Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Aus der Chronik der Weißen Väter 1921

aus dem Afrika-Bote No 28 /
Okt. 1920 bis Sept. 1921
Seiten 74 – 77
1921

Das Missionshaus Haigerloch in der Inflationszeit


„In einem der anmutigsten Städtchen des schönen Schwabenlandes, dem idyllischen Haigerloch, erhebt sich auf grüner Bergeshalde inmitten eines Kranzes von Gärten und Obstwiesen das Missionshaus der Weißen Väter. Der reizende Ausblick auf das malerisch gelegene Städtchen mit seinem wetterfesten Römerturm aus längst entschwundenen Zeiten, seinen drei katholischen Kirchen tief unten im Tal und hoch oben auf dem Berge, und dem uralten Zollerschloß auf kühn vorspringendem Felsen machen das Plätzchen jedem lieb und wert, der einmal dort gestanden hat.
Beschreibung
Hier eine wenig bekannte Abbildung des Missionshauses Haigerloch auf einer historischen Ansichtskarte (Verlag: Jos. Laubis, Haigerloch). Das Haus ist feierlich geschmückt mit Flaggen und Fahnen. Der Superior der WV-Gemeinschaft Hechingen, Pater Schrenk, schrieb uns dazu: „Ich glaube, dass das Bild gemacht wurde anlässlich der Einweihung des Missionshauses am 21. 6.1904. Und das aus mehreren Gründen. Wir hatten schon immer das gleiche Bild im Gang vom Missionshaus Haigerloch, vergrößert, aufgehängt. Und da steht: Anlässlich der Einweihung des Missionshauses am 21.6. 1904. In der Chronik von Haigerloch steht, dass am 20.6. das Haus beflaggt wurde und dass Leute aus Haigerloch und Trillfingen Blumen gebracht haben, um das ganze Haus zu schmücken. Es sollte also ein großes Fest werden. Das wurde es auch, denn es kam der Domherr Dreher aus Freiburg, der die Segnung vornahm, auch ein Domkapitular aus Rottenburg kam, ebenso Vertreter der Regierung aus Sigmaringen und auch ein Vertreter des Prinzen von Hohenzollern. Ein große Menge nahm daran teil. Und die Feier musste Eindruck gemacht haben im Haus, weil einige Jahre später der heilige Aloysius, an dessen Fest ja das Haus eingeweiht wurde, den eigentlichen Patron des Hauses, den hl. Franz Xaver, verdrängt hat, und man nur noch den hl. Aloysius als Hauspatron feierte. Am 27. Februar 1906 wurde das Hochamt nicht im Hause gefeiert, sondern die Gemeinschaft nahm teil an der Messe mit den Gläubigen in der Schlosskirche."
Doppelt lieb aber ist das schöne Missionshaus seinen Bewohnern, den Lehrern und Erziehern mit ihren 120 frohen Studenten, die in der reinen, gesunden Luft der schwäbischen Voralb ihren Gymnasialstudien obliegen und sich körperlich und geistig ausbilden für die hohe Aufgabe der Glaubensboten. Neunzehn Jahre sind es jetzt, daß die Weißen Väter in Haigerloch sich niederließen, Grund und Boden an der sogenannten Halde erwarben und den Bau der Schule und die Anlage von Hof und Garten in Angriff nahmen.
Es war keine leichte Arbeit, den steilen Berghang so zu ebnen, daß für ein großes, über 40 m langes Wohnhaus mit Nebengebäuden Raum geschaffen wurden. In mehrjähriger Arbeit wurde das Gelände seinem Zweck entsprechend umgeschaffen; nun baut sich auf der Nord- und Ostseite des Hauses in schönen Terrassen der wohlgepflegte Gemüsegarten auf, im Süden dient ein 60 m langer und 40 m breiter Spielhof mit Wandelhalle, Kegelbahn und Turngeräten aller Art als Lieblingsaufenthalt der frohen Jugend. Ein schmaler, eingefriedeter Weg führt an der nahen Bahnstation den Berg hinauf unmittelbar bis an die Klosterpforte, während von der Stadtseite her ein Fahrweg in das Gelände einmündet.
Waren die Anfänge der Missionsschule auch schwer und brachten manche Sorgen mit sich, so hat doch Gottes Segen auf der Gründung geruht. Dank dem freundlichen Entgegenkommen der hochwürdigen Geistlichkeit aus Hohenzollern und den angrenzenden Teilen Württembergs konnte die Anstalt sich entwickeln und alljährlich eine schöne Anzahl neuer Schüler aufnehmen. Schon waren die Erstlinge derselben ins Missionsseminar nach Trier übergesiedelt und standen unmittelbar vor dem Empfang der hl. Weihen, da fiel der Raureif des Weltkrieges in die schönste Blüte und drohte alle Arbeit zunichte zu machen. Die Missionsbrüder und die Schüler der Oberklassen wurden unter die Waffen gerufen; viele opferten großmütig ihr Leben für das Vaterland, anderer kehrten als Invaliden aus dem Kriege heim und gar mancher mußte, durch die Verhältnisse genötigt, einem anderen Berufe sich zuwenden. Da auch ein großer Teil der Patres im Dienste des Vaterlandes tätig war, so schmolz die Zahl der Schüler sehr zusammen. Kaum aber war das Völkerringen zu einem einstweiligen Abschluß gekommen, da strömte auch die katholische Jugend wieder freudig dem Misssionsberufe zu, und heute ist das Missionshaus bis auf den letzten Platz mit eifrigen Zöglingen bevölkert.
Für Körper- und Geistesbildung, für die Pflege der Frömmigkeit und des apostolischen Geistes ist im Missionshause ausgiebig gesorgt. Der Studiengang ist der an den deutschen höheren Lehranstalten übliche. Wenn die Knaben im Alter von etwa zwölf Jahren eintreten, beginnen sie unter der Leitung eines Paters mit dem Studium der lateinischen Sprache. Haben sie die vier unteren Gymnasialklassen absolviert und sich in Betragen und Fleiß bewährt, so siedeln sie in unser neues Missionshaus in Rietberg über, um am dortigen Progymnasium die Obertertia und die Untersekunda mitzumachen. Mit dem Zeugnis der Reife für Obersekunda kehren sie nach Haigerloch zurück, wo sie noch drei Jahre als Schüler der Oberklassen sind und sich zur Reifeprüfung rüsten. Ist dieselbe glücklich bestanden, so werden die jugendlichen Alumnen dem Missionsseminar in Trier zur weiteren Ausbildung zugewiesen. Wenn so auf eine gründliche wissenschaftliche Durchbildung Wert gelegt wird, so bedürfen anderseits auch Charakter und Gemüt einer liebevollen Pflege. Die täglichen, geistlichen Übungen, der häufige und regelmäßige Sakramentenempfang, die religiösen Belehrungen legen ein festes Fundament der Frömmigkeit; die Übung des Gehorsams in den verschiedensten Verhältnissen, die gewissenhafte Beobachtung einer wohldurchdachten Hausordnung, das Zusammenleben mit vielen Zöglingen aus den verschiedensten deutschen Gauen bilden den Charakter zur Selbstbeherrschung und zu männlichem Ernste; eine täglich reich bemessene Erholungszeit, die zu fröhlichen Spielen sowohl als zu Turnübungen benutzt wird, sowie regelmäßig wiederkehrende kleine und große Ausflüge in die reizvolle Umgebung des Städtchens dienen der körperlichen Entwicklung und stählen die Spannkraft für die Strapazen des späteren Missionslebens. Musik und Theaterübungen vervollständigen das Schulprogramm und bereiten zugleich eine angemessene Abwechslung im Einerlei des Alltags.
Heute zählt die Misssionsschule zehn Patres, acht Brüder und etwa 120 Zöglinge. Da alljährlich zu Ostern die Alumnen der Oberprima ihre höheren Studien in Trier beginnen, und die Schüler der Untertertia nach Rietberg übersiedeln, so können nach den Osterferien neue Schüler aufgenommen werden. Wir wünschen von Herzen, daß der liebe Gott in recht viele opferfreudige Jugendherzen die Neigung und Liebe zum Missionsberuf erwecke, damit zahlreiche Arbeiter in die Ernte Gottes unter die Heidenvölker ausziehen können. Wohl ist es keine leichte Aufgabe für den Unterhalt einer so großen Familie aufzukommen, um so mehr, da die Weißen Väter keine größeren wirtschaftlichen Anlagen, keine Felder und keinen Viehstand besitzen, sonder alle irgendwie entbehrlichen Mittel den eigentlichen Missionen Afrikas zuführen, und sich für ihren Unterhalt mit dem begnügen, was die christliche Liebe ihnen bietet; allein auch hier zeigt sich, daß der liebe Gott, der die Vögel des Himmels speist, für alle diejenigen liebevoll sorgt, die seinem Dienst sich weihen. Denn dank der göttlichen Vorsehung, die immer wieder gute Herzen zum Wohltun anregt, dank dem hochherzigen Entgegenkommen der hochw. Geistlichkeit und dem echt katholischen Opfersinn des braven Schwabenvolkes hat es im Missionshause nie am Notwendigen gefehlt. Und wir dürfen im Vertrauen auf den Vater im Himmel hinzufügen, daß es auch in Zukunft nicht fehlen wird.

P. Baurmann.

Anmerkung zur Finanzlage im Jahr 1921 :
P. Baurmann ist trotz der desolaten Wirtschaftslage im Nachkriegsdeutschland und steigender Inflation optimistisch, finanziell dank göttlicher Vorsehung und der Spendenbereitschaft des Schwabenvolkes über die Runden zu kommen. Wesentlich mehr besorgt war damals die 61. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands.
Im selben Afrika-Bote (Jahrg. 28, Okt.-Nov. 1921/22, Seite 28) steht dazu unter „Kleine Mitteilungen“: „Die 61. Generalversammlung der Katholiken Deutschlands empfiehlt aufs wärmste eine die allgemeine Teuerung berücksichtigende gesteigerte Unterstützung sowohl der heimatlichen Anstalten zur Ausbildung von Missionaren und Missions- schwestern, als auch der Missionen selbst und der Missionsvereine. [...] Es gilt in Treue gegen Christus und unsere auf schwerem Posten stehenden Missionsarbeiter unser aussichtsvolles Missionswerk in eine bessere Zeit hinüberzuretten.“

Textgestaltung: Dr. Wolfgang Völker / Lengerich/Westf.