Aus der Chronik der Weißen Väter 1919
1919 - Die deutsche WV-Provinz in Gefahr
(Abschrift des Originals, Arch. WV Köln)Nach den I. Weltkrieg wurde P. Francois Belaue nach Deutschland gesandt, den Beschluss des Generalats mitzuteilen (schriftlich durfte der Beschluss nicht festgehalten werden): Die Provinz soll aufgelöst werden, Patres und Brüder könnten sich ja einer anderen Provinz anschließen, oder in eine Diözese gehen. Die Schüler solle man entlassen. P. Frey solle ins Elsass gehen, P. Steinhage möge Sorge tragen für die Patres und Brüder, sowie für die Häuser. Einen Provinzial brauche man nicht, da die Provinz ja nicht mehr existiere.
Folge: Großes Bedauern, große Bestürzung überall.
Entschluss: Wir bleiben unserem Eid treu.
Leitende Persönlichkeiten wie P. Frey, P. Betz, P. Daul (ganz geharnischt) und P. Steinhage schrieben an das Mutterhaus: ob man denn glaube, dass die Deutschen für alle Zeiten vom Missionswerk ausgeschlossen werden könnten? In Deutschland herrsche großes Missionsinteresse. Die anderen Gesellschaften machten viel Propaganda. Die Eltern der Schüler könnten nicht begreifen, dass man ihre Kinder heimschicke. Die Entscheidung mache einen sehr schlechten Eindruck auf die Geistlichen und die Bischöfe. Das führte zu einer Überlegung im Mutterhaus und der Erklärung:
"P. Belaue habe den Beschluss nicht recht verstanden und ausgeführt." (Sitzung 22.04.1919).Nun wurde P. Frey (Superior Regionalis, cfr. zu oben) ins Mutterhaus gebeten zur Klärung der Lage und Frage (Sitzungsbericht vom 30.06.1919). Wie oben erwähnt legte er dar:
"Alle Missionsgesellschaften machten weiter Propaganda, die spezifisch deutschen, ebenso auch die deutschen Provinzen, die zu französischen Gesellschaften gehörten. Bald würden auch deutsche Missionare wieder Missionsarbeit leisten können. Beim großen Missionsinteresse der deutschen Katholiken könne man die Schüler nicht heimschicken; die Eltern derselben würden dies nie verstehen, da man vernünftige Gründe dafür nicht anführen könne. Man nähme ihnen die Möglichkeit, Missionare zu werden. Man bedenke den Eindruck auf die Geistlichen und die Bischöfe; es wäre eine 'impression déplorable'. Man denke an die Väter S. Sp., die Oblaten, S. S. Cordis, Maristen. Man erwecke den Eindruck, dass das Missionswerk als Grund eines Nationalismus betrachtet werde. Man bedenke die peinliche Lage der Mitbrüder, die auch in den Kriegszeiten der Gesellschaft treu geblieben sind und diese Treue weiterhin wahren wollen. Sie überlassen ihre Zukunft ganz den Obern, sind zu allem bereit, nur nicht, sich von ihren Verpflichtungen entbinden zu lassen. Der Generalrat möge das alles nochmals erwägen und die Provinz weiterhin, wenigstens provisorisch, bestehen lassen mit den 3 Häusern Trier, Haigerloch, Rietberg, sowie Marienthal als Noviziatshaus zugestehen für Kleriker und Brüder."In seiner Antwort erklärte Msgr. Livinhac:
"Man habe die Gesellschaft nur deshalb auf Deutschland ausgedehnt, weil die deutsche Regierung mehrmals gedrängt habe, die auswärtigen Missionare in den deutschen Kolonien durch Deutsche zu ersetzen. Das entfalle heute, da die Deutschen keine Kolonien mehr hätten und deutsche Missionare ausgeschlossen seien durch die neuen Herren dieser Kolonien. Darum müsse man den Nachwuchs beschränken, wenn nicht ganz unterdrücken. - Zudem könne man jungen Franzosen nicht zumuten, in einem gemeinsamen Noviziat sich mit jungen Deutschen zusammenzusetzen, die kurz vorher im Krieg ihre Feinde waren, noch dass sie mit diesen danach in den Missionen zusammenarbeiten sollen. Das würde auch den Nachwuchs in Frankreich hemmen. Darum verlangt die Weitererhaltung der deutschen Provinz, das man für sie ein eigenes Noviziat errichte, da ja in Trier Scholastiker seien, die die theologischen Studien beendet haben."Ferner wurde in der nächsten Sitzung des Generalrates (03.07.1919) beschlossen:
- Die deutsche Vize-Provinz wird provisorisch weitergeführt mit P. Th. Frey als Superior Regionalis und Novizenmeister, mit Sitz in Marienthal / Luxemburg.
- Das Noviziat wird in Marienthal errichtet.
- Angesichts der Lage sollen nur mäßig Kandidaten aufgenommen werden.
- P. Th. Frey erhält P. G. Steinhage als Assistent, der ihn in der Vize-Provinz und im Noviziat vertreten wird.
- Der Rat der Vize-Provinz setzt sich zusammen aus: P. Th. Frey, P. Superior des Hauses Trier und des Prokurators der Vize-Provinz.
- Die Zulassung zum Noviziat erfolgt durch den Novizenmeister, zum Eid und zu den Weihen durch den Generalrat.
- Die Ernennungen für die Häuser in Deutschland werden vom Generalrat vorgenommen.
- Zum Generalkapitel 1920 wählen die Mitglieder der deutschen Vize- Provinz gemeinsam mit der Circumscription Europa.
Quelle:
Dieses Vorkommnis ist nur zu verstehen im Licht der damaligen Nachkriegspsychologie, während es heute im Geiste der Völkerverständigung undenkbar wäre.
Übrigens ereignete sich ein ähnlicher Fall für französische Patres in Nordafrika um 1904: In Befürchtung, die Mission in Kabylien aufgeben zu müssen, legte man den älteren Patres und Brüdern, die nicht mehr in die Mission nach Äquatorial-Afrika gehen könnten, nahe, sich in ihre Familie zurückzuziehen. Dieselben reagierten in ähnlicher Weise wie die deutschen Mitglieder in 1919. Sie wünschten, in Kabylien bleiben zu dürfen, was auch geschah.
Archiv der Weißen Väter, Köln