Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Aus der Chronik der Weißen Väter 1939 - 45

Das Missionshaus Haigerloch in der Kriegszeit.


Bericht über die Kriegsjahre 1939/45
(näherhin mit kleinen Ergänzungen von 1933 bis Frühjahr 1946).

Die Berichtsjahre um 1939 - 45 sind die beklemmendsten und leidvollsten seit Gründung der Missionsschule 1903.
Der Jünger ist nicht über dem Meister...
Haben sie mich verfolgt, so werden sie euch verfolgen...
Denen, die Gott lieben, gereichen alle Dinge zum Guten...
Wenn wir Menschen auch oft unser augenblicklich Bestes u. Angenehmstes suchen, so will Gott auch in allen bitteren Schickungen u. Zulassungen nur eins: unser ewig Bestes. Dieses Bewußtsein musste uns aufrecht halten in Arbeit, Sorg und Leid dieser Jahre der Heimsuchung. Gott kann ja selbst den Satan zwingen, Bausteine zu behauen und zu schleppen.
Sogar der Freigeist Goethe schreibt:
Faust: "Nun gut, wer bist du denn ?"
Mephisto: "Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft".
1. Unser Werk.
Vom September 1939 bis Ostern 1940 konnten wir uns nur noch in beschränktem Umfang unserm Hauptwerk, der Missionsschule, widmen; denn gleich nach Kriegsausbruch wurden wesentliche Teile des Hauses für Flüchtlinge aus der Rheinebene beschlagnahmt. Als Hitler Ostern 1940 alle Missionsschulen in Deutschland verboten hatte, wurde unsre Hauptarbeit auf ein andres Gleis gelenkt: auf die Außenseelsorge in den Pfarreien. Sie ist ja ohnedies in unsern Gegenden das zugkräftigste Mittel, fürs Missionswerk und um Missionsberufe zu werben. Fast alle Sonntage und auch zahlreiche Werktage brachten uns Aushilfsdienst in Pfarreien nah und fern. Fünf, zeitweilig noch mehr, Patres fanden als sogen. Pfarrvikare in der Kriegszeit Anstellung in den Bistümern Freiburg u. Rottenburg. Sie galten auf diesen Titel hin als frei vom Militärdienst. - Die Generalvikare Msgr. Dr. Rösch, Freiburg, und Herr Prälat Dr. Kottmann, Rottenburg, waren des Lobes voll, gerade über die eifrige Seelsorgsarbeit der Weißen Väter als Pfarrvikare. So leitete z.B. P. Willy Fischer Jahre hindurch eine schwierige Schwarzwaldpfarrei mit drei abgelegenen Filialen in je 40-50 Minuten Entfernung. Seine Vorgänger hatten neben sich einen Vikar oder doch ein Auto; er hatte nichts von beidem. Ähnlich arbeiteten draußen P. Rudolf Hinger, P. Adolf Eisele sen., P. Otto Stengel jun., P. Aemilius Müller, P. Alfred Nöker, P. Xaver Brendle.
Im November 1940 berief man einzelne der draußen angestellten Patres ins Missionshaus zurück, weil man sie entsprechend derRegel nicht allzu lange außerhalb der Kommunität lassen wollte. Doch ehe man sichs recht versah, wurden sie dann als Sanitäter zum Heer eingezogen.
Die wenigen Patres, die - zuletzt jahrelang nur noch zu dritt - im neu erworbenen Behelfsnaus "Schönbucher" in Haigerloch bescheiden die Tradition zu wahren hatten, wurden nicht arbeitslos. Zumal P. Sup. Straub - vordem schon einige Jahre Ökonom - übernahm nicht nur viele, anstrengende Aushilfen, sondern auch so manche Arbeiten unsrer inzwischen einberufenen, guten Brüder. Besonders bei den schwereren Ernte- u. Gartenarten griff der öfters kränkliche P. Peter Weber energisch zu; häufig versah er den Gottesdienst im Krankenhaus. Gern widmeten wir viel Zeit dem Briefwechsel mit den einberufenen Mitbrüdern, von denen leider drei (3): P. Aug. Schmid u. sein Vetter Br. Hatto, sowie Br. Ernst aus der Gefangenschaft bis jetzt (März 1946) noch nicht heimgekehrt sind.
Wiederholt konnten Patres, nach Unterbindung der Missionsschulen, tage- u. wochenlang erkrankte Pfarrer vertreten oder gelegentlich Volksmissionen (P. Schell) und Triduen halten. Die drei letzten Patres hatten 1943-45 jährlich zusammen etwa 200 Predigten oder Vorträge und jährlich rund 15 000 Beichten bei den Aushilfen draußen.

2. Kirchliches Leben.
Die schon 1933 einsetzende Verfehmung und Abdrosselung des Christentums und die Nichteinhaltung des Konkordats mit den Hl. Stuhl ging - teils getarnt, teils offen - auch in den Jahren des Krieges weiter. Schon im September 1939 wurden fast alle kath. Zeitschriften, darunter auch unser Afrika-Bote wegen angeblicher Papierknappheit unterdrückt, später die kath. Diözesan-Sonntagsblätter. Nicht nur die Missionsschulen, sondern auch andrere kirchliche Institutionen wie Kinderschulen wurden mehr und mehr ausgeschaltet und durch nationalsozialistische Nachäffungen ersetzt. Es kam dabei nicht nur zu passivem, gelegentlich (trotz Terror) sogar zu aktivem Widerstand z.B. im Nachbarort Geislingen, der Heimat zweier unserer Mitbrüder. Nach überrumpelnder Einführung der Braunen Kinderschwestern erfolgte eine regelrechte Revolte, die freilich bald mit Gummiknüppeln, Einkerkerungen und hohen Geldstrafen niedergehalten wurde. (Von den etwa 200 Kindern besuchten aber bis Kriegsende kaum ein Dutzend die aufgezwungene Braune Kinderschule).
Sonntagsgottesdienste wurden durch braune "Dienste" erschwert oder sabotiert, Feiertage und Prozessionen vielfach verboten, die Predigten und die Korrespondenz der Geistlichen bespitzelt. Wiederholt wurden Patres denunziert, einer wegen eines harmlosen Briefes von der Gestapo belästigt. Lebens- und zeitnahe Verkündigung der Grundsätze des Evangeliums war manchen ein Dorn im Auge. Indes warteten die braunen Tagblätter ihren Lesern die Eichelkost ihrer neuheidnischen Lehren auf in oft sehr lebens- u. zeitnaher Form; und schließlich blieb bei vielen harmlosen Menschen doch manches hängen.
Bezeichnend ist, daß vor Zulassung eines hiesigen .Weißen Vaters zur Erteilung des Religionsunterrichts bei einer mehrmonatigen Vertretung am 21. Mai 1943 vom Kreisschulamt Waldshut/Rh. erst die Nachricht kam, es müsse sich vorher "die Kreisleitung geäußert" haben. Am 27. Mai folgte dann der Bescheid: "Pater X vom Kloster Haigerloch kann aus Gründen, die in seiner Person liegen, zur Erteilung des Religionsunterrichts ... nicht zugelassen werden". Seit 1933 mußte man vor jeder Predigt an das Wort denken: "Sie beobachteten ihn genau und suchten, ob sie ihn in seiner Rede hereinlegen könnten".
1940 erhielten wir den bedrückendsten Steuerbescheid gemeldet, der rückwirkende Geltung bekam bis 1934. Sogar alle Lieferungen in die Missionen mußten mit annähernd einem Drittel ihres Wertes nachversteuert werden: ein Hieb gegen die christliche Caritas, der die Klöster an den Rand des Ruins bringen sollte! Aber alle Nadelstiche und alle Keulenschläge wirkten sich mehr u. mehr ins Gegenteil aus. Mehr und mehr sahen selbst denkmüdere Menschen ein, wohin die neuheidnischen Grundsätze und die Verachtung der ewigen Gesetze Gottes führten und noch weiter führen würden. Zwar nicht schon im ersten, aber allmählich vom zweiten Kriegsjahr an merkte man, daß manche die früher gelockerten Beziehungen zu Gott u. Christentum , zur Kirche u. zu den Sakramenten wieder aufnahmen. Infolgedessen bekamen wir auch bei religiösen Triduen und an den Beichttagen vor kirchlichen Festen - trotz der Abwesenheit so vieler eingezogener Männer - merklich mehr an seelsorgerlicher Arbeit zu tun. Zudem drängte die Sorge um so viele in Todesgefahr stehende Angehörige an der Front manche zu Gebet und Gottesdienst.
Viel Verstimmung verursachte die schon 1941 begonnene, am 25.3.42 auch in Haigerloch durchgeführte Fortnahme der Kirchenglocken.
Mit Genugtuung sehen wir jetzt wieder, nach dem Verschwinden des braunen Systems, wirklich positiv christliche Artikel in den Tagblättern.
Als im Triumph der Jahre hindurch verbannte H. H. Bischof Sproll am 14.6.45 in Rottenburg eingeführt wurde, waren P. Jetter und Brendle zugegen. Sie trafen dort auch P. Carrière vom Mutterhaus. Groß war die Freude des ganzen kath. Volkes.

3. Unsere Kommunität.
Im September 1939 staute sich trotz Einberufung der Brüder die Zahl der Patres auf fünfzehn, da einige Mitbrüder, die für die Missionskarawane bestimmt waren, infolge des Kriegsausbruchs nicht weiterfahren konnten. Ende 1940 waren noch sechs Patres und Bruder Günther (Hog) hier, der eine Überfülle von häuslichen und landwirtschaftlichen Arbeiten bewältigte.
Da wir von einer Woche zur andern mit der Einberufung des letzten Bruders rechnen mußten, waren wir genötigt uns nach einer Köchin umzusehen. In der ersten Verlegenheit übernahm die Mutter des P. Adolf Eisele sen., Frau Oberinspektor Eisele, die Besorgung der Küche, dann eine 70-jährige Person, anschließend bis Ende 1945 eine fünzigjährige, sehr fähige, aber ungeheuer energische Köchin, endlich eine ehemalige Pfarrhaushälterin. Alle waren sehr fleißig und geschickt; sie verstanden es, besser als es männliche Kräfte fertig bringen, die wenigen erhältlichen Vorräte vernünftig einzuteilen und findig für Abwechselung zu sorgen.
P. Martin Schell, der schon seit 1932 Superior in Haigerloch gewesen war, siedelte am 6.2.42 von hier nach Groß-Krotzenburg über. In den bittersten Jahren hat er das Haus mit viel Güte geleitet. In rastlosem Einsatz hat er keine noch so schwere Arbeit, namentlich bei den Seelsorgeaushilfen gescheut. Er war ein sehr gern gehörter volkstümlicher Kanzelredner, der nicht von Sonne, Mond und Sternen, sondern klar und kraftvoll über die lebensnahen Fragen predigte und die Grundsätze des Evangeliums auf die praktische Gegenwart anzuwenden verstand; praedica importune, opportune! Zum Klerus hielt er vorzüglich die Beziehungen aufrecht, bei den mannigfachen Gelegenheiten, die sich dazu boten. P. Albert Straub, der als Ökonom in den vorausgegangenen Jahren und namentlich bei unserer Verdrängung aus dem bisherigen Missionshaus gerade in den unangenehmsten Aufgaben und Abwicklungen ein vorzügliches verwaltungs- technisches Geschick bewiesen hatte, übernahm jetzt die Leitung des Hauses. Bruder Eduard, der vorübergehend hier war und uns durch seine Frömmigkeit und seinen Fleiß erbaute, kam im Februar 1943 als Hilfe zu P. Reichertz nach Thörnich/Trier, weil Gefahr Bestand, er könne hier trotz seiner Kriegsversehrtheit nochmals einberufen oder doch in die Kriegsindustrie befohlen werden. Nach seinem Abschied blieb die Kommunität auf drei teilweise kränkliche Patres beschränkt, die alle ohne Wehrverhältnis waren dank dem Verständnis der Musterungsbehörden.
Nach dem Umschwung kehrte als erster vom Heeresdienst, durch die Amerikaner entlassen, P. Karl Jetter in unsere kleine Kommunität, (am) 8./6. zurück. Bald folgte P. Willibald Hahn aus kurzer russischer Gefangenschaft. Nach abenteuerlicher Fahrt über Rietberg, Linz, Krotzenburg brachte er uns am 2.7.45 erste und gute Nachrichten über unsere dortigen Häuser, von denen wir monatelang abgeschnitten waren. Vom Mai bis Oktober war im Städtle Bruder Roger-Maria einquartiert - ein überaus taktvoller, frommer, hilfsbereiter Missionar. Er erbaute draußen und hier alle, die mit ihm zu tun hatten. Täglich erschien er zu den religiösen Übungen in der Kapelle und suchte uns alle denkbaren und möglichen Gefälligkeiten zu erweisen. Mitte Juni besorgte er dem im hiesigen Reserve-Lazarett (also im eigentlichen Missionshaus) gefangenen Frater Karl Geiges einen Passierschein, so daß der Frater von da ab fast den ganzen Tag in unserer Kommunität verweilen konnte. Ubi caritas et amor, Deus ibi est.
Aus dem Krieg kamen der Reihe nach in die Kommunität: P. Beiter, (3./9.); Bruder Michael (2./10.); P. Hahn (endgültig:10./10.), Bruder Paulin (16./10.); P. Schnez (30./11.) und P. Schupp, der sich in russ. Gefangenschaft bei der Arbeit in Meerwassersalzwerken der Halbinsel Krim geschwollene Füße zugezogen hatte (17./12.). Alle sind jetzt wohlauf.
Von jahrelanger Außenseelsorge kamen endgültig heim P. Fischer und Nöker. Groß war die Freude über alle diese Heimkehrenden. In russ. Gefangenschaft sind noch P. Aug. Schmid und Br. Hatto. Die aus dem Feld heimgekehrten Mitbrüder hatten zeitweilig Ungeheures an Strapazen durch Kälte, Hitze, Regen, Märsche, Entbehrungen überstanden. Diese Opfer und der Opfertod so mancher gefallener Mitbrüder werden gewiß auf unser niedergedrücktes Werk, auf unsere Missionsfamilie, auf die Heidenmission, aber auch auf das weithin geistig morsche Europa Gottes Segen und Gnade herabrufen. Sine sanguinis effusione non est redemptio. Gottes Hand waltete offensichtlich über den Heimgekehrten. So fuhr beispielsweise einmal dem P. Jetter in der Ukraine 1941 ein etwa sechzig Zentner Schweres Lastauto mit Vorder- u. Hinterrad über die Brust, als er auf einer Wiese ruhte. Der Mitbruder erlitt nur einige harmlosere Quetschungen, die bald ausheilten.
Der Gesundheitszustand der drei Patres, die zuletzt noch im provisorischen "Missionshaus" waren, hielt sich trotz Kohlenknappheit und den bekannten Kriegseinschränkungen im Rahmen des Gewöhnlichen; P. Superior Straub war öfters überanstrengt und hatte gelegentliche Herzaffektionen, P. Peter Weber litt an Asthma und Rheuma, P.Huber überstand gut eine kleine Gehirnhautentzündung und einen Gelenkrheumatismus. Ungeachtet der erschwerten Verkehrsverhältnisse besuchte H. P. Provinzial allein von 1939-44 im Kriege unsere Kommunität a c h t m a l , was uns jeweils sehr freute.
Wir bekamen über hundert Mal Besuch von Urlaubern: Mitbrüdern und Seminaristen der Provinz. Nach dem Umschwung weilten ein dutzendmal Mitbrüder oder Seminaristen aus Nordafrika bei uns; gelegentlich in Gruppen zu 3 - 8.
Nicht zu zählen sind die vielen Besuche der auswärts angestellten Patres sowie die Besuche des Frater Geiges und Br. Roger-Maria.
Alle diese Besuche bewiesen den Familiengeist, der in unserer weitverzweigten Missionsfamilie nach wie vor heimisch ist.
1941 waren die Mitbrüder des Hauses gezwungen, die Jahresexerzitien einzeln zu halten; sonst wurden sie auch in den Kriegsjahren jeweils in Gruppen mit auswärtigen Patres im Behelfsmissionshaus gehalten. Dabei hielt uns in dankenswerter Weise die Vorträge einmal P. Dionys Siedler (Rietberg), ein andermal P. Paschalis Schmid, der Gründer des Päpstlichen Priesterhilfswerkes und des sogen. Priester-Samstags . Mit Sehnsucht warteten wir von einem Jahr zurn andern aufs Kriegsende, auf die damit erhoffte Rückkehr in unsere Missionsschule und besonders auf die Heimkunft der vielen eingezogenen Mitbrüder, um deren Leben wir oft bangen mußten.
Selber von unserm eigentlichen Hein und Arbeitsgebiet verdrängt, litten wir mit so vielen andern, deren Gewissen, Leben und Freiheit durch die brutalen Gewalthaber und ihre Helfershelfer jahrelang bedroht oder bedrückt war.
Von unsern hiesigen Mitbrüdern liegen die beiden leiblichen Brüder Suso (Kleiser) und Odilo (Kleiser) im fernen Rußland begraben. Br. Suso hat mehrere Jahre in unserm üaus gearbeitet . Er zeichnete sich aus durch tiefe Frömmigkeit, große Ordnungsliebe, stete Hilfsbereitschaft. Treu hing er an seinem Beruf, was seine vielen Briefe aus dem Feld beweisen. Unbeschreibliches hat er an Durst und Hunger, Hitze und Kälte, Gewaltmärschen und andern Leiden mitgemacht. ”Wir legen alles in Gottes Hand, er wird alles zu unserm Besten leiten”, schrieb er am 20.11.41 nach 1800 km Fußmärschen und großen Entbehrungen vom Donezbecken. Am Fest des Hl. Aloisius nahm ihn Gott aus diesem Tränental heim. - Wenige Wochen später folgte ihm Br. Odilo, der nur kürzere Zeit in Haigerloch gewesen war, im Tode nach: ein gleichfalls treuer, liebevoller Mitbruder. - Das erste Seelenamt für die beiden Brüder mit entsprechender Gedenkansprache wurde jeweils von einem Pater des Hauses in ihrer Schwarzwaldheimat gehalten. R.i.p.

4. Zur Leidensgeschichte des Hauses
Diese Leidensgeschichte begann schon 1933. Welches war die Lage? Vor der l e t z t e n wirklich f r e i e n Wahl am 5.3.33 schrieb der schwäbische Schulrat Authaler, Blaubeuren: "Der . . . Wahlkampf . . . entscheidet nicht allein für oder gegen einen Weltkrieg, sondern auch für oder gegen Christus und den Bestand der kath. Kirche."
Von den damals rund 65 Millionen Deutschen waren etwa ein Drittel, also ungefähr 22 Mill., katholisch getauft. Davon war praktisch ein Drittel treu, ein zweites Drittel wankend und unzuverlässig, das letzte Drittel wohl überhaupt nicht mehr mitzurechnen.
Von den 39,34 Mill. gültiger Stimmen erhielt der Hitler-Block über die Hälfte: nämlich 20,42 Mill. Stimmen. (Die Sozialdemokraten 7,18 Mill., die Kommunisten 4,84, das kath. Zentrum 4,42 Mill.) Am Tag nach der wahnsinnigen Wahl des 5.3.33 ahnten die bewußten Katholiken, was sie zu gewärtigen hatten.
Besonders bedrängt und mit kleinlichen Schikanen bedacht wurden die Orden und ihre Schulen und Unternehmungen. Nationalsozialistische Lehrpläne und Schulbücher, die von lächerlicher Geschichtsverdrehung strotzten, wurden zwangsweise eingeführt.
Eine unfeine Rolle spielte Regierungsrat Miesch, Sigmaringen, ein Exminorist (ehemaliges unbedeutendes Mitglied ?) und aus der Kirche ausgetretener sogenannter "Gottgläubiger" -. Wiederholt kam er zur Bespitzelung des Geistes, in dem wir unterrichteten.
Wohltuend stach von ihm ab Herr Kreisschulrat Bader, Hechingen, der innerlich das Gegenteil seines Sigmaringer Kollegen war, und womöglich die nationalsozialistischen Absichten herabdämpfte. Was wir schon von 1933 ab befürchteten, wurde 1939/40 bittere Wirklichkeit.
Wie eine Meute hungriger Wölfe schlichen Vertreter des braunen Systems und auch harmlosere, von ihm vorgeschobene Beamte um und in unser Haus. Eine amtliche Besichtigung folgte auf die andere, namentlich 1939.
Ab 5.9.39 wurde das Missionshaus zum Flüchtlingsheim für 146 Kinder, Frauen und Greise aus der Gegend von Kehl bei Straßburg (s. Anmerkung 1). Begreiflicherweise ward nun viel lautes Leben im Haus , und die meisten Missionsschüler mußten wir zunächst in die Heimat schicken. Nur die wenigen Schüler aus der gefährdeten Rheinzone blieben da.
Am 26. November 1939 traf unser Heim der schwerste Schlag seit seiner Gründung 1903 Wir bekamen den zynischen Bescheid:
Der Reichsminister für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung.
E III c 2221. E II d Berlin W 8, den 9. November 1939. Betr. Missionsschulen.
Der F ü h r e r hat entschieden, daß ein öffentliches Interesse an dem Weiterbestehen der sogenannten Missionsschulen n i c h t gegeben ist. Ich ordne daher an, daß sämtliche Missionsschulen zu O s t e r n 1 9 4 0 g e s c h l o s s e n werden, und beauftrage die nachgeordneten Stellen, für anderweitige Unterbringung der Schüler und der weltlichen Lehrer dieser Schulen Sorge zu tragen.
Dieser Erlaß ist nicht zu veröffentlichen.
Im Auftrage gez. Holfelder
An die Herren Oberpräsidenten, Abteil. für höheres Schulwesen, pp. die Herren Regierungspräsidenten, pp.
Abschrift zur Kenntnis und weiteren Veranlassung hinsichtlich der Missionsschule der Weißen Vater in Haigerloch.
I.V. gez. von Reden. Beglaubigt: gez. Bader, Kanzleiangestellte (Siegel)
Der uns wohlwollende Herr Kreisschulrat Bader machte am 18.2.40 einen Abschiedsbesuch. Er hielt den Schülern und dann auch den Patres eine Abschiedsansprache, anerkannte mit bekundeter Hochachtung die vorbildliche Erziehungsarbeit in der Missionsschule und ermunterte zum Vertrauen auf eine bessere Zukunft.
P. Superior Martin Schell hielt den Missionsschülern vor ihrem Weggang vom 8.-10.3.40 Exerzitien. In seiner Abschiedsansprache wies er u.a. darauf hin: Die meisten der über 150 Patres und der über 100 Missionsbrüder unserer Provinz haben hier einen Teil ihrer Ausbildung erhalten oder hier gewirkt, auch Msgr. Horst und Haag.
Still und ohne die sonst üblichen Ausbrüche der Freude, schieden die Schüler am 15.3.40, dem Fest der Mater Dolorosa.
Mochte auch der Satan manchen Teilsieg davongetragen haben, wir wußten: der Endsieg ist so oder so Gottes und nur Gottes! Confidite! Ego vici mundum! hat der Heiland beruhigend erklärt.
Am 8.10.40 konnten wir das ehemalige Kaufhaus Schönbucher - zwischen Römerturm und Krankenhaus - am Stadtrand käuflich erwerben. Es bedurfte sehr gründlicher Ausbesserungen und Einbauten und diente für die Jahre 1940/45 als "vorläufiges Missionshaus”.
Eine Abordnung von Regierungsbeamten aus Berlin und aus Sigmaringen fand sich am 14.9.40 im alten Missionshaus zur Hauptverhandlung ein. Bei der Kommission befand sich Herr Reg.-Direktor von Reden, Sigmaringen, nebenbei auch der braune Bürgermeister von Haigerloch. In höflicher Form wies einer der Berliner Regierungsbeamten auf den Reichsleistungs-Paragraphen (Zwangsenteignung) hin. Die Regierung brauche dringend das Haus für die. Heranbildung von Lehrkräften! Das Haus müsse bis 15. 0ktober 1940 geräumt sein. Eine gute Miete wurde zugesichert. Herr P. Mathias Reichertz und Herr Rechtsanwalt Dr. Helferich waren als Vertreter des H. Herrn P. Provinzials mit P. Sup. Schell und P. Ökonom Straub bei der Verhandlung zugegen. Die Verhandlungen waren nach Lage der Dinge rasch beendet.
Die vorher schon vorbereitete Räumung begann im großen am 13.9.40. Einige Hausfreunde von Haigerloch (Familie Mesmer Ade und Zugführer Schuler sowie Frl. Biener, die Nichte des H. Herrn Pfrs. Biener), ferner einige Erlaheimer Männer halfen bei den anstrengenden Räumungsarbeiten tatkräftig mit. Eine Hauptlast an Arbeit lastete in diesen Wochen auf P. Ökonom Straub, P. Fischer und Br. Günter. Die andern Mitbrüder waren vielfach auf Aushilfen, halfen aber bei ihrem Hiersein gleichfalls emsig mit. Am 3. Oktober konnten zwei erste Zimmer im neu erworbenen Behelfs- Missionshaus an der "Krebshalde" bezogen werden; ein Zimmer für P. Straub und ein Gerneinschaftsraum.
Am 15. Oktober 1940 'wurde das Allerheiligste von P. Sup. Schell in die St. Anna-Wallfahrtskirche übertragen. Die Mitbrüder fanden vorläufig Unterkunft in der Kaplanei St. Anna, im St. Josephshaus und, soweit schon Platz vorhanden, im Haus Schönbucher, wo die Maurer unter dem Dach noch 4 Zimmerchen einbauten. Wir zelebrierten in St. Anna; von Weihnachten ab in der neu eingerichteten eigenen kleinen Hauskapelle. Die letzten Patres siedelten am 17.2.41 in die inzwischen ziemlich ausgetrockneten Dachzimmerchen des Hauses Schönbucher über. Die gastlichen Krankenschwestern und Herr Pfr. Biener nahmen keinerlei Vergütung an für die lange gewährte Gastfreundschaft.
In den Gebäuden des Missionshauses im Wittau wurde in denselben Monaten mit Hochdruck umgebaut und manches aufgefrischt. Der gemauerte große Hühnerstall wurde im Unverstand (und unter alsbaldigem Bedauern) abgebrochen. In die meisten Wohnräume kamen neue Kachelöfen. Ein Waschraum wurde modern eingerichtet, neue Lampen angebracht. Das Glockentürmchen erinnerte zu eindringlich an die eigentliche Bestimmung des Missionhauses, deshalb wurde es geschmacklos abgebaut. Ebenso mußte das steinerne Kreuz über dem Portal verschwinden.
Das Bienenhaus und ein Gartenbeet davor hatte P. Peter Weber vor dem Zugriff der Behörden gerettet, denn die Biene rechnete zu den privilegierten Kleinvieh- beständen und die Imker galten als "privilegierter Stand.” Der übrige Garten war uns genommen werden.
Am 5.Juni 1941 wurde in den Räumen des alten Missionshauses eine s o g e n a n n t e Lehrerinnen-Bildungs-Anstalt ("L B A") mit 68 Schülerinnen eröffnet. Die Leiterin war eine abgefallene Katholikin, abgefeimt und sehr gerieben; sie wurde am ersten Sonntag in der protestantischer Kirche gesichtet. Von den Schülerinnen waren am ersten Sonntag etwa 50 beim Gottesdienst. Die Leiterin hatte ihnen den Gottesdienstbesuch bald abgewöhnt. Zuletzt wurden jene aufgeschrieben, die Sonntags in die Kirche wollten, Die Methode war also auch hier echt nationalsozialistisch nach bewährtem Muster. Von wenig verantwortungsvollen Eltern dieser Schule zugeführt, billig verköstigt und verhalten, erregten die Schülerinnen beim anständigeren Teil der Haigerlocher mancherlei Anstoß.
Die Lehrerinnen-Bildungsanstalt mußte schließlich am 12.2.45 einem Reserve-Lazarett weichen. Eine Bombe fiel am 22.2.45 in den Garten vor die Stallung. Sie wühlte einen Trichter von 8m Breite, 4m Tiefe auf, zertrümmerte am Missionshaus über 450 Scheiben von etwa 40 zu 70cm und richtete für mehrere tausend Mark Schaden an. Das Gebäude selbst blieb im Gemäuer - Gott sei Dank! - verschont. Die Insassen des Reserve-Lazaretts gingen mit Haus und Einrichtung nicht gerade rücksichtsvoll um. Am 11.4.45 kam Feldwebel Frater Karl Geiges nach seiner Verwundung in Ungarn ins hiesige Reserve-Lazarett.
Neun Tage später war die Hitler-Herrschaft in Haigerloch zu Ende; es folgten die Nachwehen des Krieges. Die genesenen Lazarett-Insassen wurden Gruppe um Gruppe entlassen. Von einem Monat zum andern vertröstete man uns mit der Rückgabe unseres Hauses. - P. Superior Straub fuhr am 13.9.45 zum zuständigen französischen Arzt Dr. Châtenier nach Niedernau b. Rottenburg a. N.. Dieser zeigte sich wohlwollend, verwies indes hinsichtlich der Rückgabe an Dr. Dobler, Tübingen, den Leiter des südschwäbischen Gesundheitswesens. Mit kaltem Zynismus erklärte Dr. Dobler am 25.9., wir könnten zwar in unser Haus zurückkehren, er gedenke aber, etwa 40 Tuberkulöse im Missionshaus unterzubringen, zwei Fachärzte nach Haigerloch zu überweisen und das Missionshaus mit den Haigerlocher Lungenerholungsheim zu vereinigen. Er wolle vorher die Räume unsres Hauses auf ihre Eignung besehen. Am 30.9. machte er die "Besichtigung", stand dann aber doch von dem angekündeten medizinischen Vandalismus in einem Erziehungsheim für junge Seminaristen ab. Nach einer Rücksprache mit dem Gouvernement Hechingen, das unsre Rückkehr empfahl und Dr. Doblers Anmaßung zurückwies, nach einer zweiten Rücksprache mit Dr. Châtenier, Niedernau, brachte P. Sup. Straub am Abend des Schutzengelfestes, 2.10.1945. die ersehnte Kunde: Wir können ab morgen in unser Missionshaus z u r ü c k !
Die Hl. Schutzengel und die Hl. Theresia v. Kinde Jesu hatten es gut mit uns gemeint ! Gratias agamus Domino Deo nostro !
Begleitet von Frater Geiges und Br. Roger siedelten am 4.10.45 abends die Patres Beiter, Fischer und Nöker 'als erste ins Missionshaus.zurück.
Br. Roger, der uns in diesen gespannten Monaten so viele Gefälligkeiten erwiesen hatte, schied am 10.10.45. Der Abschied fiel ihm und uns aufrichtig schwer. - Am 22.10. zogen alle Patres ins Missionshaus herüber. Das Allerheiligste wurde am 26.10 in die jahrelang entweihte Kapelle zurückgetragen. Tagelang hielt die anstrengende Arbeit des Umzugs an. Herr Mesmer Ade, Herr Bisinger, Gastwirt Kost und einige Erlaheimer waren uns bei der Rückbeförderung der oft sehr schweren Möbelstücke dankenswert behilflich.
Nach Verhandlungen mit Herrn Reg. Rat Genzmer vom 24.-30.10.45 unterfertigten er, Herr Dr. Schlenzig (Chefarzt) und P. Sup. Straub die Urkunde der Rückgabe. Das Lazarettpersonal zog nach Bad-Imnau mit den letzten paar Genesenen, darunter auch Frater Geiges.
Zehn erste neue Missionsschüler rückten nach fünfjähriger Unterbrechung am 5.11.1945 in die Missionsschule ein, zwei weitere Schüler folgten einige Wochen später. Tags hernach begann der Unterricht.

5. Der Krieg und wir.
Am 25.8.1939 begann - schlecht getarnt durch die Nacht - die allgemeine Mobilmachung; sie traf abends 11 Uhr gleich den Bruder Adjutus und Eberhard. Andre Mitbrüder wurden in den nächsten Wochen und Monaten einberufen.
Am 1. September war der Weltbrand entfacht.
Ein erster Flüchtlingszug aus der Gegend von Kehl/Rh. fuhr am 5.9., 24.00 Uhr, mit zwei Lokomotiven auf dem Haigerlocher Bahnhof vor. Wir bekamen gegen 150 Flüchtlinge zugewiesen: Frauen mit Kindern, Greise und Greisinnen. Ende Oktober 1939 waren die meisten von ihnen fort. Unser Haus wurde frei, und wir erhielten die Erlaubnis unsere Schüler zurückzuberufen. Einen Teil der Schüler hatten wir indessen schon nach Zaitzkofen überwiesen. Der November brachte dann ohnedies den Hitler-Erlaß, demzufolge alle Missionsschulen vernichtet wurden.
Dank dem Verständnis des österreichischen Majors Kola wurden bei der Musterung 1940 die Patres Peter Weber, Straub und Huber jr. vom Wehrdienst völlig und für immer befreit. Die Patres Aug. Schmid und Mühlbeyer, die wohl in der Außenseelsorge eingesetzt, aber ohne sogenannten Pfarrvikarsposten waren, erhielten auf 1.1. 41 ihren militärischen Gestellungsbefehl.
Als am 22.6.41 der Krieg mit Rußland begonnen wurde, lag bleicher Schrecken auf vielen Gesichtern, und auch wir hatten den Eindruck: das ist der Anfang vom Ende mit Schrecken. Wir spürten die allmähliche Verknappung an Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen.
Bruder Günter wurde am 3.8.41 eingezogen. Im Spätjahr wurden bei uns Flaschen eingesammelt, im Winter (Dezember) Wollsachen für die frierenden oder schon erfrorenen Soldaten.
Die fünf Patres Beiter, Mühlbeyer, Staudt, Schmid Aug., Eisele Georg, die 1939 und 1940 hier tätig waren, standen jetzt als Sanitäter draußen, ebenso sieben Brüder des Hauses. Wir standen in regem Briefwechsel mit ihnen. Solange es möglich war, sandte ihnen P. Straub gelegentlich kleine Päckchen.
Ein erster kaum begründeter Fliegeralarm war in Haigerloch am 16. April 1942. Um diese Zeit wurde der Zugverkehr mehr und mehr abgedrosselt. Die Post unserer Mitbrüder im Osten brauchte mitunter 6 - 7 Wochen.
Die über 100 Haigerlocher Juden, die sonst im besten Einvernehmen mit der Bürgerschaft lebten, waren inzwischen verschleppt worden. Sie gingen in eindrucksvoller, beherrschter Haltung: Kinder und Erwachsene. Nicht einmal ein Dutzend von ihnen sollten später Haigerloch wiedersehen.
Im Oktober 1942 begann die sinnlose bürgerliche Fliegerwache, zu der wir auch alle 14 Tage genötigt wurden. Erst Januar 1945 wurde sie wieder aufgelöst.
Einen ersten Großanflug und Angriff auf Stuttgart erlebten wir am 22.11.42 abends 9.30 - 11 Uhr. Wir sahen den roten Feuerschein am Horizont und die platzenden Schrapnells am Himmel. Es war der Auftakt zu manchen andern Fliegerangriffen.
Im März 1943 wurden die Patres Weckenmann und Dorn zur ärztlichen Behandlung ins nahe Reserve-Lazarett Bad Imnau (5 km von hier) überwiesen. Später wurde P. Georg Eisele in Cartago gefangen; im November 1943. Am 6.9.43 beobachteten wir im Luftraum unmittelbar über Haigerloch mittags ein erstes ganz nahes Luftgefecht mit 5 Absprüngen. Ab Ende Februar häuften sich zunächst bei Nacht, dann auch bei Tag die Großanflüge der Bombergeschwader: 1944 ! Am 28.9.44 gab es erste Tote an der Haigerlocher Kleinbahn durch Flieger.
Vom 15.10.44 ab vernahmen wir deutlich den Kanonendonner aus den Vogesen. Am 24.11. erreichte die Front das alte Straßburg in nur mehr 80 km Entfernung (Luftlinie) von Haigerloch. Am 28.11. wurde unsere Metropole Freiburg, eine Stadt ohne jedwede nennenswerte Kriegsindustrie, zerstört, und zwar im wesentlichen die Innenstadt, in der auch keinerlei Kasernen standen... Anfang Februar erfuhren wir ähnliches über Triers Innenstadt und über unser dortiges Seminar.
Nachdem am 22.2.45 auf Haigerloch und Nachbarorte (Bisingen!) Bomben gefallen waren, hatten wir fürderhin manchmal 2, 3 und 5 Mal an einem Tag Fliegeralarm. Tote hatten wir in Haigerloch nicht zu beklagen. An unserm Behelfs- Missionshaus waren etwa 20 Scheiben zertrümmert, am Missionshaus selber um die 500, außerdem einige hundert Dachziegel, die bis jetzt nur durch Bretter ersetzt sind.
Um den 1. April 1945 erließen die Kreisleitungen von Horb und Balingen auf Flugblättern verzweifelte, kopflose Aufforderungen an die Bevölkerung zum Abwandern in rückwärtige Gebiete, bzw. zum Widerstand gegen die schon über Heilbronn vorrückenden Alliierten. Die Flugblätter lösten aber teils nur noch Entrüstung, teils Hohn aus. Sie wurden nur von den borniertesten Nazis noch ernst genommen.
Am 12.4. ging die Front etwa über Rastatt – B.- Baden - Calw, am 14.4. über Kehl - Achertal - Bühlertal - gegen Freudenstadt, am 16.4. schon durch die Gegend dicht jenseits Horb a/N.. Groß war jetzt die Erregung in Haigerloch. Man packte wichtige Habseligkeiten zusammen, um sie für den Fall eines Brandes im Keller sicher zu stellen. Bei der Zöhrlautbrücke in Haigerloch wird durch Flieger ein Munitionsauto m Brand geschossen. Gewaltiger Feuerschein kündet am Abend die Frontnähe an.
Am 19.4. abends ist Panzeralarm. Die Panzersperre wird nicht geschlossen, denn es ziehen immer noch weichende Truppen durch. Zudem verwahrt sich der Leiter des Lazaretts Dr. Schlenzig tatkräftig gegen die Benutzung der Panzersperre. Die meisten Leute verbringen die Nacht im Keller. Die amerikanischen Panzer seien in Nordstetten, heißt es.

20. April 1945 ! (Anmerkung: A. Hitlers Geburtstag)
Der Vormittag beginnt mit Granat- und Maschinengewehrfeuer. Letzte deutsche Soldaten ziehen sich zurück, übernächtigt, übermüdet, die meisten längst kriegsüberdrüssig. In Weildorf brennen 7 Häuser. Das Knattern und Krachen kommt um Mittag näher. P. Superior Straub hat das Allerheiligste in unsern Luftschutzkeller gebracht. Man betet dort in diesen spannungsvollsten Augenblicken. Ein Dutzend Granaten fallen auf Haigerloch. Dröhnend hört man jetzt um 12 Uhr die Panzer heranrollen, von der alten Weidorfer Straße vorbei an der St. Annakirche. Nachbars französischer Kriegsgefangener Louis eilt ihnen mit einem weißen Handtuch entgegen, ruft: "Camarades! Amis! Pas tirer...!“ und spricht mit dem französischen Offizier. Dann kommt er zu unserm Luftschutzkeller, in den sich etwa 30 Nachbarsleute geflüchtet hatten und sagt, alles sei in Ordnung und überstanden! Immer neue Panzer rollen vorbei. Ein Haus brennt lichterloh, doch zu Tode kam niemand. Deo gratias!
Die nächsten Tage verlaufen ruhig. Am 28.4. kommt P. Bequart, SMA, am 30.4. Lt. Frater Raguet von Tübingen aus zu einem kleinen Besuch, später noch manche andere Mitbrüder aus Afrika. Alle beweisen sie die Wahrheit und den 'Wert des Liedes : Ubi caritas et amor, Deus ibi est ! Daß doch alle Menschen das christliche Hauptgebot wieder üben lernten, dann gäbe es keine solch häßlichen Kriege und Kriegsnachwehen mehr. Mit den Nachwehen mußte man sich jetzt vertraut machen. Bald wuchsen die Klagen über Diebstähle, Plünderungen, Brandstiftungen und Totschläge namentlich durch die vielen hierher verschleppten, nunmehr freien Slaven. Viel Kümmernis lastete auf den Gemütern.
Im Mai kam Besatzung ins Städtchen; die Kommandanten und ihre Algerier hielten durchweg befriedigende Ordnung. Als endlich am 9.9.45 die Russen und anschließend die andern Slaven heimwärts geschafft wurden, atmete man merklich auf. Den Russen schien es in unserm Elend besser gefallen zu haben, als in ihrem Heimatparadies.
Im Oktober konnten wir schließlich in unser altes Missionshaus zurückkehren und am 5.9.45 die Missionsschule eröffnen. Um dieselbe Zeit bekamen wir in drei Räume des Erdgeschosses Bretonen in Quartier, die uns u.a. 40 Matratzen und etliche Bettstellen beschlagnahmten. - Leider befinden sich noch mehrere Mitbrüder in ferner Gefangenschaft. Im Osten gefallen sind Br. Suso und Odilo (Kleiser), zwei treue und fromme Mitbrüder. Opera eorum sequuntur illos. R.i.p.

Anmerkung 1:
Etwa 1 Million Menschen sollten aus der sogenannten „Roten Zone“, einem 400 km langen und 10 km breiten Streifen zwischen dem deutschen Westwall und der französischen Manginotlinie evakuiert werden. Hier würde die Frontlinie zu Frankreich verlaufen. ( https://de.wikipedia.org/wiki/Rote_Zone_(Westwall)

Transkription, Layout und Rechtsschreibkorrekturen:
Dr. Wolfgang Völker, Lengerich, Westf.