimatpfarrei nach Frankfurt gekommen. Da ich mich gerade in den Ferien viel in der Kirche aufhielt, kam ich natürlich gleich mit ihm in Kontakt und es ergab sich ein gutes freundschaftliches Verhältnis. Abbé Brevart war Lehrer in einem petite seminaire, einem katholischen Internat – ein altes, heruntergekommenes Schloss - in Bouvigny-Boyeffles, einer kirchlichen Einrichtung in der Nähe von Arras/Nordfrankreich. Damals lebten die französischen Pfarrer noch sehr arm. Als der Abbé das erste Mal kam, hatte er keinen Anzug, nur eine einzige Soutane. An dieser konnte man die Speisekarte der letzten Monate ablesen. Fromme Gemeindemitglieder besorgten dem Mann in Frankfurt zunächst einmal einen Anzug und andere Kleidungsstücke.
Als dann unsere Heimatgemeinde 1964 sich endlich eine geeignete, neue Orgel für die Pfarrkirche leisten konnte, wollte man die alte pneumatische Walcker-Notorgel entsorgen. Ich konnte dies verhindern und erreichen, dass die Gemeinde dieses Instrument dem Abbé für das Internat in Frankreich schenkte. Kolpingsbrüder aus Köln brachten die Einzelteile nach Nordfrankreich. Mit 4 weiteren Mitbrüdern aus Trier bauten wir die Orgel dann in den Osterferien 1965 in der Kapelle des Internats auf und passten sie dem Raum an: harte Arbeit, mangelnde Werkzeuge …
Die Orgel mit 6 Registern in den Katakomben meiner Heimatkirche war im Lauf der ersten Monate in St. Georgen fertig geworden und ich konnte sie über eine Zeitungsanzeige verkaufen. Der Erlös war so groß, dass ich mir mein erstes Auto davon kaufen konnte, ein nagelneuer, weißer Renault R 4. Ein Kinobesitzer aus Neu-Isenburg hat das Instrument erworben.
Nun begann für mich eine Zeit der Orgelabstinenz. Das Studienhaus St. Georgen hatte einige kleine Hausorgeln, auf denen wir Seminaristen regelmäßig üben konnten. Die Instrumente standen in kleinen Zimmerchen und es machte mir wenig Spaß, hier zu spielen. Im anschließenden Priesterseminar in Limburg 1970 war ich dann auch als Organist tätig. Sodann schloss ich meine Kaplanszeit in Königstein und Frankfurt-Niederrad an. In diesem Lebensabschnitt ruhte das Thema Orgel. Nachdem 1972 die Zustände im Pfarrhaus Niederrad unerträglich wurden, entschloss ich mich ein Promotionsstudium in Mainz zu beginnen. Das Pfarrhaus in Niederrad wurde von einer neurotischen Nonne, die den Pfarrer ganz in ihrer Gewalt hatte, dominiert. Dieser Zustand hat mir den Wechsel zum Studium erleichtert. Ich hatte dem Limburger Bischof angeboten, nebenberuflich zu studieren, während ich im Hauptberuf in einer Wiesbadener Pfarrei tätig bin. Dies hat er aber wohl auf Druck des Priesterrates abgelehnt, weil damals noch eine große Zahl von Pfarrern ähnlich verfahren wollte. Da ich nun schon fast 30 Jahre alt war, musste ich handeln, was zur Folge hatte, dass ich suspendiert wurde und plötzlich ohne Geld dastand. In Mainz konnte ich mir an der Anne-Frank-Realschule als Vertretungslehrer für Religion etwas Geld verdienen. Meinen Studienschwerpunkte legte ich auf Erwachsenenbildung, wollte ich doch später wieder als Priester in der Diözese arbeiten. Trotz mehrfacher Versuche konnte kein Arrangement mit Limburg erreicht werden und ich musste mich neu orientieren.
In dieser Situation lernte ich nach zwei Jahren 1974 im Studium während einer Studentenfreizeit der katholischen Hochschulgemeinde Mainz eine Kommilitonin kennen: Als wir im südtiroler Gais eine Kirche besichtigten, spielte ich ein paar Takte Orgel und die Kommilitonin ergänzte mein Spiel, indem sie selbst in die Tasten griff. Und somit entstand eine Freundschaft, aus der Liebe wurde, die 1976 in die Ehe führte. Wir wurden beide Lehrer und konnten kurz nach der Geburt unserer ersten Tochter 1978 in ein eigenes Haus nach StadeckenElsheim ziehen. Schon beim Hausbau war klar, dass es ein Musikzimmer geben muss, in dem später einmal die selbstgebaute Orgel stehen sollte.
1984 begannen die Arbeiten an der Hausorgel für unser Musikzimmer, die schon drei Jahre später spielbar, aber noch nicht ganz fertig war. Inzwischen war ich dem Arbeitskreis Hausorgel in der Internationalen Gesellschaft der Orgelfreunde beigetreten und beteiligte mich an dessen Aktivitäten. Mit anderen Orgelfreunden initiierte ich 1991 eine Schrift über Hausorgelbau, die heute unter der Bezeichnung Die Hausorgel eine bedeutende Rolle im organologischen Schrifttum innehat. Zur gleichen Zeit baute ich mit Orgelfreunden eine kleine MusterHausorgel, deren Bau in Text und Bild festgehalten wurde. Das Material wurde damals vielfach in alle Welt verkauft. Dieses kleine Örgelchen mit barockem Prospekt – OpusCulum= kleines Werk genannt - stand 1992 in einer Ausstellung anlässlich der Herner Musiktage, war später Ersatzorgel, als die Orgel unserer Pfarrkirche in Elsheim restauriert wurde und landete schließlich im Kloster Fiecht bei Innsbruck als Chororgel. Da die Kirche zu feucht war, musste sie wieder zurückgeholt werden und steht seitdem als Chororgel in der Pfarrkirche St. Johannes Evangelist in Groß-Winternheim bei Ingelheim.
Nach diesem orgelbaulichen Intermezzo setzte ich die Arbeiten an meiner Hausorgel fort. Sie ist mittlerweile gewaltig gewachsen und hat nun etwa 50 Register und 6 Manuale an zwei Spieltischen. Im August 2008 wurde sie von dem bekannten Mainzer Domorganisten Albert Schönberger feierlich eingeweiht. Etwa 250 Gäste tummelten sich aus diesem Anlass auf unserem Gelände und folgten abwechselnd in kleineren Gruppen, nur etwa 30 Leute haben gleichzeitig im Musikzimmer Platz, dem vierstündigen Spiel des Virtuosen. Inzwischen haben zahlreiche Konzerte mit bedeutenden Organisten aus Deutschland und dem Ausland das Instrument gespielt und die eingeladenen Zuhörer immer wieder erfreut.
Täglich spielt meine Frau Mechthild auf dem Instrument und übt für ihre Tätigkeit als Organistin an unserer kleinen Pfarrkirche St. Walburga zu Elsheim. So braucht sie sich nicht auf den Weg zur Kirche zu machen und auf die dortigen Gegebenheiten achten. Sie kann folglich jederzeit ungestört üben. Außerdem dient unser Musikzimmer als Proberaum für unser seit über 30 Jahren bestehendes Flötenquartett. Auch sonstige musikalische Aktivitäten vor Ort haben hier ihren Ausgangspunkt.
Hajo Stenger
Stadecken- Elsheim, 1. August 2015