Afrika-Missionare aus Haigerloch
während des Kolonialkriegs 1914-1918 in Zentralafrika
Vorwort:
Der letzte Vorkriegsbericht vom Missionshaus der Weißen Väter in Haigerloch steht in den Rapports Annuels im Band No. 8 (1912-1913). Der nächste Bericht über Haigerloch in den Tagebüchern findet sich dann erst wieder im Band No 16 (1920-1921). Auch wenn wir nach den Patres und Laienbrüdern suchen, die noch vor Ausbruch des Kolonialkriegs nach Deutsch-Ostafrika gelangt sind, findet sich in den Tagebüchern zunächst kaum ein Hinweis über ihr Schicksal. Erst mit dem Band No 13 erschienen zusammenfassende Berichte über das Schicksal der dortigen Missionsstationen und ihrer Missionare und Missionsschwestern vor Ort. Diese Berichte entstanden in Ermangelung von Einzelberichten und fassten das Kriegsgeschehen rund um die Missionsstation über einen Zeitraum von mehreren Jahren zusammen. Diese Berichte sind nicht nur missionsgeschichtlich hoch interessant, sondern auch für den Militärhistoriker und den Kolonialwissenschaftler. Im folgenden Beitrag wurden in deutscher Übersetzung daraus diverse Textpassagen zusammengestellt und mit Bildmaterial von originalen Fotografien ergänzt.
SONDERBERICHTE VON DEN MISSIONSSTATIONEN
Anmerkung der Redaktion (der Rapports Annuels in Maison Carrée)
Vor dem Jahresbericht 1917-1918 wird man für die meisten Stationen des Kivu- Vikariats weder - längst überfällige - Berichte noch einen Überblick über die Kriegsjahre finden. Wir freuen uns umso mehr, sie jetzt veröffentlichen zu können. Aufgrund der Umstände müssen wir bis auf das Jahr 1912-1913 zurückgreifen, damit in der Sammlung der Jahresberichte auch noch die alten Berichte für dieses Vikariat erscheinen. NYUNDO (Sainte-Marie)
Bericht 1915-16.
Die deutschen Truppen in Ruanda standen unter dem Kommando von Hauptmann Wintgens. Dieses Gebiet ist durch den Sebeya, den einzigen Fluss des Landes, in zwei Hälften geteilt, in Berge und eine Ebene. [...] Wir hatten uns kaum von unserem Erstaunen (über die Kriegsnachricht) erholt, als eine Proklamation von Herrn Wintgens, dem Vertreter des (abwesenden) deutschen Residenten (Richard Kandt), uns in wenigen Worten - trocken wie ein Signalhorn - mitteilte, dass Ruanda sich im Kriegszustand befände. Wer mit Briefen, Zeichen und anderen Mitteln mit dem Feind kommuniziere, werde erschossen. Missionare feindlicher Nationen könnten in ihren jeweiligen Stationen bleiben: In drei Monaten sei der Krieg vorbei. [...]
Das Jahr, das gerade erst hinter uns liegt, war ein Jahr voller Prüfungen für die Nyundo-Mission. Das Gebiet der Mission grenzt an den belgischen Kongo. Im Juni 1915 drangen belgische Truppen hier in deutsches Gebiet ein. Die Deutsch-Ostafrikanische Schutztruppe war da, um sie daran zu hindern, weiter vorzurücken, aber nicht in ausreichender Stärke, um sie über die Grenze (zum Kongo) zurückzudrängen. Wir waren daher von beiden Seiten auf den verschiedenen Hügeln rund um die Mission mit Befestigungen umgeben, von denen die eine Hälfte von belgischen und die andere von deutschen Truppen besetzt war. Auf dem Nyundo Hill (mit der Missionsstation) sind wir seit langem an vorderster Front. Auf dem Höhepunkt der Besatzung gab es rund tausend deutsche Soldaten, darunter gut hundert Europäer. Die belgischen Soldaten sollen ihnen zahlenmäßig überlegen gewesen sein. Diese Situation dauerte bis Mai 1916, als sich die Deutschen ins Landesinnere zurückzogen. [...]
Die Missionsstation Nyundo um 1915 mit Missionsschwestern und ihren Schülern. (Arch WV
Köln)
Nachdem die Missionsstation erst im Januar (1915) mit Missionsschwestern (s. Abb. oben) verstärkt
worden war, mussten sich letztere jetzt in Sicherheit bringen. Auch wir mussten auf militärischen
Befehl hin im März (1915) unsere Station verlassen. Um unsere Christen nicht zu vernachlässigen,
haben wir ihnen ein paar Hütten aus Stroh gebaut, anderthalb Stunden vom unserem Gehöft entfernt.
Dies wurde jedoch von den (deutschen) Truppen besetzt. Die große Kirche diente nun als Schlafraum,
Toilette und Küche für die schwarzen Soldaten (Askari). Unser Wohnhaus wurde befestigt. Wir können
immer noch froh sein, dass die Missionsstation nicht vollständig zerstört worden ist. Solange sie
von den Deutschen besetzt war, hatten die Belgier das Recht, sie zu bombardieren. Sie erhielt nur
zwei Granattreffer: eine durchbohrte die Fassade der Kirche, die andere zerschmetterte das Dach des
Refektoriums. [...]
Hauptmann (und Resident ad interim) Max Wintgens bei Gefechten nahe der
Missionsstation
Nyundo 1915.
(Arch. WV Köln)
Nyundo ist seit Kriegsbeginn die am meisten vom Krieg betroffene aller Missionsstationen im Vikariat
Kivu. Ihre Christengemeinde war zerstreut und die Hälfte starb an Hunger. Seine mit Kanonenkugeln
durchbohrten Mauern, dienten den Deutschen als Festung. [...]
Als ich im März 1917 hier ankam, waren die einst viel benutzten Weg, die jetzt mit Leichen übersät waren - einige erst am Vortag gefallen, andere verwest - von hohem Gras überwuchert. Die Mission, flankiert von Erdbefestigungen, aus denen noch einige Monate zuvor Gewehre und Maschinengewehre feuerten, wurde vom Busch verschlungen. [...]
Personal: Patres Schumacher (Superior), De Bekker und Giai-Via; Brüder Pancratius und Fulgentius RUAZA (N.-D. De l‘Assomption)
1. Bericht 1914-1917
Während der ersten drei Kriegsjahre musste die Missionsstation Ruaza viele Veränderungen erdulden. [...] Im Mai 1915 ließ ein Befehl der (deutschen) Regierung alle Patres feindlicher Nationalität ins Landesinnere verlegen, sechzig Kilometer von den Grenzen entfernt. Infolgedessen wurde Pater Delmas zum Vorgesetzten der Mission von Kabgayé ernannt, und Pater Lody erhielt seine Nominierung für das Amt in Issavi. Drei Tage später traf Pater van Baer aus Zaza in Eile ein, um die Abreisenden zu ersetzen, und Ende Mai war Pater Donders, welcher der Kigali-Mission vorstand, an der Reihe. Ihm folgte Pater Çanonica, der nach zwanzig Marschtagen aus Burundi angekommen war. Fünfzehn Tage später, im Juni, erfuhren wir, dass Italien Österreich, und indirekt damit auch Deutschland, den Krieg erklärt hatte. Die Regierung ergriff sofort Maßnahmen gegen die italienischen Missionare. Sie sollten in Tabora interniert werden. Den Brüdern Gilli und Canonica wurde geraten, sofort nach Kigali zu gehen und sich den (deutschen) Behörden zu stellen, die über ihr Schicksal entscheiden würden. Am 9. Juni verließen diese beiden Mitbrüder Ruaza. Am 15. Juni ersetzte sie Bruder Rodriguez, am 18. Pater Oomen, Vorgesetzter von Kanyinya (Burundi). Pater Donders setzte einige Tage später seine Reise nach Kigali fort. Am 5. Juli 1915 bestand der Stab daher aus P. Oomen, Vorgesetzter, P. van Baer und Bruder Rodriguez. [...]
Die Kirche von Ruaza bei ihrer Einweihung 1912 durch Bischof Hirth. (Arch. WV Köln)
Der Einmarsch der anglo-belgischen Truppen ins Herz von Ruanda führte erneut zu einem
Personalwechsel.
Die Ruaza-Mission wurde nun von den belgischen Behörden in Ruanda als Internierungslager (wörtlich:
„camp de concentration“) für Missionare mit deutscher Staatsangehörigkeit ausgewählt. Sie erhielten
dort
einen Französisch sprechenden Vorgesetzten. Seit dieser Zeit, also seit Ende Juni 1916, ist das
Personal
der Mission (mit deutscher Nationalität) unverändert geblieben. Am 1. Juli 1917 setzte es sich wie
folgt
zusammen: PP. Desbrosses, Donders, Schumacher, Knoll und Hinkelbein; Brüder Anselmus, Alfred und
Rodriguez (s. Abb. unten).
Die deutschen Afrikamissionare während ihrer dreijährigen Internierung in der
Missionsstation Ruaza
(rechts oben im Bild) im August 1916. Von links nach rechts: Pater Hinkelbein (ehem.
Haigerloch), Bruder
Rodriguez, Pater Desbrosses, belgischer Bewacher, Pater Knoll, Pater Schumacher (ehem.
Haigerloch),
Bruder Alfred, Pater Donders (ehem. Trier) und Bruder Anselmus. (Arch. WV Köln)
Der endlose Krieg bestätigte unsere Balera (Einwohner der Region Mulera) in der Überzeugung, dass
das
Ende der europäischen Herrschaft in ihrem Land nur eine Frage der Zeit ist. Außerdem mussten sie in
diesem Jahr von 1916 bis 1917 unter einer echten Hungersnot leiden. Die Ernten waren schlecht wegen
der
übermäßigen Niederschläge. Sie konnten nicht einmal auf ihre Nahrungsreserve, die Süßkartoffeln,
zurückgreifen, weil sie sie bereits früh ernten mussten als sie sich noch im Wachstum befanden. In
wenigen Tagen wurden ganze Felder (mit Jungpflanzen) von der Spitzhacke verwüstet und zerstört, und
viele Menschen mussten die Wurzeln ihrer Bananenstauden oder die Knolle einer bestimmten Farnart
verzehren, die im Land recht häufig vorkommt. Einige unglückliche starben sogar an Hunger, der lange
nicht mehr so erlebt worden war. [...]
2. Bericht 1917-1918.
Die Ruaza-Mission wurde in diesem Jahr von Hungersnot und Pocken auf eine harte Probe gestellt. Zu einiger Zeit leben die Armen hauptsächlich von Farnknollen und Bananenwurzeln. Einige mussten auswandern; andere suchten in den angrenzenden Regionen nach etwas Nahrung mit ihren letzten Mitteln. Räuberei nahm folglich starke Ausmaße an. [...] Ein Unglück kommt nie allein. Die Hungersnot tobte noch immer, als uns die Pocken trafen! Und kein Impfstoff! Die Regierung - überrascht und behindert von der Schwierigkeit der Kommunikation - konnte uns nur 3000 Dosen Impfstoff geben; 3000, wo es doch mehr als 100.000 gebraucht hätte! Es ist wahr, dass wir sechs Monate später weitere 7.000 Dosen erhalten haben und dass die Militärstation ebenfalls geimpft hat. Unsere letzte Ressource waren vorbeugende Maßnahmen: Aber für unsere armen Leute bedeutete es den Verlust ihres ganzen Besitzes, eine einfache Schüssel, eine kontaminierte Matte, oder gar ihre ganze Hütte mussten verbrannt werden! Nun eine Ruine! Bevor es jedoch dazu kam, verbreiteten sie ihre Krankheitskeime weiter. Ein Individuum glaubt, gegen den Impfstoff oder nach einer früheren Erkrankung immun zu sein, merkt jedoch nicht, dass es die Ansteckung in seinem eigenen Zuhause weiter verbreiten kann. Der gute Bruder Donders hat gewiss seine Hilfsmittel und sein Engagement vervielfacht, die schreckliche Krankheit konnte jedoch ihr Werk fortsetzen. Es scheint sogar, dass Menschen, die erfolgreich geimpft oder zum ersten Mal geheilt worden waren, die Anfälle der Pest erneut erlitten haben. An einigen Orten gab es echte Massaker. Bei der Mission blieben wir alle ebenso unversehrt wie die Schwestern, das Noviziat der indigenen Schwestern und die Menschen in unserem Dienst. In ihrer Verzweiflung dachten die Eingeborenen daran, sich direkt mit Pocken-Eiter zu impfen. Ich glaube, diese Methode hat auch ein Ergebnis gebracht: Die Mortalität bei dieser Art von Impfung war geringer. Solche Menschen hatten zwar dann eine echte Erkrankung, aber weniger akut. Es gab sogar ganze Wohnhügel (mit Siedlungen), in denen alle krank waren. Was für ein schreckliches Übel! Die armen Menschen erfuhren, wie ihre Körper zu Lebzeiten zerfielen! Und was für grausame Heilungsmethoden! Die zuvor mit einem scharfen Holz abgerissenen Pusteln wurden mit rauem Gras eingerieben, während der arme Patient, der vor Schmerz schrie und sich krümmte, extrem blutete, was aber die unerschütterlichen Behandler nicht daran hinderte, weiterzumachen, sicher und mit mathematischer Präzision, während das unglückliche Opfer an Armen und Beinen festgehalten wurde. Am Ende fand es wieder zu sich. "Jetzt schickst du mir eine Handvoll Bohnen?" sagte ein Kind zu einem Missionar, der blutgetränkt aufstand. [...] Ende Juni 1916 waren in Ruaza, 5 Patres und 3 Brüder (s. o.). Wir konnten uns von da an ganz der Mission widmen. [...] Unsere Beziehungen zu den belgischen Behörden waren mittlerweile ausgezeichnet. Sie ließen in der Nähe der Mission einen Posten errichten (s. Abb. unten). Wir sind diesen Herren besonders dankbar für die Hilfe, die sie uns beim Schutz gegen Raubüberfälle und bei der Bekämpfung der Pocken geleistet haben, trotz der Schwierigkeiten, die sie bei der Bereitstellung eines Impfstoffs hatten. Während der Hungersnot verzichteten sie darauf, Steuern zu erheben und Lebensmittel anzufordern, was es dem Land allmählich ermöglichte, sich zu erholen. Mitarbeiter am 30. Juni 1918: Pater Schumacher, Knoll, Lody,
Belgischer Militärposten bei Ruaza im September 1916. Das Foto trägt die Handschrift des gelernten
Fotografen und internierten Laienbruders Alfred (Ignaz Leyendecker). Es beweist, dass die deutschen
Missionare sich im Nahbereich der Missionsstation von Ruaza, wo sie gefangen gehalten wurden, frei
bewegen konnten und ein gutes Verhältnis zu den belgischen Militärs hatten. (Arch. WV Köln)
Quellen:
Rapports Annules No 13_1917-1918
Übersetzung und Textzusammenstellung: Dr. Wolfgang Völker / Lengerich/Westf.
Literaturempfehlung: Wolfgang Völker und Hans-Ulrich Duwendag: „Von Missionaren, Herrschern und Forschern an den großen Seen Zentralafrikas vor 100 Jahren.“
Cuvillier Verlag 2018 Abbildungen: Archiv der Weißen Väter, Köln
Der letzte Vorkriegsbericht vom Missionshaus der Weißen Väter in Haigerloch steht in den Rapports Annuels im Band No. 8 (1912-1913). Der nächste Bericht über Haigerloch in den Tagebüchern findet sich dann erst wieder im Band No 16 (1920-1921). Auch wenn wir nach den Patres und Laienbrüdern suchen, die noch vor Ausbruch des Kolonialkriegs nach Deutsch-Ostafrika gelangt sind, findet sich in den Tagebüchern zunächst kaum ein Hinweis über ihr Schicksal. Erst mit dem Band No 13 erschienen zusammenfassende Berichte über das Schicksal der dortigen Missionsstationen und ihrer Missionare und Missionsschwestern vor Ort. Diese Berichte entstanden in Ermangelung von Einzelberichten und fassten das Kriegsgeschehen rund um die Missionsstation über einen Zeitraum von mehreren Jahren zusammen. Diese Berichte sind nicht nur missionsgeschichtlich hoch interessant, sondern auch für den Militärhistoriker und den Kolonialwissenschaftler. Im folgenden Beitrag wurden in deutscher Übersetzung daraus diverse Textpassagen zusammengestellt und mit Bildmaterial von originalen Fotografien ergänzt.
SONDERBERICHTE VON DEN MISSIONSSTATIONEN
Anmerkung der Redaktion (der Rapports Annuels in Maison Carrée)
Vor dem Jahresbericht 1917-1918 wird man für die meisten Stationen des Kivu- Vikariats weder - längst überfällige - Berichte noch einen Überblick über die Kriegsjahre finden. Wir freuen uns umso mehr, sie jetzt veröffentlichen zu können. Aufgrund der Umstände müssen wir bis auf das Jahr 1912-1913 zurückgreifen, damit in der Sammlung der Jahresberichte auch noch die alten Berichte für dieses Vikariat erscheinen. NYUNDO (Sainte-Marie)
Bericht 1915-16.
Die deutschen Truppen in Ruanda standen unter dem Kommando von Hauptmann Wintgens. Dieses Gebiet ist durch den Sebeya, den einzigen Fluss des Landes, in zwei Hälften geteilt, in Berge und eine Ebene. [...] Wir hatten uns kaum von unserem Erstaunen (über die Kriegsnachricht) erholt, als eine Proklamation von Herrn Wintgens, dem Vertreter des (abwesenden) deutschen Residenten (Richard Kandt), uns in wenigen Worten - trocken wie ein Signalhorn - mitteilte, dass Ruanda sich im Kriegszustand befände. Wer mit Briefen, Zeichen und anderen Mitteln mit dem Feind kommuniziere, werde erschossen. Missionare feindlicher Nationen könnten in ihren jeweiligen Stationen bleiben: In drei Monaten sei der Krieg vorbei. [...]
Das Jahr, das gerade erst hinter uns liegt, war ein Jahr voller Prüfungen für die Nyundo-Mission. Das Gebiet der Mission grenzt an den belgischen Kongo. Im Juni 1915 drangen belgische Truppen hier in deutsches Gebiet ein. Die Deutsch-Ostafrikanische Schutztruppe war da, um sie daran zu hindern, weiter vorzurücken, aber nicht in ausreichender Stärke, um sie über die Grenze (zum Kongo) zurückzudrängen. Wir waren daher von beiden Seiten auf den verschiedenen Hügeln rund um die Mission mit Befestigungen umgeben, von denen die eine Hälfte von belgischen und die andere von deutschen Truppen besetzt war. Auf dem Nyundo Hill (mit der Missionsstation) sind wir seit langem an vorderster Front. Auf dem Höhepunkt der Besatzung gab es rund tausend deutsche Soldaten, darunter gut hundert Europäer. Die belgischen Soldaten sollen ihnen zahlenmäßig überlegen gewesen sein. Diese Situation dauerte bis Mai 1916, als sich die Deutschen ins Landesinnere zurückzogen. [...]
Als ich im März 1917 hier ankam, waren die einst viel benutzten Weg, die jetzt mit Leichen übersät waren - einige erst am Vortag gefallen, andere verwest - von hohem Gras überwuchert. Die Mission, flankiert von Erdbefestigungen, aus denen noch einige Monate zuvor Gewehre und Maschinengewehre feuerten, wurde vom Busch verschlungen. [...]
Personal: Patres Schumacher (Superior), De Bekker und Giai-Via; Brüder Pancratius und Fulgentius RUAZA (N.-D. De l‘Assomption)
1. Bericht 1914-1917
Während der ersten drei Kriegsjahre musste die Missionsstation Ruaza viele Veränderungen erdulden. [...] Im Mai 1915 ließ ein Befehl der (deutschen) Regierung alle Patres feindlicher Nationalität ins Landesinnere verlegen, sechzig Kilometer von den Grenzen entfernt. Infolgedessen wurde Pater Delmas zum Vorgesetzten der Mission von Kabgayé ernannt, und Pater Lody erhielt seine Nominierung für das Amt in Issavi. Drei Tage später traf Pater van Baer aus Zaza in Eile ein, um die Abreisenden zu ersetzen, und Ende Mai war Pater Donders, welcher der Kigali-Mission vorstand, an der Reihe. Ihm folgte Pater Çanonica, der nach zwanzig Marschtagen aus Burundi angekommen war. Fünfzehn Tage später, im Juni, erfuhren wir, dass Italien Österreich, und indirekt damit auch Deutschland, den Krieg erklärt hatte. Die Regierung ergriff sofort Maßnahmen gegen die italienischen Missionare. Sie sollten in Tabora interniert werden. Den Brüdern Gilli und Canonica wurde geraten, sofort nach Kigali zu gehen und sich den (deutschen) Behörden zu stellen, die über ihr Schicksal entscheiden würden. Am 9. Juni verließen diese beiden Mitbrüder Ruaza. Am 15. Juni ersetzte sie Bruder Rodriguez, am 18. Pater Oomen, Vorgesetzter von Kanyinya (Burundi). Pater Donders setzte einige Tage später seine Reise nach Kigali fort. Am 5. Juli 1915 bestand der Stab daher aus P. Oomen, Vorgesetzter, P. van Baer und Bruder Rodriguez. [...]
Die Ruaza-Mission wurde in diesem Jahr von Hungersnot und Pocken auf eine harte Probe gestellt. Zu einiger Zeit leben die Armen hauptsächlich von Farnknollen und Bananenwurzeln. Einige mussten auswandern; andere suchten in den angrenzenden Regionen nach etwas Nahrung mit ihren letzten Mitteln. Räuberei nahm folglich starke Ausmaße an. [...] Ein Unglück kommt nie allein. Die Hungersnot tobte noch immer, als uns die Pocken trafen! Und kein Impfstoff! Die Regierung - überrascht und behindert von der Schwierigkeit der Kommunikation - konnte uns nur 3000 Dosen Impfstoff geben; 3000, wo es doch mehr als 100.000 gebraucht hätte! Es ist wahr, dass wir sechs Monate später weitere 7.000 Dosen erhalten haben und dass die Militärstation ebenfalls geimpft hat. Unsere letzte Ressource waren vorbeugende Maßnahmen: Aber für unsere armen Leute bedeutete es den Verlust ihres ganzen Besitzes, eine einfache Schüssel, eine kontaminierte Matte, oder gar ihre ganze Hütte mussten verbrannt werden! Nun eine Ruine! Bevor es jedoch dazu kam, verbreiteten sie ihre Krankheitskeime weiter. Ein Individuum glaubt, gegen den Impfstoff oder nach einer früheren Erkrankung immun zu sein, merkt jedoch nicht, dass es die Ansteckung in seinem eigenen Zuhause weiter verbreiten kann. Der gute Bruder Donders hat gewiss seine Hilfsmittel und sein Engagement vervielfacht, die schreckliche Krankheit konnte jedoch ihr Werk fortsetzen. Es scheint sogar, dass Menschen, die erfolgreich geimpft oder zum ersten Mal geheilt worden waren, die Anfälle der Pest erneut erlitten haben. An einigen Orten gab es echte Massaker. Bei der Mission blieben wir alle ebenso unversehrt wie die Schwestern, das Noviziat der indigenen Schwestern und die Menschen in unserem Dienst. In ihrer Verzweiflung dachten die Eingeborenen daran, sich direkt mit Pocken-Eiter zu impfen. Ich glaube, diese Methode hat auch ein Ergebnis gebracht: Die Mortalität bei dieser Art von Impfung war geringer. Solche Menschen hatten zwar dann eine echte Erkrankung, aber weniger akut. Es gab sogar ganze Wohnhügel (mit Siedlungen), in denen alle krank waren. Was für ein schreckliches Übel! Die armen Menschen erfuhren, wie ihre Körper zu Lebzeiten zerfielen! Und was für grausame Heilungsmethoden! Die zuvor mit einem scharfen Holz abgerissenen Pusteln wurden mit rauem Gras eingerieben, während der arme Patient, der vor Schmerz schrie und sich krümmte, extrem blutete, was aber die unerschütterlichen Behandler nicht daran hinderte, weiterzumachen, sicher und mit mathematischer Präzision, während das unglückliche Opfer an Armen und Beinen festgehalten wurde. Am Ende fand es wieder zu sich. "Jetzt schickst du mir eine Handvoll Bohnen?" sagte ein Kind zu einem Missionar, der blutgetränkt aufstand. [...] Ende Juni 1916 waren in Ruaza, 5 Patres und 3 Brüder (s. o.). Wir konnten uns von da an ganz der Mission widmen. [...] Unsere Beziehungen zu den belgischen Behörden waren mittlerweile ausgezeichnet. Sie ließen in der Nähe der Mission einen Posten errichten (s. Abb. unten). Wir sind diesen Herren besonders dankbar für die Hilfe, die sie uns beim Schutz gegen Raubüberfälle und bei der Bekämpfung der Pocken geleistet haben, trotz der Schwierigkeiten, die sie bei der Bereitstellung eines Impfstoffs hatten. Während der Hungersnot verzichteten sie darauf, Steuern zu erheben und Lebensmittel anzufordern, was es dem Land allmählich ermöglichte, sich zu erholen. Mitarbeiter am 30. Juni 1918: Pater Schumacher, Knoll, Lody,
Rapports Annules No 13_1917-1918
Übersetzung und Textzusammenstellung: Dr. Wolfgang Völker / Lengerich/Westf.
Literaturempfehlung: Wolfgang Völker und Hans-Ulrich Duwendag: „Von Missionaren, Herrschern und Forschern an den großen Seen Zentralafrikas vor 100 Jahren.“
Cuvillier Verlag 2018 Abbildungen: Archiv der Weißen Väter, Köln
