Aus der Chronik der Weißen Väter 1935 - 36
Jahresbericht 1935/36.
Nach der Vorlage eines maschinengeschriebenen Manuskripts (Kopie) mit handschriftlichen Korrekturen und Ergänzungen.
Stand des Personals am 1. Juli 1935.
P. Martin Schell, Superior, P. Meinrad Trescher, P. Friedrich Wilh. Huber, P. Georg Johann Baudoux, P. Anton Beiter, P. Linus Arnold, P. Bernhard Schneider, P. Matthias Fönen, P. Johannes Steinkamp; Br. Silvanus, Br. Leutfried, Br. Egbert, Br. Adjutus, Br. Solanus, Br. Suitbert, Br. Laurentius, Br. Simeon, Br. Engelmar. 2 Knechte Johann Beck und Peter Fellner,
92 Schüler,
Fr. Mark. Heß.
Trotz des allgemeinen guten Gesundheitszustandes war am Jahresschluss doch ein Todesfall zu beklagen. Es starb der Schüler Bernhard Langenfeld. Näheres am Ende des Berichtes.
P. Schneider musste wegen Krankheit aussetzen. P. Steinkamp (musste) wegen ernster Nierenerkrankung für längere Zeit das Krankenhaus in Horb aufsuchen. Schüler Gebhardt. hatte zweimal Bluterguss im Knie und musste deswegen seinen Beruf aufgeben.
Zahlreich waren die Aushilfen in Nah und Fern.
Eine größere Anzahl von Primizfeiern unserer Neupriester fand in der näheren Umgebung statt: In Möhringen feierte P. Baumann Primiz, in Öffingen P. Rau, in Stuttgart P. Lambert, in Hechingen P. Ritter, in Sigmaringendorf P. Georg Eisele; zu jeder Feier ging ein Pater des Hauses als Vertreter oder Primizprediger. Die Beteiligung der Bevölkerung war überall eine sehr gute und der Missionsgedanke wurde dadurch nicht wenig im Volke gefördert.
Imnau und Gruol waren wochenlang vakant und wurden regelmäßig von Patres des Hauses versehen. Zahlreich waren die Besucher unseres Museums und des Missionshauses allgemein. An besonderen Veranstaltungen sind nennenswert der Schwabentag am 7. August. Etwa 40 Schüler aus Hohenzollern, Württemberg, Baden fanden sich zu diesem (frohen) Zusammensein in den Ferien ein. An Ereignissen im Laufe des Jahres sind folgende bemerkenswert:
Am 10. Juli war im Hause der "Dies” der Geistlichen, der von 35 fremden Herren besucht war. Es wurden dadurch die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Missionshaus und Klerus vertieft. Die Herren kamen auch diesmal sehr gern.
Am 13. Juli kam P. Provinzial zur Visitation des Hauses.
Am l6. Juli feierte Pfarrer Waldenspul in Gruol sein silbernes Priesterjubiläum, an dem P. Provinzial und P. Superior teilnehmen.
Haigerloch, den 1. Juli 1936
Am 29. Juli feierte Pfarrer Wilh. Biener sein goldenes Priesterjubiläum in Haigerloch, verbunden mit dem St. Annafest. H. Dekan hielt die Festpredigt, P. Superior half ministrieren. Am 6. August schlossen wir unsere Jahresexerzitien, die wir diesmal im Hause hielten. Zur schönen Schlussfeier und Eidablegung waren zahlreiche Schüler erschienen, die ohnehin zum Schwabentag kommen wollten.
Am 4. September beginnt wieder der Unterricht mit 90 Schülern.
Am 8. September Abschied der Schwester Suitberta in Granheim, deren Familie uns mehrere Mitglieder gestellt hat. P. Beiter hielt die Missionsabschiedspredigt.
6. Oktober. Der Herr Kreisschulrat kommt zu kurzer Besprechung: Der sogenannte gleitende Stundenplan soll eingeführt werden. Am 17. Oktober besichtigt die Regierungskommission unsere Schuleinrichtung. Am 20. Oktober hielt P. Baudoux Patrozinium („Patronatsfest“) und Orgelweihe in Glatt.
Am 27. Oktober, dem Christkönigsfeste, legte Br. Adjutus seinen ersten Eid in unserer Hauskapelle ab. Dazu erschienen seine Eltern. Es war für unsere Schüler, die diese Feier zum ersten Mal sahen, ein eindrucksvolles Erlebnis.
Am 24. November und 1. Dezember hielten wir eine packende kirchliche Christkönigsfeier für die nähere Umgebung in der Schlosskirche zu Haigerloch. Sie war überaus wirkungsvol1 und von den Schülern unter Leitung des P. Schneider vorzüglich aufgeführt. Geistliche und Gläubige bedauerten, dass es nicht ein weiteres Mal aufgeführt wurde.
Am 13. und 14. Dezember fand eine gründliche Schulrevision durch H. Kreisschulrat Bsder statt. Er nahm auch diesmal einen sehr günstigen Eindruck von der Schule mit.
Am 23. Dezember fuhren die Schüler in die Ferien, zum ersten Mal seit Gründung des Hauses. Sonst blieben sie an Weihnachten immer hier. P. Provinzial könnt kurz vor Schluss des Tertials zur Visitation. Wir treten ein in das Jahr I936. Die Witterung ist sehr milde. Es fällt ungeheuer viel Schnee, der großen Schaden an den Bäumen und in Wäldern anrichtet.
Auch dieses Jahr ist ausgezeichnet durch viele Aushilfen an den einzelnen Sonntagen. Der Schüler Sinz aus Owingen muss leider die Anstalt verlassen, da seine Nerven die Anstrengungen des Studiums nicht aushalten.
Unser Knecht Johann wird am 29. Januar in Horb an Bruch (wohl gemeint „Leistenbruch“) operiert. Das Krönungsfest des Hl. Vaters begehen wir hier in feierlicher Weise. Morgens levitiertes Hochamt (feierliche Form der heiligen Messe, bei der dem Zelebranten ein Diakon und ein Subdiakon assistieren), abends hält H. Pfr. Waldenspul unseren Schülern einen Lichtbildervortrag über Rom. Am 1. März erkrankt P. Steinkamp. Auf einer Aushilfe in Jungingen erkältet, muss er am 3. März ins Krankenhaus nach Horb. Er erholt sich dort wieder sehr gut, wenn auch erst nach mehrwöchiger Pflege.
Am Sonntag früh, den 22. März bringt Herr Bisinger von Haigerloch die Leiche seines am 18. März im Krankenhaus zu Ettelbrück (Luxemburg) verstorbenen Sohnes, des Frater Jakob Bisinger, ins Elternhaus heim. Am 23. März wird der Klerikernovize beerdigt. Außergewöhnlich groß ist die Beteiligung von Seiten der Haigerlocher und von Seiten auswärtiger Freunde des Missionshauses und der Familie. Das Missionshaus nimmt geschlossen daran teil. P. Superior hält das Requiem, H. Dekan Dieringer die Beerdigung. Beide widmen dem Verewigten einen warmen, trostvollen Nachruf am offenen Grabe. Über der ganzen Beisetzungsfeier liegt etwas von der weihevollen Stimmung einer Primiz. Haigerloch habe noch nie so eine Beerdigung gesehen, so hörte man sagen. Alle hatten den Eindruck, es sei etwas Erhebendes, als Ordensmann zu sterben.
Am Passionssonntag bezw. Palmsonntag waren die verschiedenen Primizen unserer Neupriester aus dem Schwabenland. Sie verliefen programmgemäß und eindrucksvoll.
Am 18. April treffen die Neupriester P. G. Eisel und Franz Lambert bei uns ein.
Am 20. April Ankunft der Schüler nach den Osterferien und Schuljahrbeginn. Die Gesamtzahl der Schüler beläuft sich auf 75. Die Sexta zählt 26 Mann. Der ganze Nachwuchs betrug 28 Schüler, eine stattliche Zahl in unserer schweren Zeit. Wir gaben 27 Obertertianer an Großkrotzenburg ab.
Am 26. April war feierliche Nachprimiz von H. P. Lambert. P. Superior weist in einer Ansprache auf die Erhabenheit und Schönheit des Priesterberufes hin.
Am 29. April wird uns der Name des neu erwählten Generalobern, des Bischofs Birraux, mitgeteilt. Zu seiner Ehre ist schulfrei. Der Neupriester H. P. Eisele G. hält ein feierliches Amt. In einer eindringlichen Abendansprache betont P. Superior (gegenüber) den Schülern die Pflicht zur Treue, Gehorsam gegen die Obern und die Missionsgesellschaft.
Am 2. Mai ist Musterung von 5 Brüdern. 4 werden als sofort tauglich befunden. Am 4. Mai treffen Br. Hatto und Lothar aus dem Noviziat hier ein.
Dem erkrankten P. Schneider untersagt der Arzt einstweilen jegliche Schul- und Seelsorgearbeit; allgemeine körperliche Erschöpfung.
Am 24. Mai reisen P. Superior und P. Huber nach Stuttgart, wo die Aachener Missionszentrale ein großes Missionsfest abhält. Die Weißen Väter waren ersucht worden, wenigstens 2 Prediger zu stellen. Es wurden uns die Stadtpfarreien Unter- und Obertürkheim zugewiesen. Jeder Redner hatte 4 mal zu sprechen. H. P. Provinzial war auch dort.
Am 2. Juni werden 7 Schüler von Exzellenz Dr. Sproll in Rottenburg gefirmt; alle Schüler wallfahren nach Weggental. P. M. Trescher erleidet einen kleinen Motorrad-Unfall. Nach einigen Tagen konnte er seinen Dienst wieder ganz aufnehmen.
Am 3. Juni beginnen unsere Schülerexerzitien. H. P. Kraus hält die Vorträge. Der Quartaner Bernhard Langenfeld fühlt sich unwohl und ist gezwungen, das Krankenzimmer aufzusuchen. Seine Krankheit ist ernster Natur. Nach wenigen Tagen zeigen sich die Symptome von Scharlach. Er wird sofort ins Krankenhaus gebracht und zwar nach Hechingen, da man in Horb keinen Platz mehr frei hat. Die Krankheit nimmt zunächst ihren normalen Verlauf und man hatte die Zuversichtliche Hoffnung, dass Bernhard in wenigen Wochen wieder ins Missionshaus zurückkommen könne. Nach 3 Wochen stellen sich bei ihm starke Leibschmerzen ein. Man hält es für eine vorübergehende Sache und wartet einige Tage. Da entschließt sich der Arzt, ihn nach Tübingen zu schicken. Dort stellt der Arzt noch Diphtherie fest. Er liegt in der Kinderklinik. Es ist der 27. Juni. Man versucht die Leibschmerzen zu bannen, aber es gelingt nicht. Da entschließen sich die Ärzte zum letzten, zur Operation. Am Mittag des 29. Juni, am Feste Peter und Paul, wird (er) in die Chirurgische Klinik überführt und dort sofort operiert. Da stellt man mit Entsetzen fest, dass doch (eine) Blinddarmentzündung vorhanden war und alles schon vereitert ist. Auf einen telefonischen Bescheid hin über den Stand des Jungen reist P. Superior sofort nach Tübingen, trifft ihn noch am Leben und spendet ihm den letzten Trost. Die hl. Sterbesakramente hat er schon vor seiner Überführung nach Tübingen empfangen. Am Abend nach 9 Uhr trifft die traurige Botschaft ein, dass der gute Bernhard gestorben sei. R.I.P.. Es ist für uns ein schmerzlicher Verlust, aber der liebe Gott hat ihn zu sich in den Himmel genommen. Er war ein vorbildlicher Missionsschüler und hat mit vorbildlicher Geduld sein Leiden bis zum letzten Atemzug ertragen. Nun haben wir einen Fürsprecher an ihm im Himmel. Seine Eltern ließen ihn in die Heimat nach Langenfeld in der Eifel überführen, wo auch P. Superior an seinem (Grab) noch einige Worte zum Troste der schwer geprüften Familie sprach. So endigt unser Berichtsjahr mit einem ernsten Ereignis; und doch glauben wir, dass dieser Todesfall des Schülers Langenfeld ein großer Segen für die Schüler und für das ganze Haus ist. Auf die Schüler machte dieser Fall einen tiefen Eindruck. Wir hielten hier im Hause die üblichen drei Seelenämter für ihn.
Der Personalstand des Hauses am 30. Juni (1936) ist folgender:
P. Martin Schell, Superior, P. Meinrad Trescher, P. Friedr. Wilh. Huber, P. Peter Weber, P. Johannes G. Baudoux, P. Anton Beiter, P. Albert Straub, P. Matthias Könen, P. Georg Eisele, P. Franz Lambert. Br. Laurentius, Br. Engelmar, Br. Ansbeld, Br. Adjutus, Br. Eberhard, Br. Waldemar, Br. Elmar, Br. Hatto, Br. Lothar.
73 Schüler, davon l8 OIII, 12 UIII, 18 IV, 25 VI. Dazu 2 Knechte: Johann Beck u. Peter Fellner.
Textgestaltung: Dr. Wolfgang Völker, Lengerich/Westf.
gez.: P. M. Schell, Sup.