Januar - Wir erhalten Besuch von Msgr. Keppler, Bischof von Rottenburg. Seine Eminenz kommt inkognito zu
Fuß in Begleitung seines Sekretärs, des Pfarrers sowie des Dompfarrers. Sie gingen vier Stunden lang
durch den Schneematsch über die Felder. Der Monsignore wirkt sehr gelassen, über sein Gesicht verbreitet
sich die Ruhe eines Asketen. Nach einer guten Stunde herzlicher Gespräche zog sich Seine Eminenz zurück,
um sich zum dies zu begeben, dem wöchentlichen Treffen der Priester von MM. Der R. P. Superior schloss
sich dem Monsignore an. Bei einer Versammlung in einem der Hotels vor Ort nimmt Seine Eminenz einen Krug
Bier und einen Snack genau so selbstverständlich ein wie die anderen. Bischof Keppler steht in aktivem
und freundschaftlichem Briefwechsel mit dem Missionshaus.
Dr. Koseh aus der Nachbarschaft wird zum
Stellvertreter im Landtag gewählt. Für mehr Freiheit unter seiner Obhut kümmern wir uns fortan um die
Kapelle von Sankt Anna, wo die Weißen Väter ihn während seiner langen Abwesenheit in Berlin nun
vertreten
können. Wir sind sehr stolz auf diesen Mann, der zu seinem persönlichen Wert Freundlichkeit und
charmante Manieren vereint. Er empfindet eine große Sympathie für uns und hat uns als Abgeordneter im
Landtag bereits einen ersten Besuch abgestattet.
Februar. - Der Kaiser und die Kaiserin begehen am 27. ihren silbernen Hochzeitstag. Prinz Eitel, zweiter
Sohn des Kaisers, feiert seinen ersten Hochzeitstag mit Prinzessin Charlotte von Oldenburg.
Der Karnevalsumzug wird von einem Verein organisiert. Der Karneval bietet in diesem Jahr mehr
Historisches. Es ist geplant, die Revolution der Bauern in Masken darzustellen. Tatsächlich handelt es
sich um einen ziemlich friedlichen Aufstand, der mit Fanfaren beginnt und der von einigen Gewehrschüssen
und heftigen Detonationen der Artillerie von hier aus unterstützt wird. Letztere besteht aus fünf
Mörsern, die im Morgengrauen ihre Stellungen bei den historischen Gebäuden oben auf unserem Hügels
beziehen und ihr Mündungsfeuer direkt auf die Stadt richten.
Am Tag nach dem Karneval nehmen die Weißen Väter an den patriotischen Erinnerungsfeierlichkeiten des
Mönchtums teil. In der Gemeinschaft feiern sie eine Votivmesse des Dankes. Unsere Väter üben bei dieser
das Amt des Diakons und des Subdiakons aus.
Da bekannt ist, dass die Weißen Väter den Beichtstuhl von Sankt Anna in der Osterzeit nutzen, strömen
die Büßer zu dem Zeitpunkt von nah und fern dorthin. Im Durchschnitt hören wir die Beichten jeden
Samstag, mindestens zwei, in einem Zeitraum von drei bis vier Stunden. Während der Woche zeigen sich
auch andere Gläubige. Wir haben die Beichtstühle übrigens nicht von unseren anderen Häusern in Europa
erhalten.
Quellen:
Band Nr. 129, Seiten 463 - 464, der „Chronique de la Société des Missionares D‘Afrique (Pères Blancs)“
Übersetzung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf. Ansichtskarte: Verlagsanstalt Hermann Abraham, Berlin
1906