Aus der Chronik der Weißen Väter 1904
HAIGERLOCH - APOSTOLISCHE SCHULE
4. Quartal 1904
Die Zahl unserer Schüler steigt auf neunundfünfzig. Die Eröffnung der
Klassen erfolgt feierlich: Herr Doyan, der Pfarrer von Sankt Anna, und der
Bürgermeister der Stadt kommen freundlicherweise auf Einladung von R. P.
Superior und nehmen am Abendessen teil. Die Kinder tragen dort Lieder vor. In
seiner Ansprache feiert Herr Doyan die kluge Ausrichtung, die dem Haus von
Anfang an inmitten der Schwierigkeiten seiner ersten Eröffnung gegeben
worden ist; er lobt dabei den Eifer, mit dem sich die Väter der Arbeit widmen,
und begeistert die Kinder für ihre heilige Berufung. R. P. Superior dankte Herrn
Doyan für sein ständiges Wohlwollen und sein Interesse an uns.
Der heilige Franz Xaver, der Patron unseres Hauses, erhebt das Ereignis
zu einer großen Feierlichkeit. Beim Einzug der Kinder predigt Pater Cyprien,
Benediktiner von Beuron. Diese Abtei ist bekannt für ihre strenge Aufführung
des Gregorianischen Gesangs und einen besonderen Stil, der in der Malerei sich
einen Namen gemacht hat. Der Pater spricht vom guten Geist unserer Kinder
und sagt wiederholt zu seiner vollen Zufriedenheit aus.
Wir müssen nun dem guten Herrn für das große Wohlwollen der Priester
(vor Ort) danken, von denen unser Erfolg zum großen Teil abhängt. Sehr
zahlreich waren deren Bitten und Einladungen an die Väter, sie bei den
Verrichtungen der Beichte und des heiligen Dienstes zu unterstützen,
insbesondere im November und anlässlich des Jubiläums.
Die Bewohner selbst versorgen unsere Keller und Getreidespeicher in
einem ihren Fähigkeiten entsprechenden Eifer mit Kartoffeln, Äpfeln, Pflaumen
usw.
Die feuchte Herbstkälte verursachte viele Fälle von Diphtherie (s. Zt. als
„Würgeengel der Kinder“ bezeichnet) und bald eine echte Epidemie. Etliche
unserer Kinder sind betroffen. Sie genesen schnell nach Injektionen mit einem
antiseptischen Serum. Nachdem die Geißel der Krankheit durch
Aufmerksamkeit der Regierung ausgemerzt worden war, kam ein Mann mit
Töpfen, Alkohollampen und chemischen Zutaten an, um die kontaminierten
Räume zu desinfizieren.
Ein Pfarrer, Pilger ins Heilige Land, hält einen Vortrag im Kasino über
Jerusalem und die heiligen Stätten. Er bemerkt die außerordentliche
Freundlichkeit, mit welcher Pilger von unseren Mitbrüdern in Sankt Anna
begrüßt werden.
Der traditionelle Sankt Nikolaus wird mit einem besonderen Fest gefeiert.
An dem Tag, nach dem Abendessen, tritt der große heilige Bischof vor unsere
Kinder, mit der Mitra auf dem Kopf und einem Buch in der Hand. Er wird
begleitet von seinem treuen Diener Knecht Ruprecht, der die Süßigkeiten und
den Stab trägt. Inmitten allgemeiner Freude leistet Knecht Ruprecht seinen
angemessenen Anteil, häufig begleitet von väterlichen Ermahnungen des
Heiligen Nikolaus.
In den ersten Dezembertagen kommt Herr Doyen, um uns einzuladen, mit
unseren Kindern im katholischen Gemeindehaus der Stadt ein Weihnachtsspiel
mit dem Titel "Die Hirten von Bethlehem" aufzuführen. Die Aufführung solle
vor angesehenen Bürgern Haigerlochs stattfinden. Um Herrn Doyan
entgegenzukommen und um ihm unsere Dankbarkeit für seine Dienste zu
zeigen, akzeptieren wir und beeilen uns, das Stück vorzubereiten. Am Tag der
Aufführung, dem 26. Dezember, ist der große Saal übervoll, obwohl der Raum
doch nur 60 Personen fasst. Der Erfolg übertrifft unsere Erwartungen: Das
Publikum, das unter solchen Umständen normalerweise ziemlich laut ist,
scheint sich nicht zu bewegen oder zu rühren. Herr Doyen hält am Ende des
Stücks eine kurze Rede zum Lob der Weißen Väter. Die Zeitungen selbst sind
ebenfalls voll des Lobs und heben die solide wissenschaftliche Ausbildung, die
die weißen Väter ihren Kindern geben, hervor. Wir bieten eine zweite
Aufführung am Neujahrstag an.
Quellen:
Band Nr. 114. Seite 173 – 174, der „Chronique del la Société des Missionares
D‘Afrique (Pères Blancs)“
Foto: Afrikabote
Übersetzung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf.