Aus der Chronik der Weißen Väter 1934 - 35
Jahresbericht des Missionshauses Haigerloch 1934/35
Nach der Vorlage eines maschinengeschriebenen Manuskripts (Kopie) mit handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen.
Jahresbericht aus des Missionshauses Haigerloch. 1. Juli 1934 bis 30. Juni 1935
Stand des Personals am 1. Juli 1934.
P. Martin Schell, Superior, P. Meinrad Trescher, P. Gregor Morgenstern, P. Friedr. Wilh. Huber, P.Joh. Georg Baudoux, P. Friedrich Bumiller, P. Anton Beiter, P. Bernh. Schneide.
Brüder waren im Hause: Br. Silvanus, Remald, Emmerich, Kastor, Burkhard, Laurentius, Suitbert, Simeon, Engelmar, Br. Montanus als Gast.
Ferner 96 Schüler und ein Knecht (Johann Beck).
Der Nachwuchs im Hause ist noch gut, wenn auch an Ostern nicht so viele sich gemeldet haben wie in den Vorjahren. Das macht das Ausbleiben an Propaganda- tätigkeit in Württemberg. Gerade aus diesem Gebiet haben die Berufe nachgelassen. Dagegen haben sich eine ganze Reihe Badische Schüler gemeldet, offenbar eine Frucht der Propagandatätigkeit des H. P. Huber. Nach den Herbstferien traten noch einige neu ein, so dass wir die Zahl 99 erreichten, gewiss eine stattliche Zahl auf 4 Kurse verteilt.
Auch die Opferfreudigkeit der Eltern der Schüler ist anzuerkennen. Weitaus die meisten können regelmäßig und ohne Mahnung ihren Zahlungsverpflichtungen nach, nur einige wenige, denen es die wirtschaftlichen Verhältnisse unmöglich machen, bleiben mit den Geldern im Rückstand. Auch Almosen gingen noch verhältnismäßig reichlich ein, wenn man bedenkt, dass hier eine mehr arme Bevölkerung lebt. Einige größere Spenden sind eingegangen in Form von Studienunterstützungen für Schüler.
Auch wurden wertvolle Arbeiten geleistet für unser Haus und für die Missionen. Dadurch wurde unsere Kapelle und Sakristei in manchen Stücken bereichert, so dass wir von unseren Beständen einen ansehnlichen Teil abgeben konnten, so: mehrere Messgewänder, Kelche und Ziborien (Hostienkelch). Besonders zeichneten sich die Frauen und Jungfrauen von Hechingen durch ihre Opfer- und Arbeitsfreudigkeit aus für die Missionen. Von einer Ausstellung der hergestellten Sachen wird aber Abstand genommen wegen Ungunst der Zeit.
Von dem Wohlwollen des Volkes und des Klerus gaben Zeugnis die guten Kollekten im Herbst, die wir mit Erlaubnis der Regierung abhalten durften. Noch nie haben wir so viel Kartoffeln und auch Obst bekommen wie im vergangenen Herbst. Die Geistlichen zeigten uns ihre gute Gesinnung durch herzliche Gastfreundschaft, durch gutes Honorar gelegentlich von Aushilfen und Entgegenkommen aller Art. An Aushilfen wurde viel geleistet. An manchen Sonn- und Feiertagen waren alle Patres bis auf zwei auswärts zur Aushilfe.
Auf Wunsch des Ordinariates in Freiburg übernahmen P. Baudoux, P. Bumiller, P. Straub und P. Arnold eine ganze Reihe von eucharistischen Triduen. Wir benutzten gerne diese Gelegenheit, um in Orten, wo wir sonst kaum hinkamen, uns etwas bekannt zu machen. Die Patres haben ihre Aufgabe zur allgemeinen Zufriedenheit gelöst.
Die Pfarrei Bittelbronn bei Haigerloch musste 5 Monate lang von uns versehen werden. Auch die Schulstunden (Religion) übernahmen wir dort. Es wurde uns dafür eine nennenswerte Entschädigung von der Pfarrei zuteil. Damit komme ich auf die Todesfälle zu sprechen. Gottlob ist im Hause selbst niemand gestorben, aber von unseren Wohltätern und Freunden mussten wir manchem ins Grab schauen. Da steht an erster (Stelle) der Vater vom H. P. Eisele aus Sigmaringen. P.Superior hatte die Ehre, an Stelle des H. Stadtpfarrers die Beerdigung zu halten. Er starb am 2. Oktober. Ferner starb die Schwester von H. P. Kohle aus Gruol, Frl. Katharina Kohle, Hauptlehrerin, am 15. September. Mit ihr starb nicht bloß eine gütige, helfende Schwester des H. P. Kohle, sondern auch eine große Gönnerin unseres Hauses. Sie half nicht bloß durch materielle Gaben, sondern auch durch Weckung und Werbung von Berufen.
Zuletzt starb gegen Ende des Schuljahres am 3. April die Mutter des H. P. Superior Schell. Sie war immer eine große Freundin des Missionshauses und eine eifrige Leserin des A.B. (Afrika-Bote). Eine große Freude empfand sie, wenn ein Weißer Vater zur Aushilfe kam und sie besuchte. P. Superior konnte bei ihrem Sterben zugegen sein. Sie machte noch die ganze Mission mit und ging buchstäblich mit ihrer letzten Kraft zur Kirche. Der Herr gebe allen diesen guten Seelen die ewige Ruhe! Außer diesen Todesfällen von Angehörigen der Patres sah sich P. Sup. noch 3 mal in der schmerzlichen Lage, Schülern des Hauses den plötzlichen Tod ihres Vaters mitteilen zu müssen.
Von Krankheit ist das Haus trotz der stark herrschenden Grippe verschont geblieben. Nur einige Patres wurden ernstlich krank. So zuerst P. Straub, der im August von London zurückkam, sein Amt als Ökonom und Prokurator wieder übernahm und auch einige Triduen mit Freuden hielt. Schon bei seinem 2. Triduum merkte er, dass seine Kraft nachlasse und er sich schonen müsse. Trotzdem versuchte er es nochmal, bis er an Weihnachten einen so starken Herzschwäche-Anfall bekam, dass man ihm die hl. Sterbesakramente spendete und ihn sofort ins Krankenhaus nach Horb brachte. Dort bliebe er bis Ende Januar. Dann ging er zur weiteren Erholung und Stärkung nach Ditzenbach und schließlich in seine Heimat. Seine Gesundheit kehrte nur langsam wieder und er ist bis heute noch nicht wieder hergestellt. Zu gleicher Zeit lag auch P. Hinkelbein im Krankenhaus in Horb. Bei ihm stellte sich sein altes Leiden wieder ein. Nach etwa 2 Monaten Krankenhaus bekam er eine leichte Stelle in Tennenbronn, wo er noch zur Zeit weilt zur Erholung und den Posten eines Hausgeistlichen versieht. P. Sup. erkrankte plötzlich im Januar an einer Nierenkolik, die aber nach wenigen Tagen wieder ausgeheilt war, so dass er nur 4 Tage im Krankenhaus zu sein brauchte.
Die Patres verrichteten ihre Jahresexerzitien im Hause. P. Bumiller gab die nötigen Anweisungen durch ausführliche Vorträge. Die Schülerexerzitien fanden wie gewöhnlich in den Weihnachtsferien statt. Sie wurden gehalten von H. P. Brindl. Da man mit der Möglichkeit rechnet, dass die Schüler im kommenden Jahr ihre Weihnachtsferien zu Hause verbringen, so hat man die Exerzitien für dieses laufende Schuljahr schon (im) voraus genommen. Sie wurden in den Pfingstwoche gehalten von H. P. Kohl.
Die Schüler verbrachten ihre Ferien wie gewöhnlich zu Hause. Die Weihnachtsferien und Pfingsten wurden im Hause zugebracht. In dieser Zeit haben die Schüler durch Theateraufführungen sich nützlich zu unterhalten gesucht. Wir spielten nur ein größeres Stück: Schuld und Verzeihung. Es wurde im Hause einmal als Generalprobe gespielt, dann im Maiersaal von Haigerloch. Der Zulauf von Schulen und von Erwachsenen der ganzen Umgegend war so stark, dass es 5 mal gespielt werden musste, dazu in Hechingen noch 3 mal. Der Saal war jedes mal überfüllt. Durch diese Aufführungen haben wir uns viele Sympathien erworben. Bei einer dieser Aufführungen sangen die Missionsschüler des Morgens, es war Mariä Lichtmess, in der Stadtkirche zu Hechingen das Hochamt. Die Gläubigen von dort waren überaus zufrieden von dem Gesang unserer Schüler und alle wünschten, dass sie des öfteren bei ihnen singen möchten. So suchten wir mit allen Mitteln uns Freunde und Gönner zu schaffen in unserer schweren Zeit.
In der Schule wurden ebenfalls gute Ergebnisse erzielt. Die Schüler konnten mit wenigen Ausnahmen alle ihre Klassenziele erreichen. 19 Schüler konnten nach Gr. Krotzenburg überwiesen werden. Auch der Herr Kreisschulrat Bader, der zweimal unsere Schule revidierte, hatte sehr anerkennende Worte für unsere geleistete Arbeit in der Schule.
Zu erwähnen sind noch einige Besuche. In den Exerzitientagen Anfang August besuchte uns der Hochwürdigste Herr Bischof Sproll von Rottenburg. Da wir aber in Exerzitien waren, wollte er nicht lange stören und versprach, bald mal wieder zu kommen. Schon erwähnt ist die zweimalige Schulrevision durch Herrn Schulrat Bader von Hechingen, der immer gern ins Missionshaus kommt. Ferner besuchte uns P. Steinmetz, der aus Afrika zurückgekommen war und auch uns einen Besuch abstatten wollte. Er weilte ja 8 Jahre als Lehrer hier. Deswegen erlaubte ihm P. Sup. gern, an die Brüder und an die Schüler Ansprachen zu halten und von seinen Erlebnissen und Erfahrungen mitzuteilen. Ist es doch für jeden Missionskandidaten eine große Freude, einen echten Afrikaner erzählen zu hören und so in seinem Missionsideal sich bestärken zu lassen. Dies wird auch immer getan durch Vorträge über die Missionen oder Filmvorführungen.
Nicht wenig wurden die Schüler mit Liebe zum Missionshaus erfüllt durch die würdige Feier der Festtage. Da hat P. Schneider ein hervorragendes Verdienst. Mit aller Kraft hat er für die Verschönerung des Gesanges, besonders des Choralgesanges, und für die Ausschmückung der Kapelle gearbeitet. So freuten sich die Schüler über die Feiertage und auch die Besuche der Schüler gingen immer mit dem besten Eindruck nach Hause. (An
m.: Zu diesem Absatz konnten zwei handschriftliche Ergänzungen nicht entziffert werden.) Auch durch gelegentliche Spaziergänge suchte man den Schülern Abwechslung zu bieten und sie zugleich marschtüchtig zu machen. Die Hohenzollernburg ist jedes Jahr ein beliebtes Wanderziel bei einem der Ausflüge. Die Größeren Schüler zogen sogar auf die Alb hinter dem "Zoller” und eine Klasse auf den Plettenberg, wobei ein Stück des Weges mit der Bahn gemacht wurde. Weggental war auch dieses Jahr wieder unser Wallfahrtsziel für jene, die noch nie dort waren.
In Rottenburg wurden am Pfingstdienstag 8 Schüler gefirmt. Am 18. Januar kam H. P. Provinzial zur Abhaltung der jährlichen Visitation des Hauses. Er blieb etwa 8 Tage. In dieser Zeit ließ er alle Patres und Brüder und auch die ältesten Schüler zu sich kommen, wie es bei der Visitation Sitte ist. Wir bedauerten es, dass er nicht länger bleiben konnte, um auch an einer unserer Theateraufführungen teil zunehmen, die H. P. Arnold mit viel Geschick inszenierte.
Im Hause wurden große Reparaturen vorgenommen. Sämtliche Fußböden der Schulsäle wurden erneuert, die der Schlafsäle und Korridore ausgebessert, ferner wurden neue Schulbänke eingestellt im Laufe des Januar und Februar. Die Fußböden wurden ganz allein von Br. Jordan gelegt,wobei ihm Br. Suitbert behilflich war. Die Säle erhielten auch neue Wandtafeln, die Wände wurden aufgefrischt, die Fenster in den unteren Sälen frisch gestrichen. Ebenso wurden neue Bettgestelle angeschafft, 80 an Zahl, so dass die unteren Schlafsäle alle neu damit ausgestattet werden konnten.
Im Mai kamen 4 Brüder hierher, um unseren baufällig gewordenen Stall abzubrechen und neu aufzubauen. Auch diese Arbeit wurde zum größten Teil von unseren Brüdern allein gemacht. Sie bekamen ihre Berufung nach Afrika am 26. Juni, ohne alle Arbeiten ganz vollenden zu können. Wir richteten so lange einen Notstall unter dem Schuppen ein.
So ist im Innern des Hauses und nach außen viel gearbeitet worden und wir können mit Dank gegen Gott auf ein gesegnetes Jahr zurückschauen.
Der Personalstand des Hauses am 30. Juni 1935 ist folgender:
P. Martin Schell, Sup., P. M. Trescher, P. Fr. Huber, P. Joh. Baudoux, P. A. Beiter, P. L. Arnold, P. M. Könen, P. Joh. Steinkamp.
Brüder: Br. Silvanus, Solanus, Suitbert, Laurentius, Simeon, Engelmar, Leutfried, Egbert und Adjutus.
Dazu 92 Schüler und 1 Knecht.
Textgestaltung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf.
gez.: P. M. Schell, Superior