Anmerkungen zur Pädagogik bei den Weißen Vätern
von Raimund Pousset
Forscht man heute ein wenig, nach welchem
pädagogischen Konzept uns die Weißen Väter erzogen haben, wird man nicht
fündig. Nicht mal ein Aufsatz von Pater Superior in einem Missionsblatt
oder einer einschlägigen Zeitschrift lässt sich finden. Oder auch nur ein
internes Papier einer Arbeitsgruppe. Es gibt und gab schlicht kein Konzept!
Wahrscheinlich hat auch nie jemand eines verlangt. Die Eltern wussten ihre
Söhne bei den Patres ja in guten Händen. Wie viele Lehrer, Eltern und
Institutionen waren die Patres aber Kinder ihrer Zeit. Ich habe noch
erlebt, wie der kriegsversehrte Vater von Stefan bei einem Besuch seine
Krücke auf dem Buckel des Sohnes zerschlug – hier gaben sich Elternhaus und
bestimmte Patres wie P. Buse zufrieden die Hand.
Zur Frage der
Ausbildung in Didaktik-Methodik war in der Regel wohl Fehlanzeige zu
vermelden, ebenso wie in Pädagogik. Außer P. Zender war wohl keiner der
Patres ein ausgebildeter Lehrer. Es war ja der Krieg, der unsere Patres
statt zu Missionaren zu Lehrern gemacht hatte. Keine leichte Last! Woher
sollte also ein pädagogisches Konzept kommen? Von den Patres eher nicht; es
hätte wohl „von oben“ kommen müssen. Im Wesentlichen haben unsere
Patres-Lehrer nach Gefühl, Neigung und eigener Erfahrung unterrichtet. Und
das meist aus dem Buch. Da gab es eher Naturtalente, die auch recht beliebt
waren wie P. Schröter. Die anderen mussten die Mühen der Ebene in Kauf
nehmen – und wir auch. Aber auch P. Schröter war vielleicht in Musik ein
Ass, aber bei seiner Latein-Didaktik konnte es gelegentlich ein wenig
klemmen. Ein etwas jüngerer Klepfer schrieb mir kürzlich: „Meine erste
Latein-Arbeit war eine Sechs. Ich hatte alle Vokabeln richtig, aber alles
im Nominativ. P. Schröter hatte mir nicht verständlich gemacht, dass
„der-dessen-dem-den“ im Latein durch die Endung angezeigt wird. Das habe
ich dann von dir innerhalb einer Viertelstunde bei einem Rundgang ums Haus
gelernt. - Etwas anderes muss ich Haigerloch zu Gute halten: anders als ich
das von vielen Altersgenossen höre, hat unser Geschichtsunterricht nicht
1933 geendet. Herr Sußmann und auch Herr Schick haben dafür gesorgt, dass
wir mehrere Filme sahen, die uns Warschauer Ghetto, KZ etc. verdeutlicht
haben.“ Wenn man vom Unterrichten absieht, dann erzogen uns die Patres eher
unreflektiert, wohl so, wie sie selbst erzogen worden waren. Die Ausnahmen,
die es gab, traten eher leise auf und lebten ihre Nicht-Übereinstimmung im
pädagogischen Alltag aus: sie waren eher schülerfreundlich und
verständnisvoll. Prügel und Zynismus war ihnen fremd. Ich habe als eine
solche Person z.B. P. Christian Herrmann erlebt. Neben dem offiziellen
Lehrplan der staatlichen Schulen, dem Curriculum, dem ja auch die privaten
Schulen unterworfen waren, herrschte im Missionshaus noch das versteckte
Curriculum (das „hidden curriculum“), dessen unausgesprochenen Leitlinien
die Pädagogik still und stumm steuerten.
Auch wenn die Pädagogen Kinder ihrer Zeit waren, gab es auch zu dieser Zeit Pädagogen, die anders
erzogen – humaner und partnerschaftlicher: Ideen und Praxis, die seit etwa
1900 unter dem Sammelbegriff der Reformpädagogik erfasst werden. Davon
waren die Missionshäuser der Weißen Väter kaum erfüllt; so wie ich es
erlebt habe, war davon erst etwas seit den 60ern mit P. Ernst Haag zu
spüren. Der traditionelle pädagogische Ansatz der Weißen Väter entsprach
ziemlich profan fast dem der ganzen Gesellschaft, was sich eher unter der
repressiven oder Schwarzen Pädagogik einordnen lässt. Seit der
Veröffentlichung der Soziologin Katharina Rutschky ist dies ein negativ
wertender Sammelbegriff für eine Erziehung, die Dressur, Gewalt und
Einschüchterung als wesentliche pädagogische Mittel enthält. Damit muss die
Erziehung im Missionshaus zu der in den Elternhäusern, anderen Schulen und
(Jugend)-Verbänden in Beziehung gesetzt und beurteilt werden. Wie werden
wir dem aber heute gerecht? Macht der Hinweis auf den Zeitgeist ein
Phänomen wie die Erziehung schon „gut“? Kulturtechniken, Traditionen oder
Erziehungsmethoden beurteilen wir heute nicht nur nach dem Stand der Zeit,
sondern auch an überzeitlichen, ewigen Werten wie der Gottesliebe,
Humanität oder Menschenrechte. Sonst würde etwa die pharaonische
Infibulation, die brutalste Form der weiblichen Beschneidung, als kulturell
verankert und von Kinder ihrer Zeit ausgeführt, sakrosankt sein. Und böse
Nazi-Schergen und –Apparatschiks wären als Kinder ihrer Zeit und brave
Befehlsempfänger ungeschoren davongekommen.
Schauen wir genauer
hin, was unter dem vielleicht zunächst etwas plakativen Schlagwort
„Schwarze Pädagogik“ verborgen ist, dann erkennen sich viele leicht im
Missions- oder Elternhaushaus wieder: „Schwarze Pädagogik zielt auf die
Installation eines gesellschaftlichen Über-Ichs im Kind, auf die
Heranbildung einer grundsätzlichen Triebabwehr in der Psyche des Kindes,
die Abhärtung für das spätere Leben und die Instrumentalisierung von
Körperteilen und Sinnen zugunsten gesellschaftlich definierter Funktionen.
Unausgesprochen diene die Schwarze Pädagogik der Rationalisierung von
Sadismus und der Abwehr eigener Gefühle des Erziehers oder der
Bezugsperson. Die Schwarze Pädagogik bediene sich dabei der Mittel des
Initiationsritus (z.B. Introjektion einer Todesdrohung), der Hinzufügung
von Schmerz (auch seelischem), der umfassenden Überwachung des Kindes
(Körperkontrolle, strenger Verhaltenskodex, Forderung unbedingten
Gehorsams), der Tabuisierung von Berührung, der Versagung grundlegender
Bedürfnisse und eines übertriebenen Ordnungsdrills. Alice Miller arbeitet
in ihrer Auseinandersetzung mit der Schwarzen Pädagogik besonders einen
Aspekt heraus, nämlich wie Kinder dazu gebracht würden, nicht zu merken,
dass sie unter der Gewalt von Erwachsenen missbraucht wurden, auch und
besonders in der Form sexuellen Missbrauchs“ (aus: Wikipedia, 23.6.14).
Sexueller Missbrauch ist im Bereich des Missionshauses glücklicher Weise
ein Phänomen, das wir nicht zu beklagen haben. An dieser Stelle haben
dagegen einige (Reform-)Pädagogen, sowohl im weltlichen als auch
kirchlichen Bereich, deutlich und schändlich mehr gefehlt, wie wir heute
wissen. Wir im Missionshaus haben also anderes erlebt. Auch, dass
sexualisiertes Strafen oder anderes offensichtlich unterbunden wurden
(siehe mein Text: Pilo).
Ziel der
WV-Pädagogik war, den Nachwuchs heranzuziehen, d.h. aus pubertierenden
Knaben Weiße Väter zu machen. Dies geschah wesentlich im hidden curriculum
durch mehrere Erziehungsleitlinien und durch eher traditionelle
Erziehungsmittel. Insofern wurden wir nicht als Jungen mit offener
Entwicklung betrachtet, sondern als „kleine Weiße Väter“, die wie die
großen behandelt wurden. Offen und nicht versteckt waren neben dem Lehrplan
das Prinzip des „semper tres“. Dies ist
offensichtlich - von Kardinal Lavigerie sinnvoll ausformuliert für die
Patres - auch für die Zöglinge weitergegeben worden. Offen oder versteckt
diente alles nur einem großen Ziel, den Knaben für seine Rolle als
Afrikamissionar vorzubereiten.
Suchen wir nach wesentlichen
Prinzipien unserer Missionshaus-Erziehung, d.h. wie ich sie erlebt habe,
dann lassen sich diese vielleicht so zusammenfassen: Geregelt waren die
Beziehungen zu vier Bezugspunkten: zu Gott, der Obrigkeit, der Gruppe und
zur Weiblichkeit. Das entsprechende Verhalten, dass in diesen Verhältnissen
erwartet bzw. erzogen wurde, lässt sich als Frömmigkeit und Spiritualität,
Gehorsam (bis zur Aufgabe der Privatsphäre), Kollektivität („Semper
tres“) und (lustfeindliche) Distanz
beschreiben. Um dieses Verhalten erreichen zu können, wurden
Sekundärtugenden erwartet, insbesondere Disziplin, Ordnung, Härte und
Verfügbarkeit bzw. Flexibilität.
Erziehungsmittel waren Strafen,
Körperstrafen, Kollektiv-Strafen, Psycho-Druck, und Demütigen. Auf
positiver Seite waren Erziehungsmittel eher an bestimmte Patres geknüpft,
die Anerkennung und Ansporn gaben, Mut machten, forderten, herausforderten,
das offene und verständnisvolle Gespräch suchten, aber auch z.B. durch
Ämterübergabe Verantwortung übertrugen. Natürlich wurde dieses Amt als
erste Stellung in der Hierarchie zur Kontrolle von Jüngeren eingesetzt.
Auch Essen und Trinken konnte Belohnungscharakter annehmen. Und das
mönchische „Ora et labora“ waberte unausgesprochen durchs Haus; es hieß bei
uns Handarbeit und Gebet. Der preußische Drill in Sport und Spiel lag im
Trend der Zeit (das prächtige Stammschloss der Preußenkönige ist
schließlich in Sichtweite) und war die geeignete Vorbereitung, die
körperlichen Strapazen eines Afrika-Aufenthalts körperlich gesund zu
überstehen.
Ein solches Konzept, unausgewiesen gegenüber der
Öffentlichkeit und von außen betrachtet unreflektiert gegenüber sich selbst
bzw. der Gemeinschaft, lies Tür und Tor auf für individuelle Willkür.
Dadurch war die sowieso starke Stellung des Superiors pädagogisch so
prägend. Es gab keine Grundüberzeugung, die ein Pater/Lehrer etwa gegen
Pater Superior hätte argumentativ anführen können. Und schon gar kein
Schüler! Und inwieweit ein Superior in pädagogischer Diskussion mit seinen
Vorgesetzten stand, entzieht sich meiner Kenntnis. Insgesamt war die
Erziehung stark an die einzelne Erzieherpersönlichkeit gebunden. Je länger
wir zurückgehen, desto eher treffen wir auf Schwarze Pädagogik. Danach
machen sich „weiße“, d.h. kindgemäße und schülerfreundliche Gedanken breit,
und wir erlebten etwas, was wir vielleicht „Graue Pädagogik“ nennen
können.
Ein solches Erziehungs-Konzept rief geradezu nach
Widerstand, eher im subversiven Hintergrund, und lies eine lebhafte
Subkultur blühen und gedeihen. Das Tagebuch von
Trotz der an anderer Stelle
beschriebenen mir sehr angenehmen dialogischen Phase mit P. Haag war mir
der Druck, die Verstellung und
manchmal auch der Verrat zu viel. Mit 17 Jahren mochte ich nicht mehr so
leben, fühlte auch keine Sympathie mehr für den Zölibat oder das
Priesteramt und kehrte schließlich dem Missionshaus den Rücken. Vermutlich
war dieser Protest gegen die strenge Erziehung im Missionshaus auch die
übliche juvenile Auflehnung gegen die (in der Regel) elterliche Autorität.
Insofern war mein Austritt also mindestens teilweise ein verlagerter
Protest. Bei meinen Eltern hätte ich nicht oder nicht so „austreten“
können, im Missionshaus aber schon.
Es hat meiner Schulkarriere
immens geschadet; mir selbst wohl nicht. Hätte ich aber gewusst, was mich
im Lessing-Gymnasium in Frankfurt erwartete, nämlich der Totalabsturz,
vielleicht hätte ich weiter „mitgemacht“. Denn man wurde unweigerlich der
Schule verwiesen, wenn man nicht mehr Priester werden wollte.
Wahrscheinlich hätten mich meine Eltern bei diesem „Betrug“ aber
unterstützen müssen. Trotzdem bin ich später mehrmals ins Missionshaus
zurückgekehrt. Ähnlich wie mit dem Elternhaus konnte ich mich nach der
Auseinandersetzung innerlich versöhnen. Dazu hatte es aber das Gefühl
gebraucht, seine Identität nicht aufgegeben und wertvolle Erzieher wie P.
Haag oder andere an anderer Stelle genannten gehabt zu haben.
Raimund Pousset