Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Aus der Chronik der Weißen Väter 1912

HAIGERLOCH (Apostolische Schule)
RA No. 8
(Jahrg. 1912-1913)
Seiten 60 – 61
Aug. 1912 – Juni 1913

Am Samstag, den 3. August haben wir das Schuljahr 1911-1912 geschlossen und am Montag, den 5. August haben unsere Schüler bei ihren Familien Ferien gemacht. Zwei von ihnen betraten das Scholastikat von Trier; zwanzig saßen für die Aufnahmeprüfung im Gymnasium von Altkirch. Schließlich zogen sich vier andere zurück, die erkannten, dass sie hier fehl am Platz seien. Die 58 anderen kehrten am 17. September zusammen mit 38 neuen zurück. Zu Beginn des Jahres waren es also 96 Schüler. Zwei sind krankheitsbedingt gezwungen, im Laufe des Jahres die Schule hier aufzugeben. Fünf weitere, die nicht über ausreichendes Talent verfügen, wechseln zum Postulat der Brüder nach Marienthal. Fünf kehrten schließlich zu ihren Familien zurück. Sie wurden durch sechs neue ersetzt. Die Zahl an apostolischen Berufungen nimmt zu. Wir danken Gott dafür und wünschen von ganzem Herzen, dass aus der großen Anzahl von Schülern auch eine große Zahl Auserwählter hervorgehen möge.
Eine erste Überraschung erwartete unsere Schüler, nachdem sie zur Schule zurückgekehrt waren. Pater Brindl ging am 3. August nach Trier. Pater Ehret erhielt gegen Ende der Ferien unerwartet seine Ernennung nach Altkirch. Der Abschied von diesen beiden Mitbrüdern hat im ganzen Haus das tiefste Bedauern ausgelöst.
Pater Brindl, durch Pater Liebst ersetzt, gehört nun zum Scholastikat von Trier. Pater Ehret, durch Pater Laïb ersetzt, wird demnächst dem Noviziat der Brüder von Maison-Carrée angehören (..was bei Kriegsausbruch vermutlich nicht mehr zustande kam..).
Ebenso gab es unter den Brüdern einige Änderungen: Bruder Justin, der nach Altkirch berufen worden war, wurde durch Bruder Florian ersetzt, der das Noviziat verließ, und Bruder Agapit, der zum Militärdienst eingezogen wurde, durch Bruder Othon. Bruder Philippe, der ins Mutterhaus zurückgerufen wurde, konnte nicht ersetzt werden.
Eine weitere Überraschung - diesmal sehr angenehm - war, dass unsere Schüler bei ihrer Rückkehr unsere Kapelle verändert vorfanden; sie war bis dahin einfach weiß getüncht, nun ist sie kunstvoll bemalt.
Am 24. September haben wir die Ehre des Besuchs von Bischof Léonard. Ihre Eminenz wird von Pater Breistroff begleitet. Vom 2. bis 6. Oktober machten unsere Schüler ihre dreitägigen Exerzitien in völliger Stille. R. P. Provinzial, trotz seiner vielen Aufgaben, war so freundlich, ihnen selbst zu predigen. Die Leidenschaft, mit der sich selbst die Kleinen diesen Übungen hingaben, wird seine schwache körperliche Verfassung sicher etwas verbessert haben.
Ein Fest, das von nun an anders wird, ist das der Erstkommunion. Dank des Dekrets des Papstes über die Gemeinschaft der Kinder werden unsere jüngsten Schüler künftig alle ihre erste Kommunion erst erhalten, wenn sie im Alter von zwölf Jahren noch in unerem Haus weilen.
Elf von unserer Studenten wurde am Pfingstdienstag von Bischof von Keppler, Bischof von Rottenburg, eine Bestätigung verliehen.
Die Gesundheit unserer jungen Leute war im Allgemeinen gut. Unsere Krankenschwester musste jedoch einen schwerwiegenden Fall behandeln, der uns einige Tage lang so ernsthafte Bedenken bereitete, dass wir es für angebracht hielten, dem jungen Patienten die Letzte Ölung zu spenden. Der göttliche Meister wollte uns jedoch nicht um das Opfer bitten, auf das wir uns bereits vorbereitet hatten. Lassen Sie uns unter den Mitbrüdern, die uns im Laufe des Jahres mit ihrer Anwesenheit geehrt haben, R. P. Michel als Besucher erwähnen.
Pater Baurmann hat fast das ganze Jahr über unermüdlich Propaganda für unsere Werke geleistet, zusätzlich zu der Tatsache, dass wir alle Anstrengungen unternommen haben, um bei den Pfarrern alle angeforderten Gottesdienste zu leisten: Dienst auf der Kanzel und im Beichtstuhl, Konferenzen mit oder ohne Vorführungen in Internaten und Pfarreien, vorzugsweise in den größten Zentren in Hohenzollern, Württemberg, Baden und der Schweiz. Unsere Propaganda hat überall die aufrichtigsten Sympathien gefunden. Das katholische Volk in Süddeutschland ist sehr an Missionen interessiert. Und der Beweis ist, dass die Erzdiözese Freiburg (in Baden), zu der wir gehören, Seiner Majestät dem Kaiser als Jubiläumsgeschenk zugunsten der Missionen und der Diözese Rottenburg (Württemberg) die Summe von 170.782 Reichsmark überreichen konnte. Wir erhalten davon die Summe von 143.756 Mark.

Personal am 30 juni 1913:
PP. Daull, Barth, Baurmann, Hinkelbein, Gantner, Laib, Liebst. FF. Ferdinand, Maurice, Christophe, Othon, Ubald, Florian

Quellen:
Band No. 8, Rapports Annuels, 1912-1913, Seiten 50-61,
Missionnaires d‘Afrique (Maison-Carrée, Algier, 1911)

Übersetzung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf. Abbildungen: Arch. WV Köln, Afrika-Bote Afrika-Bote: 19/1912-1913; 21/1914-1915)
Duwendag, H.-U, W. Völker: Ruanda und die Deutschen – Missionare als Zeitzeugen der Kolonialgeschichte. Lit-Verlag, 2017

Anmerkung:
Dieser Bericht über die Aktivitäten des Missionshauses Haigerloch ist vorerst der letzte in den Tagebüchern (Rapports Annuels) der Afrikamissionare, herausgegeben in der zweiten Jahreshälfte 1913. Mit Ausbruch des Ersten Weltkriegs und des Kolonialkriegs in Deutsch-Ostafrika wurden die Kommunikationswege der Missionshäuser der Afrikamissionare in Deutschland und ihrer Missionsstationen in den deutschen Kolonialgebieten mit dem Mutterhaus Maison Carée (Franz. Nordafrika) im französischen Machtbereich unterbrochen. Über fünf Jahre schweigen die Tagebücher zu Haigerloch und anderen Missionshäusern der WV in Deutschland. Waren dafür nur die unterbrochenen Kommunikationswege alleinige die Ursache? Berichte über deutsche Pères Blancs und ihre Aktivitäten hätten im frankophonen Raum leicht den Eindruck einer Parteinahme oder gar Kollaboration mit dem Kriegsgegner erwecken können. Ist man daher in der Redaktion im Maison Carré diesem Spannungsfeld zwischen den Kriegsparteien ausgewichen durch Schweigen? Aus dem ehemaligen Deutsch-Ostafrika, nun belgisch und britisch besetzt, gab es jedenfalls nur noch spärlich Nachrichten über die deutschen Weißen Väter. Was ist nach Mitte 1913 noch über das Missionshaus Haigerloch aus anderen Quellen zu erfahren? Was wissen wir über das Schicksal ehemaliger Haigerloch-Patres und Laienbrüder vor, während und kurz nach dem Kolonialkrieg in Ostafrika? Der bereits genannte Pater Peter Schumacher hat sich ja mit seinen « Reiseplaudereien » bereits im Afrika-Bote vorgestellt. Bruder Adelphe wechselte seine nationale Identität ; der Elsässer wurde wieder Franzose. Wie wir aus dem Afrika-Bote aber erfahren, ist auch Pater Joseph Hinkelbein, kurz nach Berichtsende Juni 1913, von Haigerloch ins Vikariat Kivu nach Afrika berufen worden.

Hier zwei Berichte über ihn im Afrika-Bote

vom 10. Juli 1913 (Abreise von Haigerloch) und vom 27. Januar 1914 (kurz nach Ankunft in Ruanda):
Kleine Mitteilungen.

P. Joseph Hinkelbein auf der Ausreise nach Deutsch-Ostafrika. Eine schlichte, aber herzliche Familienfeier fand am 10. Juli (1913) im Missionshause Haigerloch statt. Sie galt dem hochw. Herrn P. Joseph Hinkelbein, der nach dreijähriger Wirksamkeit an der Missionsschule, dem Rufe seiner Obern und dem Sehnen des eigenen Herzens folgend, in die Missionen Deutsch-Ostafrikas abreist. Das schöne Bergland am Kivusee in dem bestbevölkerten Teile unserer Kolonie soll seine neue Heimat sein. In Liedern und Gedichten, welche die Zöglinge der Anstalt dem scheidenden Lehrer darbrachten, kam helle Missionsbegeisterung zum Ausdruck. Am liebsten möchten wohl alle dem Missionar auf sein fernes Arbeitsfeld folgen. Ein donnerndes Hoch scholl über das stille Tal, als der hochw. Herr Pater dem Missionshause den letzten Abschiedsgruß zuwinkte. Möge Gottes Hand ihn geleiten auf der weiten Reise ; mögen ihm noch recht viele Jahre segensreichen Wirkens beschieden sein im Heidenlande. Und mögen ihm die Freude zuteil werden, noch recht viele Missionspriester und Brüder aus der deutschen Heimat nachkommen und die große Seelenernte zu sehen.
(AB 19/1912-1913)
Kaisers Geburtstagsfeier in Kissenji.
Bei seinem Antrittsbesuche als Kompagnieführer Kissenji hatte Hauptmann Stemmermann die Liebenwürdigkeit, uns zur Feier von Kaisersgeburtstag einzuladen. Die Parole war: « Zur Parade 11 Uhr vormittags ! »
An dem hohen Tage machte ich mich (P. P. Schumacher) denn in Begleitung von P. Hinkelbein auf, und als wir die Höhe über Kissenji passierten, sahen wir die Truppen bereits aufmarschieren. Wir kommen an, und Hauptmann Stemmermann nimmt uns in Empfang; Oberleutnant Busse und Leutant Erdmann durften wir noch nicht die Hand drücken, denn eben paradierten sie in unbestechlicher Haltung, blankem Seitengewehr und unverwandtem Blick an der Spitze ihrer Mannen an uns vorüber: Auch Herr Hauptmann hatte seinen männlichen Zügen nach dem ersten Empfangslächeln wieder ein ausgesprochen martialisches Gepräge aufgedrückt. Die kräftige Ansprache des Hauptmanns musste den Mannschaften in Mark und Bein übergegangen sein, denn sie zogen in strammem Aufmarsch vorbei und ihre Reihen zeugten von echt militärischer Zucht. [...]
Am Strande hatten die Offiziere aus Fahnentüchern ein geräumiges, luftiges Festzelt errichtet, dessen eine Seite dem kühlenden Seewind offen stand: Hier versammelte sich denn die deutsche Kolonie zu löblichem Tun im Namen und zu Ehren des Kaisers, und beim Toast des Hauptmanns drang unser begeistertes Hurra aus vollem Herzen! Hurra! Möge deutsche Kultur und deutsche Zucht gar bald die so unsozialen Wirrnisse lichten, dies sich in wildem Gesellschaftsleben hierzulande breit machen ! [...]
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P. Hinkelbein
Ein gemütliches Kaffeekränzchen vereinigte uns gegen Abend noch einmal in dem schwarz-weiß-roten Zelte, und nachdem wir Oberleutnant Busse noch zu seiner menschheitsfördernden Eigenschaft als (Militär-) Postengründer und - Führer im Süden des Kivu-Gebietes gratuliert hatten, verabschiedeten wir uns von unsern freundlichen Gastgebern und Festteilnehmern.
Dieser 27. Januar 1914 wird uns in herzlicher Erinnerung bleiben. P. Schumacher.

(AB 21/1914-1915)

Das untere Foto – leider unscharf – stammt von Pater Schumacher, der kurz zuvor seinen Kollegen aus Haigerloch, Pater Hinkelbein (Bild re.), in Kabgaye willkommen geheissen hatte und der sich wenige Tage später gemeinsam mit ihm auf den Weg nach Kissenji begeben hat. Sein Foto zeigt die Offiziere des Militär- postens Kissenji am nördlichen Ufer des Kivu-Sees im Festzelt, das anlässlich von Kaiser’s Geburtstag am 27. Januar 1914 mit einer schwarz-weiß-roten Fahne geschmückt worden ist. Im Hintergrund vor dem Wappen des Reichadlers sitzt Pater Hinkelbein.
Es war am Vorabend des Kolonialkriegs. Man befürchtete im Ernstfall ein Vordringen der Belgier aus dem Belgisch-Kongo entlang des Nord- als auch des Südufers vom Kivu-See. Dieser Fall trat dann auch wenige Monate später mit Ausbruch des Kolonialkriegs ein. In diese Abwehrkämpfe war damals auch der Laienbruder Privatus (Jakob Brauchle) aus Haigerloch, verwickelt.

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