Aus der Chronik der Weißen Väter 1929 - 30
Missionshaus Haigerloch Jahresbericht 1929/30
I. Personal
Selten wird es Mitbrüdern so wie P. Feger und P. Stieffenhofer beschieden sein, 15 bis 16 Jahre in ein und demselben Hause zu wirken. Schon lange hielten sie Ausschau, ob sich nicht der Weg eröffne nach Afrika, dem Land ihrer Jugendideale. Dieses Jahr konnte sich ihr Wunsch verwirklichen. P. Stieffenhofer (s. Abb. unten) verließ uns Mitte März, P. Feger Anfang Juni, um zunächst in London sich im Englischen zu üben und dann im September die Ausreise anzutreten. (Die Abschiedsfeiern, die wir hielten, packte die Schüler und festigte sie in ihrer Begeisterung für den Missionsberuf.) Unsern (Dank) für die lange opferreiche Wirksamkeit hier im Hause, Gottes Segen in ihrem neuen Wirkungskreis!
Nach Ostern verließ uns auch P. Kneer, der seit 1927 hier tätig war, um in Zaitzkofen seine bewährte Kraft in den Dienst des dortigen Hauses zu stellen. Unsere besten Wünsche begleiten ihn. Mit der Gesundheit der Patres und Brüder war es dieses Jahr ziemlich gut bestellt, so dass die Arbeit ihren ungestörten Fortgang nehmen konnte.
II. Schüler
Die Zahl der Schüler ist erfreulicherweise wieder etwas gewachsen; aber die starke Konkurrenz der vielen ähnlichen Anstalten in der Umgegend macht sich immer noch stark bemerkbar, was sich in einigen Fällen bei den Aufnahmen vergangene Ostern handgreiflich zeigte. (Auch der eine oder andere Schüler, der wegen schlechten Geistes das Haus verlassen hat, wirkte zu Hause ungünstig auf (die) Gewinnung neuer Berufe. Man wird unsere Schüler immer wieder daran erinnern müssen, welch guten Einfluss sie durch gutes Betragen in den Ferien und durch ein passendes Wort auf neue Schüler haben können.) Mit der Gesundheit der Schüler stand es im Durchschnitt gut; nur bei einigen Schülern machte sich gegen Ende des 2. Tertials Müdigkeit und Kopfweh merkbar, sodass sie aussetzen mussten. Bei einigen, die während des Krieges geboren sind, ist es wohl auf Kosten dieser schweren Zeit zu setzen, die die Entwicklung eines starken Nervensystems beeinträchtigte. (Leider hat eine Zeitlang eine kleine Gruppe von Schülern, die schlechten Geist hatten, die anderen ungünstig beeinflusst, bis man die. einzelnen erkannte und sie veranlasste, das Haus zu verlassen. Wir suchten auch in diesem Jahre durch wiederholt gehaltene Lichtbildervorträge, durch Verlosung - wodurch besondere Propagandatätigkeit belohnt wurde - den Missionseifer zu fördern.)
III. Einrichtung des Hauses
Nach den etwas gründlicheren Arbeiten im Hause für die Feier des Jubiläums der Anstalt konnte in diesem Jahre eine kleine Pause eintreten. Nur eine größere Reparatur des Daches, das durch einen Sturm beschädigt war, wurde notwendig. Unsere Schulbänke, die zum Teil schon die Last von ungefähr 30 Jahrgängen getragen haben, sind in einem schlechten Zustand und wirken auf Besucher nicht gerade einladend. Hoffentlich wird es möglich, sie bald durch neue zu ersetze.
IV. Propaganda
Auch in diesem Jahre haben die Patres mit großer Bereitwilligkeit und großem Opfersinn die vielen Aushilfen in den Pfarreien übernommen, besonders um damit die guten Beziehungen zu den Herren Geistlichen zu unterhalten und so die Möglichkeit offen zu halten, Berufe zu gewinnen und Missionsfeste abzuhalten. Wegen der schlechten Finanzlage, besonders auch mancher katholischer Familien, (und) wegen der eigenen Bedürfnisse der Pfarreien ist es nicht leicht, mit einem Missionsfest in einer Gemeinde anzukommen. (Persönliche Bekanntschaft mit den Herren Geistlichen, manchmal auch die Mitarbeit der Eltern unserer Schüler, hat uns auch hie und da die Wege geebnet zur Abhaltung eines Missionsfestes). In den Ferien haben wir unseren Schülern regelmäßig Propagandamaterial mitgegeben und nach den Ferien von jedem einen Zettel abgeben lassen, auf dem er angab, was er erreichte und weshalb er vielleicht nichts erreichte. Wegen der eifrigen und erfolgreichen Arbeit des hiesigen Bürgermeisters zur Hebung des Fremdenverkehrs (an einem Sonntag waren gegen 1500 Fremde hier) wird unser Museum viel besucht: bloß müsste es noch weiter ausgebaut werden, zumal da der Herr Bürgermeister vor einem Jahre 600 RM eigens zu diesem Zwecke als Jubiläumsgeschenk übergeben hat.
V. Einzelheiten aus der Chronik Juli 6. - 8.
In diesen Tagen wird hier der sogenannte Heimattag gehalten. Trotz des sehr schlechten Wetters hatte er eine außergewöhnlich große Anzahl Fremde hierher geführt. Die Missionsausstellung, die wir für das Silberjubiläum unseres Hauses hier eingerichtet (hatten), hatte man für diesen Tag noch (stehen) gelassen. Einen solchen Zustrom von Fremden hatte unser Haus noch kaum einmal gesehen; an einem Tage waren gegen 1500 Besucher in unserem Museum. Einen unvergesslichen Eindruck machte die nächtliche Beleuchtung der Stadt, auch unseres Hauses (500 Lämpchen), besonders das bengalische Feuerwerk auf dem Schlossplatz, das eine Beschießung und einen Brand des Schlosses darstellte.
November 28.
Wir benutzten das Jubiläumsjahr unseres Hauses, um eine schlichte Holztafel im oberen Korridor in der Nähe der Kapelle anzubringen mit den Namen der Brüder und Schüler aus dem hiesigen Haus, die im Krieg gefallen sind. In einer eindrucks- vollen Feier ward sie heute enthüllt und soll nun Tag für Tag die Bewohner des Hauses auf dem Weg zur und von der Kapelle anregen, zum Gebet für sie und zur Nachahmung des Opfersinns der Gefallenen.
März 18.(1930)
Heute verlässt uns die letzte Klasse, die hier die Studien der Obersekunda gemacht (hat), um in Linz ihre Aufnahmeprüfung zu machen. In Zukunft wird die Obertertia hier sein, (und) damit das ganze Untergymnasium (fünf Klassen).
Mai 25.
Große Freude bereitete uns der Besuch des Hw. Missionsbischofs Larue von Bangweolo (Bangweulo, Kongobecken, heute Sambia), der in Begleitung von P. Provinzial von Rom kam (s. Anmerkung). P. Superior holte ihn abends im Auto von Horb ab; unsere Schüler empfingen ihn an der Türe mit brausenden Hochrufen. P. Superior hielt eine Begrüßungsansprache, auf die der Hochwürdigste Herr freundlichst erwiderte. Leider konnte der hohe Besuch nur bis zum nächsten Vormittag bei uns bleiben. In sehr freundlicher, leutseliger Weise erzählte er uns von den Verhältnissen in seinem Vikariate und von dem geplanten deutschen Vikariate. Nach einer kurzen Abschiedsansprache von P. Superior und einer herzlichen Erwiderung von Seiten des Hochwürdigsten Herrn verließ dieser uns am nächsten Morgen. Der Tag blieb allen in lieber Erinnerung.
Personal:
L. Liebst, Superior,
Patres: Häfele, Kram, Voit, Pandels, Kropp, Trein, Desbele, Bumiller, Berens. Brüder: Clemens, Ominaeus, Eberhard, Luitpold, Ernst, Oderich, Egbert, Fabianus (Namen handschriftlich, schlecht lesbar)
Quellen:
Textgestaltung und Abbildungen: Dr. Wolfgang Völker / Lengerich/Westf.
Zu P. Stieffenhofer s. a.: Völker, W. und H.-U. Duwendag: Von Missionaren, Herrschern und Forschern - an den großen Seen Zentralafrikas vor 100 Jahren. Cuvillier Verlag, 2018
Anmerkung:
Étienne-Benoît Larue (12. Juni 1865 - 5. Oktober 1935) war ein Missionar der französischen katholischen Weißen Väter , der von 1913 bis zu seinem Tod 1935 der erste Apostolische Vikar von Bangueolo im heutigen Sambia war
. (Wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/%C3%89tienne-Beno%C3%AEt_Larue)
