Aus der Chronik der Weißen Väter 1939 - 1940
Missionshaus Haigerloch - Jahresbericht Juli 1939 bis Juni 1940
Das Berichtsjahr ist das leidvollste seit Gründung des Hauses 1903. Fast jeder Sonntag hat zahlreiche Aushilfen. Schon am 5. Juni reisen die Schüler in (die) Sommerferien, denn die 5 Patres Sup. Schell, Huber jr., Weber, Peter und Baudoux fahren Anfang des Monats nach Marienthal in die 30-tägigen Exerzitien.
Zum Schwabentag, am 18. Juli, erscheinen 40 Schüler und beweisen so ihre Anhänglichkeit ans Haus. Am 19. Juli besichtigt Regierungsschulrat Herr Misch mit noch einem Herrn Regierungsrat das Haus. Aufs St. Anna-Fest besuchen 90 Pilger unser Museum; im ganzen Monat sind es 170 Museumsbesucher. Am 5.8. fahren Patres und Brüder in die 8-tägigen Exerzitien nach Trier. Am 15. August kehren sie von dort, und die Schüler aus den Ferien, zurück. Das Wintersemester beginnt am 16. August. Herr Bürgermeister und drei Herren der Kreisleitung besichtigen unser Haus, insbesondere die Luftschutzräume und Küche.
Nachts um 23 Uhr, am 25. August, werden Br. Adjutus und Eberhard einberufen. Sie reisen mit dem nächsten Frühzug ab. Die Kriegsgefahr verdichtet sich; etliche Geistliche der Umgegend, die in Ferien weilten, unterbrechen ihren Urlaub.
Am 1. Sept. Kriegsbeginn im Osten, am 3. Sept. Kriegszustand mit England.
Am 4. September um 11 Uhr trifft die erste badische Flüchtlingsfamilie bei uns ein (Fam. Schell, Goldscheuer b. Kehl). Es ist Krieg.
Wir müssen die Schüler sofort heimschicken - mit Ausnahme der Grenzländer - und 110 Betten sowie 50 Strohlagerstätten für Flüchtlinge im Haus bereitstellen. Flüchtlingszüge fahren am 5. Sept. die Talbahn aufwärts. Auch wir bekommen Rückwanderer. Nachts beim Glockenschlag um 24 Uhr fährt langsam mit zwei Lokomotiven ein Flüchtlingszug in Haigerloch ein. Es vergehen Stunden, bis für Hunderte von Flüchtlingen die einzelnen Quartiere bekannt gegeben sind. Frauen, Mädchen und Buben mit Flüchtlingshabe bepackt, Mütter mit kleinen und ganz kleinen, zum Teil schreienden Kindern, ziehen zu ihren Notquartieren. Das ist der Krieg in seinen harten Begleiterscheinungen.
Wir sind den Rückwanderern in jeder Hinsicht gerne behilflich und stellen im Missionshaus zur Verfügung, was ihnen dienen kann, Küche, Milch u. s. w.. Die Flüchtlinge sind etwa zur Hälfte aus den katholischen Pfarrorten Marlen, Goldscheuer und Kittersburg b. Kehl, zur andern Hälfte aus evang. Orten des Hanauerlandes. Sie leben sich alle rasch in die neuen Verhältnisse ein, zeigen sich dankbar, hoffen aber auf baldige Rückkehr in die Heimat. Br. Beda und Helferinnen vom Roten Kreuz besorgen die Gemeinschaftsküche. Am 8. September besichtigen Herr Landrat Schraermaier und die oberste Leiterin des Roten Kreuzes aus Stuttgart unser Flüchtlingsheim. Alle äußern ihre volle Zufriedenheit. Herr Landrat sieht, wie eingeschränkt Patres und Brüder jetzt leben und sagt:
Sie predigen nicht nur die Nächstenliebe; sie üben sie auch.Etliche Flüchtlinge, besonders Frau Kruß, Kittersburg, helfen emsig mit bei den vielen häuslichen Reinigungsarbeiten. P. Ökonom Straub muss eine Unsumme von Arbeiten bewältigen. Er findet dabei Mithilfe bei den übrigen Mitbrüdern, vor allem bei P. G. Eisele, dem der Luftschutzdienst obliegt. Die Flüchtlinge beteiligen sich nach Möglichkeit eifrig an unserm Hausgottesdienst. Einmal hielt auch der evangelische Herr Stadtpfarrer Schütz einen Gottesdienst im Exerzitiensaal. Es stauen sich allmählich 15 Patres im Haus, darunter die nach Afrika bestimmten, deren Abreise durch den Krieg aufgeschoben bleibt.
Am 22. September erhalten wir die betrübende Nachricht, dass zahlreiche relig. Zeitschriften, darunter der Afrika-Bote, wegen Papierknappheit ihr Erscheinen einstellen müssen.
Unter den immer noch 146 Rückwanderern macht sich gelegentlich Verdrießlichkeit bemerkbar, da angeblich behördlicherseits nur langsam für die Behebung von einzelnen Missständen gesorgt werden kann. P. Provinzial besucht am 6. Okt. unsere Flüchtlinge und ermuntert sie. Die Leute sprechen noch lange erfreut über seine Güte und Freundlichkeit. Um den 10. Okt. beginnen die Rückwanderer auf eigene Faust gruppenweise zu Verwandten oder in die Heimat abzuziehen. Sie scheiden mit großem Dank und Wohlwollen gegen uns. Es bleiben noch etwa 90. 44 der Rückwanderer werden am 18. Oktober weiter rückwärts in die Etappe geleitet. Sie scheiden sehr ungern und wären lieber hier geblieben. Die übrigen folgen in
den nächsten Tagen. Der letzte Rückwanderer, Jakob aus Muckenschopf, scheidet am 21. Oktober. Inzwischen haben 6 der hiesigen Schüler in Rietberg das Studium fortgesetzt. Wir haben noch keine Erlaubnis zur Wiederaufnahme des Unterrichts. Am 21. Oktober kommt indes die freudige Kunde: Die Schüler der 3. und 4. Klasse dürfen in Zaitzkofen das Studium fortsetzen. Am 23. Oktober erhalten wir vom Landratsamt die Erlaubnis zur Wiederaufnahme des Unterrichts in beschränktem Umgang - unter ständiger Bereitschaft (Bereithaltung) einzelner Säle für sonstige Zwecke. Deshalb werden die erste und zweite Klasse auf (den) 28. Oktober zurückberufen.
Nach acht verstörten Kriegswochen beginnt am 30. Oktober der Unterricht und feiern wir (am) 11. November letztmals nach altem Brauch im alten Missionshaus P. Superiors Namenstag. Herr Kreisschulrat Bader besieht den neuen Stundenplan. Er bestätigt nochmals, wie sehr man unseren Einsatz in der Flüchtlingszeit behördlicher- seits anerkenne.
Heute am Konradifest, 26, November, trifft unser Haus der bisher schwerste Schlag. Unterm Datum vom 9. November 1939 erhalten wir aus Berlin über Sigmaringen und Hechingen die Nachricht:
Der Führer hat entschieden, dass ein öffentliches Interesse an dem Weiterbestehen der sogenannten Missionsschulen nicht gegeben ist. Ich ordne daher an, daß sämtliche Missionsschulen zu Ostern 1940 geschlossen werden. I. A. gez. Holfelder.Mit Beklommenheit um die Zukunft der Schüler, doch mit Vertrauen auf die Vorsehung, treten wir ins neue Jahr.
Acht unserer hiesigen Brüder stehen schon unter Waffen: Br. Egbert, Lothar, Bonifaz, Sophronius, Adjutus, Eberhard, Stefan und Ingobert; der 9., Br. Odilo, rückt am 12. Jan. ein. Am 14. Januar sind 7 Primizen in der nahen Diözese Rottenburg. Da genug Patres im Hause sind, geht je ein Vertreter des Hauses zur Aushilfe in die einzelnen Primizorte. (P. Schupp, Lindenholz, Württ. verzichtet auf eine Aushilfe.) Trotz zeitgemäßer einschränkender Maßnahmen beteiligt sich die Bevölkerung überall sehr gut an den Primizen.
Wir haben einen grimmigen Winter, anfangs (im) Februar Tauwetter und Treib- eis auf der Eyach, Mitte Februar erneute Kältewelle.
Da alle Versuche, unsere Schulen zu retten, gescheitert sind, versuchen wir ab 18. Febr. die Schüler anderwärts unterzubringen. Am 26. Febr. kommt Herr Kreisschulrat Bader zur letzten Revision und hält eine kurze, gehaltvolle Abschiedsansprache an Schüler und Lehrer unter Hinweis auf die hier geleistete, stets gediegene Erziehungsarbeit.
Wir halben wieder viele Fastenaushilfen.
P. Superior hält den Schülern vom 8. bis 10. März früh Abschiedsexerzitien mit 6 Vorträgen, Generalkommunion und Erneuerung der Taufgelöbnisse.
Drei Regierungsräte besichtigen am 11. März unser Haus.
Am 14. März ist Abschiedssitzung im Refektorium. P. Superior weist hin auf diese langjährige Stätte der Geistesschulung, des Glückes und stillen Friedens. Unermesslicher Segen ist seit 1903 über Heimat und Übersee von hier ausgeströmt. Die meisten Patres der Provinz machten hier einen Teil ihrer Schulung durch, auch Msgr. Horst und Haag, Nun wird das Haus seinem eigentlichen Zweck entzogen. Der Abschied wird allen schwer. Still und ohne die sonst so lauten Ausbrüche jugendlicher Freude entführt am Schmerzenfreitag, den 15. 3., der Zug die Schüler dem alten Haigerloch.
Im Auftrag der Regierung kommt am 18. 3. Herr Landrat, um wegen Pachtung unseres Anwesens vorzufühlen. Er wird an P. Provinzial verwiesen. Besuche und Telefongespräche in dieser Angelegenheit werden drängender. Am 13. April findet eine wichtige Vorbesprechung unter Vorsitz des Herrn Reg. Präsidenten von Reden und des P. Reichertz und des Herrn Dr. Helferich statt. P. Reichertz erklärt sich auf Wunsch der Regierung bereit, das ganze Anwesen als Aufbauschule der Regierung zu vermieten, falls wir selber in Haigerloch eine Wohnung bekämen. (Erst 5 Monate später, am 14. Sept., sollte die endgültige Entscheidung für 12 Jahre fallen und ab 18. September die Räumung des Hauses beginnen.)
Am 23. April wird Bruder Beda einberufen. Ein guter Mitbruder, tüchtiger Koch und Bäcker, bewandert in allen einschlägigen Berufszweigen. Br. Hatto folgte ihm am 12. 6.; gleichfalls ein freundlicher, gefälliger, emsiger Mitbruder.
10. Mai: Beginn der Durchbruchsschlacht durch Holland, Belgien, Luxemburg .
19. Mai: P. Eisele, seit 1936 hier tätig, kommt nach Zaitzkofen; ein opferbereiter, anspruchsloser Mitbruder. Am gleichen Tag erhalten wir den drückendsten Steuerbescheid, der zu äußerster Sparsamkeit zwingt. - Fronleichnam darf dies Jahr erst am Sonntag nachgefeiert werden. Prozessionen müssen ausfallen. -
Eine Kommission der NSV (NS-Volkswohlfahrt, Parteiorganisation der NSDAP) besichtigt unser Haus zwecks etwaiger Unterbringung von 120 Tirolerkindern.
Am 13. Juni besucht uns H. P. Provinzial.
Tags darauf marschieren die Deutschen in Paris ein. Die Glocken läuten. P. Beiter versah auf Bitten des Ordinariats eine Zeitlang die Pfarrei Binsdorf. Um den 21 . Juni kommt er als Vikar nach Jungingen. Ebenso übernehmen folgende Patres für einige Monate Vikarsposten: P. Staudt, Eislingen; P. Schmid, Unterkochen; P. Huber, Oberndorf; P. Hinger,Pfronstetten. P. Baudoux hilft viel in Börstingen. Da Bruder Meinwerk für einige Monate im Schwarzwald Erholung sucht, sind dauernd nur 5 Patres und Br. Günther hier.
Das harte Jahr ging nicht spurlos an der Gesundheit der Patres vorüber. Einige mussten vorübergehend das Krankenhaus aufsuchen. Da P. Fischer stark erschöpft war infolge eines übervollen Arbeitsmaßes, wurde ihm ein Erholungsurlaub in Imnau zugedacht. Er musste ihn indes schon nach 8 Tagen abbrechen, da wieder neue, langwierige Abrechnungen vorzunehmen waren.
An der Beerdigung der Herren Hirt, Siedler und Kohle, und der Frau Mauch - Eltern von Patres aus der Nähe - nahm je ein Vertreter des Hauses teil.
Wiederholt erfreuten uns Mitbrüder, die in der Nähe zu tun hatten oder beim Militär dienten, durch ihre Besuche.
Personalstand am 30. Juni 1940.
P. M. Schell, Superior; P. Huber, Friedrich jr.; P. Weber, Peter; P. Hinger, Rudolf; P. Baudoux; P. Straub, Albert, Ökonom; P. Beiter, Anton; P. Fischer, Wilhelm; P. Schmid, Augustin; P. Nöker, Alfred; P. Staudt, Eduard;
Br. Günther und Br. Meinwerk ( z. Zt. Hölzlebruck zur Genesung), Hausdiener: Johannes Beck und Peter Fellner.
Früherer Personalstand am 1. Juli 1939.
P. M. Schell, Sup.; Fr. Huber; Pet. Weber; R. Hinger; J. Baudoux; Alb. Straub; Jos. Stratmann; G. Eisele; Wilh. Fischer; Aug. Schmid; Alfr. Nöker; Ed. Staudt; Ant. Diener;
Br. Sophronius, Adjutus, Eberhard, Hatto, Meinwerk, Beda, Suso, Stefan; Hausdiener: Herr Beck und Herr Fellner.
Schüler: 71.
(gez) P. M. Schell, Sup.
Formatierung und Textgestaltung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf.