Aus den Erinnerungen von Pater Albert Straub
an die Kriegszeit in Haigerloch
Transkription, Fotos und Layout: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf.
Vorwort
P. Albert Straub Missionshaus 7452 Haigerloch
Haigerloch, 12. August 1991
Lieber P. Schering!Haigerloch, 12. August 1991
Sie hatten um Beiträge zum Thema "Unsere Provinz" erbeten. Vor mehreren Jahren hatte ich einen Bericht erstellen wollen über das Schicksal der Weißen Väter in Haigerloch während der Kriegs- und Nazizeit. Ich begann mit einer Stoffsammlung dazu. Aber dabei ist es geblieben. Es müsste noch vieles umgeschichtet, ergänzt und gestrichen werden. Aber ich halte es nicht mehr der Mühe wert. So sende ich Ihnen meine "Stoffsammlung" zu, wie sie eben ist. Sie haben ja dort sicher einen Ofen, in dem mein Laborat hinein passt. Es wird sich ja kaum mehr ein Mensch heute um die Vergangenheit kümmern. Gott zum Gruß und herzliche Segenswünsche!
Ihr P. Alb. Straub
Die Wiedereröffnung des Missionshauses Haigerloch nach dem Krieg 1945
Von verschiedenen Mitbrüdern bin ich im Laufe der Zeit immer wieder aufgefordert worden, meine Erinnerung an die Wiedereröffnung des Missionshauses niederzuschreiben, da ich der letzte Zeuge dieses Ereignisses bin; zuletzt von P. Loyo im August dieses Jahres 1988. Ich habe dies immer abgelehnt, da das Geschichtsbewusstsein in dieser Zeit erstorben sei. Doch machte mir P. Loyo klar, dass neues Interesse für die Vergangenheit in unserem Volk am Erwachen sei, wie die zahlreichen Jahrhundertfeiern der Gemeinden und die Jubiläen der Vereine zeigten. Man würde sich eines Tages auch interessieren für die Lage unserer Häuser z.Zt. des Nationalsozialismus, usw. So versuche ich nun etwas niederzulegen, wie es mir noch nach 40 bis 50 Jahren in der Erinnerung steht.Ich versuche, einige Ereignisse in kleinen Kapiteln zu schreiben, um einige Ordnung in die Vergangenheit zu bringen. Es sind Ereignisse, die die damalige Lage vielleicht am besten kennzeichnen. Wegen der langen Zeit und meines inzwischen geschwächten Gedächtnisses kann ich genaue Daten nicht machen. Sie sind aber zu ersehen in der Chronik, die P. Huber über die ganze Kriegszeit hinweg in mustergültiger Weise geschrieben hat. Man konnte in der Hauschronik nicht alles berichten, da man ständig in Gefahr war, dass das Haus durchsucht, solche Eintragungen beschlagnahmt wurden und Anlass gaben, das Haus zu beschlagnahmen und die Insassen ins Konzentrationslager abzuführen. Kenner der damaligen Lage und Zeit werden in der Chronik "zwischen den Zeilen" manches entdecken, was nicht geschrieben werden konnte.
Was ich schreibe, sind nur persönliche Erlebnisse, wie ich sie im Gedächtnis nach so vielen Jahren behalten habe. Ich beschreibe sie in der "Ich-Form", wie ich sie subjektiv erlebt habe und unternehmen musste und wovor ich heute oft erschrecke, wenn ich daran denke.
Haigerloch, im September 1988 (gez.) P. Alb. Straub
Heil Hitler!
Als Hitler 1933 die Wahl gewonnen hatte, hörten wir dies im Radio und ich teilte es in meiner Klasse den Schülern mit. Es entstand ein großes Gelächter in der Klasse. Die Schüler wussten wohl nicht recht, worüber sie lachten. Aber sie waren gespannt auf das Neue, das da kommen musste und freuten sich auch auf das Neue, das sie nicht so ernst nahmen.Uns Patres wurde es unheimlich. Wir sahen, wie das Volk dem Führer zujubelte, wie er die Arbeitslosigkeit beseitigte, wie er die Autobahnen schuf und dem Volk im Ausland wieder zu Ansehen verhalf. Wir sahen aber auch die ganze Verführung. Gott und Gewissen und Glaube wurden langsam und stetig zurückgedrängt und abgeschafft. Und das Volk ließ sich etwas vormachen von "Blut und Boden".
In der Seelsorge suchten wir dem Unheil zu wehren in den zahlreichen Patroziniumspredigten, die wir regelmäßig zu halten hatten, durch Triduen, religiöse Wochen und Veranstaltungen. Wir wollten den Glauben im Volk stärken. Wer richtig glaubte, konnte dem Nationalsozialismus nicht ganz verfallen. Die falschen Ideen des NS konnte man nicht bekämpfen, wenigstens nicht offen; man wäre nur gelandet im Konzentrationslager oder im Gefängnis. Manche landeten auch dort unnötigerweise, etwa wenn einer in Tr. (Trier) sagte: "Lasset uns beten für die Soldatenweiber und jene, die es werden wollen". Wir waren jung; wir hatten noch Temperament; wir sahen die Gefahr kommen; und wir waren gebunden. Kein Wunder, dass es da auch bei WV zu Ausrutschern auf der Kanzel kam.
In der Schule mussten wir mit "Heil Hitler!" grüßen. Das war unvermeidlich. Die Schulräte von Hechingen und Sigmaringen kamen fleißig, um unseren Unterricht nach Form und Inhalt zu überwachen. Ein Schüler zeigte uns an, weil er wegen seiner Zugehörigkeit zur Hitlerjugend benachteiligt würde bei der Notengebung. Beide Schulräte kamen und überprüften Schule und Lehrer und befragten den Hitlerjungen persönlich. Die Hefte der Klasse des Schülers wurden beschlagnahmt. Auf Umwegen hörten wir: der Schüler habe im Verhältnis noch viel zu gute Noten bekommen.
P. Provinzial Steinhage mahnte uns immer wieder, schriftlich und mündlich, "vorsichtig" zu sein in Schule und Seelsorge, was nicht immer allen gelang.
Die Kartoffelsammlung in Salmendingen
„Sammeln“ war verboten. Auch das Sammeln von Kartoffeln. Aber der Verbraucher durfte Kartoffeln kaufen, soviel er brauchte. Darum gab ich Br. Beda Müller Geld und bat ihn, in Salmendingen Kartoffeln für uns „aufzukaufen“. Er ließ durch die Ortsschelle bekannt machen, dass die Weißen Väter Kartoffeln kauften zu Tagespreisen. Die Leute brachten Kartoffeln in Menge. Geld wollte keiner. Als der Bruder ca. 40 Zentner zusammen hatte, kam der Gendarm und sagte ihm: „Die Kartoffeln sind beschlagnahmt. Sie dürfen keine Kartoffeln kaufen.“. Der Bruder kam zurück und sagte mir dies. Ich fuhr sofort mit dem Motorrad nach Salmendingen zum Gendarm und fragte nach dem Grund der Beschlagnahmung. Der Gendarm verschob drei mal den Anklagepunkt und sagte schließlich, das sei eine Sammlung gewesen. Ich fragte ihn nach einer Person, bei der er gesammelt habe. Er konnte mir keine nennen. Aber er drohte mit Gerichtsverhandlung und Gefängnis. Die Sache sei bei ihm angezeigt und er müsse sie weitergeben oder er könne seinen grünen Rock ausziehen. Ich sagte ihm, ich freute mich schon auf die Gerichtsverhandlung. Als 1. Punkt würde ich bringen, dass er drei mal den Anklagepunkt verschoben habe. Als 2. Punkt würde ich bringen, dass es ihm um seinen grünen Rock ginge bei der Sache, nicht um das Recht.Die Kartoffeln waren also beschlagnahmt. Die Salmendinger ärgerten sich. Bei Nacht trugen sie ca. 20 Ztr. in eine andere Scheuer und sagten dem Bürgermeister von Salmendingen, die beschlagnahmten Kartoffeln seien doch höchstes 20 Ztr. Dieser bestätigte es.
Ich wurde vorgeladen aufs Landratsamt. Der Landrat entschied, wir müssten von den Verkäufern Bescheinigungen beibringen für den Ankauf von ca. 20 Ztr. Kartoffeln, mit Angabe des Preises und Bezahlung. Die Leute gaben ihre Namen natürlich nicht gern her für uns. Wir waren keine Nazis. Das war bekannt. Und wer uns Kartoffeln gab, machte sich verdächtig, kein Nazi zu sein. So musste ich wieder nach Salmendingen und von Haus zu Haus gehen mit einer Liste mit Quantum und Verkäufer und Preis und Unterschrift. Auf meinem Rundgang fragte mich alsbald ein Bauer: Wie viel Zentner brauchen Sie noch? Ich sagte ihm 17. Und er unterschrieb mir für 17 Zentner. Mit meiner Liste ging ich wieder zum Landrat nach Hechingen. Die Beschlagnahmung wurde zurückgenommen und wir konnten unsere Kartoffeln abfahren. Aber nicht 20 Zentner, sondern 40. Für die einsichtigen Bauern von Salmendingen habe ich gelegentlich einer Aushilfe dort eigens die hl. Messe gelesen nach mehr als 40 Jahren zum unvergesslichen Dank.
Im Kreuz ist Heil!
Über dem Hauptportal des Missionshauses befindet sich ein Steinkreuz. Für dieses Kreuz war natürlich kein Platz in einer NS- Lehrerinnenblldungsanstalt, wie das Haus für den neuen Zweck eingerichtet wurde. Man hatte aber wohl doch etwas Scheu vor dem Kreuz. Wir wurden befragt, ob wir Interesse daran hätten. Wir hatten natürlich Interesse daran. Und wir stellten es auf in unserem Garten auf einem kleinen Postament. Wie wir wieder umzogen ins Missionshaus ging natürlich auch das Kreuz wieder mit. Wir stellten es wieder am alten Platz auf. Das richtige Kreuz hat uns das Heil wiedergebracht. Das Hakenkreuz war bald vergessen.
6.9. 39: Die Flüchtlinge kommen
Der Westwall war gebaut. Der Krieg eingeplant. Der "Feind" identifiziert. Aber auch die Vorbereitungen zum Krieg mussten ja erprobt werden. Darum musste man sich in unserer Gegend auf den Krieg vorbereiten. Unser Haus war wegen seines weißen Anstrichs leicht sichtbar. Und es konnte für Flieger ein Orientierungspunkt werden. Darum musste es grau überspritzt werden. Die Bevölkerung hatte sich bereit zu machen für Flüchtlinge vom Westen. Wann es dort zur Räumung und zu Kriegshandlungen kommen würde, wusste niemand. Aber eines Tages wurde uns mitgeteilt, dass wir die Schüler zu entlassen hätten und uns bereit zu machen hätten für Flüchtlinge aus dem Westen. Und diese trafen eines Nachts auch ein. Sie kamen mit dem Zug. Wir bekamen durch Herrn Bürgermeister Rein viele Frauen mit ihren Kindern zugeteilt. Es waren zum Teil Kleinkinder und Säuglinge. Sie kamen an mitten in der Nacht. Br. Hatto wurde geweckt. Er musste die Kühe melken, um die schreienden Kinder mit Milch zu versorgen. Aus der Stadt kamen Frauen zum Kochen und Mädchen, um die Kinder und Frauen zu versorgen. Die Frauen trauten diesen Mönchen im Kloster nicht. Wir stellten ihnen die Schlafsäle und Klassensäle unserer Schüler als Schlafstätten mit Strohsäcken zur Verfügung. Manche suchten sich von hier wegzustehlen in Privatfamilien. Wir stellten auch unsere Lebensmittelvorräte ganz zur Verfügung. Wir hatten gerade unsere Großeinkäufe gemacht und waren gut versorgt. Im Missionshaus gab es, was es an anderen Essensstellen nicht gab. Bald drängte alles ins Missionshaus, so dass die Flüchtlingsleitung einschreiten musste. Herr Bürgermeister Rein und Herr Lehrer Nehrlich verdienten sich ihre ersten Sporen als Parteigenossen bei dieser Aktion. Nach kurzer Zeit war sie (g.i.: die Aktion) vorüber und man wartete auf eine andere. Wir mussten das Haus wieder in Ordnung bringen, damit der Schulbetrieb wieder aufgenommen werden konnte. In der Flüchtlingszeit war ein mächtiges Durcheinander im Haus. Die Flüchtlinge hatten das ganze Haus besetzt. Die Kinder und Frauen sahen sich überall um. Überall war Geschrei. Die brauchte das und eine andere etwas anderes. Und für alles waren wir WV letztlich zuständig und nicht die amtlichen Betreuerinnen, und die Leitung.1.12.39: "Der Führer hat entschieden..."
Dass die Kirche dem Nationalsozialismus im Wege stand, haben alle gesehen, wenn der "Führer“ auch manchen Sand in die Augen streuen konnte, indem er immer wieder in seinen öffentlichen Reden vom "Allmächtigen" sprach. Aber er gab den Leuten Arbeit und Brot und Geld; und räumte mit einem Schlag die Arbeitslosigkeit auf. Darum traute man ihm; und man misstraute der Kirche und ihren Vertretern. Von den Schönstättern wurden in dieser Lage Triduen und religiöse Wochen veranstaltet, um dem Volk Haltung an Gott zu geben und ihm von dieser Seite aus die Augen zu öffnen. Gegen den NS zu sprechen war hoffnungslos; das Volk war ihm schon so verfallen, dass es dies nicht verstand; und man wäre nur im KZ oder Gefängnis gelandet. Manche landeten dort, wenn nicht unter dem Fallbeil.Die Kirche war noch gut genug, Nachweise auszustellen für arische Abstammung der Parteimitglieder und Anwärter für Beamtenstellen. Denn nur die Kirche hatte die alten Geburtsregister. Mission war dem NS ein Dorn im Auge. Denn sie galt ja Nichtariern und Nichtarier war eine minderwertige Rasse. Mit aller Verachtung wurde in den Zeitungen erwähnt, dass Engländer (Arier) einem afrikanischen Bischof (Kiwanuka) die Hand geküsst hätten.
So waren wir gefasst, als uns eines Tages der Erlass des Führers eröffnet wurde: "Der Führer hat entschieden...", dass kein Bedürfnis sei für sog. Missionsschulen und dass sie ab Ostern zu schließen seien und die Schüler den öffentlichen Schulen zuzuführen seien. Wir teilten dies den Schülern und deren Eltern zeitig mit, damit sie sich weiter vorsehen konnten. An Ostern schloss die Schule. Und auch die Patres und Brüder des Hauses standen "auf der Straße". Doch wurde alsbald der eine nach dem andern eingezogen zum Militär. Das Haus leerte sich.
Schließlich erfuhren wir, dass das Haus von der Regierung gepachtet und umgewandelt werden sollte in eine Lehrerinnenbildungsanstalt. Ein Ministerialrat von Berlin kam mit einer Kommission, Landrat, Bürger- meister etc., um die Übergabe zu verhandeln. Auf unserer Seite waren P. Reicherts, P. Schell, unser Rechtsbeistand und ich als Ökonom. Der Ministerialrat sagte uns gleich zu Beginn, wenn wir das Haus nicht verpachteten, müssten sie den „Reichsleistungsparagraphen“ anwenden, nach dem das Haus enteignet würde. So wurde es "freiwillig“ auf 12 Jahre verpachtet. Nach ca. 1 1/2 Monaten sollten wir ausgezogen sein.
Unser guter Johann heulte, wie er es hörte. Wohin soll ich gehen? Ich sagte ihm: Wohin wir gehen, weiß ich nicht; aber wohin wir gehen, gehst auch du.
Anmerkung:
„Die Lehrerinnenbildungsanstalt Haigerloch bestand von 1941 bis 1945. Auf Grund eines (wohl erzwungenen) Mietvertrags vom 21./ 30.12.1940 stellten die Weißen Väter in Haigerloch ihr Missionshaus vom 1. Oktober 1940 an auf die Dauer von 12 Jahren zur Einrichtung eines Staatlichen Aufbaulehrgangs zur Vorbereitung auf das Studium an Hochschulen für Lehrerbildung zur Verfügung. An der Lehrerinnenbildungsanstalt wurden fünf Ausbildungseinheiten (= Klassen) unterrichtet. Am 10. Februar 1945 wurde die Anstalt vom Reservelazarett Bad Imnau als Teil-Lazarett beschlagnahmt und am folgenden Tag belegt; die Mädchen wurden überstürzt nach Hause geschickt.“
Quelle:
https://www2.landesarchiv-bw.de/ofs21/olf/einfueh.php?bestand=172
17.2.41: Die neue Heimat
Bei der Verhandlung mit dem Ministerialrat kam auch zur Sprache, wohin wir gehen sollten. P. Sup. Schell schlug das Nebengebäude vor. Doch dies wurde sofort abgelehnt vom MR. Der Bürgermeister wurde befragt. Er schlug St. Anna, den unteren Stock, vor, das Schloss, das Schlössle im Haag, uns verteilen in verschiedene Häuser der Stadt. Dies waren unmögliche Vorschläge, so dass der MR dem Bürgermeister schließlich sagte: wir hätten hier eine schöne Wohnung im Missionshaus, er solle für eine gleichwertige Wohnung für uns sorgen, das sei seine Aufgabe. Ich hatte mich an den besagten Stellen schon vorher umgesehen und konnte die Unmöglichkeit begründen. St. Anna wegen Feuchtigkeit unbewohnbar, im Schloss nicht beheizbare riesige Räume, das Schlössle schon vom Kreis Horb beschlagnahmt etc.. Wir waren also auf der Suche nach einer neuen Heimat.Herr Schönbucher war als alter Mann gestorben. Die Frau konnte das Geschäft nicht allein weiterführen. Sie war bereit, das Haus zu verkaufen und in eine Mietwohnung umzuziehen. Das Anwesen mit großem Garten bis in die Nähe des St. Josefshauses wurde geschätzt von einer Kommission. P. Reichertz kam, um den Vertrag zu unterschreiben. Das Haus gehört uns. Aber seit Jahren war im Haus nichts gemacht worden. Um es wohnlich zu machen, mussten große Reparaturen gemacht werden. So zog ich allein im Haus ein in ein Zimmer des ersten Stocks. Die anderen Mitbrüder zogen ein im St. Vinzenzhaus, das gerade fertig geworden war. Das Essen bekamen wir von den Schwestern.
Wir hatten das Haus zu renovieren. Zu größeren Renovierungen war Bauerlaubnis erforderlich. Da wir auf der Rückseite des Hauses ein Fenster mit einer Tür vertauschten, wurden wir angezeigt. Der Gendarm kam. Wer ist hier Bauherr? Haben Sie Bauerlaubnis? Der Bau ist sofort einzustellen! Maurermeister Henne aus Owingen sagte: „Das Loch muss zu! Es wird kalt! Wenn ich sage, die Maurer sollen aufhören, hört man auf.“ - Kreisbaumeister Schmid aus Hechingen, ein guter Bekannter, kam, besah sich die Sache und sagte mir: „Herr Pater, wenn Sie wieder mal was haben, schicken Sie mir ein Postkärtle, damit Sie nicht in etwas hineinkommen.“ Damit war der Fall erledigt. Es gab nicht nur braune Schafe in jener Zeit, es gab auch schwarze, und Herr Schmid war ein ganz schwarzes Schaf.
In der neuen Heimat waren im unteren Stock zwei schöne Räume; sie wurden hergerichtet als Kapelle und Sakristei; im 1. Stock waren Küche und Esszimmer und Zimmer für die Haushälterin, sowie Sprechzimmer und zwei Räume für Patres, P. Huber und P. Straub. P. Weber wohnte im Dachgeschoss. Der 2. Stock war vermietet an Familie Gscheidle.
In Exitu Israel
Das ist immer kompliziert, wenn ein Pater umziehen muss in ein anderes Zimmer oder Haus. Dann merkt er erst, was er hat und wirft manches unnötige Gerümpel weg.Im Missionshaus Haigerloch hatten beim Auszug 1940 nicht nur die verbliebenen Patres und Brüder die Zimmer zu räumen; das ganze Haus musste ja geräumt werden. Mit der Räumung wurde der Ökonom betraut. Wir konnten mitnehmen, was wir wollten; wir konnten auch an die Regierung verkaufen, was wir wollten. Aber was sollte man mitnehmen? Wie viele Tische und Betten und Schränke etc? Der Ökonom rechnete mit ca. 10 Patres und Brüder und entsprechendem Hausrat. Aber wohin damit? An der Krebshalde wurde noch umgebaut. Dorthin zog nur Straub allein ein.
Frl. Eberhard stellte uns ihren Schuppen zur Verfügung. Dorthin brachten wir die ganze Bibliothek. Frl. Schönbucher stellte uns ihre Scheuer zur Verfügung für die Kirchenmöbel. Der Schwager (Schreiner) von P. Straub kam mit einigen Männern und Pferden mit Wagen. Sie bauten die alten Altäre ab und brachten sie mit den Kirchenbänken in die Scheuer von Frl. Schönbucher. Gott hab' sie selig! Uns fiel ein Stein vom Herzen. Die anderen Möbel wurden nach St. Anna ins Erdgeschoss gebracht. Pferdefuhrwerke waren kaum zu bekommen. So musste der Hausrat zum größten Teil mit Handwägelchen und Muskelkraft der verbliebenen Mitbrüder abtransportiert werden. Harte Arbeit! Und die Mitbrüder sagten dem Ökonom: „Bleib du zu Haus und gib uns an, was wir tun sollen.“. Der ganze Speicher musste ja geräumt werden. Viele alte Eisenbettstellen wurden einfach vom oberen Treppenfenster hinaus geworfen und am Platz der jetzigen Garage auf einen Haufen geworfen für den Alteisenhändler. Brennbares Material wurde in den Holzschuppen geworfen und von dort in unseren Garten auf der Rückseite des Schönbucherhauses gefahren. Manches stellten wir unter bei guten verlässlichen Leuten in Erlaheim und Empfingen.
Als ziemlich alles geräumt war, sagten wir: Ganz gehen wir nicht. Wir nahmen die Urkunde der Weihe des Hauses - die noch vorhanden ist - und hefteten sie unsichtbar hinter einem Brett an einen Balken auf dem Speicher an.
Dann sagten wir: Ganz klanglos gehen wir auch nicht. Wir baten Mesner Ade, auf den wir uns verlassen konnten, er möge uns die Versehlampe zum Auszug mit dem Allerheiligsten bringen (Anm.:Wer ihr begegnete, konnte durch Kniebeuge seine Verehrung erweisen.). Er kam mit der Lampe. Und wer da war ging mit brennender Kerze mit bis zur Straße, von wo dann P. Superior mit Ade und dem Allerheiligsten nach St. Anna sich begaben. Der Herrgott ging, dann konnten wir auch gehen.
An der Krebshalde
Das "Schönbucherhaus" ist das Haus gegenüber dem jetzigen "Römer". Das Gelände heißt "Krebshalde". Wie das Haus renoviert war, war es wohnlich für uns. In der Kapelle hatten wir das Allerheiligste, lasen wir täglich hl. Messe und hielten unsere geistlichen Übungen treu. Die Mitbrüder verbrachten einen Teil ihres Heimaturlaubs von den Fronten bei uns. Auch die Mitbrüder auf den Seelsorgestellen besuchten uns häufig. Für Küche und Haushalt hatten wir eine tüchtige Haushälterin, Frl. Fetscher. Sie hielt nicht nur das Haus, sondern auch seine Bewohner in Ordnung, die nicht immer allen passte. Aber es war ja Krieg. An Lebensmitteln fehlte es nie, obwohl alles rationiert war und wir viele Gäste hatten. Die Bauern aus der Umgebung versorgten uns mit Mehl und Eiern und Fleisch. Überfluss hatten wir nicht, aber es reichte. Die Leute scheuten sich nur, zu uns ins Haus zu kommen. Gegenüber lag die Wirtschaft, von wo man gesehen werden könnte. Und wer zu uns kam, machte sich verdächtig, Denn das war allen klar, dass wir keine Nazis waren.Wir waren ungefähr jeden Sonntag auf Aushilfe. P. Huber war wochenlang in seiner badischen Heimat. Zur Aushilfe fuhren wir mit dem Zug oder mit Fahrrad. Die Motorrädchen waren in Pension in Erlaheim und Empfingen, weil es keinen Sprit mehr gab für Privatleute. Wir wurden viel eingeladen zu Beichttagen und Patrozinien. In der Fastenzeit richteten wir es ein, dass wir oft von Dorf zu Dorf gingen und immer wieder in einem neuen Bett schlafen mussten. P. Weber besorgte seine Bienen im Bienenhaus, wozu er vom Weg aus einen Zugang machen musste, da er nicht über den Weg zum Missionshaus gehen durfte. Bei einer Musterung wurde P. Straub "Kriegsverwendungsfähig" geschrieben und wartete täglich auf seine Einberufung. Bei einer Nachmusterung in Sigmaringen wurde er vom Musterungsleiter unwirsch gefragt: „Haben Sie noch keine selbstständige Stelle?“ Von einer „selbstständigen Stelle" konnte man nicht als Geistlicher eingezogen werden. Diese aber gaben die Bischöfe zuerst ihren eigenen Kaplanen. Der Leiter fragte weiter: „Ja haben Sie denn gar nichts?“ P. Straub hatte ja nichts dergleichen. Dann die Frage: „Wie alt sind Sie denn? Jahrgang 04? Dann können wir die Bestimmung anwenden vom Jahrgang 05.“ Die Geistlichen vom Jahrgang 05 und älter waren Pfarrer. Und da Straub 04er war, hatte er Pfarrer zu sein, ob er es war oder nicht und er konnte nicht eingezogen werden. Sein Wehrpass wurde einbehalten.
Die Einwohnerschaft Haigerlochs war den WV gegenüber nicht feindselig, aber reserviert. Wir waren ja auf keinen Fall Nazis.
Die reiche Dame
Nach einem großen Beichttag in H. wollte mich am späten Abend noch eine Dame sprechen im Pfarrhaus. Sie stellte sich mir vor: "Herr Pater, wir sind sehr reich. Wir haben hier zwei Fabriken, ein großes Weingut im Rheinland und ein Hotel in Köln. Wir sind sehr reich. Aber ich bin die ärmste Frau der Welt. Wenn ich eine arme Frau im Wald ein Holzbüschel auf dem Kopf heimtragen sehe, beneide ich diese Frau um ihren Reichtum. Um sie schert sich kein Mensch. Wenn ich in die Stadt gehe, weiss am andern Tag die ganze Stadt, wo ich war, was für einen Hut ich getragen habe und was ich getan und gesagt habe.“Die Frau kam öfter zu mir in unsere Wohnung in der Nazizeit um 1944, wie wir an der Krebshalde in Haigerloch wohnten. Da die Frau nicht nur reich, sondern auch jung und charmant war, war ich in Verlegenheit. Ich zeigte mich ihr gegenüber etwas reserviert. Ich dachte, was wird ihr Mann sagen, wenn sie mich öfter besucht? Was werden die Mitbrüder im Haus denken? Da schrieb mir eines Tages ihr Mann, ich möchte mich doch seiner Frau annehmen, er wäre dankbar. Und im Haus stellte ich sie eines Tages dem Provinzial vor, als sie mich gerade besuchte. So glaubte ich mich freier.
Vor Weihnachten 1944 schenkte sie mir einen Geldbetrag. Ich sollte mir davon eine Weihnachtsfreude machen. So konnte ich den Betrag als persönliches Eigentum betrachten.
Weil ich 1945 Haigerloch verlassen musste und ich nach Rietberg kam und von dort nach Linz, unterblieben Besuche und ich hatte nur wenig briefliche Verbindung mit der Frau. Und eines Tages schrieb mir ihre Schwiegermutter, sie sei plötzlich gestorben. Man habe sie eines Morgens tot im Bett gefunden. Die Obduktion der Leiche hätte die Todesursache ergeben.
Die Dame hatte unter ihrem Schicksal sehr gelitten. Sie war reich und jung und attraktiv. Und sie war nicht arisch, sie war Vierteljüdin. Und das wusste man allgemein in H.. Und wer nicht arisch war, war in jener Zeit nicht gesellschaftsfähig. Und so war die Dame isoliert und wurde auch von manchen gemieden, die es auf arische Abstammung abgesehen hatten. Ihr Reichtum und ihre gesellschaftliche Stellung haben das Übel, an dem sie litt, nur noch erschwert.
18.12.44: Der Friedhof Haigerloch
Während der Nazi-Zeit, als wir nur noch zu dritt, P. Huber, Weber und ich an der Krebshalde wohnten, machte ich jeden Sonntag einen Spaziergang zum Friedhof. Dort besuchte ich die Gräber unserer Toten. Es waren ein Bruder, ein Schüler und Geistl. Rat Marmon, der uns nach Haigerloch gebracht hatte. Ihre Gräber aber lagen natürlich ganz auseinander.Es war Krieg. Und es kamen immer neue Nachrichten vom Tod unserer Mitbrüder zu uns. Sie hatten ihre Gräber an den verschiedensten Fronten. So regte sich in mir der Wunsch nach einer gemeinsamen Gedenkstätte für alle unsere Toten in der Heimat und in der Mission. Als solche bot sich mir an der Platz rechts der Kapelle, der noch mit ganz vereinzelten Kindergräbern belegt war. Schließlich war die oberste Reihe für so 5 - 6 Gräber ganz frei. Dies war kurz vor Weihnachten 1944, als ich gerade von der „reichen Dame" ein Geldgeschenk bekommen hatte mit der Bemerkung, ich sollte mir dafür eine Weihnachtsfreude machen. Vom Geld der Provinz hätte ich nicht gewagt, die Gräber zu kaufen. Wir waren ja arm. Und für so eine unnötige Ausgabe war kein Geld da. Wir waren ja nur noch drei Patres. Ans Sterben dachten wir nicht. Der damalige Provinzökonom P. Wallrab hätte für so eine unnötige Ausgabe kein Verständnis gehabt. So musste ich die Gräber schon aus eigener Tasche bezahlen, wenn ich sie schon haben wollte.
Da ich nun das Geld der reichen Dame hatte, das ich zu einer Weihnachtsfreude für mich verwenden sollte, ging ich aufs Rathaus und befragte mich, was wohl diese oberste Reihe Gräber kosten sollte. Man nannte mir den Betrag. Das Geschenk der Dame reichte gerade aus zum Kauf der Gräber. Ich ging vom Rathaus heim und holte das Geld und bezahlte es sofort. So waren die Gräber uns. Als die Reihe belegt war, wurde an dem Platz von uns weiter beerdigt, ohne dass die Stadt Gebühren erhoben hätte. So haben bis jetzt etwa 30 Mitbrüder auf unserem Friedhof ihre letzte Ruhestätte gefunden.
Als ich vom Rathaus heimkam, sagte ich dem Mitbrüdern beim Mittagessen, dass ich ihnen ein Weihnachtsgeschenk gekauft hätte - und kein billiges und fragte, ob sie auch schon daran gedacht hätten, mir ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen. Sie wollten natürlich wissen, was dies für ein Geschenk sei. Als ich ihnen sagte: "Ein Platz auf dem Friedhof!", lachte P. Huber hellauf während P. Weber sehr enttäuscht war. P. Huber schrieb in die Chronik des Hauses: P. Straub habe in seinem 40. Lebensjahr, wo alle Schwaben gescheit werden - für sie einen Platz auf dem Friedhof gekauft mit 6,2 m Länge und 1 m Breite. Der Platz ist auch eine Gedenkstätte an die reiche Frau.
20.4.45: Die Franzosen kommen!
Die Eroberung Haigerlochs durch die Franzosen hat jeder ganz anders erlebt. Man hat die Franzosen erwartet. In Weildorf waren sie schon. Die Panzersperren (eine bei St. Annakirche) sollten geschlossen werden. Aber es war niemand da, der es tat. Zellenwart, Bürgermeister etc. waren geflohen. Es schoss. Man ging in die Keller. Unser Keller war bombensicher. Mehrere Meter Felsen darüber. Aber wenn das Haus einstürzte, waren im Keller alle verloren. Im Keller wurde gebetet. Ich wurde um die Generalabsolution gebeten. Es war mulmig. Ich war kurz vor dem Haus. Da platzte eine Granate am Türmchen der ev. Kirche. Die Splitter flogen um mich herum. Ich war unverletzt. Da rief jemand um Hilfe. Das Haus oberhalb von Cafe Maier war in Brand geschossen. Es war niemand da zum Löschen. Ich ziehe meine Ledergamaschen an und gehe zur Brandstelle. Dort hatte man die Anschlussstücke für die Schläuche vergessen. Ich wollte sie holen und wollte beim Café Maier über die Straße. Da rückten die Panzer heran, einer hinter dem andern. Wie man mich sah, wurde ein Maschinengewehr auf mich gerichtet. Ich die Hände hoch. Das MG wurde auf der Seite der Straße aufgestellt. Immer auf mich gerichtet. Ein Franzose lag abschussbereit am Boden. Eine ganze Gruppe um ihn. Es wurde geschrien, hin und her. Ich wusste nie, wann es knallt. Da kommt ein französischer Kriegsgefangener die Straße herauf. Er sieht mich und lacht. Wie er die Situation bemerkt, läuft er, was er laufen kann. Er kennt mich ja gut. Er spricht wenige Worte zu den Kameraden. Und ich bin frei.Das Haus ist soweit abgebrannt, dass nichts mehr zu retten ist. Ich werde auf das Dach von Café Maier geschickt, um dort die Ziegel mit einem Gartenschlauch zu benetzen, weil sie wegen der Hitze springen könnten. Dann geh ich heim und frage unsere Mathilde, ob die Suppe, die ich bestellt hatte für die Frauen und Kinder im Keller, fertig sei. Man brauche nur noch Schnittlauch. Und wenn man Schnittlauch brauchte, musste Schnittlauch her, selbst unter Lebensgefahr. Wie ich mit meinem Schnittlauch die Treppe herunter komme, warten dort ein Jeep Franzosen auf mich: ob ich wüsste, wo das Rathaus sei etc.. Ich sollte sofort einsteigen. Ich entledigte mich meines Schnittlauchs und setzte mich in den Jeep. Die Leute guckten aus den Kellerfenstern unterwegs. Die einen sagten: den haben sie schon verhaftet; andere: der wird Bürgermeister. Beim Rathaus verließen meine Bewacher den Jeep, und, wie sie nicht mehr in Sichtweite waren, ich auch. Es schoss noch, aber nicht mehr so wild. An deutschen Soldaten sah man kaum einen in jenen Tagen.
Die Franzosen hatten mich wohl wegen meiner Gamaschen und schwerem Anzug für einen SS-Mann gehalten und fürchteten eine ganze Gruppe. Haigerloch war erobert. Und wir meinten "frei“ zu sein. Wir meinten!
In der Besatzungszeit
In der Nazi-Zeit hatten wir uns gesehnt nach Befreiung. Die Befreier kamen: die Franzosen und Amerikaner. Sie sahen in uns alle unterschiedslos Nazis. Wir waren verantwortlich für die Gräueltaten, die Zerstörungen, die Erschießung von unschuldigen Geiseln in Frankreich, wovon wir gar keine Ahnung hatten. Man traute uns nicht. Und bei uns hielt die Enttäuschung über die "Befreiung” Einzug. Alle Radios mussten abgegeben werden, man bekäme sie wieder; wir hatten für die Schule ein gutes teures Gerät. Wir sahen es nie wieder. Alle Schusswaffen mussten abgegeben werden unter hohen Strafandrohungen. Es wurden Ausgangssperren verhängt; von abends gegen 8 Uhr bis morgens gegen 7 Uhr durfte sich niemand auf der Straße zeigen. Um vom einem Ort zum andern zu gehen, brauchte man ein "Laissez passer", eine Genehmigung der Ortskommandantur. P. Huber und Straub schrieben sich dieses „Laissez Passer“ selber, der eine dem andern, ein französisches und ein englisches. Das französische wurde den Engländern oder Amis vorgelegt, das englische den Franzosen. Diese kannten ja keine Sprachen. Das LP war mit dem Stempel der Gesellschaft, dem Pelikan, versehen. Denn Stempel galten etwas. Das ganze Verkehrswesen war lahmgelegt und den Befreiern eilte es nicht, es wieder in Gang zu bringen. Es gab kein Telefon, keine Zeitung, keine Bahn, kein Auto oder Motorrad. Man hatte ja auch kein Benzin. Woher? Wie der evangelische Pfarrer Schütz gestorben war, verstarb auch der evangelische Pfarrer, der ja beerdigen sollte in Hechingen. Es war kein ev. Pfarrer da. Ein Laie übernahm die Beerdigung. Pfarrer Gulde rettete alles mit seiner Ansprache auf dem Friedhof. Fulminant! Bei unserem Haus in der Stadt kamen zahlreiche deutsche Soldaten vorbei, die keinen Entlassungsschein hatten. Zur Tarnung trugen sie die undenkbarsten Werkzeuge: Hacken, Rechen, Gabeln etc.. Sie wussten nicht, an wen sie sich wenden konnten, um etwas zu essen zu bekommen, oder wer ihnen den Weg zeigen konnte, wie sie über den Neckar kommen konnten. P. Huber war kundig und zeigte ihnen oft mit einer Skizze den Weg, wo sie den Neckar überqueren konnten. Es war verboten, solche Soldaten aufzunehmen um zu übernachten bei Strafe für den Preis von 50.000.- DM. Frater Baur aus Ergenzingen kam auch zu uns. Er verbrachte mehrere Nächte bei uns. Wir kleideten ihn ein als Geistlichen mit Soutanelle und er kam so gut heim. Alles Nazi-Eigentum gehörte der Besatzung. Der Hausrat im Missionshaus gehörte der Regierung. Regierung und Nazi war aber eins. Darum konnte der Hausrat leicht genommen werden und wir mussten die Hand darauf legen, bevor man daran dachte, dass es Nazieigentum war. Auf dem Land wurden die Häuser durchsucht nach Lebensmitteln. In Hart machte dies ein WV- Seminarist. So war man nicht erbaut über die "Befreier”.Zwei Radfahrer
Die Lehrerinnenbildungsanstalt war im "Missionshaus" eingezogen mit etwa 60 Mädchen. Zur feierlichen Eröffnung der Anstalt wurde ich eingeladen. Auch der stellvertretende Stadtpfarrer G. R. Schach bekam eine Einladung. Er kommt zu mir: "Gehen sie hin?“ „Nein, wo man mich hinausgeworfen hat, gehe ich nicht hin.“. Er sagt mir: „Pater, wir müssen hin; wenn wir nicht hingehen, brechen wir die Verbindung mit den Mädchen ab. Und wenn die es tun, ist es ihre Sache.“ Ich sah es ein und sagte: „Ich geh mit.“ Wir bekamen Ehrenplätze in der vordersten Reihe rechts in der Kapelle als Aula. Auf der anderen Seite waren die Braunen: Kreisleiter etc.. Beziehungen zueinander hatten wir kaum. Die Mädchen und Lehrerinnen gingen in keine Kirche außer Frl. Sorger.Vor Kriegsende machte die Lehrerinnenbildungsanstalt einem Lazarett Platz unter der Führung eines ganz jungen Arztes, der sein Studium noch nicht vollendet hat, Dr. Schlenzig. Das Lazarett war Imnau angegliedert. Es befanden sich in der Hauptsache leichtere Fälle im Lazarett. Auch Feldwebel Geiges, unser Pater, war dort Patient. Er kam öfter zu uns ins Schönbucherhaus. Zum Lazarett und seinen Bewohnern hatten wir keine Beziehungen. Nur manche unserer Soldaten machten Besuch in der LBA und im Lazarett; in ihrer Uniform waren sie ja unkenntlich. Und Soldaten waren Ehrengäste in solchen Häusern zu jener Zeit.
Als der Krieg vorüber war und wir bald an Umzug ins alte Heim denken konnten, fuhren wir, P. Huber und ich, mit dem Fahrrad nach Hechingen. Andere Verkehrsmittel gab es nicht. Wir gingen ins Landratsamt und erklärten den beiden Landräten (Schrärmayer und Dr. Remark, Freund von P. Weber), dem abgesetzten alten und dem amtierenden neuen, der nichts von diesem Geschäft verstand, dass wir den Vertrag hiermit kündigten, den P. Provinzial mit der Regierung geschlossen hatte. Die beiden konnten nur lachen. Denn sie hatten wenig zu sagen, wie wir. Die Franzosen hatten ja die "Macht". Sie nahmen nur unsere Erklärung entgegen. Und wir fuhren heim in der Hoffnung, dass wir es recht gemacht hatten.
Wäre das Haus leer gestanden, wäre das französische Militär eingezogen und die Haigerlocher Bürger hätten sich im Haus versorgt mit Dingen, die sie gut brauchen konnten. Wo kein Herr war, war ja jeder Herr.
Auf Reisen nach dem Zusammenbruch
Nach dem Zusammmenbruch ging keine Post mehr und keine Bahn. So hatten wir in Haigerloch etwa ein halbes Jahr lang keine Verbindung mehr mit dem Provinzial. Und wir konnten nicht wissen, wie er mit unseren eigenmächtigen Unternehmungen einverstanden war. Darum fuhr ich dreimal zu ihm. Das erste mal ging es darum, ihn zu unterrichten über den "Stand der Dinge", das zweite mal wegen Personal, und das dritte mal um Geld.Man konnte nur reisen mit dem Zug, per Anhalter mit Lastwagen auf dem Fahrgut und zu Fuß. Auf der ersten Reise konnte ich mit Zöhrle nach Stuttgart fahren. Dort erfuhr ich, dass von Kornwestheim ein Zug ins Rheinland fahre. Ich fuhr nach Kornwestheim mit Straßenbahn, Lastwagen und zu Fuß. Auf dem Bahnhof stand ein Güterzug. Ich frage den Lockführer, ob er rechts oder links ins Rheinland fahre. Das konnte er mir nicht sagen. Ich stieg ein in einen leeren Viehwagen. Es ging links des Rheins. Bald hielt der Zug auf offener Stecke, bald fuhr er durch die größten Bahnhöfe einfach durch. Wir landete um Mitternacht in Remagen, wo der Zug kurz hielt. Ich stieg aus, sah in der Dunkelheit ein Gebäude, es war der Bahnhof. Ich tastete mich dem Gebäude entlang, fand eine Tür, trat ein, tastete mich in den Raum; ich hatte das Gefühl: da sind Leute.
Plötzlich hatte ich einen Schuh in der Hand. Dieser war warm. Und jemand schrie auf. Ein Mann zündete ein Streichholz an. In diesem Licht sah ich ein Schild: Räder müssen rollen für den Sieg. Und ich legte mich drauf. Es war Ausgangssperre bis morgens 7 Uhr. Dann ging ich nach Kripp und suchte jemand, der mich auf die andere Seite des Rheins bringen konnte. In Linz erfuhr ich, dass P. Provinzial in Großkrotzenburg war. So fuhr ich abends weiter bis Bensdorf, wo ich bei Schwestern übernachtete. Dann ging es weiter zuerst zu Fuß, weil eine Brücke gesprengt war, dann mit dem Zug, mit Lastwagen, wieder zu Fuß und mit einem Müllerwagen nach Großkrotzenburg. Wie P. Steinhage mich sah, war sein Gruß: Lebt ihr noch alle? Ich berichtete ihm von unseren Unternehmungen. Er lobte mich nicht, er tadelte mich nicht. Er wusste auch nicht, wie es weiterging.
Das zweite mal musste ich in Linz 40 – 50.000,- DM abholen zur Bezahlung des Inventars; Geld von einer Zone in die andere zu bringen war verboten. Wenn man erwischt wurde, wurde das Geld abgenommen. Linz war französische Zone. Ich musste mit dem Geld in die amerikanische Zone und dann wieder in die französische Zone. In Frankfurt übernachtete ich mit dem Geld im Rucksack unter meinem Mantel in der Bahnhofshalle auf dem Boden. Im Zug nach Stuttgart fand ich noch einen Platz auf dem untersten Trittbrett. Seine "Geschäfte" machte man, wo man stand. Alle machten's, es war nicht anders zu machen. Zwischenfälle unterwegs
Auf Reisen fand man nicht wunschgemäß einen Lastwagen, der einen mitnahm. Dann musste man eben zu Fuß weiter. P. Straub musste mit P. Hahn und seinem Koffer von Großkrotzenburg nach Haigerloch. Am Abend kamen sie in Eutingen an und mussten zu Fuß mit dem Koffer nach Haigerloch. In Imnau sagte P. Straub: Ich kann nicht mehr; ich schaue bei den Schwestern nach, ob sie uns nicht über die Nacht behalten können. Sie behielten uns und gaben uns noch ein Abendessen, wo es doch nichts gab ohne Marken. Am Morgen zogen sie weiter mit dem Koffer nach Haigerloch. Tausend Dank den Schwestern heute noch! Mitten auf der Strecke hielt der Zug mit den Viehwagen, in denen die Leute waren. Es war heiß. Man hatte Durst. Aber kein Wasser. Wo auch!
Ganz in der Nähe stand ein Baum mit großen schönen Birnen. Einige Burschen nahmen sich des Baumes und der Birnen an und schüttelten kräftig. Die Birnen kamen. Und die Burschen verkauften sie für eine Zigarette pro Birne.
Auf dem Bahnhof in Koblenz trug man gerade einen Mann am Zug vorbei. P. Straub fragte die Träger, ob der Mann krank sei. Er war eben gestorben oder dem Tod nahe. Der Pater gab ihm schnell noch die Krankensalbung. Es war Nacht. Und der Mann war aus Andernach und kam von Bretzenheim, dem berüchtigten Gefangenenlager (Anm.: „Feld des Jammers“ war die Bezeichnung für ein berüchtigtes Kriegsgefangenenlager auf den Rheinwiesen u.a. bei Bretzenheim.).
Es war auf einer Reise von Rietberg nach Frankfurt im Jahr 1946. Die Züge waren noch übervoll. P. Straub bekam am späten Abend noch einen Zug in Lethmate. Er kam noch auf die Plattform zwischen zwei Wagen. Diese waren zum Durchbrechen voll mit Männern. Eine Frau stand mit ihrem Töchterchen auf der Eisenleiter, die am Waggon hinaufleitete. Der Pater sagte der Frau: So können Sie doch nicht fahren! Die Frau: Ich muß aber nach Nürnberg. Dann geben Sie uns wenigstens das Kind auf die Plattform. Da war man etwas geschüttelt durch die Ziehharmonke, die von unten bis zur Brusthöhe reichte. Der Pater hatte zwei Butterbrote. Er gab auf der Fahrt dem Kind eines. Es verschlang es nur. Der Pater gab ihm das zweite. Da rief das Kind seiner Mutter: Mutti, ein Butterbrot! Diese: Kind, du weißt doch, dass wir kein Butterbrot mehr haben. Das Kind: Nein, Mutti, du sollst das Butterbrot haben! Die Mutti: Wenn du ein Butterbrot hast, dann iss es selber. Das Kind: Ich habe schon eines gehabt; der Onkel hat mir ein zweites gegeben; das sollst du haben. Das Kind hat die Mutter nicht vergessen. Die Fahrt ging lang. Die Frau stand auf der Leiter, das Kind in der Ziehharmmonke. Das Kind rief der Mutti: Mutti, ich muss! Aber der Aufenthalt auf den Bahnhöfen war kurz mitten in der Nacht. Da sagte der Onkel dem Kind: Schau da unten ist viel Platz. Und wenn unsere Schuhe auch nass werden, dann macht das nichts Und das Übel war behoben. Einer trage des andern Last!
Die Wiedereröffnung des Missionshauses
Das Lazarett Haigerloch wurde nach und nach aufgelöst. Die Soldaten wollten und gingen heim bis auf einzelne, die im Jugendheim im linken Flügel wohnten und von Imnau aus versorgt wurden. Mit dem Lazarettarzt wurde vereinbart, dass er unsere Wohnung nehmen konnte an der Krebshalde.Wir zogen mit unseren Habseligkeiten ein in die leerstehenden Zimmer; wir waren ja nur wenige Mitbrüder, Haushälterin und Johann. Das Allerheiligste nahmen wir wieder feierlich mit in die "neue” Wohnung. Mesner Ade trug die Versehlampe voraus. Mitbrüder trafen allmählich ein. Einer nach dem andern. Wir machten bekannt, auch durch ein Zeitungsinserat, dass wir die Missionsschule im November wieder eröffnen würden. Es meldeten sich Schüler.
Zur Eröffnung der Schule aber brauchten wir die Erlaubnis der französischen Zivilbehörde, der Militärbehörde und eigentlich auch der deutschen Schulbehörde, welch letztere nachträglich von unserer Schule erfuhr. Es mussten wieder viele Reisen unternommen werden. Man wusste oft nicht, wer zuständig war, und wurde weiter verwiesen. Keiner wollte endgültige Entscheidungen treffen. Es blieb uns nichts übrig, als über die Köpfe hinweg unsere Entscheidungen zu treffen. Katholische Einrichtungen wollte man nicht hindern, denn sie waren Gegner der Nazis gewesen; aber fördern wollte man sie auch nicht. "Aller Anfang ist schwer". Man hatte keine Lehrbücher, keine Hefte, kein Schreibmaterial. Es fehlte am Primitivsten. Und es war kalt. Es konnte nur ein Raum im Haus geheizt werden. Dies war der kleine Studiensaal (Sprechzimmer mit Schwesternzimmer.). Dieser Saal war Studiensaal, Refektorium, Klassensaal und Aufenthaltsraum der Mitbrüder, die nicht erfrieren wollten auf ihren Zimmern. Eine Bombe hatte die meisten Fensterscheiben im Haus zerbrochen durch den Luftdruck. So hatten die Soldaten Bretter vor die Scheiben genagelt, die aber der Kälte nicht wehrten wegen der vielen und großen Spalten. Auch die Nahrungsmittel waren rationiert. Aber wir hatten, was wir brauchten. Und die Patres waren zufrieden und man hörte keine Klagen, obwohl manches zu beklagen gewesen wäre.
Die Weiheurkunde an das Hl. Herz Jesu holten wir aus ihrem Versteck wieder hervor und zogen an einem Sonntag vor dem Hochamt mit der ganzen Kommunität durch das Haus mit der Urkunde, um das Haus einzuweihen und es dem Hl. Herzen Jesu wieder zu unterstellen.
Quellen:
Das Missionshaus war wieder eröffnet!
Text: Archiv der Weißen Väter, Köln
Fotos: Afrikabote 53/1956, Dr. Wolfgang Völker
(gez.) Straub