Aus der Chronik der Weißen Väter 1928 - 29
Missionshaus Haigerloch Jahresbericht 1928/29
1. Personal
Im Personal des Hauses fand wie im vorhergehenden Jahr wenig Wechsel statt, sodass die in der Berufstätigkeit gemachten Erfahrungen auch ausgenützt werden konnten. Die Gesundheit der Einzelnen war ziemlich gut, abgesehen von öfteren Erkältungen in dem außergewöhnlichen strengen Winter, in dem das Thermometer bis auf 32 Grad unter 0 herabsank, in dem sich der Mangel einer Zentralheizung im Hause sehr unangenehm bemerkbar machte. Nur P.Kraus mussten wir für einige Wochen ins Krankenhaus von Horb bringen.Infolge einer Erkältung hatte er einen Monat lang einen starken Bronchialkatarrh, der trotz aller angewandten Heilmittel nicht weichen wollte. Schließlich traten Zeichen einer beginnenden Rippenfellentzündung auf, die ein Verbringen ins Krankenhaus angezeigt erscheinen 1iessen. Gerade zu dieser Zeit, wo die Vorbereitungen auf die Feier des 25 Jährigen Jubiläums unseres Hauses begannen , hätten wir unseren P. Ökonom in seiner vollen Arbeitskraft gebraucht. F. Kneer & P. Feger teilten sich in die Ökonomatsarbeiten, F. Superior, P. Stieffenhofer und P. Voit in die Unterrichtsstunden. Gott sei Dank war das Übel in einigen Wochen behoben.
2. Schüler
Die Zahl der Schüler ist leider im Lauf des Jahres etwas zurückgegangen. Es schied eine verhältnismäßig große Anzahl von Schülern aus, auch die Aufnahmen an Ostern waren geringer. Wir begannen Ostern das Schuljahr mit 107 Schülern, während es im Jahr vorher 125 waren. Die vielen ähnlichen Anstalten in der Gegend (Gmünd, Bruchsal. Donaueschingen, Blönried, Wurzach, Ellwangen), die erst vor einigen Jahren entstanden sind und jetzt mehr bekannt geworden sind, ziehen manche Berufe (Bewerber) an, die sonst vielleicht zu uns gekommen wären. Mit der Gesundheit der Schüler stand es im Durchschnitt gut. Im Winter mussten wir, wohl zum ersten mal seit Bestehen des Hauses, Öfen in den Schlafsälen aufstellen wegen der grimmigen Kälte. Einige, im übrigen recht gute Schüler, mussten wir wegen Krankheit (Nerven, Lunge) heimgehen lassen. Mit dem Geist (der Motivation) der Schüler können wir im allgemeinen zufrieden sein. Das frisch-fröhliche Wesen an ihnen ist schon manchen Besuchern, unter andern auch dem Hochwürdigsten Herrn Erzbischof v. Freiburg angenehm aufgefallen. Die Missionsbegeisterung der Schüler haben wir auch in diesem Jahre durch Missionsvorträge zu unterhalten gesucht. Durch eine Verlosung von allerlei brauchbaren Sachen nach den Herbstferien suchten wir den Eifer für Propagandatätigkeit (Gewinnung von Abonnenten für den Afrikaboten etc.) zu fördern.
3. Einrichtung des Hauses
Trotzdem, und auch weil das Haus nun schon 25 Jahre steht, stellt sich immer wieder von Zeit zu Zeit die Notwendigkeit der einen oder anderen Verbesserung oder Ausbesserung in der Einrichtung heraus. Im Lauf des Jahres führten unsere Brüder einen kleinen Anbau an der Waschküche aus, der als Trockenraum für die Wäsche dienen soll. Im Hinblick auf die bevorstehende Feier des silbernen Jubiläums des Hauses erhielten Fenster, Türen und Schränke im Hause nach langen Jahren wieder einen neuen Anstrich, ebenso das Äußere des Hauses an zwei dem Wetter besonders ausgesetzten Seiten, damit es den „Weissen“ Vätern wieder etwas ähnlicher sehe.
4.Propaganda
Die Propagandatätigkeit wurde mit vielem Eifer, aber mit der besonders z. Zt. gebotenen klugen Rücksichtnahme im Lauf des Jahres betrieben. Außer P. Feger, der als Prokurator im Hauptamt dafür tätig ist, haben sich auch P . Häfele , P. Kraus und P. Kneer durch öftere Abhaltung von Missionsfesten verdient gemacht. Alle Patres haben, soweit der Unterricht es zuließ, mit großer Aufopferung Aushilfen in Pfarreien übernommen, die nun einmal notwendig sind, um die guten Beziehungen zu den Herren Geistlichen zu unterhalten und den Weg zur Abhaltung von Missionstagen zu bahnen. So wurden im Lauf des Jahres 1928 in 281 Pfarreien 232 Aushilfen geleistet, 43 Missionsfeste abgehalten und 6 Exerzitienkurse gegeben. Die Zahl der auswärts gehörten Beichten belief sich auf 17980. Auch die Lebensmittelsammlungen konnten im verflossenen Jahr wie früher in ca. 50 Dörfern gehalten werden, wobei unsere Brüder viel Opfersinn gezeigt haben. Die Einnahmen haben sich, Gott sei Dank, im ganzen etwas gesteigert, sodass wir beträchtliche Beträge für unser neues Haus abgeben konnten. Auch unser diesjähriges Theaterstück, ein Missionsstück (Caonabo, der dunkle Mond, Missionsdrama), das in der Weihnachtszeit 4 mal in der Stadt, darunter einmal für die Schulen der Umgegend (500 Kinder) aufgeführt wurde, stand im Dienst der Missionspropaganda (siehe Anmerkung unten: Frank Pohle – Promotionsschrift 2006).
5. Silbernes Jubiläum
Ein Ereignis müssen wir aus der Chronik besonders hervorheben: die Feier des silbernen Jubiläums unseres Hauses. Am 21. Juni dieses Jahres waren es 25 Jahre, dass unser Haus feierlich eingeweiht wurde. Es erübrigt sich wohl, hier einen Überblick über die Geschichte der Anstalt in den 25 Jahren und eine eingehende Schilderung des Verlaufs der Feier zu geben, da beides von einer gewandten Feder im Afrikabote (Juni- und Septembernummer 1929) bearbeitet wurde, sodass alles Wissenswerte für die künftigen Generationen festgehalten ist. Nur einige Einzelheiten seien hervorgehoben.Die größte Prüfung für die Anstalt in den 25 Jahren war unstreitig der Weltkrieg und die darauf folgende Inflationszeit. Nur durch das außerordentliche Entgegenkommen der umliegenden Gemeinden und auch des Stadtbürgermeisters Albrecht war es möglich, den Betrieb der Anstalt aufrecht zu erhalten. Durch den Weltkrieg wurden starke Lücken in die Reihen der Schüler gerissen, der Schüler, die damals noch zum Hause gehörten und auch der älteren, die in einem anderen unserer Häuser ihre Studien fortsetzten. Daraus erklärt es sich zu einem großen Teil, dass der Prozentsatz derjenigen,die das Ziel erreicht haben, etwas gering ist. 983 Schüler sind in die Missionsschule eingetreten. Davon sind 47 Patres, 9 Missionsbrüder, 50 Seminaristen unseres Scholastikates, 185 noch als Schüler in unseren Häusern. Von den ausgetretenen Schülern wurden 16 Priester, 6 sind Theologen.
Was uns bei der Jubiläumsfeier besondere Freude machte, war das aufrichtige Wohlwollen, das man von allen Seiten, von den geistlichen Behörden (Vertreter des Erzbischofes von Freiburg und des Bischofs von Rottenburg) und von der weltlichen (Vertreter des Regierungspräsidenten, Stadtbürgermeister) der Anstalt zum Ausdruck brachte. Erwähnen möchte ich in diesem Zusammenhang das Ständchen, das die Stadtkapelle am Vorabend der Anstalt brachte. Möge das Wohlwollen ein gutes Omen sein für das Wirken des Hauses in den kommenden 25 Jahren!
6. Einzelheiten aus der Chronik Juli 24.
P. Jeuland, Mitglied des Generalrates, erfreut uns mit seinem Besuche. Er ist auf dem Weg nach Mariental, wo er den Patres die 30-tägigen Exerzitien predigen wird.
Juli 26.
Wir halten heute eine Nachfeier zum 25-jährigen Priesterjubiläum von P. Provinzial Steinhage, der in unserer Mitte weilt. Wir machen ihm eine kleine Freude mit einer Reihe von Paramenten, die wir für das neue Haus in Gross-Krotzenburg hatten, kommen lassen. Am Nachmittag kommen die Geistlichen der Umgegend zu einer kleinen Feier hier im Hause zusammen, an der auch Herr Landrat Schrärmeyer von Hechingen teilnimmt. P. Jeuland spricht dabei in französischer Sprache seine Freude über das Wohlwollen aus, das die Geistlichkeit und Herr Landrat dem Hause entgegenbringen.
September 30.
Bischof Dr. Sproll von Rottenburg überrascht uns heute Nachmittag mit einem Besuche. Er hält den Schülern in der Kapelle eine ermunternde Ansprache und verbringt nachher ein Stündchen mit den Patres bei einem Tässchen Kaffee.
Oktober 30.
Drei Herren von der Regierung von Sigmaringen und vom Landesausschuss besichtigen heute Nachmittag das Haus. Da aber unsere Schüler heute Nachmittag am 25. Jahrestag des Eintreffens der ersten Schüler hier im Hause schulfrei haben, ist es Herrn Schulrat Dr. Rech, der auch bei den Herren ist, nicht möglich, den Unterricht zu besuchen.
März 12. (1929)
Heute hält endlich das Telephon Einzug in unser Haus. Von Seiten der Geistlichen der Umgebung von Haigerloch war schon öfters der Wunsch geäußert worden, dass wir es einrichten lassen möchten, und sogar Beiträge für die Einrichtung in Aussicht gestellt und auch gegeben wurden. Möge nun auch dieses moderne Verkehrsmittel hier dem Werke der Missionen dienen!
F. Liebst, Superior.
Personal ist in der Vorlage für die Chroniken (Rapports Annuels) nicht aufgeführt!
2. Anmerkung:
„Die Zwecke des Schultheaters lassen sich auf drei Kernpunkte reduzieren: Theater war zum Ersten ein pädagogisches Instrument, zum Zweiten eine Werbung für das einzelne Gym- nasium bzw. für den Orden als Schulträger und zum Dritten ein Mittel der Glaubensverkündigung.“
Aus Frank Pohle, M.A.: "...mera ossa et cadavera"
Studien zum Jesuitentheater in Jülich-Berg, Ravenstein und Aachen (1601-1817).
Von der Philosophischen Fakultät der Rheinisch- Westfälischen Technischen Hochschule Aachen zur Erlangung des akademischen Grades eines Doktors der Philosophie genehmigte Dissertation vorgelegt von Frank Pohle, M.A. aus Geilen- kirchen, Kreis Heinsberg.
( http://publications.rwth-aachen.de/record/62507/files/Pohle_Frank.pdf)
Cover-Blatt des „Afrika-Bote“, 35. Jahrg./1929, der ausführliche Beiträge zum Silberjubiläum der Missions- schule Haigerloch enthält.
Textgestaltung und Abbildungen: Dr. Wolfgang Völker / Lengerich/Westf.