Die Klepfer

Webseite ehemaliger Schüler der Weißen Väter und ihrer Weggefährten

Aus der Chronik der Weißen Väter 1927 - 28

Jahresbericht des Missionshauses Haigerloch 1927/28


Als Vorlage für die folgende Fassung des Jahresberichts des Missionshauses Haigerloch diente die Kopie eines maschinengeschriebenen Textentwurfs. Da dieser Entwurf etliche handschriftliche Anmerkungen und „geklammerte“ Passagen enthält, ist nicht sicher, welche Textstellen tatsächlich für die Rapports Annuell übernommen worden sind. Außerdem ist der vorliegende Text in deutscher Sprache verfasst. Ob er in dieser Form für die Chroniken übernommen wurde, ist ebenfalls unklar. Da hilft nur ein Blick in die gedruckten Tagebücher, welche dem Verfasser leider nicht vorliegen.

1.Personal
Nach der größeren Umgruppierung im vorigen Jahre trat dieses Jahr im Personalwechsel etwas Ruhe ein. Nur P. Dostert musste Ostern den Wanderstab ergreifen und mit der Obertertia von hier nach Zaitzkofen übersiedeln (er war ein Jahr hier tätig. Gott lohne ihm seine eifrige Arbeit in der Klasse und auch bei den Aushülfen in der Seelsorge). Nach Ostern verließ uns auch unser mehrjähriger Koch, Br. Cölestin, um in Marienienthal die Besorgung zu übernehmen: des Gartens. (Unseren herzlichen Dank für die lange,anstrengende Arbeit in der Küche!) Leider hat die Gesundheit von P. Stieffenhofer und auch von P. Kraus (Lungenspitzen- katarrh) zu wünschen gelassen. Die starken oft plötzlichen Temperaturschwankungen hier in Haigerloch sind für schwache Lungen gefähr1ich, da sie leicht zu starken Erkältungen führen. Als Vertreter für P. Stieffenhofer in Griechisch und Mathematik auf der Obersekunda kamen P. Reichertz und P. Fuchs von der Universität für mehrere Wochen hierher und halfen wacker mit.

2. Schüler
Die Zahl der Schüler erreichte Ostern 125; es war aber etwas zu eng auf den Schlafsälen geworden. Die Schwierigkeit war bald behoben, da nach einiger Zeit wieder mehrere Schüler das Haus verließen. (Die Anfragen waren dieses Jahr aus hiesiger Gegend (Hohenzollern, Baden und Württemberg) weniger zahlreich eingelaufen, anscheinend auch deshalb, weil unser Pensionssatz (450 M) höher ist als der anderer Missionshäuser in der Umgegend. Es kamen deshalb eine Reihe Schüler aus dem südlichen Teil des Rheinlandes, die sonst nach Rietberg gegangen wären, hierher. Wir haben augenblicklich, nach Ländern verteilt, 21 Badener, 13 Hohenzollern, 42 Württemberger, 37 Rheinländer (einschließlich Saargebiet), 3 Westfalen, 2 Bayern, 1 Hessen und 1 Schweizer hier. Der Gesundheitszustand der Schüler war durchweg gut; auch im Winter blieben sie Gott sei Dank von der Grippe verschont.
Den Missionseifer der Schüler suchten wir zu unterhalten durch Konferenzen, Lichtbildervorträge, Fest1ichkeiten, so noch vor kurzen durch die feierliche Begehung des 50-jährigen Jubiläums des Auszuges der ersten Missionare nach Innerafrika, wobei einer der Schüler selbst eine begeisterte Missionsansprache hielt. Auch wurden sie regelmäßig vor den Ferien ermuntert, (sich) während der Ferien, soweit sie es in kluger Weise fertig brächten, mit zusorgen für die Verbreitung des Afrikaboten und die Gewinnung neuer Berufe; dafür wurden ihnen Probeexemplare mitgegeben. Unsere Obertertia, die sonst regelmäßig nach Rietberg ging, musste dieses Jahr, wegen Platzmangels in Rietberg, nach Zaitzkofen übersiedeln.

3. Einrichtung des Hauses
Zu unser aller Freude konnte ein Herzenswunsch von allen am Anfang dieses Jahres verwirklicht werden: die Ausmalung der Kapelle. Da sich die frühere Malerei immer mehr abblätterte, war sie in einem ganz unwürdigen Zustande. Br. Ephrem und Br. Christoph benutzten die Monate, weil ihre Reise in die Missionen verschoben werden musste, zu dieser Arbeit; sie gingen mit viel Eifer und Aufopferung ans Werk. Br. Quiriakus und Br. Montanus unterstützten sie. Wenn auch ein künstlerisches Auge manches auszusetzen hat an der Malerei, so ist die Kapelle jetzt doch nicht mehr in einem unwürdigen Zustande; die Schüler finden übrigens an den frischen Farben viel Gefallen und sonderbarerweise gerade an dem, was einem künstlerischen Empfinden weniger entspricht. Die Sprüche an den Wänden, die den Missionsgedanken zum Ausdruck bringen (Christus, unser König - Ruf dieses Königs - Beweggrund, ihm zu folgen - Aufgabe der Missionare - Verwirklichung dieser Aufgabe durch die Vermittlung der Gottesmutter - Vollendung der Missionsaufgabe in der Herrschaft Christi) bringen etwas Leben und Abwechselung in das Ganze. Ebenso gelang es, einen anderen langgehegten Wunsch zu verwirklichen, nämlich die Anlage einer Badeeinrichtung. Man wählte dafür den bisherigen Kartoffelkeller; die Maurerarbeiten und Zementierarbeiten wurden von unseren Brüdern ausgeführt, die Ofen- und Boileranlage von einer Firma ausgeführt (Stumpf und Müller) aus Stuttgart, die Brauseanlage von einem Klempner aus Haigerloch. Die Anlage kam auf etwa 1200 M.. Die Badeanlage ist zu aller Zufriedenheit ausgefallen (8 Brausen). Die zementierten Vertiefungen unter den Brausen dienen zugleich als Wannen für die regelmäßigen Fußbäder. Da wir öfter mit unseren Zimmern in Verlegenheit kamen, haben wir auf dem Speicher durch Errichtung einer Zwischenwand in der dortigen Vorratskammer ein Wohnzimmer abgetrennt; ein Zimmer wurde auch noch gewonnen durch Errichtung eines besonderen Trockenraumes hinter der Waschküche.

4.Propaganda
Die Propagandatätigkeit hielt sich in dem bisherigen Rahmen. Alle Patres halfen eifrig mit bei den notwendigen Aushülfen in den Pfarreien, so dass einige Patres mehr für Missionsfeste frei blieben. P. Feger gelang es, durch Besuch bei Geistlichen besonders in der Nähe von Würzburg und in Nordbaden eine Reihe von Missionsfesten festzulegen. Ebenso besuchte P. Kraus eine Anzahl ihm bekannter Geistlicher in Mittelbaden und konnte so, durch Ausnützung der persönlichen Beziehungen, eine verhältnismäßig große Anzahl von Missionsfesten dort halten. Leider hat seine Erkrankung, die wohl auch mit der etwas großen Anstrengung bei den einzelnen Missionsfesten zusammenhing, seine aussichtsreiche Propagandatätigkeit im letzten Vierteljahr unmöglich gemacht. Auch P. Häfele hat trotz der vielen Unterrichtsstunden eine Reihe Missionsfeste halten können, so auch in Stuttgart, Konstanz.
Die Lebensmittelsammlungen (Getreide, Kartoffeln, Eier) fanden wie früher auch dieses Jahr statt; unsere Brüder haben sich dabei recht opferwillig betätigt.
Das diesjährige Theaterstück (Niess und Henle, s. Anmerkung unten), das wir 4 mal in der Stadt aufführten, fand außergewöhnlichen Anklang bei der Bevölkerung von Haigerloch und Umgebung und war durch einige packende Stellen recht dazu angetan, Missionsbegeisterung zu wecken und zu befördern. Einer Aufführung wohnte auch Freiherr von Seckendorf, Exzellenz, bei, der zur Zeit P. Henles (Steyler- Missionar) in China als deutscher Gesandter tätig war: Konsul (s. Anmerkung unten).

5. Einzelheiten aus der Chronik.
August 16.
Ankunft der Ferienkinder von Karlsruhe. Auf Bitten des Caritasverbandes haben wir uns wieder bereit erklärt, das Haus zur Verfügung zu stellen. Das Betragen der Jungen war aber leider so unbändig und roh, zum Teil wegen der Ungeeignetheit des Führers, dass man sich kaum mehr dazu verstehen kann, die Ferienkinder aufzunehmen, wenn nicht Sicherheiten für ein ordentliches Betragen gegeben werden.
April 13.
Heute hielt das Radio Einzug in unser Haus. Unser H. Stadtpfarrer, der uns sehr gewogen ist, hat uns den Apparat mit Zubehör geschenkt; da man gezögert hatte, auf sein Anerbieten einzugehen, hat er sogar bei der Visitation H. P. Provinzial selbst gefragt, ob er uns das Geschenk machen dürfe.
April 30.
H. Geistl. Rat Marmon, bisher Stadtpfarrer in Sigmaringen, hält heute seinen Einzug in das Kaplaneihaus von St. Anna; er will dort seine Ruhejahre verbringen. Er ist es, der vor 25 Jahren unserem damaligen P. Provinzial Froberger, der auf der Suche nach einem passenden Platze für die neue Niederlassung war, den Rat gegeben hat, einmal nach Haigerloch zu gehen und es dort zu versuchen.
Juni 20.
Besuch des H. H. Erzbischofs von Freiburg in unserem Hause. Es ist wohl das erste Mal, dass ein Erzbischof von Freiburg unser Haus betritt. Er weilt zur Spendung der hl. Firmung in Haigerloch. Wir empfangen ihn so feierlich wie möglich. P. Superior hält vor dem Eingang in die Kapelle, umgeben von den Mitbrüdern und Schülern, eine Begrüßungsansprache, unter dem Gesang eines vierstimmigen Liedes zieht er ein in die Kapelle, hält eine packende Ansprache über die Schönheit und die Pflichten des Missionsberufes und gibt dann den bischöflichen Segen. Nachher unterhält er sich gemütlich scherzend mit den Patres, Brüdern und Schülern und verlässt nach Besichtigung des Fremdenzimmers das Haus. P. Superior fährt mit ihm im Auto zum Pfarrhaus. Er zeigt sich sehr befriedigt über den Besuch, besonders haben ihm, wie er wiederholt erwähnt, der Gesang und das frische Wesen der Schüler gefallen.

Personal:
Patres: P. Liebst, Superior; Haefele, Feger, Stieffenhofer, Morgenstern, Kraus, Kneer, Pandels, Kropp, Trein

Brüder:
Clément, Quinau (?), Hermann-Josef, Kilian, Montanier, Marianus, Gerrasim, Gangolf

Anmerkung zur Theateraufführung „Nies und Henle“ vor dem ehemaligen deutschen Konsul in China, Edwin Alfred Richard von Seckendorff, als Zuschauer
Die Geschichte von Kiautschou beginnt mit der Ermordung von zwei deutschen Steyler-Missionaren, des Franz Xaver Nies und seines Mitbruders Richard Henle, im Dorf Chang-chia-chuang (Zhangjiazhuang, Tshanyachuang) am 1. November 1897 durch Mitglieder der „Gesellschaft der Großen Messer“. Das war für die Reichsregierung in Berlin der willkommene Anlass zur beabsichtigten Okkupation unter dem Vorwand einer Sühnemaßnahme und der Verpflichtung, als „Schutzmacht“ intervenieren zu müssen.
Beschreibung
Postkarte der Steyler-Mission von Puoly, der Muttergemeinde der Mission in Südschantung, vom 10.5.1905 nach Dortmund. Auf der Ansichtskarte des Missionshauses wird mitgeteilt: „Betrag erhalten. Taufe findet am 2. November statt. Teile ihnen dann den Namen Ihres Pathenkindes mit. Mit herzlichem Dank, ergebenster Diener, R. Pieper.“ (Sammlung: Wolfgang Völker)
Dahinter standen aber viel mehr die imperialen Bestrebungen des Deutschen Reichs, eine Marinebasis in der Nähe zu seinen Kolonien im Pazifik zu besitzen und mehr Einfluss auf das schwache China auszuüben. Bereits am 14. November 1897 landeten deutsche Truppen in der Bucht von Kiautschou. China fühlte sich in seiner Souveränität und Integrität verletzt, musste aber schließlich nach schwierigen Verhandlungen am 4. Januar 1898 auf alle deutschen Forderungen eingehen. Es verpflichtete sich, die Kiautschou- Bucht für 99 Jahre zu verpachten und Konzessionen für den Eisenbahnbau zu Bergwerken im Landesinnern an deutsche Unternehmen zu vergeben (Schantung-Bahn).
Auch die Steyler-Missionare profitierten von dem erzwungenen Vertrag und forcierten fortan ihr Missionswerk vor Ort. Für die Bereitstellung von Grund und Boden für Missionsgesellschaften bestand dort ein Ankaufs- und Enteignungsrecht der deutschen Regierung. Land wurde den deutschen Missionsgesellschaften gegen Übernahme „gewisser Verpflichtungen“ (z.B. Schulen für Chinesenkinder) für die Kulturarbeit unter der chinesischen Bevölkerung kosten- und abgabenfrei überlassen.
Die Aufführung eines Theaterstücks über die Umstände der Ermordung der Steyler- Missionare Nies und Henle durch die Schüler vom Missionshaus Haigerloch diente dazu, in ihnen Missionsbegeisterung zu wecken und zu befördern – der Märtyrertod als einkalkulierte Option ihres zukünftigen missionarischen Auftrags.
Wie wir jetzt wissen, wurde der Vorfall vom Tod der deutschen Missionare seinerzeit politisch instrumentalisiert und in Folge ein Teil von China, nämlich der Ort Kiautschou an der Bucht von Tsingtau, von den Deutschen okkupiert. Dieses Ereignis und die Ermordung des Gesandten der deutschen Reichsregierung, Baron Clemens von Ketteler, am 20. Juni 1900 forcierten den sogenannten Boxeraufstand durch rebellierende Chinesen. Dessen brutale Niederschlagung durch eine militärische Allianz der Großmächte forderte Tausende Menschenleben.
Die Kolonialträume des Nachkriegsdeutschlands waren sicher noch wach in dem illustren Gast bei einer dieser Theatervorstellungen der Missionsschüler. Es handelte sich bei dieser Person um Edwin Alfred Richard von Seckendorff, Kaiserlich deutscher Wirklicher Geheimer Rat und königlich preußischer Gesandter a. D.. Dieser war vor dem Krieg von 1888 bis 1897 deutscher Konsul in Tianjin/China und von 1913 bis 1914 stellvertretender Gesandter in Peking. Er starb am 1. Februar 1933 in Hechingen im Alter von 78 Jahren.

Quellen:
Textvorlage des (unfertigen ?) Jahresberichts Haigerloch von 1927/28,
Archiv Weiße Väter, Köln
Textgestaltung und Anmerkung: Dr. Wolfgang Völker / Lengerich/Westf.